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Die große Halle war gewaltig, mit einem Gewölbe, das jedes Geräusch klein und unbedeutend erscheinen ließ. Hikaru trat durch den Bogen, nur ein weiterer anonymer Erstklässler inmitten nervöser Gesichter, doch sofort spürte er einen durchdringenden Blick von vorn. Vizedirektor Wángzǐ stand auf dem Podium und leitete die Einteilungszeremonie mit einer feierlichen Ruhe, die einem Museumsgemälde gleichkam. Dann fiel sein Blick quer durch die Menge auf Hikaru, und diese Ruhe brach. Sein Gesichtsausdruck blieb neutral, doch hinter seinen dunklen Augen blitzte etwas Hungriges auf. Es war der Blick von jemandem, der Hikaru auf eine Weise kannte, die ein Pate nicht kennen sollte.
Hikarus Brust schnürte sich zusammen, sein Körper reagierte, noch bevor sein Verstand folgen konnte. Angst und Anziehung vermischten sich in seinem Bauch zu einer widerlichen Mischung, die ihm ein Kribbeln auf der Haut verursachte, während Wángzǐs Verband ihn nicht losließ. Die anderen Schüler eilten zur Einteilung nach vorn, und Hikaru versuchte, sich unauffällig unter die anderen zu mischen, in der Hoffnung, in der Menge der Roben und des Geflüsters unterzugehen. Es gelang ihm nicht. Als sein Name endlich aufgerufen wurde, stieg Wángzǐ selbst vom Podium herab, anstatt die Aufgabe einem der Hauspräfekten zu überlassen.
„Hikaru Liang. Tritt vor“, sagte der stellvertretende Schulleiter. Seine Stimme hallte mit sanfter, dunkler Autorität durch die Halle.
Hikarus Beine bewegten sich wie von selbst. Aus der Nähe wirkte Wángzǐ noch imposanter – groß, elegant, seine Präsenz füllte den Raum zwischen ihnen. Seine Finger ruhten auf Hikarus Schulter, um ihn für das Einteilungsritual in Position zu bringen, doch sie verweilten dort und drückten mit einem bedächtigen, schweren Druck nach unten. Uralte Magie entfachte sich augenblicklich zwischen ihnen. Hikaru spürte, wie sie wie ein Blitz durch seine Adern fuhr, heiß, elektrisch und völlig unnatürlich, und die gesamte Halle in Stille versinken ließ. Alle konnten das sichtbare Schimmern der Macht sehen, die Wángzǐs Berührung auslöste, und Hikarus Haut brannte an der Stelle, wo sie sich berührten. Er mühte sich, ein neutrales Gesicht zu bewahren und weigerte sich, vor der Menge aufzuschreien oder zusammenzuzucken.
Wángzǐs Finger verkrampften sich einen Augenblick lang, und sein Daumen beschrieb einen kleinen Kreis auf Hikarus Schlüsselbein, das unter dem hohen Kragen seiner Robe verborgen war. „Interessant“, murmelte Wángzǐ so leise, dass es niemand hören konnte.
Die Einteilung ging weiter, doch Hikaru nahm kaum wahr, welchem Haus er zugeteilt worden war. Er konnte sich nur auf die anhaltende Hitze auf seiner Schulter konzentrieren und darauf, wie die Augen seines Paten jede seiner Bewegungen verfolgten, als er auf seine neuen Mitbewohner zustolperte.
„Das ist doch Mist!“
Der Ruf zerriss die Stille. Chìbǎng Shē Xiē stand mit verschränkten Armen und scharfem Gesichtsausdruck im vorderen Bereich des Schlangenhauses. „Das haben wir alle gesehen. Der stellvertretende Schulleiter teilt die Schüler nicht persönlich ein, es sei denn, es geht um Vetternwirtschaft. Jeder weiß, dass Hikaru Liang sein Patensohn ist. Sollen wir etwa ernsthaft annehmen, dass diese Verwandtschaft nichts bedeutet?“
„Genug.“ Wángzǐs Stimme war so kalt, dass der Raum augenblicklich verstummte. Er erhob seine Stimme nicht, doch seine Autorität war unüberhörbar. „Herr Chìbǎng, Verstöße gegen das Protokoll während der Einteilungszeremonie führen zu Punktabzügen. Ich rate Ihnen, sich an Ihren Platz zu halten.“
Chìbǎngs Kiefer verkrampfte sich, doch er setzte sich. Im hinteren Teil des Saals tauschten zwei ältere Schülerinnen, Zhōngchéng Héxié und Yǒngqì, einen berechnenden Blick, als ihre Blicke auf Hikaru ruhten. Die Zeremonie endete in peinlicher Stille, und als die Schüler begannen, sich in Richtung ihrer Schlafsäle zu begeben, packte eine Hand Hikaru am Ellbogen.
