„Geh schon“, sagte Elara leise. „Du explodierst noch, wenn du das nicht rausläufst.“
Charise schenkte ihr ein halbes Lächeln.„Du kennst mich zu gut.“
Sie machte sich auf den Weg, den Pfad hinunter, der von der Klinik wegführte; ihre Stiefel knirschten über den Frost. Hinter ihr fiel die Tür der Klinik knarrend ins Schloss, und der Wind trug den schwachen Duft von Minze und Rauch mit sich.
Als sie die Baumgrenze erreichte, war das Summen stärker geworden. Ihre Brust zog sich zusammen. Dieses Ziehen war ihr inzwischen vertraut — die Warnung, bevor eine Vision einsetzte.
Charise ging am Rand des alten Pfades in die Hocke und strich den Frost von einem Fleck Moos. Das Summen in ihrer Brust hatte nicht aufgehört, seit sie die Klinik verlassen hatte — es war nur schärfer geworden, wie statische Elektrizität unter ihren Rippen.
Sie war hergekommen, um es loszuwerden. Um zu atmen. Um sich einzureden, dass sie noch immer Kontrolle darüber hatte.
Doch die Luft schmeckte wieder seltsam — nach Metall und Schnee, wie im Augenblick vor einem Blitzeinschlag.
„Nicht schon wieder“, murmelte sie und presste eine Hand gegen ihr Brustbein.
Ihr Atem stockte.
Die Welt kippte.
Der Wald um sie herum verstummte — Vögel erstarrten mitten im Flug, der Wind hing reglos wie Glas in der Luft. Das Sonnenlicht zerbrach in silberne Scherben.
Dann kam das Ziehen.
Ihre Knie schlugen hart auf den Boden, die kalte Erde biss durch ihre Jeans. Blut rauschte in ihren Ohren. Der Geruch von Eisen füllte ihre Nase — zu scharf, zu real.
Bilder rissen in grellen Blitzen durch ihren Kopf.
Schnee.Rote Spuren darauf.
Ein Heulen zerreißt die Luft.
Drei Wölfe — einer dunkel wie Schatten, einer bleich wie der Mond, einer mit glutrot brennenden Augen — kreisten um sie.
Jeder von ihnen sah sie an, als würden sie sie kennen. Als hätten sie auf sie gewartet.
Ihr Körper zuckte, als die Vision heller aufflammte, ihre Haut pulsierte silbern unter ihrer Kleidung. Keuchend rang sie nach Luft, während ein dünner Blutstrom aus ihrer Nase lief. Die Magie brannte heiß und wild, drängte gegen die Grenzen ihrer Kontrolle, während das Siegel an ihrem Handgelenk schmerzhaft glühte.
Dann brach die Welt plötzlich zurück.
Geräusche. Farben. Atem.
Charise fiel nach vorn und fing sich mit den Händen ab. Der Boden fühlte sich instabil an, als würde die Erde selbst noch nachbeben. Sie blieb dort, den Kopf gesenkt, und versuchte Luft in ihre Lungen zu ziehen.
Schritte knirschten hinter ihr auf dem Pfad.
„Charise.“
Elaras Stimme — scharf, panisch.
„Ich habe überall nach dir gesucht.“
Langsam und unsicher drehte Charise den Kopf.
„Du solltest nicht so schreien. Du erschreckst noch die Eichhörnchen.“
„Charise, du warst einfach verschwunden…“ Elara brach ab, ihre Augen verengten sich besorgt, als ihr klar wurde, wie viel Zeit vergangen war. „Es sind Stunden vergangen. Der Alpha sucht nach dir.“
„Scheiße.“ Charise wischte sich mit dem Handrücken das Blut unter der Nase weg und ignorierte das Brennen. „Genau das habe ich gebraucht — Darius mit schlechter Laune.“
„Blutest du?“
„Nur Nasenbluten.“
Elara sah nicht überzeugt aus. Sie ging in die Hocke und griff nach Charises Arm.
„Du bist kreidebleich. Was ist passiert?“
„Nichts“, sagte Charise zu schnell. „Mir war nur schwindlig. Ich war zu lange hier draußen, das ist alles.“
Elara runzelte die Stirn und musterte ihr Gesicht, ihre Haltung, das Zittern in ihren Fingern.
Charise zwang sich zu einem schmalen, scharfen Lächeln.
