KAPITEL 4

1461 Words
ENIDS SICHT Am nächsten Morgen wachte ich auf. Die Sonne schien mir ins Gesicht, so wie Alex mir sonst immer in den Bauch schlägt. Ich drehte mich um, die teuren ägyptischen Baumwolllaken, und setzte mich auf die Bettkante. Ich fuhr mir mit den Händen übers Gesicht. Die rauen Stoppeln gaben mir Halt in dieser unwirklichen Situation. Meine Schläfen pochten leise und frustriert. Und genau in diesem Moment zerriss das scharfe Klicken der Tür die Stille. Ich musste nicht hinsehen, um zu wissen, wer es war. Natürlich Alex. Er stürmte ins Zimmer, als gehöre ihm jeder Winkel, und im Moment benahm er sich, als gehöre ihm die Luft in meinem geliehenen Zimmer. „Steh endlich auf, du Landei!“, zischte Alex. Endlich drehte ich den Kopf und sah ihm in die Augen. Er trug noch immer den dunklen Seidenpyjama von letzter Nacht, dessen Stoff sich auf eine unangenehm elegante Weise an seine goldene Gestalt schmiegte. In seinen Händen hielt er ein Tablet wie ein Zepter. „Ich denke, du solltest lernen, anzuklopfen, bevor du die Privatsphäre eines anderen betrittst“, erwiderte ich mit leiser, noch etwas verschlafener Stimme. Ich rührte mich keinen Zentimeter. „Und ich denke, du solltest dir Pünktlichkeit angewöhnen, wenn du bei jemand anderem zu Gast bist!“, fuhr er mich an, seine grauen Augen blitzten. Ein Gast? Genau! Eher ein Kriegsgefangener. Ich wollte gerade die Beine aus dem Bett schwingen, als er plötzlich das Tablet, das er hielt, schleuderte. Es sauste durch die Luft, streifte meinen Ellbogen mit einem dumpfen Aufprall und landete neben mir auf der Matratze. Und diese beiläufige Heftigkeit dieser Geste jagte mir einen neuen Wutanfall durch den Körper. „Das ist der heutige Zeitplan, du Trottel. Präg ihn dir ein, bevor wir losfahren“, befahl er mit unmissverständlicher Stimme. Ich seufzte tief und langsam, um den Zorn in mir zu besänftigen. Ich stand auf und rückte meinen Baumwollpyjama zurecht, während ich zum großen Spiegel ging. Mein Spiegelbild zeigte einen Mann, der sich redlich bemühte, unbeeindruckt zu wirken. „Was mich betrifft, Alex, hast du mir nie einen Zeitplan gegeben.“ „Was zum Teufel soll das heißen?“, fuhr er mich ungläubig an. Ich wandte mich vom Spiegel ab und ging mit bewusst langsamen und abweisenden Bewegungen ins Badezimmer. „Wie wär’s, wenn du mir das Tablet wie ein zivilisierter Mensch gibst? Dann sehe ich es mir auch an.“ Er stieß ein kurzes, höhnisches Lachen aus. „Und warum kannst du es nicht einfach wie ein normaler Mensch vom Bett nehmen?“ Herausforderung angenommen. Ich ignorierte ihn völlig. Ich öffnete meine Aktentasche – die vertraute Handlung war ein kleiner Trost – und holte Zahnbürste und Zahnpasta heraus. Ich ging ins Badezimmer, drehte den Wasserhahn auf und begann konzentriert meine Zähne zu putzen, den Blick fest auf mein Spiegelbild gerichtet. Das gleichmäßige, rhythmische Geräusch der Zahnbürste erfüllte den Raum. Ich war wie ein Fels in seinem Wutstrom; er konnte toben, so viel er wollte, ich würde mich nicht rühren. „Ach, du verarschst mich doch, oder?“ Er schlug mit der Hand gegen den Türrahmen. Die Vibrationen waren durch die Wand zu spüren, aber ich putzte, spülte und spuckte einfach weiter. Ich tat so, als wäre er nichts weiter als eine Mücke, die mir im Ohr summte. Als ich fertig war, ging ich zurück ins Schlafzimmer und wischte mir mit einem Handtuch den Mund ab. Und siehe da, er war immer noch da, seine Brust hob und senkte sich vor kaum gezügelter Wut. Es schien, als würde er endlich gehen, aber er musste das letzte Wort haben. So ein Mann wie er tat das immer. „Weißt du was? Wir werden sehen, wer zuletzt lacht“, zischte er. Die Drohung hing wie Rauch in der Luft, bevor er schließlich hinausstürmte und die Tür so heftig zuschlug, dass ein Bild an der Wand klirrte. Die plötzliche Stille war ohrenbetäubend. Ich atmete erleichtert aus, ohne es bemerkt zu haben, und mein Blick fiel auf das verfluchte Tablet, das bewusstlos auf dem Bett lag. Ich hob es auf, meine Finger umklammerten es fest, und ließ es mit einem abweisenden Klirren auf den Nachttisch fallen, ohne auch nur einen Blick auf den Bildschirm zu werfen. Ich würde mich um ihn kümmern, aber nach meinen Regeln, beharrlich. Und genau in diesem Moment klingelte mein Handy. Das schrille Klingeln durchbrach die Anspannung, als ich auf den Bildschirm blickte. Opa?! Meine Knöchel wurden weiß um das Gerät, während ich die Landschaft draußen vor meinem Fenster betrachtete. Er war der Grund für diese neue Hölle. Ich sah zu, wie der Anruf auf die Mailbox umgeleitet wurde, mein Kiefer war so fest zusammengebissen, dass es schmerzte, aber er gab nicht auf. Er rief sofort wieder an, seine Hartnäckigkeit war eine besondere Art von Folter. Auch diesen Anruf ließ ich auf die Mailbox gehen, denn ich hatte keine Lust auf seine beschwichtigenden, Schuldgefühle einredenden Worte. Einen Moment später erschien Jax’ Name auf dem Display, und ich nahm den Anruf an und presste das Handy ans Ohr. „Warum hast du meine Sachen noch nicht runtergeschickt?