Draußen flackerten die Lichter der Stadt im Lunaris-Territorium wie ein Sternbild — Ordnung, die in die Zivilisation gemeißelt war, begrenzt durch den dunklen Streifen Wald, der ihre Welt einrahmte. Der Klang des Windes trug ferne Heulgeräusche von den weit entfernten Patrouillenlinien herüber, eine Erinnerung daran, dass selbst Frieden ständige Wachsamkeit erforderte.
Merrick stand an seinem Fenster, mit nacktem Oberkörper, ein Handtuch tief um die Hüften geschlungen, nachdem das Training die Unruhe in seinen Knochen nicht hatte vertreiben können. Das Mondlicht ergoss sich über den Boden und fing sich in den blassen Narben, die seine Rippen zeichneten — jede einzelne verdient, keine vergessen.
Er war schon zu lange still gewesen. Zu ruhig.
Das Meeting war vor Stunden zu Ende gegangen, aber sein Verstand hatte die Karte nicht losgelassen, das rote Pulsieren von Wintercrest oder das Phantom-Ziehen, das an diesem Morgen begonnen hatte und seitdem nicht nachgelassen hatte. Es war nicht physisch — nicht gefährlich. Es war etwas anderes.
Etwas Älteres. Rufend.
Er fuhr sich mit einer Hand durch die Haare, der Kiefer spannte sich an, als sein Wolf sich unter seiner Haut regte, unruhig. Geh nach Norden. Der Impuls war keine Sprache, aber er verstand ihn trotzdem. Sein Wolf sprach selten so beharrlich — es war Instinkt in seiner reinsten Form.
„Ich weiß“, murmelte er. „Aber noch nicht.“
Er wandte sich vom Fenster ab, das schwache Spiegelbild seines silbernen Insignien fiel ihm ins Auge — das Siegel, das in sein Handgelenk eingeätzt war, leuchtete schwach im Mondlicht. Es hatte das seit Jahren nicht mehr getan. Nicht seit dem letzten großen Blutmond. Nicht seit der Nacht, in der sich ihre Schicksale als eines verschoben hatten.
Er setzte sich auf die Kante seines Bettes, die Ellbogen auf die Knie gestützt. Er glaubte nicht an Zufälle, nicht wenn die Mondgöttin ihre Pfade in Fäden wob, die zu bewusst waren, um zufällig zu sein.
Lyons Instinkte. Seine eigene Unruhe. Der seltsame Anstieg der Bewegungen von Abtrünnigen.
Es lief alles auf einen Punkt zusammen — Wintercrest.
Er dachte an die Geschichten, die die Ältesten erzählten, lange bevor seine Generation an die Macht kam.
Das Wintercrest-Rudel war schon immer … anders gewesen. Geboren aus einer Blutlinie, die das Göttliche berührt hatte — oder von ihm verflucht worden war, je nachdem, wen man fragte. Ihre Alpha-Linie war vor Jahrzehnten in die Geheimhaltung abgetaucht, aber Gerüchte besagten, dass der Wald dort immer noch von alter Magie summte, älter als jede Mondphase oder Prophezeiung.
Merrick hatte es einst abgetan.
Jetzt war er sich nicht mehr so sicher.
Er stand auf und ging zu der alten Holztruhe in der Ecke seines Zimmers. Sie passte nicht zu Glas und Stahl — ein Relikt aus der Zeit seines Vaters, mit Runen verziert, die bei Berührung schwach leuchteten. Darin lagen in Stoff gewickelte Waffen und ein abgenutztes Lederjournal.
Er schlug das Journal auf. Die Handschrift seines Vaters, scharf und diszipliniert, füllte die Seiten — taktische Notizen, Verträge und gelegentlich … Gebete.
Er blätterte weiter, bis eine Passage seine Aufmerksamkeit erregte:
„Die Göttin spricht nicht im Donner. Sie flüstert. Und ihre Auserwählten erheben sich nicht durch Zufall — sie werden gerufen, einer nach dem anderen, wenn das Gleichgewicht ins Wanken gerät.“
Merricks Daumen verharrte über den Worten. Das Mal an seinem Handgelenk pulsierte einmal — schwach, aber sicher.
Sein Wolf drückte erneut gegen den Rand seiner Kontrolle. Wir sollten gehen. Jetzt.
