Kapitel 10

1165 Words
Was auch immer diese Verbindung war — sie verblasste nicht. Sie wurde stärker. Und zum ersten Mal machte ihm dieser Gedanke keine Angst. Er vibrierte durch sein Blut wie Erwartung. Lyon konnte nicht stillsitzen. Das Ziehen in seiner Brust drückte wie Eisen auf ihn herab, sein Wolf nagte an seinen Nerven und krallte nach Freiheit. Das Pulsieren des Mondsteins um seinen Hals war verblasst, doch sein Echo blieb in seinen Adern zurück — ein schwaches silbernes Kribbeln unter seiner Haut. Lautlos bewegte er sich durch das Anwesen. Das frühe Morgenlicht fiel durch die hohen Fenster und beleuchtete die Steinböden sowie die eleganten Stahlakzente des zentralen Anwesens des Lunaris-Rudels. Die Stadt dahinter lag still, die Dächer mit Frost überzogen, Straßen schlängelten sich bis an den Waldrand. Diener regten sich, Wachen patrouillierten, doch niemand wagte es, ihn zu stören — nicht, wenn seine Schritte das Gewicht eines reinblütigen Alphas trugen. An der Terrasse blieb Lyon stehen. Der Wald erstreckte sich vor ihm, dunkel und lebendig, und streifte die Stadtgrenze wie eine atmende Barriere. Er atmete scharf ein, füllte seine Lungen mit Kiefernduft, feuchter Erde und dem rohen Geruch von Schnee. Er konnte es fühlen. Dort draußen wartete etwas. Etwas Vertrautes und Gewaltiges. Er zog sein Shirt aus, dann die Jogginghose, ließ die Kälte in seine Haut beißen und berührte den Mondstein auf seiner Brust. Dann ließ er los. Die Verwandlung durchriss ihn in einer einzigen fließenden Welle. Knochen verlängerten sich, Muskeln formten sich neu, Fell spross hervor — silberweiß schimmernd, irisierend im schwachen Licht der Morgendämmerung. Die Augen seines Wolfs glühten blauweiß, hell und intensiv, während feine Lichtadern durch sein Fell liefen — subtil und doch lebendig, pulsierend wie mondbeschienene Flüsse, sobald Visionen ihn streiften. Ein tiefes Knurren vibrierte in seiner Kehle, als seine Instinkte einrasteten und Gerüche wie Geräusche unmöglich klar wurden. Der silberne Wolf schoss vorwärts. Waldpfade verschwammen unter ihm, Schnee knirschte, Äste brachen, kalte Luft schnitt an ihm vorbei. Die Kraft in seinem Inneren — dieses seltsame, magnetische Ziehen — zog ihn nach Norden, zu Bergen und fernem Schnee, zu einer Präsenz, die er noch nicht benennen konnte. Auf halber Höhe des Bergrückens kehrte der Puls zurück. Frost und Wildblumen. Schnee. Eine seltsame, kaum greifbare Berührung — als wäre jemand hier gewesen und hätte über die Distanz nach ihm gegriffen. Sein Fell schimmerte, Lichtadern pulsierten schwach als Antwort, und er knurrte leise, fragend. Wer zur Hölle bist du?, dachte er in den Wind hinein. Nur die Bäume antworteten und schwankten schweigend. An der Terrasse verlangsamte er sich. Der Mondstein wurde dunkler, sein Atem dampfte, Muskeln zitterten vor Anstrengung und Spannung. Er verwandelte sich zurück, seine menschliche Gestalt kehrte wieder — doch die rastlose Energie blieb fest in seiner Brust eingerollt. Frost hing noch an den Spitzen seiner Haare, ein letzter Hauch des Übernatürlichen umgab ihn. Lyon zog seine Kleidung wieder an und streifte sie über die feuchte Haut, die Augen schmal. „Das wird langsam alt“, murmelte er. Die Visionen. Das Ziehen. Diese unaufhörliche, geisterhafte Verbindung, die er nicht ignorieren konnte. Er wandte sich dem Inneren des Anwesens zu und ging Richtung Küche. Merrick und Pagan würden bald wach sein und nur darauf warten, ihn aufzuziehen — und er musste sich zusammenreißen. Doch selbst während er ging, spürte er es wieder. Dieses schwache, verführerische Ziehen von etwas, das so nah an der Stadt eigentlich nicht existieren dürfte — und eigentlich