Kapitel 5

1084 Words
FAYE Sobald ich die Augen öffnete, wurde ich von einem pochenden Schmerz in meinem Kopf begrüßt. Ich stöhnte und presste meine Handflächen gegen meine Schläfen. Vielleicht würde eine Dusche helfen. Vielleicht würde sie mehr als nur Schweiß wegspülen...den Schmerz, die Erinnerungen, den Albtraum, der gar kein Albtraum war. Denn alles, was letzte Nacht passiert war, war real gewesen. Ich stand länger als nötig unter dem dampfenden Wasser und ließ es meine Haut gerade so weit verbrennen, dass ich bei Verstand blieb. Keine noch so große Hitze konnte den Verrat wegbrennen, aber ich musste mich zusammenreißen. Heute würde ich Silver Hollow verlassen. Heute würde ich mit Alexander, meinem Gefährten aus Pflichtgefühl, zum Blood Crescent Rudel gehen. Als ich mit einem frischen Handtuch um mich gewickelt zurück in mein Zimmer trat, hielt ich überrascht inne. „Mama?“ Meine Mutter saß auf der Bettkante und starrte auf das Chaos, das aus meinem Zimmer geworden war. Kleidung, Bücher, Teile meines alten Lebens lagen wie zerbrochene Erinnerungen auf dem Boden verstreut. Sie sah mich nicht sofort an. „Hast du vergessen, dass du packen musst?“ Ihr Tonfall war scharf, aber ihre Augen verrieten etwas anderes...sie waren rot umrandet und glasig und versuchten zu sehr, streng zu wirken. Ich seufzte. „Ich mache es...sobald ich angezogen bin.“ Sie sagte nichts, aber ihr Blick verweilte auf mir. Ich merkte, dass sie mich durchschaute...hinter die ruhige Fassade, die ich mir aufgesetzt hatte, bis zu dem stillen Sturm in meinem Inneren. Sie wusste, dass ich nicht diejenige sein sollte, die packte. Dass dies nicht der Weg war, auf den mich jemand vorbereitet hatte. Und dass ich vielleicht deshalb noch keine einzige Tasche angefasst hatte. „Wie fühlst du dich übrigens? Hast du etwas geschlafen?“, fragte sie mich aufrichtig. Ich wollte so viele Dinge sagen...schreien, weinen, fragen, warum, aber ich hatte bereits eine Entscheidung getroffen. Kein Jammern mehr, keine Fragen mehr, die nichts ändern würden. Ich würde mich allem, was kommen würde, mit hoch erhobenem Kopf stellen. „Ja, Mama, ich habe gut geschlafen.“ Ich schlüpfte in ein einfaches Kleid, nichts zu Weiches, nichts zu Zartes. Nur etwas, das unter Druck nicht so leicht knitterte...so wie ich, hoffte ich. Als ich nach der nächsten Tasche griff, um mit dem Packen zu beginnen, stand meine Mutter auf. „Lass mich helfen“, bot sie sanft an. „Du siehst...müde aus.“ Ich hielt inne und sah ihr in die Augen. Da war es...das kaum verhüllte Zittern ihrer Lippen, die erzwungene Ruhe, die tapfere Mutterrolle. Sie versuchte, vor mir nicht zu weinen. Das tat sie immer...sie tat so, als wäre alles in Ordnung, bis die Risse zu groß wurden, um sie zu ignorieren. Diese Eigenschaft muss ich geerbt haben. „Danke, Mama“, sagte ich leise. „Aber ich schaffe das schon.“ Sie seufzte und setzte sich wieder hin. „Ich wollte nur sichergehen, dass es dir gut geht. Deshalb bin ich gekommen.