ALEXANDERS SICHT
Ich stürmte durch mein Penthouse. Die glitzernde Skyline Londons breitete sich unter mir aus wie ein Schachbrett, das ich bereits schachmatt gesetzt hatte.
Mit vierundzwanzig hatte ich Kane Global zu einem KI-Imperium geformt, offen und stolz auf meine Homosexualität in einer Welt, die mich immer noch einzusperren versuchte.
Aber dieser Unsinn mit der arrangierten Ehe?
Es war wie eine Schlinge, die sich um meinen Hals zuzog und drohte, meine heimlichen Nächte mit Raymond zu ersticken – dem Mann, mit dem ich mir immer ein Leben aufbauen wollte, meinem Mentor, meinem Ein und Alles. Alle dachten, wir würden den Bund fürs Leben schließen, alle dachten, wir würden heiraten, bis Großvaters Testament wie eine Granate einschlug und alles zerstörte.
„Heirate Enid, oder verabschiede dich vom Erbe“, hallte die Warnung meines Vaters in meinem Kopf wider, jedes Wort ein Stich in die Magengrube.
„Warum machst du dir deswegen immer noch so einen Kopf?“, durchbrach die Stimme meiner Mutter das Chaos, als sie auf den Balkon trat und ihre Absätze leise auf dem Marmor klackten.
Ich wirbelte herum und sah ihr ins Gesicht, meine Brust voller Wut. „Wer zum Teufel ist diese Enid? Wer ist er? Und warum muss ich ihn heiraten?“, platzte es aus mir heraus, meine Wut kochte über.
„Alex, du musst alles bedenken, damit du deinen Vater nicht verärgerst“, warnte meine Mutter mit ruhiger Stimme, doch das besänftigte den Sturm in mir nicht.
„Warum kannst du nichts dagegen tun?! Warum lässt du mich den Rest meines Lebens mit so einem armen, verkommenen Landjungen verbringen?“, fuhr ich sie an.
Meine Mutter sah mich nun an und forderte mich auf, mich zu beruhigen. „Daran können wir nichts ändern, und es ist ja nicht für immer, sondern nur vorübergehend.“
„Ich will einen smarten, smarten Geschäftsmann, Mom. Nicht so einen… Bauernjungen in Jeans und Stiefeln, mit Schultern, als hätte er sein ganzes verdammtes Leben lang Heuballen geschleppt, anstatt Geschäfte abzuschließen!“ Meine Stimme brach vor Frustration.
Sie seufzte und lehnte sich ans Geländer. Ihr Blick war sanft, aber unnachgiebig. „Alex, es sind nur zwölf Monate, nicht zwölf Jahre. Glaub mir, er ist nur so ein Hinterwäldler und kann dir nicht das Wasser reichen.“
Aber ihre Worte besänftigten mich nicht. „Was ist mit Raymond?“, fuhr ich sie an und fuhr mir mit den Fingern durchs Haar, so fest, dass es brannte.
„Er war außer sich, als er von dieser Sache erfuhr. Ich kann ihn nicht verlieren, Mom – nicht für so einen Niemand!“
Sie trat näher, ihre Hand schwebte über mir, als wollte sie mich trösten, wusste es aber besser. „Es ist der Wunsch deines Großvaters, Alex. Du musst ihn respektieren und mit Raymond reden. Mach ihm klar, dass es nur vorübergehend ist, ohne Verpflichtungen.“
Vorübergehend?
Das Wort schmeckte wie Asche.
Raymonds Gesicht blitzte vor meinem inneren Auge auf – sein markantes Kinn, sein fester Blick, das Gefühl, das er mir gab, alles schaffen zu können.
Und jetzt das … dieser Fremde, dieser Junge vom Land, würde im Begriff sein, in meine Welt einzubrechen und alles zu zerstören.
„Du musst dich beruhigen und dich fertig machen“, sagte Mama plötzlich und riss mich aus meinen wirren Gedanken. „Er landet gleich, und du holst ihn am Flughafen ab.“
Mir blieb der Mund offen stehen, ein kalter Schock durchfuhr mich. „Was zum Teufel? Kommt er heute?“
„Jeden Moment“, sagte sie mit ruhiger, aber bestimmter Stimme. „Er wird bald im Land sein, und Sie werden ihn willkommen heißen.“
Ich ballte die Fäuste, meine Nägel gruben sich in meine Handflächen. Dieser Bauernjunge machte schon alles kaputt, was ich geplant hatte! Meine Pläne, meine Zukunft, mein Herz. Er machte mir das Leben zur Hölle, und ich schwor mir, während die Lichter der Stadt unter mir brannten, dass ich ihm die Zeit hier genauso unerträglich machen würde.
ENIDS SICHT
Ich ließ mich auf den Ledersitz des Privatjets sinken und fühlte mich trotz der ruhigen Atmosphäre unruhig.
Die Stewardess kündigte die Landung an.
„Bitte schnallen Sie sich an, wir landen gleich.“
Ich rückte mich ruhig im Sitz zurecht und schloss die Augen, doch die Worte meines Großvaters hallten in meinem Kopf wider.
Kalt und brutal
„Das Vermächtnis deiner Eltern, ausgelöscht.“
Die Bedrohung galt nicht nur mir, sondern auch dem einzigen Band, das ich noch zu den beiden Menschen hatte, die ich viel zu früh verloren hatte.
Ich schloss die Augen, nicht um zu schlafen, sondern um zu fliehen.
Das Bild von Alexander Kane aus Wirtschaftsmagazinen flackerte vor meinen Augen auf – dunkles Haar, ein Grinsen, das Ärger verhieß, Augen, die mit einem einzigen Blick musterten und verwarfen. Ein Mann, der Imperien aus Silizium und Code errichtete, nicht aus Stein und Erde wie ich.
