Kayla wurde von einem der Eindringlinge hochgehoben, und sie trugen sie rasch zur Hintertür.
Sie kämpfte wiederholt, sich zu befreien, aber es fühlte sich an, als kämpfe sie gegen Eisenketten.
Wer auch immer sie festhielt, hatte überwältigende Kraft.
Als die Männer Kayla zum Tor trugen, hallte ein durchdringender Schrei durch den Hof. Es war dieselbe Stimme, die Kayla vor einigen Stunden hatte singen hören.
Sofort verließen alle Wachen am Tor ihren Posten und rannten zur Quelle des Schreis. Wer auch immer diese Frau war, sie bedeutete dem Rudel offensichtlich etwas.
Die Eindringlinge tauschten einen schnellen Blick. Mit den abgelenkten Wachen schlüpften sie durch das Tor und trugen Kayla ohne Zögern weg.
Im Herzen eines dichten Waldes wurde Kayla grob auf den Boden geworfen, umgeben von zehn unbekleideten Männern. Ihre Augen huschten umher, aber sie erkannte keinen von ihnen.
„Alpha Thorne, die Wölfin ist hier!“ brüllte eine Stimme.
Ein großer Alpha trat auf sie zu, eine schwarze Tasche unter dem Arm. Er hockte sich vor sie und starrte einige lange Sekunden.
Kayla hatte ihn noch nie gesehen.
Ohne ein Wort zu sagen, griff der Mann und begann, ihren Körper zu betrachten.
In dem Moment, als seine Finger den Stoff streiften, schnappte Kayla. Sie schlug seine Hand weg und landete eine scharfe Ohrfeige auf seinem Gesicht.
„Fass mich noch einmal an, und ich schwöre, du wirst es für den Rest deines Lebens bereuen!“
„Halt den Mund, du schwache Wölfin. Ich würde dich hier und jetzt töten, aber ich brauche dich lebend. Ich bin bereit, jeden Preis zu zahlen, um sicherzustellen, dass du so bleibst, bis du mir deine Art gibst.“
„Über meine Leiche“, schrie Kayla und spuckte ihm ins Gesicht.
„Declan!“ brüllte der Alpha.
„Alpha“, antwortete einer der Männer mit einer Verbeugung und trat schnell vor.
„Warte eine Sekunde.“
„Bin ich der Einzige, oder riecht sie nach einem Rüden?“ murmelte Alpha Thorne und untersuchte sie auf Zeichen einer Markierung.
Kayla schlug seine Hand weg und weigerte sich, ihn berühren zu lassen.
Declan schnüffelte in der Luft und nickte langsam.
„Ihr Duft ist stärker, als sie beschrieben haben“, murmelte Declan. „Ich dachte, ihr Duft sollte schwach sein.“
„Das habe ich auch gehört“, antwortete der Alpha und runzelte die Stirn. „Etwas stimmt nicht.“
„Vielleicht ist das nicht das richtige Mädchen“, schlug Declan vor.
Der Alpha wandte seinen Blick zu den Männern, die Kayla gebracht hatten, sein Blick scharf genug, um sie erstarren zu lassen. Einer von ihnen sprach dringend.
„Alpha, du hast uns gesagt, die Wölfin zu holen, die Alpha Khan gestern in unser Rudel gekommen ist. Das ist sie. Wir haben sie im Gästezimmer gefunden.“
„Ich denke, Alpha Khan hat sie markiert oder zumindest absichtlich seinen Duft auf ihr hinterlassen“, sagte Declan.
Der Alpha hockte sich erneut vor Kayla und beugte sich näher, als wollte er es selbst bestätigen. Er streckte die Hand aus, um ihren Hals und ihre Schulter auf eine Markierung zu prüfen, aber in dem Moment, als seine Hand sich näherte, schlug Kayla sie weg.
„Declan, halte sie fest!“ knurrte der Alpha seinen Beta an, und bevor Kayla sich erneut bewegen konnte, hielten sie sie fest und packten ihre Arme.
Er prüfte ihren Hals und schüttelte den Kopf, weil keine Markierung da war.
