Kapitel 9

1100 Words
Der Mond war höher gestiegen — rund und blass — und tauchte das Eis in sanftes Silberlicht. Sein Spiegelbild durchschnitt die Dunkelheit wie ein zweiter Himmel unter ihr. „Sieht so aus, als wären wieder nur wir beide übrig“, murmelte sie. Ihre Stimme trug sich leise über das Wasser und wurde nur vom Wind beantwortet. Die schwachen Wellen, die sie zuvor erzeugt hatte, waren zu seltsamen Mustern gefroren — dünne silberne Lichtadern, die sich wie Wurzeln durch das Eis zogen. Sie strich mit den Fingern darüber und verfolgte die Linien gedankenverloren. Alle paar Sekunden pulsierten sie schwach — kaum sichtbar —, als würde unter der Oberfläche noch etwas atmen. Ein Flüstern glitt durch die Luft. So leise, dass sie es beinahe überhörte. „Wenn die Gesegnete den Dreien begegnet …“ Die Worte krochen wie Rauch durch sie hindurch, halb gehört, halb gefühlt, und sie erstarrte — jeder Muskel angespannt. Die Stimme war weder ganz außerhalb von ihr noch ganz in ihr. Sie trug dasselbe Gewicht wie ihre Visionen. Dasselbe Echo, das sie früher gespürt hatte, als ihre Magie etwas Gewaltiges und Fernes berührt hatte. Ihr Hals zog sich zusammen, doch sie weigerte sich, sich wie ein verängstigtes Kind umzusehen. Stattdessen stieß sie ein trockenes, humorloses Lachen aus. „Ja, ja“, murmelte sie leise. „Ich kann’s kaum erwarten.“ Der Wind drehte sich, kühl und langsam, wie ein antwortendes Seufzer. Lange Zeit saß sie einfach nur da — das Mondlicht weich auf ihrem Gesicht, während der Schmerz in ihrer Brust zu einer dumpfen Müdigkeit verblasste. Ihre Finger schlossen sich um einen Kieselstein, und sie schnippte ihn über das Eis. Einmal, zweimal sprang er darüber, bevor die dünne Schicht brach und er verschwand. Ihr Spiegelbild blickte ihr entgegen — blass, erschöpft, die Augen im Dunkeln zu hell. Und dann flimmerte das Bild. Drei silberne Kreise breiteten sich von der Stelle aus, an der der Stein verschwunden war — schwache, perfekte Ringe, die sich immer weiter ausdehnten, bis sie in der Nacht verschwanden. Sie wusste nicht, warum, doch bei diesem Anblick setzte ihr Herz einen Schlag aus. Irgendetwas daran fühlte sich … endgültig an. Als hätte sich die Welt gerade um einen winzigen Bruchteil verschoben — und nur sie hätte es bemerkt. Der Wind bewegte sich erneut, strich durch ihr Haar und hob die dunklen Strähnen an wie die flüchtige Berührung einer Hand. Weit entfernt — auch wenn sie es nicht sehen konnte — regten sich drei Wölfe unter demselben Mond. Lyon öffnete die Augen. Merrick hob den Kopf von seinen verschränkten Armen. Pagan murmelte einen Fluch in die Stille. Keiner von ihnen wusste, warum sie aufgewacht waren. Nur dass etwas sie gerufen hatte. Zurück am See erhob sich Charise langsam und klopfte den Frost von ihren Handflächen. Das Licht auf dem Eis flackerte einmal und wurde dann still. Sie schob die Hände in die Taschen und wandte sich dem Heimweg zu, während ihr Atem silbern durch die Luft zog. Hinter ihr leuchtete der See schwach — drei perfekte Ringe aus silbernem Licht verweilten noch dort, wo sie gesessen hatte. Und das Flüstern der Göttin folgte ihr, diesmal sanfter, beinahe liebevoll: „Aber nicht ohne Blut.