Ein Mann, der Männer bevorzugte!?
Die Ironie war ein bitterer Beigeschmack. Er bekommt einen Bart, und ich einen Käfig.
Das Flugzeug begann zu sinken, der plötzliche Höhenverlust spiegelte das flaue Gefühl in meinem Magen wider. England tauchte unter mir auf, ein weitläufiges Lichtermeer, das im Vergleich zu den sanft gewellten, dunklen Highlands chaotisch und kalt wirkte.
Ich stieg aus dem Flugzeug, und die Stewardess öffnete mir sofort die Tür. Ich hielt nur meinen Aktenkoffer in der Hand. „Um den Rest kümmern wir uns schon.“
Das Ankunftsgate war ein einziges Durcheinander aus polierten Böden und hallenden Durchsagen. Ich ging voran, mein Handgepäck fühlte sich an wie ein Anker. Mein Blick schweifte über die Menge gesichtsloser Fahrer mit Schildern – und dann blieb er stehen.
Da …
Alexander Kane lehnte mit einer ärgerlich-eingeübten Lässigkeit an einer Säule. Er hielt ein Stück Pappe mit einer groben, krakeligen Schrift in der Hand: WILLKOMMEN, IHR SCHNUPPER.
Ein kaltes, scharfes Lächeln huschte über meine Lippen. Es war nicht freundlich.
Es war das Lächeln eines Mannes, der seinen Gegner auf dem Schlachtfeld entdeckt. Also beschloss der Pfau, sein Gefieder zu zeigen.
Ich beschloss, so zu tun, als sähe ich es nicht, und änderte meinen Weg, indem ich direkt an ihm vorbeiging, als wäre er eine unsichtbare Skulptur.
Eine Hand schnellte vor, ihre Finger umklammerten meinen Bizeps wie ein Schraubstock und rissen mich abrupt zum Stehen. Die Berührung war elektrisierend, ein unerwünschter Hitzestoß durch meinen Jackenärmel.
„Bist du verdammt nochmal blind? Siehst du mich nicht hier stehen?“ Seine Stimme war genau so, wie ich sie mir vorgestellt hatte – arrogant, kurz angebunden und voller Verachtung.
Ich drehte mich langsam um und gab mir eine Ruhe, die ich absolut nicht empfand. Mein Blick wanderte abweisend über ihn, von seinen teuer aussehenden Schuhen bis zu seinem perfekt gestylten Haar. „Oh … bist du Alexander?“, fragte ich mit emotionsloser, gelangweilter Stimme.
Sein umwerfendes Gesicht – und mein Gott, war es nervtötend gutaussehend – verzerrte sich vor Wut. „Bist du verdammt nochmal blind?!“, wiederholte er lauter und zog damit Blicke von Passanten auf sich.
Ich schnalzte leise mit der Zunge, ein Geräusch gespielter Enttäuschung. „Keine Schimpfwörter, bitte. Das ist viel zu gewöhnlich.“ Ich streckte ihm meine Aktentasche entgegen, eine passiv-aggressive Testattacke.
Ja … trau dich doch!
Und tatsächlich, er ging darauf ein!
Seine Augen blitzten finster und gefährlich auf, bevor er den Koffer wegschlug. Er klapperte laut auf den Fliesen. Das Geräusch hallte in der plötzlichen Stille zwischen uns wider.
„Du hast mir verdammt noch mal gar nichts zu sagen, du Landei“, knurrte er, jedes Wort ein gezielter Dolchstoß.
Ich hielt seinem stechenden Blick einen Moment länger stand, die Spannung zwischen uns war zum Greifen nah.
Ich hatte es bestätigt. Er war wirklich der arrogante Mistkerl, von dem ich gehört hatte.
Ohne ein weiteres Wort bückte ich mich, meine Bewegungen bedächtig und langsam, und hob meinen Aktenkoffer auf, doch ich spürte seinen stechenden Blick in meinem Nacken.
Er drehte sich um und marschierte davon, in der Erwartung, dass ich ihm folgen würde.
Und natürlich tat ich das.
Ich folgte ihm, meine Wut wie ein kalter, harter Stein in meinem Magen. Draußen war die englische Luft feucht und beißend.
Er steuerte direkt auf einen protzigen braunen Porsche zu und ließ sich auf den Beifahrersitz gleiten, den er für mich freiließ.
Ein klares Machtspiel?
Steig ein, du fährst mit.
Ich ließ mich in den Ledersitz gleiten. Der Innenraum roch nach seinem Parfüm – etwas Teures, Würziges und absolut Unerträgliches.
Er drehte sich sofort zum Fenster und präsentierte mir die starre Linie seiner Schulter und die perfekt geformten Kieferpartien.
Er ist so verdammt kindisch und trotzig.
Der Fahrer, ein stummes Gespenst vorne, fuhr vom Bordstein weg und reihte sich in den Londoner Verkehr ein. Die Stille im Auto war greifbar, drückend und erdrückend.
Ich starrte geradeaus und beobachtete das verschwommene Lichtermeer der Stadt, doch mein ganzes Wesen war sich des Mannes neben mir übermäßig bewusst. Die subtile Gewichtsverlagerung. Der leise, frustrierte Seufzer, den er nicht ganz unterdrücken konnte.
Das Bedürfnis, ihn zu brechen, diese dämliche, eisige Behandlung zu beenden, war überwältigend.
Und ich beschloss, ihn mit Höflichkeit zu töten.
„Wie geht es dir?“, fragte ich mit ruhiger Stimme, die die Stille durchbrach.
Er drehte sich nicht um, er rührte sich nicht einmal. Seine Antwort war ein leises, giftiges Flüstern zum Fenster.
„Du stinkst nach Gras, du Hinterwäldler. Also halt die Klappe.“