Gerade als er seinen Mund nah genug brachte, um sie zu beißen, ertönte Declans Stimme: „Alpha! Hast du vergessen, was sie ist?“
Thorne erstarrte, seine Augen weiteten sich, als er sich erinnerte. Er streckte seine scharfen Krallen aus und stach in ihr Handgelenk. Seine Augen folgten dem Tropfen von Kaylas Blut, der auf das Gras fiel.
Innerhalb von Sekunden schrumpften die grünen Halme zu braunem Verfall. Ein tiefes, unheilvolles Lachen rumorte in seiner Brust, während er den Anblick bestaunte.
„Ich hätte dich vor diesem Experiment verbinden sollen. Dein Onkel wollte nie, dass du irgendetwas über dich selbst erfährst. Er ist bereit, jeden Betrag zu zahlen, nur um dich davon abzuhalten, zu erfahren, wie wertvoll und gefährlich du bist. Aber ich habe dir das gezeigt, weil er mich verraten hat, und das ist meine stille Art, es ihm heimzuzahlen.“
Kaylas Herz hämmerte gegen ihre Brust. In dem Moment, als sie das leblose Gras erneut ansah, durchfuhr sie ein kalter Schauer.
Mit einem selbstgefälligen Grinsen hob Alpha Thorne die schwarze Tasche, die er neben sich hatte, und warf sie jemandem vor die Füße.
„Sie ist die Richtige. Nimm dein Geld und kehre zu deinem Rudel zurück“, erklärte Alpha Thorne.
Ein Mann trat vor, nahm die Tasche und drehte sich um, ohne sein Gesicht zu zeigen.
Kayla vermutete, er müsse vom Rudel Blauer See sein.
„Seid vorsichtig, alle. Ihr wisst, wie gefährlich sie ist“, warnte Alpha Thorne, während er sich hockte und versuchte, das Blut zu stoppen.
„Alpha Cameron denkt, er sei schlau, aber ich habe gerade bewiesen, dass ich schlauer bin“, spottete er, seine Augen leuchteten vor Triumph.
„Ich habe ihm zehntausend Dollar für 50 Milliliter deines Blutes bezahlt, und er hatte die Frechheit, nur zwanzig zu schicken. Als ich ihn mit Krieg bedrohte, geriet er in Panik und schickte dich zu Alpha Khan.“
Alpha Thorne beugte sich näher, sein Atem heiß gegen Kaylas Gesicht.
„Ich habe ihm gesagt, ich würde dich holen. Und jetzt bist du hier. Du wirst mir gehören. Völlig mir. Du wirst mir deine Art geben, immer und immer wieder, bis nichts mehr von dir übrig ist…“
Alpha Thorne hielt inne, seine Stimme sank zu einem bedrohlichen Flüstern. „Und wenn dein lieber Onkel und seine Freunde jetzt dein Blut wollen, werden sie den Preis zahlen, den ich festlege.“
Alpha Thorne stand auf und überragte sie mit einem grausamen Grinsen.
„Siehst du, Kayla, du bist wertvoll. Dein Blut, deine Kraft, alles gehört jetzt mir. Aber keine Sorge, ich werde dafür sorgen, dass du gerade lange genug lebst, um mir weiterhin zu geben, was ich will. Schließlich verdient ein Schatz wie du es nicht, zu schnell zu verschwenden.“
„Dein Onkel steckt Millionen von deinem Blut ein, lässt dich aber mit nichts zurück… kein Essen… kein Komfort. Er lässt sein Rudel hungern, während er und seine Luna im Luxus leben, umgeben von Reichtum. Aber mit mir werde ich es verkaufen, und zusammen werden wir wie Könige von den Gewinnen leben.“
Alpha Thorne beugte sich erneut vor, sein Schatten fiel über Kayla, während sie gegen die Fesseln kämpfte. Sie weigerte sich wegzuschauen. In dem Moment, als sein Gesicht zu nah kam, spuckte sie ihn erneut an.
Wut loderte in seinen Augen, als er die Hand hob, bereit, sie aus reiner Frustration zu schlagen.