„Du musst etwas sehen“, flüsterte ein blondes, exzentrisch wirkendes Mädchen, während ihre Augen durch den Flur huschten. „Im Ostflügel hängt ein Porträt. Du musst es sehen. Sofort.“ Selenes Finger krallten sich in Hikarus Ellbogen, als sie ihn durch den Korridor zog, weg von der sich auflösenden Menge. Ihr übliches fröhliches Geplapper war verstummt, ersetzt durch ein dringendes Flüstern, das ihm ein mulmiges Gefühl gab. „Es wartet schon seit Wochen auf dich. Ich dachte schon, ich würde den Verstand verlieren, aber dann kamst du und –“ Sie brach ab und blickte über die Schulter. Der Flur verengte sich, als sie tiefer in den Ostflügel vordrangen. Fackeln flackerten in eisernen Wandleuchtern und warfen Schatten, die nach ihnen zu greifen schienen. Hikaru spürte ein Engegefühl in der Brust. Selenes Hand zitterte an seinem Ellbogen, ihre Nägel gruben sich so fest ein, dass es blaue Flecken geben würde.
„Von welchem Porträt sprichst du?“, fragte er, doch seine Stimme klang selbst für ihn hohl.
Sie antwortete nicht. Sie zog ihn nur schneller an sich. Hikaru überkam ein plötzliches Gefühl der Entfremdung, und seine Gedanken schossen zurück in ein kleines Zimmer, das nur von einer einzigen Kerze erleuchtet wurde. Das Gesicht seiner Mutter war blass und eingefallen, als sie sich zu ihm beugte. „Du wurdest aus etwas geboren, das niemals hätte sein dürfen“, hatte sie geflüstert, ihre Hände zitterten, als sie seine Schultern umfassten. „Erbe und Abscheulichkeit zugleich, Hikaru. Die Prophezeiung besagt, dass du vollenden wirst, was vor Jahrhunderten begonnen wurde, ob du es willst oder nicht.“ Ihre Augen füllten sich mit Tränen, die sie nicht vergießen wollte. Er war zu jung gewesen, um es zu verstehen, zu verängstigt von der Schwere in ihrer Stimme, um zu fragen, was sie meinte. Das Gesicht seines Vaters war ausdruckslos.Und in seiner Erinnerung blieb eine Leere, die ihn sein ganzes Leben lang verfolgt hatte.
„Hier“, sagte Selene und riss ihn mit ihrer Stimme in die Gegenwart zurück.
Sie standen vor einer hohen Doppeltür. Sie stieß sie auf und gab den Blick auf eine Galerie frei, deren Wände mit Porträts gesäumt waren. Doch nur eines zählte. Es dominierte die gegenüberliegende Wand, massiv und uralt, die Farbe rissig vor Alter. Hikaru trat vor, ihm stockte der Atem. Sein eigenes Gesicht blickte ihm entgegen. Es war unmöglich. Das Porträt war Jahrhunderte alt; er konnte es an den verblassten Pigmenten und dem dunklen Firnis erkennen, aber die darauf gemalte Gestalt war unverkennbar er selbst. Er hatte dieselben markanten Wangenknochen, dieselben dunklen Augen und denselben Ausdruck misstrauischer Trotzigkeit. Ein Adrenalinschub durchfuhr ihn, als er einen weiteren Schritt näher trat.
Dann sah er die zweite Gestalt.
Wángzǐ.
Der stellvertretende Schulleiter stand neben ihm auf dem Gemälde, eine Hand ruhte in einer besitzergreifenden Geste auf Hikarus Schulter. Ihre Körper waren einander zugewandt, so nah, dass sich die bemalten Stoffe ihrer Gewänder überlappten. Sie wirkten, als kannten sie sich schon lange.