keine Rolle spielen sollte. Und doch tat es das. ✧ Die Alpha-Halle war erfüllt von kontrolliertem Chaos. Sonnenlicht schnitt durch die bodentiefen Fenster und spiegelte sich auf Stahlflächen und den Bildschirmen, die Merrick am Frühstückstresen geöffnet hatte. Kaffee dampfte in angeschlagenen Bechern, der Geruch von gebratenem Speck hing schwer in der Luft. Merrick saß in der Mitte, vollkommen gefasst. Mit einer Hand scrollte er durch Berichte über Streuneraktivitäten, während die andere gedankenverloren einen silbernen Stift gegen die Arbeitsplatte tippte. Seine Haltung strahlte Kontrolle aus — jene Art von Präsenz, der andere ohne Zögern folgten. Pagan lümmelte ihm gegenüber, oberkörperfrei und mit einem Grinsen, das nach Ärger roch. Er schnappte sich direkt aus der Pfanne einen Streifen Speck und kaute, als gehöre ihm die ganze Küche. „Du siehst aus wie wiederbelebter Tod“, sagte er mit rauer Morgenstimme. „Hat dich der Mond schon wieder abserviert?“ Lyon stellte seinen Becher auf die Arbeitsplatte, sodass Kaffee über den Rand schwappte. Er fuhr sich durch das noch feuchte Haar und massierte seinen Nacken. „Kopfschmerzen. Visionen. Such dir was aus“, murmelte er mit tiefer, scharfer Stimme. Merrick blickte nicht von seinem Bildschirm auf. „Noch ein Traum?“ „Kein Traum“, erwiderte Lyon und ließ das Wort in der Luft hängen. „Ein Ziehen. Irgendetwas stimmt in der Nähe von Wintercrest nicht.“ Pagan schnaubte und klaute sich noch einen Streifen Speck. „Sicher, dass das nicht einfach Schuldgefühle sind, weil du schon wieder das Training geschwänzt hast? Oder vielleicht diese nächtlichen Wolfskämpfe, die du in deinem Kopf verloren hast.“ Lyon warf eine Serviette nach ihm und traf ihn mitten auf die Brust. „Halt die Klappe, du verdammter Feuerkopf. Ich meine es ernst.“ „Ja, ja“, sagte Pagan grinsend und leckte sich das Fett von den Fingern. „Ernst. Verstanden. Mond und Frost verschwören sich gegen dich. Wir informieren sofort die UNO.“ Merrick hob endlich den Blick. Seine grauen Augen waren ruhig und durchdringend. „Erklär dieses Ziehen, Lyon. Kein Spott.“ Lyon atmete aus und rieb sich die Schläfen. „Es ist dasselbe Gefühl wie damals. Als würde jemand rufen — aber durch Schichten aus Magie hindurch. Frost, schwache Wildblumen, Schnee. Und Angst. Ein Wolf in Gefahr — nein, mehr als das. Sie ist … sie ist real.“ Pagan runzelte die Stirn, noch immer belustigt, aber nun neugierig. „Du redest die ganze Zeit so, als wäre das irgendeine Frau, die du nicht anfassen kannst. Soll ich eine Selbsthilfegruppe gründen?“ Lyon warf ihm einen Blick zu, scharf genug, um Stahl zu schneiden. „Nicht irgendeine Frau. Etwas anderes. Etwas Gefährliches und Lebendiges. Und ich kann es nicht ignorieren.“ Merrick lehnte sich zurück, seine bernsteinfarbenen Augen wurden schmal. „Wie gefährlich? Streuner? Hexeneinfluss?“ Lyon schüttelte den Kopf. „Noch weiß ich es nicht. Aber es zieht mich zu sich. Stark. Und es ist nah. Ich kann sie fühlen … in Reichweite.“ Pagan grunzte und wurde endlich ernst. „Also reden wir von Wintercrest-Territorium?“ Merricks Gesicht verhärtete sich, während seine Finger gegen die Berichte trommelten. „Dieses Rudel ist schwach. Streuner testen ihre Grenzen seit Monaten. Ihr Alpha verliert die Kontrolle. Wir haben schon darüber nachgedacht, Hilfe zu schicken, aber …“ Er ließ den Satz offen und die Bedeutung zwischen ihnen hängen. Lyons Kiefer spannte sich an. „Ich glaube, das ist etwas anderes. Es geht nicht nur um das Rudel. Etwas anderes zieht mich zu ihnen. Zu ihr.“ Pagan hob eine Augenbraue. „Ach wirklich. Vielleicht vermisst du einfach den Schnee, Frostjunge.“
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