Kapitel 8

1172 Words
Er atmete langsam aus und zwang sich zur Ruhe.„Dein Vater war einer meiner besten Männer. Loyal. Stark. Ich habe dir erlaubt, hierzubleiben, um ihn zu ehren. Verwechsle diese Großzügigkeit nicht mit Schwäche.“ Ihr Lachen war kurz und bitter.„Du lässt mich hierbleiben, weil du mich brauchst. Und weil du verdammt nochmal zu viel Angst hast, es zuzugeben.“ Tobias trat vor, seine Stimme ein tiefes Knurren.„Pass auf deine Zunge auf, Hexe.“ Charises Blick glitt zu ihm — Silber fing das gedämpfte Licht ein.„Das Einzige, was dieses Rudel noch auf den Beinen hält, ist der Missbrauch genau jener ‚Hexenmagie‘, vor der ihr euch alle so gerne fürchtet. Ich sichere eure Grenzen. Ich halte die Streuner fern. Glaubst du wirklich, das bleibt so, wenn ich beschließe zu verschwinden?“ Die Worte trafen wie eine Klinge. Darius’ Augen verdunkelten sich — Schwarz floss in Gold über. Sein Wolf regte sich unter seiner Haut, Macht knackte durch die Luft. Bevor sie reagieren konnte, war er bei ihr. Seine Hand schloss sich um ihren Hals und schleuderte sie gegen die Wand neben der Tür. Der Aufprall jagte durch ihre Wirbelsäule. Seine Krallen streiften ihre Haut — nicht tief genug, um sie zu verletzen, gerade genug, um sie daran zu erinnern, wozu er fähig war. „Du vergisst deinen Platz“, knurrte er mit rauer Stimme. „Du bist für mich mehr Last als Nutzen. Tritt verdammt vorsichtig auf, bevor ich entscheide, dass ich dich überhaupt nicht mehr brauche.“ Charises Hände ballten sich an ihren Seiten zu Fäusten, während ihre Magie erwachte — silbernes Licht flackerte unter ihrer Haut wie ein Herzschlag. Doch sie wehrte sich nicht. Sie gab ihm diese Genugtuung nicht. Auf der anderen Seite des Raumes legte Luna Mara leicht den Kopf schief und lächelte schwach — als würde sie die Szene genießen. Als Darius sie endlich losließ, landete Charise auf einem Knie auf dem Boden und fing sich gerade noch ab, bevor sie ganz stürzte. Ihr Hals brannte, doch sie hob trotzdem den Blick. „Darf ich gehen?“, fragte sie heiser. Darius starrte auf sie hinab, schwer atmend. Dann glätteten sich seine Gesichtszüge langsam wieder zu jener einstudierten Ruhe. „Noch nicht.“ Er drehte sich weg und ging zurück zu seinem Schreibtisch. „Wir erwarten bald Gäste — wichtige Gäste. Sie könnten das Schicksal dieses Rudels verändern. Du wirst anwesend sein und unsere Werte vertreten.“ Charise wischte sich mit dem Handrücken über den Mund, ihre Stimme trocken. „Kann es kaum erwarten.“ „Du kannst gehen“, sagte er flach. „Und Charise?“ Sie hielt in der Tür inne. „Ich werde bald eine bessere Verwendung für dich finden, wenn du nicht vorsichtig bist.“ Ihr Kiefer spannte sich an, doch sie blickte nicht zurück. „Da bin ich mir sicher.“ Sie trat hinaus in den Flur, und die Tür fiel mit einem schweren Klick hinter ihr ins Schloss. Erst als sie allein war, atmete sie aus — ein schwacher silberner Nebel kringelte sich aus ihrem Atem, bevor er verblasste. ✧ Die Nachtluft biss in ihre Lungen, während sie ging — scharf, klar, beinahe genug, um das Gefühl seiner Hände an ihrem Hals fortzubrennen. Beinahe. Schnee knirschte unter ihren Stiefeln, das einzige Geräusch auf dem Pfad, der aus dem Lager hinausführte. Hinter ihr ragte Wintercrest wie ein Schatten auf — das ferne Summen von Stimmen, das schwache Leuchten der Haupthalle, das zwischen den Bäumen verblasste. Sie sah nicht zurück. Ihr Hals schmerzte noch dort, wo Darius’ Krallen ihre Haut gestreift hatten. Doch