“, fragte ich, ohne zu grüßen. „Es tut mir so leid, Sir“, ertönte Jax’ Stimme, blechern und entschuldigend. „Die Sicherheitsvorkehrungen hier sind extrem streng. Der Kurier musste drei Kontrollpunkte passieren und komplett durchleuchtet werden. Es war der reinste Albtraum.“ Eigentlich hatte ich Jax gebeten, hier zu bleiben und ein Auge auf die Firma zu haben, während er mir detailliertes Feedback gab. „Die Albträume interessieren mich nicht, Jax. Ich brauche meine Sachen. Sorg dafür, dass sie mir zugeschickt werden. Ich schicke dir die Adresse per SMS“, sagte ich, ohne weitere Entschuldigungen zuzulassen, bevor ich auflegte. In diesem Moment hallten laute, wütende Schläge und gedämpfte Rufe aus den tieferen Teilen des Penthouses wider. Er war es. Natürlich war er es. Was macht er denn jetzt schon wieder kaputt? ALEXANDERS SICHT Ich knallte meine Schlafzimmertür zu, der Knall hallte befriedigend durch den Raum. Mein Blut kochte förmlich in meinen Adern, eine heiße, unruhige Energie verlangte nach einem Ventil. Dieser Hinterwäldler, dieser anmaßende, herablassende Bauer. Was bildete er sich eigentlich ein, mich in meinem eigenen Haus so abzuweisen? Ich musste ihm seine Grenzen aufzeigen, ihm klarmachen, dass sein vorübergehender Aufenthalt hier von meiner Toleranz abhing, einer Ressource, die er rapide aufzehrte. Aber mein Vater, David, dieser Nasenbohrer, war wie eine Kette um meine Knöchel. Er wollte diese Fusion, diese Farce von einer Ehe, mit einer Inbrunst, die alles andere in den Schatten stellte. Dieser widerwärtige Mann … Ich fuhr mir mit den Fingern durchs Haar und lief wie ein Panther im Käfig in meinem Zimmer auf und ab. Mein Handy vibrierte auf der Kommode, ein Rettungsanker, den ich sofort griff. Es ist Raymond. Mein Magen machte ein vertrautes, aufregendes Kribbeln, dem sofort ein widerliches Gefühl der Angst folgte. „Hey…“, murmelte ich und versuchte, ruhig und unbeeindruckt zu klingen. „Also, das war’s?“, fragte Raymond mit kalter, scharfer Stimme. „Du heiratest wirklich so einen Hinterwäldler?“ Er weiß es… Natürlich weiß er es. „Ray… hör mir zu, es ist nicht echt. Es ist ein Vertrag, eine Geschäftsvereinbarung, und es ist vorbei, bevor sich irgendjemand überhaupt daran erinnert, wie es angefangen hat, versprochen“, flehte ich und hörte die Verzweiflung in meiner Stimme. „Ach, halt die Klappe, Alex!“, zischte er. „Wenn du mit ihm verheiratet bist, was passiert dann mit uns? Hä? Wie sollen wir uns denn treffen? Wie sollen wir denn irgendetwas unternehmen? Glaubst du, ich werde dein kleines, schmutziges Geheimnis sein, das du vor deinem Mann versteckst?“ Das Wort „Ehemann“ klang wie ein Fluch aus seinem Mund. „Wir können immer noch alles schaffen, Ray. Er ist ein Niemand, nur ein Platzhalter, und er kann rein gar nichts für dich, für uns tun. Wir sind real. Das hier“, sagte ich und gestikulierte wild in den leeren Raum, „ist nur Papierkram.“ Die Stille am anderen Ende war schwerer als jedes Geschrei. „Ich glaube dir kein Wort von dem Scheiß, Alex. Fick dich, Alex, und fick euch beide.“ Die Verbindung war tot. Verdammt! Ich starrte auf das Telefon, eine kalte Betäubung durchfuhr mich. Jahrelang hatte ich mir sorgsam ein Leben aufgebaut, eine Person erschaffen, die alles haben konnte – das Imperium, die Macht, den Mann, den ich mir wirklich gewünscht hatte. Und jetzt würde dieses eine störrische, blauäugige Hindernis alles zerstören, ohne es überhaupt zu versuchen. Das durfte nicht passieren, ich würde es nicht zulassen. Ich muss ihn brechen, ich muss ihm das Leben hier so zur Hölle machen, dass er zurück auf seine schottischen Felder flieht und nie wieder zurückblickt. Ich muss alles in meiner Macht Stehende tun.
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