KAPITEL5

938 Words
ENIDS SICHT Das laute Zuschlagen einer Tür am Ende des Flurs kündigte Alexanders Rückzug an, und die darauf folgende Stille fühlte sich schwerer an als das Geschrei. Ich atmete tief und zitternd aus, ohne es vorher bemerkt zu haben. Der Raum war nun still, die Einrichtung wirkte mehr denn je wie ein goldener Käfig. Ich griff nach einem Handtuch von der Stange. Die weiche Baumwolle des Handtuchs konnte meine strapazierten Nerven kaum beruhigen, und ging zur Dusche, verzweifelt bemüht, die Anspannung von meiner Haut zu waschen. Da hielt mich ein leises, bedächtiges Klopfen an der Tür inne. Es war nicht Alexanders wütendes Hämmern; dies war kalkuliert, kontrolliert. Ich ging langsam zur Tür, meine nackten Füße lautlos auf dem polierten Holzboden, drehte den Griff und öffnete sie nur so weit, dass Rosa vor mir stand, ein Sinnbild strenger Eleganz. Ihr Gesichtsausdruck war eine Maske neutraler Höflichkeit, doch ihre Augen waren scharf und prüfend. „Guten Morgen, Ma’am“, murmelte ich, den Blick fest auf ihren gerichtet, ohne den Blick abzuwenden. Sie erwiderte den Gruß nicht. Stattdessen drängte sie sich an mir vorbei ins Zimmer, der Duft ihres teuren Parfums umfing mich, als sie die Tür mit einem leisen Klicken schloss und stumm vor mir stehen blieb, mir den Weg versperrte. „Brauchen Sie etwas?“, fragte ich mit angespannterer Stimme als beabsichtigt. „Sie sind Enid, richtig?“, fragte sie mit eiskaltem Ton, jedes Wort ein präzise platzierter Spott. „Ja, das bin ich. Brauchen Sie etwas?“, wiederholte ich, meine Verärgerung brodelte unter der Oberfläche. Was bildet sie sich eigentlich ein? Sie ignorierte meine Frage erneut, ihre dunklen Augen musterten mein Zimmer, als wolle sie eine Bestandsaufnahme machen. „Mein Sohn ist heute Morgen nicht er selbst. Was genau ist zwischen Ihnen beiden vorgefallen?“ Er ist es nicht? Ich hob eine Augenbraue, ein finsteres Grinsen drohte, meine gefasste Fassade zu durchbrechen. „Ist er das nicht? Hätte ich nicht gedacht.“ „Er ist mein Sohn“, sagte sie und richtete ihren Blick mit einer fast körperlichen Intensität wieder auf mich. „Ich kenne ihn besser als jeder andere Mensch auf der Welt.“ Mein Blick huschte über sie, während ich ihre Kleidung musterte. Sie trug ein strenges schwarzes Business-Outfit, die klaren Linien ihres Blazers und die hohen Absätze – an diesem Dresscode erkannte ich, dass sie auf dem Weg ins Büro war. „Wir hatten nur ein kleines Missverständnis. Eigentlich ist es nichts“, sagte ich und zwang mich zu einem ruhigen, gleichmäßigen Tonfall, den ich nicht empfand. „Das darf nicht passieren.“ Sie machte einen Schritt nach vorn, und der Raum schien sich zu verkleinern. „Du bist aus einem bestimmten Grund hier, Enid, und es ist deine Aufgabe, dafür zu sorgen, dass er sich wohlfühlt, dass diese… Vereinbarung reibungslos verläuft. Bist du nicht der zukünftige Ehemann?“ Meine Aufgabe? Die Worte waren wie ein brennendes Streichholz, das in meiner Wut glimmte. Ich bin verdammt nochmal nicht die Babysitterin für deinen unkonzentrierten Mann-Jungen. Ich spürte, wie sich meine Faust ballte, meine Nägel sich in meine Handfläche gruben. Ich hatte mich auf den stechenden, bohrenden Schmerz konzentriert und ihn genutzt, um meine Wut zu zügeln. „Na gut“, murmelte ich, kaum mehr als ein Flüstern, die Worte schmeckten wie Asche. „Ich werde nächstes Mal vorsichtiger sein.“ „Gut.“ Das eine Wort war eine Abweisung und ein Befehl zugleich. Sie trat zwei weitere Schritte in den Raum, ihr Blick musterte mich weiterhin kalt. „Du musst deinen Platz hier verstehen, Enid. Du bist Gast im Haus meines Sohnes. Du bist Gast im Haus meines Mannes, und du tust gut daran, dir zu merken, dass all dies …“ Sie deutete vage auf die luxuriöse Umgebung, „… dir zuliebe geschieht.“ Meiner Zuneigung? Ich war sprachlos angesichts ihrer Dreistigkeit. Glaubt diese Frau etwa ernsthaft, ich wolle irgendetwas mit dieser verdammten Ehe zu tun haben? „Meinen Gefallen?“, fragte ich schließlich mit emotionsloser Stimme und forderte sie auf, es zu wiederholen. „Ja“, bekräftigte sie, ihr Blick bohrte sich in mich, todernst. „Wir holen dich von diesem … rustikalen schottischen Bauernhof … und führen dich in eine Welt wahren Luxus und wahrer Macht ein. Eine Welt, die dir allein nie zugänglich gewesen wäre.“ Bauernhof?! Das Wort hallte in meinem Kopf wider, eine bewusste, herablassende Beleidigung. Was zum Teufel stimmt nicht mit diesen Leuten? Sie sahen alles als Geschäft, als Hierarchie. Mein Leben, mein Zuhause, reduziert auf eine skurrile Rückständigkeit, von der sie mich retten konnten. Ich schluckte die bittere Erwiderung herunter, die mir auf der Zunge brannte. „Okay, ich verstehe. Ich werde es mir merken.“ „Es gibt viele Regeln in diesem Haus, und ich könnte sie alle aufzählen, aber“, sie warf einen Blick auf ihre schmale Diamantenuhr am Handgelenk, ein Anflug von Ungeduld in ihren Augen, „schnell, schnell. Ich bin schon spät dran für die Arbeit.“ Sie trat zurück zur Tür, die Hand am Griff. Sie hielt inne und neigte den Kopf. „Ich bin sicher, du weißt, was jetzt zu tun ist.“ „Was denn?“, fragte ich, sofort wieder in Alarmbereitschaft. „Willst du nicht mit Alexander sprechen?“, sagte sie, als wäre es das Selbstverständlichste der Welt. „Du hast ihn verärgert, und es ist deine Verantwortung, das wieder gutzumachen.“ Ein gefährliches, hauchdünnes Lächeln huschte über ihre perfekt geschminkten Lippen. „Sein Zimmer ist direkt gegenüber von deinem, tu das Richtige“, sagte sie. „Und wenn ich mich weigere?“, hakte ich nach.
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