nicht der Schmerz blieb zurück — sondern die Demütigung. Die Vertrautheit damit. Die Art, wie er sie jahrelang wie eine Waffe benutzt hatte und es dann wagte, die Gnade zu nennen. Charise trat so heftig gegen einen Schneehaufen, dass die weißen Flocken in die Dunkelheit stoben. „Verdammter Bastard“, murmelte sie. Die Bäume wurden lichter, und der See kam in Sicht — eine Fläche aus Eis, umgeben von blassem Nebel. Unter dem Mondlicht glänzte die Oberfläche silberweiß und reglos wie Glas. Hier landete sie immer. Ihr Zufluchtsort. Das Einzige, das konstant geblieben war. Sie blieb am Ufer stehen und ging dort in die Hocke, wo das Eis das flache Wasser noch nicht ganz verschlossen hatte. Ihr Atem stieg dampfend auf. Die Nacht war tödlich still — keine Wachen, keine Wölfe, nur ihr Herzschlag und das Flüstern des Windes durch kahle Äste. Sie zog ihre Handschuhe aus und ließ sie neben sich in den Schnee fallen. Ihre Finger zitterten — vor Kälte, vor Wut, vor allem, was sie in diesem Büro nicht gesagt hatte. Der See urteilte nicht. Sie tauchte ihre Hand in das eisige Wasser und zischte leise bei dem Schmerz, bevor sie ihre Magie freisetzte. Sie kam wie immer — ein Puls tief aus ihrer Brust, der in langsamen Wellen durch ihre Adern stieg, bis er ihre Fingerspitzen erreichte. Silbernes Licht floss weich und geisterhaft in das Wasser. Wellen breiteten sich aus und zerbrachen das Mondlicht in tausend Scherben. Ihr Spiegelbild flimmerte — nicht ganz sie selbst, nicht ganz menschlich. Ihre Augen glühten schwach silbern, Macht summte unter ihrer Haut wie etwas Lebendiges. Sie atmete aus, und das Leuchten verblasste langsam, während ihr Atem die Luft trübte. Dann drückte sie ihre Hand tiefer ins Wasser und beobachtete, wie das Licht unter der Oberfläche verschwand — verschluckt von der Dunkelheit. Irgendwo weit hinter den Bergen und Wäldern regte sich etwas. Ein Puls — schwach, aber sicher — streifte ihre Magie. Nicht Darius. Nicht das Rudel. Etwas Älteres. Wilderes. Es zog durch ihre Brust wie ein Echo, das sie beinahe vergessen hatte. ✧ In der Ferne regte sich ein Mann im Schlaf. Lyon Drax’ Hand zuckte dort, wo sie nahe dem Mondstein an seinem Hals lag. Der Kristall flammte einmal silberweiß auf — ein einziger Puls, bevor er wieder dunkler wurde. Seine Stirn zog sich zusammen, sein Wolf war unruhig unter seiner Haut. Zurück am See stockte Charise der Atem. Die Wellen im Wasser hatten aufgehört, sich zu bewegen, doch das silberne Licht blieb bestehen — still, wartend, als würde es lauschen. Etwas Gewaltiges und zugleich Vertrautes streifte ihre Magie erneut. Nicht aufdringlich. Einfach nur da. Wartend. „Was zur Hölle bist du?“, flüsterte sie dem Wasser zu. Die Oberfläche flimmerte kurz und wurde dann wieder still. Nur der Klang ihres Herzschlags antwortete ihr — ruhig, trotzig und sehr, sehr allein. Die Nacht wurde tiefer, und die Kälte kroch bis in ihre Knochen, bis selbst die Wut langsam verblasste. Es war die Art von Stille, die endlos wirkte — die Art, die sich so dicht an dich drängte, dass du dich klein fühltest. Charise saß mit gekreuzten Beinen am Rand des Sees, die Ellenbogen auf die Knie gestützt, die Handschuhe irgendwo hinter ihr vergessen. Die dünne Frostschicht auf ihren Jeans war inzwischen zweimal geschmolzen und wieder gefroren, doch sie bewegte sich nicht. Die Stille half ihr beim Denken. Oder vielleicht half sie ihr einfach dabei, nicht nachzudenken.
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