KAPITEL 3

1183 Words
ENIDS SICHT „Du stinkst nach Gras, du Hinterwäldler.“ Die Worte waren hart, doch die rohe Feindseligkeit dahinter war unmissverständlich und erschreckend real. Eine neue Welle der Wut, heiß und aufwallend, durchfuhr mich, während ich meine Finger krallte, bis sie weiß wurden. Zwölf Monate! Die Zahl hallte in meinem Kopf wider wie ein Todesurteil. Dieser Mann war nicht nur ein Hindernis, das es zu überwinden galt; er würde mir die reinste Hölle bereiten. Der Wagen machte eine sanfte Kehrtwende und unterbrach meine Gedanken, als er durch ein imposantes Tor fuhr und vor einem prächtigen modernen Gebäude zum Stehen kam. Dann verstummte der Motor und hinterließ eine Stille, die irgendwie lauter war als das Summen der Stadt. Alexander war als Erster aus dem Wagen gestiegen, ohne mich auch nur eines Blickes zu würdigen, als er ungeduldig auf dem Bürgersteig stand, eine dunkle Gestalt vor dem Gebäude. Ich holte tief Luft, die kühle Nachtluft konnte die Hitze unter meiner Haut kaum lindern, und folgte ihm. Meine Augen wanderten über die strengen, einschüchternden Linien dessen, was mein Gefängnis werden sollte. „Los, du Landei. Oder hast du noch nie eine richtige Villa gesehen?“, fuhr er mich an, seine Stimme durchbrach die Stille der Nacht. Nicht schon wieder dieser arrogante Mistkerl! Ich unterdrückte die Erwiderung, die mir auf der Zunge lag, schnappte mir einfach meine Aktentasche und folgte ihm hinein. Das Penthouse bot eine atemberaubende Aussicht, wirkte aber isolierend und steril. Es fühlte sich leer an, trotz seiner Größe, wie ein goldenes Grab für meine Freiheit. Das erste Gesicht, das ich sah, bestätigte alles: Ich würde eine ganz besondere Art von Hölle erleben. Eine Frau, vermutlich Alexanders Mutter Rosa, stand mitten im riesigen Wohnbereich. Sie trug elegante, kostbare Stoffe und strahlte eine frostige Eleganz aus. „Oh, mein lieber Junge, wie war die Reise?“, fragte sie, während sie auf Alexander zuging und sein Gesicht mit einer Vertrautheit umfasste, die alle anderen im Raum ausschloss. Ihr Blick glitt über mich, als wäre ich Teil des Möbelstücks. „Es war anstrengend“, sagte Alexander und streckte theatralisch den Hals. „Ich brauche dringend Schlaf.“ Auf einem niedrigen Sofa saßen ein Teenager-Mädchen und ein Mann in meinem Alter, vertieft in ihre Handys. Ihre Finger tippten über die Bildschirme, völlig unbeeindruckt von meiner Ankunft. Gerade als Alexander sich der Treppe näherte, ertönte eine tiefe, autoritäre Stimme, die ihn abrupt innehalten ließ. „Wage es nicht, Alex. Komm sofort runter, wir essen zusammen.“ Ich folgte dem Geräusch und mein Blick fiel auf Kane David. Ich kannte ihn aus unzähligen Firmenporträts, den Patriarchen. Denjenigen, der hier die wahre Macht in Händen hielt. Denjenigen, der diese Farce entweder zum Erfolg führen oder sie scheitern lassen konnte. Die Atmosphäre im Raum veränderte sich schlagartig, als Alexanders Haltung von entspannt zu angespannt wechselte. Die Luft war zum Schneiden d**k, und es war deutlich, dass alle von ihm eingeschüchtert waren. Dieser plötzliche Umschwung offenbarte seine mächtige Präsenz und die Furcht, die er auslöste. Hatten alle Angst vor ihm? Interessant! „Er sagte, er müsse sich ausruhen, David“, warf Rosa ein, ihr Versuch, sich einzumischen, wirkte durchsichtig und gekünstelt. „Woher hast du diese Unparteilichkeit, Rosa?“, fragte David mit trügerisch ruhiger Stimme, doch sie trug eine Schwere in sich, die den Raum verstummen ließ. „Siehst du den jungen Mann da nicht? Wo sind deine Manieren?