Merrick atmete langsam durch die Zähne aus. „Du klingst wie Lyon.“
Der Wolf antwortete nicht, sondern summte nur lauter — Zustimmung, Dringlichkeit, Verbindung.
Er schloss das Journal, die Entscheidung festigte sich in seiner Brust.
Er würde nicht allein auf Instinkt handeln, noch nicht. Aber er würde ihn auch nicht ignorieren.
Er ging erneut zum Fenster, ließ das Mondlicht über sich fallen wie ein Gelübde. „Drei Tage“, murmelte er. „Dann sehen wir, was in Wintercrest wartet.“
Das Leuchten an seinem Handgelenk wurde schwächer — verblasste aber nicht.
Irgendwo weit im Norden, unter demselben Mond, bewegte sich ein silbernes Flimmern durch die Bäume — schwach, wie ein Atemzug von etwas, das erwachte.
Und Merrick, obwohl er es nicht wusste, hatte gerade auf seinen Ruf geantwortet.
**
Der Klang von Stahl hallte durch die Morgenluft, scharf und hell unter der aufgehenden Sonne. Der Trainingshof des Lunaris-Anwesens erstreckte sich hinter dem festungsartigen Komplex — alles verstärkte Wände, Waffenständer und sandbedeckter Boden, der leicht nach Öl und Regen roch.
Pagan bewegte sich darin, als gehörte ihm die Luft selbst.
Zwei Krieger umkreisten ihn, beide größer als die meisten Männer, aber keiner wagte es, ihn zu unterschätzen. Seine nackten Arme glänzten vor Schweiß, Muskeln spannten sich an, als er einem Schlag auswich und das Handgelenk seines Gegners packte, es verdrehte, bis der Mann mit einem Grunzen zu Boden ging. Der Zweite kam von hinten — schneller, klüger —, aber Pagan drehte sich, Zähne blitzten in einem Grinsen, und fegte ihm die Beine weg.
„Kommt schon“, sagte Pagan lachend, als der erste Krieger wieder auf die Beine kam, schwer atmend. „Ihr solltet mich schon etwas arbeiten lassen.“
„Schwer zu arbeiten, wenn du mogelst“, grunzte der Jüngere und schüttelte seinen Arm aus.
Pagans Grinsen wurde breiter. „Mogeln ist nur eine Strategie, die du nicht kommen gesehen hast.“
Er griff erneut an, ließ den Kampf diesmal länger dauern. Er mochte das Brennen — den Rhythmus von Aufprall und Bewegung, den Puls, der alles andere in seinem Kopf beruhigte. Strategie war Merricks Ding. Ruhe … Berechnung … das war Lyons. Pagan? Er war für Bewegung gemacht, für Muskeln, für den Rausch des Blutes und die rohe Wahrheit eines Kampfes.
Als beide Krieger schließlich wieder lachend und atemlos am Boden lagen, trat Pagan zurück und reichte jedem eine Hand. „Nicht schlecht. Ihr habt eine volle zwei Minuten länger durchgehalten als letzte Woche.“
Einer von ihnen stöhnte. „Das liegt daran, dass du gemeiner bist als letzte Woche.“
„Gemeiner?“ Pagan schnaubte. „Ich bin praktisch sanftmütig jetzt. Frag Merrick.“
„Sanftmütig ist kein Wort, das je jemand für dich benutzt hat.“
Die Stimme kam von hinter ihm — ruhig, trocken, autoritär.
Pagan drehte sich um, die Brust hob und senkte sich leicht, und sah Merrick am Rand des Hofes stehen. Seine Hemdsärmel waren bis zu den Ellbogen hochgerollt, ein digitales Tablet in der Hand, und dieselbe Aura müheloser Befehlsgewalt umgab ihn wie eine Rüstung.
Pagan hob eine Augenbraue. „Bist du runtergekommen, um meine Form zu kritisieren oder mir wieder meine Männer zu stehlen?“
Merrick blickte an ihm vorbei zu den sich erholenden Kriegern. „Nachdem, wie sie atmen, würde ich sagen, du hast schon genug Schaden angerichtet.“
Er reichte das Tablet an einen nahestehenden Soldaten weiter und trat näher. „Ich bin gekommen, um dir zu sagen, dass du das Eskort-Team nach Wintercrest leitest. Abfahrt ist für den Morgengrauen in zwei Tagen angesetzt.“