“ Die Stadt unterhalb des Alpha-Anwesens schlief noch halb — ein Gewirr aus Stahl und Glas, zusammengehalten von schmalen Nebelbändern. Die Morgendämmerung glitt zwischen den Hochhäusern hindurch und berührte die Dächer mit kaltem Licht. Von den oberen Stockwerken des Lunaris-Anwesens aus reichte der Blick kilometerweit — Straßen, die sich zu den Bergen schlängelten, und das schwache Glitzern eines Flusses, der sich wie ein silberner Faden durch die Landschaft zog. Lyon Drax’ Zimmer lag im Ostflügel — klare Linien, dunkler Stein und ruhiger Luxus. Die Wände waren in Schiefergrau gehalten, die Luft still bis auf das ferne Summen der Stadt tief unter ihm. Eine Wand bestand vollständig aus Glas, dahinter ein Balkon mit Blick über die Skyline. Der Raum war schlicht und bewusst eingerichtet: ein Bett mit schwarzen Laken, ein Schreibtisch voller alter Journale, ein Waffenständer, der das Morgenlicht einfing. Und mitten darin — er. Lyon erwachte, als hätte ihm jemand einen Hammer zwischen die Augen geschlagen. Ein scharfer, pulsierender Schmerz riss durch seinen Schädel und zog seinen Wolf mit einem Knurren nach oben, das seine Brust erbeben ließ. Er fuhr hoch, der Atem stockte, jeder Muskel angespannt. „Scheiße.“ Das Wort presste sich zwischen seinen Zähnen hervor. Seine Hand fand den Rand des Nachttisches, während seine Sicht flackerte — weiße Blitze wie Gewitter unter seinen Lidern. Der Mondstein an seinem Hals glühte schwach gegen seine Haut. Das Licht war weich, silbern — ein Leuchten, das nicht in diese Welt gehörte. Er drückte eine Hand auf seine Brust. Der Schlag seines Herzens war nicht gleichmäßig — er hallte nach. Jeder Puls vibrierte, als käme er von irgendwo anders. Von jemand anderem. Dann kam der Geruch — nicht im Raum, sondern in seinem Kopf. Frost. Wildblumen, zerdrückt unter Schnee. Der Geist von etwas Vertrautem. Sein Wolf regte sich unruhig. Sie ist nah. Er wusste nicht, woher er das wusste. Er wusste nicht einmal, wer zur Hölle sie war. Er wusste nur, dass jeder Vollmond seit drei Jahren dieselben Visionen brachte — flüchtige Bilder einer Frau, die er nicht berühren, nicht erreichen konnte. Haare dunkel wie Tinte, Augen wie geschmolzenes Silber. Manchmal stand sie im Schnee, manchmal schrie sie. Immer war sie außer Reichweite. Die Stimme der Mondgöttin glitt in seinen Kopf, tief und fern, wie Wind, der durch Wasser streicht. „Du fühlst sie, weil sie dich fühlt.“ Lyons Kiefer spannte sich an. Vor Jahren hatte er aufgehört, nach Antworten zu fragen. Er schloss die Hand um den Anhänger, bis er sich in seine Handfläche grub. „Dann sag mir, wer zur Hölle sie ist“, knurrte er leise. Die einzige Antwort war Stille — und das schwache Verblassen des Lichts im Mondstein. Einen langen Moment saß er einfach nur da und lauschte dem Summen der Stadt unter ihm, dem Klang von Motoren und fernen Sirenen hinter dem Glas. Dann stieß er scharf die Luft aus, schlug die Decke zurück und stand auf. Dieselbe verdammte Energie. Dieselbe verdammte Unruhe. Er fuhr sich durchs Haar und griff nach dem schwarzen Shirt, das über dem Stuhl am Fenster hing. Zeit, sich zusammenzureißen, bevor Merrick bemerkte, dass er schon wieder rastlos herumgelaufen war — oder schlimmer noch, bevor Pagan einen weiteren Spruch über seine „mondkranken Träume“ machte. Noch einmal blickte er zum Horizont hinaus, wo die Sonne gerade begann, über den Bergen aufzugehen — hin zu jenem verschneiten Landstrich weit im Norden, zu dem ihn seine Instinkte immer wieder zogen.
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