“ Für einen Moment sagte die Stille zwischen uns mehr als Worte jemals sagen könnten. Und dann, ohne noch etwas zu sagen, wandte ich mich wieder meinen Taschen zu und begann zu packen. --- Nach einem Moment wurde es still im Zimmer...zu still. Meine Mutter war gegangen. Ich hatte nicht gehört, dass sie gegangen war. Schuldgefühle plagten mich, vielleicht war ich zu hart zu ihr gewesen. „Natürlich warst du das“, hörte ich meine Wölfin Nova urteilen. Aber jetzt nachgeben? Das würde alles wieder aufbrechen. Wenn ich mich sanft behandeln ließ, würde ich vielleicht in ihren Armen zusammenbrechen und weinen, wie ich es früher getan hatte, als ich klein war. Ich brauchte keine Verwöhnung, nicht heute. Ich musste stark sein. Ein paar Minuten später kam meine Mutter zurück, klopfte diesmal leise an die Tür und öffnete sie dann vorsichtig. „Das Frühstück ist fertig“, sagte sie leise. Ich drehte mich nicht um. „Ich habe keinen Hunger, Mama. Im Ernst, ich glaube, ich kann im Moment nichts hinunterbekommen.“ Sie stand einen Moment lang still da und seufzte dann. „Faye, wie kannst du das sagen? Du hast gestern kaum etwas gegessen. Die Zeremonie hat dich so beschäftigt gehalten...“ Das Wort „Zeremonie“ durchdrang mich wie Eis. Meine Hand erstarrte für einen Moment. Zeremonie, Paarung, Jason. Ich hatte mir vorgestellt, heute Morgen in seinen Armen aufzuwachen...warm, geborgen, geliebt. Stattdessen war Sage diejenige in seinen Armen gewesen. Und ich war hier, faltete Kleidung und packte für eine Zukunft, die ich nie kommen sah, gebunden an einen Fremden mit Augen wie Frost. „Ich habe gesagt, ich habe keinen Hunger“, antwortete ich mit nun angespannter Stimme. Mama trat näher. „Du musst etwas essen, bitte. Du kannst nicht mit leerem Magen irgendwo hingehen.“ Diesmal hielt ich mich nicht zurück. „Ich setze mich nicht an diesen Tisch, Mama. Nicht mit ihr und schon gar nicht mit ihm, wenn er da ist. Ich traue mir nicht zu, dass ich nicht...dass ich nicht die Beherrschung verliere“, sagte ich, und ich meinte jedes Wort. Sie sagte nichts. Ich fragte mich, ob sie endlich die Gefühle sehen konnte, die ich den ganzen Morgen über verborgen gehalten hatte. Die, die ich unter ausdruckslosen Mienen und kalten Tönen zu verstecken versuchte. Dann trat sie sanft vor und schlang ihre Arme um mich. Ich weinte nicht. Aber etwas an dieser Umarmung gab mir Halt. Nicht, weil sie den Schmerz verschwinden ließ, sondern weil sie mich daran erinnerte, dass mich in diesem ganzen Chaos noch jemand sah. „Sie kommt nicht“, flüsterte meine Mutter. „Sage. Sie wird nicht am Tisch sitzen.“ Natürlich. Sie würde wahrscheinlich mit Jason privat frühstücken. So wie es Liebende nach einer langen gemeinsamen Nacht tun. Natürlich. Ich nickte steif und folgte meiner Mutter zur Tür, meine Schritte waren schwer, aber zumindest bewegte ich mich. Auf halbem Weg drehte sie sich leicht um und versuchte...wie immer...die Situation zu entschärfen. „Faye...sie ist immer noch deine Schwester...deine Zwillingsschwester. Egal, was passiert ist, sie ist...“ Ich unterbrach sie. „Mama“, sagte ich scharf. „Willst du, dass ich zum Frühstück komme oder nicht?“ Sie schloss den Mund, der Rest ihres Satzes starb auf ihren Lippen. Ich wollte keine Predigt, nicht an diesem Morgen, und schon gar nicht von der einzigen Person, von der ich wollte, dass sie mich einfach wütend, verletzt und betrogen sein ließ, ohne mir zu sagen, ich solle zu früh vergeben. Sie nickte schweigend, und gemeinsam gingen wir den Flur entlang.
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