„Siehst du? Noch nicht tot.“
Elara seufzte.„Du bist die schlechteste Lügnerin, die ich je getroffen habe.“
„Glück für mich, dass mich nie jemand bittet zu lügen.“
Als Elara sich schließlich wieder aufrichtete, erlaubte Charise sich ein langsames, vorsichtiges Ausatmen. Für einen Herzschlag schimmerte ihr Atem silbern in der kalten Luft, bevor er verschwand. Sie ballte die Finger fest zur Faust und verbarg das schwache Leuchten unter ihrer Haut.
„Komm“, sagte Elara sanft. „Bevor er Tobias schickt. Du weißt, wie sehr du Vorträge hasst.“
„Ja“, murmelte Charise und stemmte sich auf die Beine. „Und ich habe mein monatliches Kontingent fürs So-tun-als-ob-es-mich-interessiert schon verbraucht.“
Sie begann zu gehen, ihre Stiefel sanken in die auftauende Erde. Hinter ihr flüsterten die Bäume — schwach, beinahe wie das Echo eines weit entfernten Knurrens.
Etwas in ihr antwortete darauf.
Sie blickte nicht zurück.
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Die Korridore, die zum Büro des Alphas führten, rochen immer schwach nach Zedernholz und Rauch — scharf, sauber und erstickend.
Charise folgte Beta Tobias den Flur entlang, die Hände tief in die Jackentaschen geschoben, um das leichte Zittern zu verbergen, das seit der Vision geblieben war. Der Schmerz hinter ihren Augen war nicht verschwunden.
Ebenso wenig wie ihre Wut.
„Hat er schlechte Laune?“, fragte sie leise.
Tobias warf ihr einen Seitenblick zu, sein Kiefer angespannt.„Wann hat er die nicht, Charise?“
Sie grinste schief.„Fairer Punkt.“
Die Tür vor ihnen stand offen, Licht floss über den polierten Holzboden.
Das Büro war genau wie Darius — harte Linien, alte Karten und Macht, die sich als Eleganz tarnte. Dunkle Eichenvertäfelung. Ein einzelnes Wolfsfell über dem Stuhl hinter dem Schreibtisch. Der Geruch von Whiskey und Dominanz hing schwer in der Luft.
„Charise.“
Ihr Name klang knapp — keine Begrüßung, sondern ein Befehl.
Darius stand hinter seinem Schreibtisch, die Ärmel hochgekrempelt, die breiten Schultern angespannt. Das Alpha-Mal an seinem Hals leuchtete schwach im Takt seines Pulses. Sein Gesichtsausdruck war aus Stein gemeißelt.
Luna Mira lehnte an der gegenüberliegenden Wand, elegant und schweigsam, während an ihren Lippenwinkeln ein Hauch von Belustigung spielte.
„Du hast nach mir geschickt“, sagte Charise und blieb direkt hinter der Schwelle stehen.
„Habe ich.“ Seine Stimme war ruhig — zu ruhig. „Du warst heute beschäftigt.“
Charises Mundwinkel hoben sich leicht.„Kommt darauf an, wen du fragst.“
„Jemand hat gefragt.“ Langsam trat er hinter dem Schreibtisch hervor, jeder Schritt bewusst gesetzt. „Jemand hat mir erzählt, dass du den Jungen im Garten geheilt hast. Habe ich mich nicht klar genug ausgedrückt?“
Charises Puls beschleunigte sich, doch sie zuckte nicht zurück.
„Er hat geblutet, Darius. Ich habe es gestoppt. Das ist kaum ein Verbrechen.“
„Doch, wenn du Hexenmagie dafür benutzt.“
Der Raum schien sich um sie zusammenzuziehen. Tobias verschränkte hinter ihr die Arme, eine stumme Drohung.
Darius blieb nur einen Atemzug von ihr entfernt stehen.
„Deine Macht ist ein Privileg, das du nur besitzt, weil ich es erlaube.“
Charise hielt seinem Blick direkt stand. Ihre Stimme wurde leise, kontrolliert — Gift, in Seide gehüllt.
„Du erlaubst es, weil du es dir nicht leisten kannst, es nicht zu tun.“
Die Luft zwischen ihnen spannte sich augenblicklich an.
Etwas flackerte über sein Gesicht — Wut oder Selbstbeherrschung.
„Vorsicht, Charise.“
„Ich bin immer vorsichtig“, sagte sie leise. „Das hast du mir beigebracht.“