“ Ein schwaches, völlig unwillkürliches Lächeln huschte über meine Lippen. So ist das also? Rosas Augen blitzten bitter auf, doch sie unterdrückte schnell ein gezwungenes Lächeln. „Ich wollte ihn gerade begrüßen …“ „Hör auf mit dem Theater, Rosa, und lass uns essen!“, donnerte David, drehte sich um und marschierte auf einen Torbogen zu. Die beiden auf dem Sofa blickten endlich auf, wechselten einen stummen, misstrauischen Blick und folgten Kane wie ausgeschimpfte Kinder. Rosa und Alexander reihten sich ein, und ich folgte ihnen als Letzter, wie ein einsamer Wolf, der sich widerwillig dem Rudel anschloss. Wir aßen schweigend, nur das Klirren von Gabeln, Löffeln und Messern war zu hören. „Wie war deine Reise hierher, Enid?“, fragte David, seine Stimme durchschnitt die angespannte Stille wie ein Messer. Ich hörte Rosas leises, gereiztes Zischen von der anderen Seite des Tisches, aber sie war mir völlig egal. „Es war in Ordnung, danke. Ich bin… froh, endlich hier zu sein“, sagte ich, und die Lüge schmeckte mir wie Asche im Mund. „Du bist herzlich willkommen in unserer Familie. Und ich hoffe, wir werden alle eine angenehme Zeit zusammen verbringen“, erwiderte David und hielt meinen Blick einen Moment länger als nötig fest – ein stilles Einverständnis mit dem Spiel, das wir alle spielten. Gerade als ich meine Gabel hob, um weiterzuessen, sprach das Mädchen mit gelangweilter Verachtung in der Stimme: „Warum zum Teufel siehst du aus wie ein Bauernjunge?“ Es folgte eine eisige Stille, und ich legte langsam meine Gabel hin, das Metall klapperte auf dem Teller. Dann fixierte ich sie mit meinem Blick, und mein Puls pochte vor kalter Wut. Ich formulierte bereits eine Antwort, die ihre anmaßende Art auf die Probe stellen würde, als David sich einmischte. „Ich denke, das reicht für heute Abend“, sagte er, und sein Ton ließ keinen Widerspruch zu. „Alexander, warum bringst du Enid nicht in sein Zimmer?“ Diese Abfuhr war wie ein Schlag ins Gesicht für mich, und ich nickte nur und schob meinen Stuhl zurück. „Danke fürs Essen.“ Ich folgte Alexanders steifem Rücken aus dem Esszimmer, einen breiten Flur entlang, der mit abstrakter Kunst geschmückt war. Er blieb vor einer Tür stehen, stieß sie auf und trat mit einer verächtlichen Armbewegung beiseite. „Das ist dein Zimmer, du Landei“, sagte er. Diese Stichelei entfachte meine Wut. Ich trat über die Schwelle, meine Bewegungen bedächtig, und drehte mich zu ihm um, als die Tür hinter mir ins Schloss fiel und uns in dem geräumigen, neutral eingerichteten Zimmer einschloss. „Es ist Enid“, sagte ich leise, und jeder Muskel in mir war angespannt vor Anstrengung, die Fassung zu bewahren. Er lehnte sich mit der Schulter gegen den Türrahmen, ein Bild gespielter Lässigkeit, doch mir entging die subtile Anspannung in seiner Haltung nicht. „Ach so? Ich dachte, es hieße ‚Bauernjunge‘.“ Ein trockenes, humorloses Lachen entfuhr mir, als ich einen Schritt vortrat, dann noch einen. Ich verringerte den Abstand zwischen uns, bis ich direkt vor ihm stand, nah genug, um die leichten Stoppeln an seiner Kinnlinie zu erkennen und den dezenten, teuren Duft seines Parfums in der sterilen Luft zu riechen. Er schluckte, eine winzige, kaum wahrnehmbare Bewegung. Er bemühte sich so sehr, Kühnheit auszustrahlen, doch ich sah hinter der Arroganz etwas anderes aufblitzen. Unsicherheit? Vorsicht? „Du hast keine Manieren“, zischte ich, die Worte kaum mehr als ein Flüstern, aber sie hallten in dem stillen Raum wider. Er weigerte sich, nachzugeben, hob trotzig das Kinn, seine Augen funkelten. „Und du riechst nach Gras und Heu, du Landei!“ Vielleicht habe ich mich ja doch geirrt …
Free reading for new users
Scan code to download app
Facebookexpand_more
  • author-avatar
    Writer
  • chap_listContents
  • likeADD