Kapitel 17

1149 Words
Die nördlichen Wälder erstreckten sich endlos, dunkel und still, doch für ihn waren sie lebendig — summend von etwas, das gerade außerhalb seiner Reichweite lag. Der Sog pulsierte erneut, schwach, beharrlich, als wüsste das, was dort draußen wartete, wer er war, spürte ihn. Er atmete langsam aus und versuchte, sich in der soliden Realität von Stein und Stahl zu erden, doch das Gefühl der Dringlichkeit wollte nicht weichen. Der Wind zerrte an seinen Haaren, die Kälte schnitt durch die stille Nacht, und für einen Moment schloss Pagan die Augen und ließ den Puls über sich hinwegspülen. „Sie ist da draußen“, murmelte er, fast zu sich selbst. „Und ich werde es wissen, wenn der Moment kommt.“ Das Mal an seinem Handgelenk flammte ein letztes Mal auf, hell genug, um die blasse Haut darunter silbern zu tönen. Er ließ das Geländer los und richtete sich auf, die Schultern gestrafft. Das Anwesen hinter ihm war ruhig, doch die Wälder vor ihm versprachen Bewegung, Gefahr und etwas — jemanden —, den er noch nicht benennen konnte. Pagan drehte sich zurück zum Haus, den Kiefer angespannt. Bei Morgengrauen würden sie aufbrechen. Bei Morgengrauen würde die Jagd beginnen. Und was auch immer in Wintercrest wartete, er würde bereit sein. Die Nacht zog sich hin, die Sterne spiegelten sich in seinen Augen, und unter allem ein Puls — fern, schwach, unvermeidlich —, der im Takt mit einem Herzschlag schlug, der nicht sein eigener war. Charise POV Die Hütte war still, abgesehen vom leisen Zischen des Windes durch die Bäume. Mondlicht fiel durch die Fenster, silberner Staub auf dem Boden, der auf den groben Holzbalken und Charises zerzaustem Haar glänzte. Sie schlief unruhig, wälzte sich unter ihrer Decke, die Zähne knirschten gegen die Ränder eines Albtraums, den nur ihr Wolf sehen konnte. Unter der Oberfläche regte sich ihr Wolf. Ein tiefes, angespanntes Summen vibrierte in ihrer Brust, Krallen juckten unter ihrer Haut, Instinkte spannten sich wie Federn, bereit zum Zuschnappen. Etwas stimmte nicht. Die Luft im Raum roch scharf und lebendig und trug einen Puls mit sich, den sie nicht einordnen konnte — Gefahr. Dann traf die Vision sie. Die Dunkelheit hinter ihren Augenlidern zerbarst und wurde durch Flackern eines blutgetränkten Waldes ersetzt. Bäume krallten in den Himmel, während ferne Schreie durch das Unterholz hallten. Sie sah Krallen, die in Schnee und Fleisch rissen, Rot, das Weiß befleckte, und in dem Chaos eine Gestalt, die sich hilflos wand. Eine Stimme — verzweifelt, zitternd — schwebte durch den Albtraum: „Halt durch.“ Charise schoss kerzengerade hoch, die Augen weit aufgerissen, die Brust hämmernd. Ihr Atem kam in flachen Stößen, das wolfsbefeuerte Herz raste. Etwas war da draußen. Etwas Lebendiges und Gefährliches, das sich bewegte. Ihre Sinne flammten auf; sie roch den Duft von Abtrünnigen, spürte ihre räuberische Präsenz, die entlang der Ränder ihres Territoriums strich. „Nicht heute Nacht“, flüsterte sie, umklammerte die Kante ihres Bettes und versuchte, den Sog zu unterdrücken. Doch der Wolf unter ihrer Haut knurrte, wand und zerrte, krallte an ihrer Beherrschung. Geh. Jetzt. Jemand ist verletzt. „Ich kann nicht“, zischte Charise, ihre Stimme zitterte vor einer Mischung aus Angst und Frustration. „Darius wird mir den Kopf abreißen, wenn ich die Hütte verlasse. Ich kann nicht—“ Sie sind in Gefahr. Du spürst es. Du bist die Einzige, die— entgegnete der Wolf, die Zähne in ihrem Geist gefletscht, Muskeln angespannt in Erwartung. Sie fluchte leise und fuhr sich mit einer Hand durch die Haare. „Scheiß drauf“, murmelte sie schließlich, die Stimme fest