Aber bevor er zuschlagen konnte, trat einer seiner Männer schnell dazwischen. Der Wächter packte das Handgelenk seines Alphas mit beiden Händen, den Kopf tief gesenkt.
„Bitte, Alpha“, sagte er leise, fast flehend. „Lass mich mit ihr sprechen. Wenn du sie jetzt verletzt, wird sie sich völlig verschließen. Lass mich sie handhaben. Du weißt, wie wichtig sie für unser Rudel ist. Du weißt, was sie für uns werden könnte, wenn sie kooperiert.“
Alpha Thornes Nüstern blähten sich. Er war wütend, aber er hielt inne. Er zog die Hand scharf zurück und drehte sich ab, um durch den dichten Wald zu schreiten und seinen Zorn abzukühlen. Der Wächter sah das als Erlaubnis und hockte sich vor Kayla.
Er musterte ihr Gesicht einen Moment, bevor er dringend sprach.
„Du denkst, du bist stark“, sagte er. „Und vielleicht bist du es. Aber Sturheit wird dich nicht retten.“
Kayla starrte ihn an, ihre Brust hob und senkte sich mit kontrollierten Atemzügen.
„Du musst zuhören“, fuhr der Wächter fort. „Denn alles, was du über Alpha Khan glaubst… alles, was du denkst, dass er für dich tun wird… ist falsch.“
Kayla antwortete nicht, also drängte er weiter.
„Die Wahrheit ist einfach. Außerhalb unseres Rudels gibt es keinen Alpha auf diesem Kontinent, der dich schützen wird, sobald sie erfahren, wer du bist.“
Kayla erstarrte, aber der Wächter sprach weiter mit Dringlichkeit.
„Vor zehn Jahren hielt der Große Südliche Rat seine zehnjährliche Versammlung ab. Jeder Alpha und seine Luna waren verpflichtet, daran teilzunehmen. Jeder außer Alpha Thorne. Sein Vater ging an seiner Stelle. Und während dieser Versammlung kündigte der Rat an, dass eine Wölfin mit dem Ersten Blut nach Tausenden von Jahren auf dem Kontinent wieder aufgetaucht sei.“
Kayla schluckte schwer, und der Wächter fuhr fort.
„Sie erklärten sie für extrem gefährlich, mächtig und unvorhersehbar. Sie verlangten, dass jeder Alpha, der auf sie stößt, sie sofort ausliefern muss. Zur Sicherheit des Kontinents, sagten sie.“ Er beugte sich näher. „Und jeder Alpha dort stimmte zu. Sie legten einen Eid ab.“
Der Ton des Wächters wurde weicher, aber nur leicht.
„Alpha Khan war bei dieser Versammlung. Er war siebzehn, aber er legte den Eid wie die anderen. Der Rat besitzt ihn in dieser Angelegenheit. Wenn er jemals herausfindet, wer du wirklich bist, wird er nicht zögern. Er wird dich fesseln und dem Rat ausliefern, weil er es geschworen hat.“
Kayla schüttelte sofort den Kopf, aber der Wächter hörte nicht auf.
„Aber Alpha Thorne…“ Er gestikulierte sanft zu dem Alpha, der langsam auf sie zukam. „Er hat diesen Eid nicht abgelegt. Er ist nicht an den Rat gebunden. Er wird dich nie ausliefern. Er sieht Wert in dir… nicht Gefahr.“
Kaylas Augen verengten sich misstrauisch.
„Unser Alpha kann dich schützen“, beharrte der Wächter. „Wenn du kooperierst, wirst du nicht wie eine Gefangene leben. Du wirst als jemand Wichtiges leben. Jemand, auf den das Rudel angewiesen ist. Deine Kraft könnte uns Reichtum und Stärke bringen. Und du wirst mit Respekt behandelt. Echtem Respekt.“
Er hielt inne und ließ seine Worte wirken.
„Kämpfe gegen uns“, sagte er leise, „und der Rat wird dich bekommen. Arbeite mit uns, und du überlebst. Und wir alle gedeihen.“
Alpha Thorne schnüffelte wiederholt in der Luft, als versuche er, einen Duft einzufangen.