„Ich habe die Veränderung beobachtet“, sagte Selene leise hinter ihm. „Zuerst waren es nur Schatten, dann traten die Gesichter deutlicher hervor. Als du ankamst, sah es genau so aus.“
Hikaru konnte den Blick nicht abwenden. Das Porträt zeigte etwas, das seiner Geburt, den Warnungen seiner Mutter und sogar der Prophezeiung, vor der sie ihn zu beschützen versucht hatte, vorausging. Die Verbindung zwischen ihm und Wángzǐ war offensichtlich uralt. Seine Finger streckten sich aus, berührten beinahe die bemalte Oberfläche, und er erkannte die Umarmung als das, was sie war: keine Drohung, sondern ein Versprechen. Die gemalten Figuren bewegten sich. Hikaru stockte der Atem, als sich die Pinselstriche unter dem rissigen Firnis verschoben, und sein eigenes gemaltes Gesicht wandte sich langsam Wángzǐ zu. Die Umarmung wurde fester, während der Stoff wie von einem unsichtbaren Windhauch erfasst wurde und uralte Magie in Wellen von der Leinwand pulsierte und die Luft verzerrte. Plötzlich überkam ihn ein scharfes Erkennen. Das war nicht einfach nur Kunst, die auf ihre Nähe reagierte; das war etwas Lebendiges, das auf ihn gewartet hatte.
„Was zum Teufel ist das?“, fragte Selene mit überschlagender, hoher Stimme.
Die gemalte Hand Hikarus legte sich auf die Brust des gemalten Wángzǐ, seine Finger breiteten sich über dem Herzen aus, und Hikaru spürte, wie sich eine erwidernde Hitze in seiner Handfläche ausbreitete. Er taumelte zurück, doch eine gewaltige Kraft riss ihn wieder vorwärts. Schritte hallten draußen im Korridor wider, schnell und entschlossen. Die Türen der Galerie flogen auf, und Wángzǐ stand mit gebrochener Fassung im Torbogen. Seine Brust hob und senkte sich, als wäre er durch die gesamte Akademie gerannt. Sein Blick fiel zuerst auf das Porträt, dann schnellte er zu Hikaru, und sein Schock verwandelte sich in einen dunklen Hunger.
„Das hättest du noch nicht sehen sollen“, sagte Wángzǐ mit rauer Stimme.
Hikaru schnürte die Kehle zu. „Du wusstest es … Du wusstest die ganze Zeit davon, nicht wahr?“
Wángzǐ betrat die Galerie, und die uralte Magie entfesselte sich und reagierte heftig auf seine Anwesenheit. Die gemalten Figuren drehten sich gleichzeitig um und blickten den lebenden Versionen vor ihnen ins Gesicht. Hikaru spürte einen körperlichen Zwang, der an seinen Gliedern zerrte und ihn näher zu Wángzǐ zwang. Er begriff, dass er der Macht der Magie nicht widerstehen konnte.
„Es ist älter als wir beide“, sagte Wángzǐ leise und kam näher. „Die rituelle Bindung. Die Prophezeiung. Alles war bereits entschieden.“
Selene lehnte sich mit bleichem Gesicht zur Tür. „Das ist nicht richtig … das geht weit über alles hinaus, was uns gesagt wurde.“
Die gemalte Umarmung veränderte sich erneut, und Hikaru sah sie nun deutlich. Ihre Hände waren in einem bestimmten Muster angeordnet, die Finger ineinander verschränkt, eine Geste, die von Eiden und Blutmagie kündete. Die andere Hand des bemalten Wángzǐ ruhte auf der Schulter des ebenfalls bemalten Hikaru und drückte mit demselben bewussten Gewicht darauf, das er schon beim Sortieren angewendet hatte.
Hikarus Hand bewegte sich wie von selbst und griff nach Wángzǐ, als würde sie von unsichtbaren Fäden gezogen. Er versuchte, sich zu wehren und seinen Arm herunterzudrücken, doch die Magie war stärker als sein Wille. Wángzǐs Hand hob sich, um seine zu berühren, und ihre Finger blieben nur wenige Zentimeter voneinander entfernt, zitternd.
„Wehr dich nicht“, murmelte Wángzǐ. „Es macht den Schmerz nur noch schlimmer.“
„Was will es von uns?“, fragte Hikaru mit brüchiger Stimme.
Die Münder der bemalten Gestalten öffneten sich. Die Luft wurde d**k und vibrierte von einer Kraft, die nach Kupfer und Rauch schmeckte. Hikaru spürte, wie sich die Prophezeiung zwischen ihnen zusammenbraute, während uralte Worte alles, was er über Wahlmöglichkeiten und Schicksal wusste, neu formten. Die Finger des Prinzen streiften seine, und die Berührung ließ Hikarus Adern erzittern.
Die gemalten Figuren begannen zu sprechen.