Das kleine Mädchen saß auf demselben Ast wie zuvor, wie ein stiller Schatten, der aus der Ferne wachte.
Ihre nackten Füße baumelten frei, und ihr weißes Kleid blieb unberührt vom Wind.
Das war das dritte Mal, dass Kayla sie gesehen hatte. Das erste Mal war Jahre her. Das Mädchen hatte in einem Baum im Zentrum des Rudels Silberberg gesessen und geweint.
Das zweite Mal war in der vergangenen Nacht, als Beta Leo sie verfolgte.
Das Mädchen hatte damals aufgeregt ausgesehen. Und jetzt war es das dritte Mal. Sie sah immer noch aufgeregt aus.
Kayla erhob sich langsam und ging zum Fenster. An diesem Punkt brauchte sie Antworten. Es war offensichtlich, dass dieses Kind nicht gewöhnlich war. Aber warum sitzt sie immer in Bäumen? fragte sich Kayla.
Ein Schauer kroch ihren Rücken hinunter. Sie schloss schnell das Fenster.
Dann, als würde sie auf ihre Gedanken antworten, hallte die Stimme des Mädchens in ihrem Geist wider.
„Ich habe deiner Lehrerin gesagt, ich würde eingreifen, wenn sie versuchen, dich aufzuhalten, aber ehrlich gesagt, du warst schneller als der Wind. Niemand hätte dich fangen können! Ich halte trotzdem mein Versprechen. Ich habe dich gerettet.“
Kayla tat so, als hätte sie das nicht gehört. Dann sprach sie weiter.
„Ich warte auf Lucien. Er kommt.“
„Wer ist Lucien?“ fragte Kayla.
Gerade da trat Alpha Khan in den Raum und trug einen kleinen silbernen Behälter.
Er blieb stehen, in dem Moment, als er den Namen hörte. Für einen kurzen Augenblick flackerte etwas über sein Gesicht. Dann verschwand es.
„Hat dir jemand von einer Person namens Lucien erzählt?“ fragte er vorsichtig.
„Ich habe jemanden den Namen erwähnen hören“, antwortete Kayla. „Ich weiß nicht, ob ich es mir eingebildet habe oder ob es real war.“
Sie zeigte zum Fenster. Khan ging hinüber, öffnete es und blickte hinaus.
„Da ist niemand“, sagte er leise. Er schloss das Fenster und drehte sich zu ihr um.
Gerade da trat Alpha Khan in den Raum und hielt ein kleines silbernes Glas.
„Ich bin zurück in mein Zimmer gegangen und habe mich erinnert, dass ich das habe“, sagte er.
Kayla betrachtete das Glas. „Was ist das?“
„Es heißt Khans Essenz.“
Sie runzelte leicht die Stirn.
„Was bewirkt es?“
Khan reichte ihr das Glas.
„Es hilft, Narben und Hautmale verblassen zu lassen. Wenn du es konsequent benutzt, sollten diese Male innerhalb von sieben Tagen anfangen zu verschwinden.“
Kayla starrte das Glas überrascht an.
„Vor Jahren habe ich einem Stamm geholfen, einen Krieg gegen Rogue-Wölfe zu gewinnen“, fuhr Khan fort. „Ihre Heiler haben diesen Balsam für mich mit meinem Duft hergestellt.“
„Deinem Duft?“ fragte Kayla. Er nickte.
„Ich gebe ihn dir aus zwei Gründen: die Male und deinen Duft. Dein Duft ist ungewöhnlich schwach. Wenn jemand dich aus diesem Rudel wegbringt, wird es für mich nicht leicht sein, dich zu finden.“
Er zeigte auf den Balsam.
„Benutze das am ganzen Körper. Es wird nicht nur helfen, die Male zu entfernen. Es wird mir erlauben, dich zu verfolgen, wenn deine Feinde jemals versuchen, dich aus diesem Rudel zu holen.“
Kayla senkte die Augen auf den Balsam in ihren Händen.
Khan bewegte sich auf sie zu. „Du musst etwas essen. Komm mit mir.“
Kayla zögerte nicht. Sie war hungrig. Sie erhob sich schnell, ignorierte aber die Hand, die er ihr reichte.