trotz der aufsteigenden Panik. Sie konnte nicht tatenlos bleiben. Nicht dieses Mal. Das Mondlicht sammelte sich auf dem Boden, als sie die Beine über die Bettkante schwang. Ihre nackten Füße trafen auf das kalte Holz und sandten einen Schauer ihre Wirbelsäule hinauf. Jeder Nerv summte vor Erwartung, Wolf und Mensch verschlungen in rastloser Dringlichkeit. Sie öffnete die Tür und trat hinaus, die eisige Luft traf auf ihre Haut, ihre Lungen füllten sich mit scharfem, klarem Frost. Ihr Wolf drängte näher, spannte sich wie eine Feder, bereit zum Sprung. Charises Hände beugten sich, kalte Finger streiften die Kälte, während ihre Magie unter der Oberfläche zu erwachen begann. Heute Nacht würde sie dem Sog folgen. Mit einem letzten Blick zurück zur Hütte murmelte sie leise, die Zähne zusammengebissen, das Herz hämmernd: „Lass uns sehen, was da draußen ist.“ Der Wald wartete, Mondlicht glitzerte über den Bäumen, Schatten streckten sich lang und silbern. Ihr Wolf heulte leise in ihr, und Charise machte den ersten Schritt in Richtung der Wälder, bereit zur Verwandlung. Der Mond hing hoch, silbern und kalt, und tauchte den Waldrand in blasses Licht. Charises Herz pochte, der Sog aus der Vision pulsierte wie eine Trommel in ihrer Brust. Sie presste ihre Handflächen in den Schnee und ließ die Kälte sie erden. Ein leises Ausatmen entwich ihr, und ihr Körper verwandelte sich. Knochen verlängerten sich, Muskeln spannten sich, Fell spross über ihre Haut, glatt und silbrig-schwarz mit Schatten, die ihre Pfoten und Schnauze durchzogen. Ihre Krallen streckten sich, gruben in den Schnee, während sich ihr Rücken wölbte, der Schwanz peitschte hinter ihr. Ihre grünen Augen leuchteten, scharf und lebendig, schwache blau-weiße Runen wellten sich über ihr Fell, während Magie unter ihrer Haut summte. Die Luft um sie herum fühlte sich elektrisch an, lebendig. Ihre Sinne explodierten: der Duft von Kiefern und Frost, der metallische Tang von Blut im Wind, die subtilen Vibrationen naher Bewegung. Sie hob die Nase in die Nachtluft, und ihre Wolfs-Instinkte flammten auf. Herzschläge pulsierten um sie herum. Nicht ihre. Jemand war verletzt — hatte Angst. Und Gefahr lauerte nah. Sie sprang in den Schnee, jeder Satz präzise, anmutig, tödlich. Der Wald verschluckte sie, jeder Laut, jeder Geruch und jeder Puls wurde instinktiv erfasst. Der Sog wurde stärker, zog sie wie ein Magnet dorthin. Und dann — unverkennbar — der Geruch von Abtrünnigen-Wölfen. Eine Lichtung öffnete sich vor ihr, Mondlicht versilberte den frostbedeckten Boden. Drei Wölfe kauerten um eine kleinere Gestalt — ihre Formen tief, raubtierhaft, Muskeln gespannt wie Federn. Augen leuchteten: eines schwarz wie Obsidian, eines bernsteinfarben wie Feuer, eines durchzogen von blutrotem Licht. Ihr Fell sträubte sich, Krallen schabten über den gefrorenen Boden, Zähne gebleckt in tiefem Knurren. Charise trat in die Lichtung, das Fell entlang ihrer Wirbelsäule aufgerichtet, Nackenhaare hoch. Sie knurrte, tief und hallend, die Warnung klar: sie war keine Beute. Die Magie in ihr wellte sich schwach und beleuchtete den Schnee entlang ihrer Flanken mit blau-weißen Adern. Die Abtrünnigen-Wölfe erstarrten, spürten ihre unnatürliche Präsenz — das unheimliche Leuchten ihres Fells, die kalte Aura, die von ihr ausstrahlte. Dann drehten sie sich, die Augen fixiert, Fänge glänzten im Mondlicht. Charises grüne Augen verengten sich. Sie kreiste, Muskeln gespannt, Schwanz zuckend. Ihr tiefes Knurren hallte durch die Lichtung. „Kommt näher“, knurrte sie, die Stimme roh und wild. „Ich fordere euch heraus.“
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