„Ah, sie ist sogar in Hitze oder wird es bald sein. Die Zeichen sind überall an ihr“, kicherte er, ein boshaftes Grinsen breitete sich über sein Gesicht, als er erneut vor Kayla stand.
Zu seinen Männern gewandt, dröhnte Thornes Stimme.
„Steckt sie ins Auto. Wir fahren jetzt.“
Alpha Thorne drehte sich ein letztes Mal um, als sie Kayla packten, sein Grinsen tropfte vor Arroganz.
„Verschwende deine Hoffnungen nicht auf Alpha Khan“, höhnte er. „Bis er merkt, dass du vermisst wirst, wirst du bereits meine Jungen in dir tragen.“
„Außerdem geht Alpha Khan hinter den schönsten Wölfinnen her, die seine Bedürfnisse befriedigen können… Du bist seine Zeit und Energie nicht wert. Wenn du nicht dieser goldene Schatz wärst, würde ich dir nicht einmal einen zweiten Blick schenken“, höhnte Thorne erneut.
„Mein Alpha, ich denke, wir sollten die Serpent-Ridge-Route nehmen“, murmelte einer von Thornes Männern.
„Ich habe das Gefühl, Alpha Khan wird uns jagen, wenn er merkt, dass sie weg ist.“
„Alpha Khan hat keine Möglichkeit, uns zu verfolgen“, sagte Thorne mit einem Grinsen. „Es gibt keine Verbindung zwischen ihm und Kayla…“
Im Rücksitz des Autos, mit zwei starken Wölfen an ihrer Seite, strömten Tränen über Kaylas Gesicht und tränkten ihr schwarzes Oberteil.
Ihre Tränen waren nicht nur für die schreckliche Wahrheit, was ihr Onkel mit ihrem Blut getan hatte. Sie fielen auch für ihren stillen Wolf, den, der in ihr gefangen war, ohne die Kraft, sich zu erheben. Die Trauer um beide Wahrheiten lastete so schwer auf ihr, dass sie sich kaum aufrecht halten konnte.
Sie fühlte einen tiefen Verlust, wissend, dass sie, wenn sie wie die anderen Wölfe wäre, an Alpha Khans Seite hätte sein können, zusammen unter dem Mondlicht jagend.
Was am schwersten auf ihrem Herzen lastete, war das, was Alpha Thorne gesagt hatte: Es wäre nahezu unmöglich für Alpha Khan, sie zu finden und zu retten.
Es gab keine Verbindung zwischen ihnen.
Keine Verbindung… kein Band, das ihn in diesem Moment der Dunkelheit zu ihr führen könnte.
Kayla fühlte sich völlig allein, ihre Hoffnung schwand mit jeder Meile, die sie weiter von Alpha Khan wegreisten.
Kayla konnte die Worte von Alpha Thornes Wächter über den Eid des Rates nicht abschütteln. War das der Grund, warum das seltsame Mädchen gesagt hatte, Khan würde sie verlassen, wenn er jemals die Wahrheit über sie erführe?
Der Gedanke ließ ihre Tränen noch freier fließen. Khan war ihr Anker gewesen, ihr einziger wahrer Freund, und die Vorstellung, ihn zu verlieren, schnitt tiefer als jeder andere Verrat, den sie je erlebt hatte.
Plötzlich hielt das Auto an.
Als Kayla aus dem Fenster blickte, umgab sie Dunkelheit, nur goldene Lichter strahlten in der Ferne ein sanftes Leuchten aus.
Dieser Ort ähnelte keinem Werwolf-Rudel, das sie je gesehen hatte.
„Was ist los?“ fragte einer der Männer, die sie festhielten, als die Tür aufschwang.
„Es ist 2 Uhr morgens, und der Alpha denkt, wir sollten in diesem Herrenhaus ausruhen, bevor wir morgen früh die Reise fortsetzen.“
„Die Wölfin ist in Hitze. Ich denke, der Alpha will sie ruhig halten“, antwortete ein anderer, und Lachen entwich ihren Lippen.
„Steig aus!“ bellte eine Stimme Kayla an.