Khan lachte leise.
„Entspann dich, Kay. Ich bin dein Gefährte, und ich beabsichtige voll und ganz, dich zu beanspruchen, sobald ich herausgefunden habe, was mit dir nicht stimmt.“
Kayla konnte nicht glauben, was sie gerade gehört hatte. Weil sie Wölfe nicht spüren konnte, hatten viele Männchen über die Jahre behauptet, sie sei ihre Gefährtin. Sogar Leo hatte es behauptet.
Schließlich hörte sie auf, an Gefährten zu glauben. Alles, was sie wollte, war herauszufinden, was mit ihr nicht stimmte, damit sie lernen konnte, ein normales Leben wie jeder andere Wolf zu führen.
„Du sagst nichts“, bemerkte Khan.
Kayla schüttelte einfach den Kopf und ging weiter.
Im Esszimmer zog er einen Stuhl heraus und gestikulierte, dass sie sich setzen solle. Als sie es tat, senkte er den Kopf und beugte sich zu ihrem Ohr.
„Ich muss dem Rudel mitteilen, dass ich die Vollmondjagd heute Nacht nicht anführen werde.“
„Warum?“
„Meine Instinkte sagen mir, dass deine Leute versuchen werden, dich zu holen, sobald ich gehe“, antwortete Khan. „Sie wissen, dass ich jagen werde. Ich bleibe lieber zurück und warte auf ihren Zug, als ihnen die Gelegenheit zu geben.“
„Bitte lass die Jagd heute Nacht stattfinden“, sagte Kayla sofort. Khan sah sie an.
„Bitte“, fügte sie leise hinzu. Nach einem Moment nickte er.
„In Ordnung. Ich bin gleich zurück.“
Sobald er gegangen war, trat Axel mit zwei Wölfinnen, die Tabletts mit Essen trugen, in den Raum.
Sie ordneten schnell die Gerichte auf dem Tisch an, während der Beta ein paar leise Anweisungen gab.
Kayla hielt den Blick gesenkt, ihre Finger strichen leicht über die Narben, die sie so sehr zu vergessen versuchte.
Plötzlich drang eine vertraute Stimme in ihren Geist. Das seltsame Mädchen wieder. Kayla hatte immer noch keine Ahnung, wie sie das schaffte.
Normalerweise funktionierten Gedankenverbindungen nur innerhalb eines Rudels und nur durch die Autorität eines Alphas.
Kayla blickte zur Quelle der Stimme. Da war sie, auf einem Stuhl hockend, als wäre der Boden verboten.
Kayla verengte die Augen. Warum steht sie immer auf etwas?
Jedes Mal, wenn sie das Mädchen sah, saß es entweder in einem Baum oder stand auf einem Stuhl.
Kayla hatte nicht die Absicht, mit ihr zu sprechen. Sie hatte immer angenommen, sie sei die Einzige, die das seltsame Kind sehen konnte.
Dann bemerkte sie die Diener. Sie starrten das Mädchen ebenfalls an. Also bildete sie es sich nicht ein.
„Alpha Khan hat eine seltsame Fantasie“, kicherte das Mädchen.
Diese Worte klangen viel zu reif für ein Kind. Kayla reagierte sofort.
„Hör auf“, schnappte Kayla über die Gedankenverbindung.
Es war das erste Mal, dass sie je scharf geantwortet hatte.
„In Ordnung. Lass uns darüber reden, warum ich gekommen bin. Ohne Khan in deinem Leben wirst du für immer so bleiben. Nun, hier ist die Frage, die du dir stellen solltest…“
Sie neigte den Kopf.
„Wird er dich immer noch beanspruchen, wenn er entdeckt, was du bist? Oder will er dich nur wegen dem, was du bist?“
„Was bin ich?“ flüsterte Kayla. „Du scheinst mehr über mich zu wissen als ich selbst.“
Das Mädchen lachte leise.
„Wenn Khan die Wahrheit erfährt, wird er dich nicht beanspruchen. Aber wenn er es nicht tut, wirst du ihn am Ende töten… genauso wie du alle um dich herum getötet hast.“
Kayla starrte sie an, die Lippen vor Schock geöffnet.