Der Kerker lag tief unter dem Herzen von Schloss Silbermond, dort, wo der Fels selbst zu atmen schien. Feuchtigkeit tropfte von der Decke, ein stetes, langsames Trommeln wie ein zweiter Herzschlag. Phoebe saß auf dem kalten Boden, Rücken gegen die Wand gelehnt, Knie angezogen. Ihre Handgelenke waren mit grobem Hanfseil gefesselt, die Knoten so fest gezogen, dass die Haut bereits rot und geschwollen war. Der Knebel aus Leder und Stoff drückte gegen ihre Zunge, schmeckte nach altem Schweiß und nach Angst, die nicht ihre eigene war.
Sie hatte nicht geschlafen.
Jede Stunde, die verging, fühlte sich an wie ein weiterer Stich in ihre Brust. Das Band pulsierte unruhig, ein ständiges Ziehen, das sie daran erinnerte, dass George irgendwo über ihr war, wahrscheinlich in jenem Turmzimmer, wo sie sich gegenseitig zerstört hatten. Er schlief vielleicht. Oder er lag wach und starrte in die Flammen, genau wie sie es getan hatte, bevor die Wachen gekommen waren.
Die Tür zum Kerker öffnete sich mit einem rostigen Quietschen. Schwere Stiefel hallten auf den Steinstufen.
Lord Harlan trat ein.
Er trug einen dunklen Pelzmantel, der mit frischem Schnee bestäubt war, als wäre er gerade von draußen hereingekommen. Sein Gesicht war eine Maske aus Stein, doch die Augen glühten vor kalter Wut. Hinter ihm folgten zwei Wachen, die Cates zwischen sich hielten. Ihre Halbschwester war bleich wie frisch gefallener Schnee, die Hände vor dem Körper gefesselt, das silbergraue Kleid zerrissen an der Schulter. Doch sie hielt den Kopf hoch. Keine Tränen. Kein Flehen.
Harlan blieb vor Phoebe stehen. Er musterte sie lange, als wäre sie ein Insekt, das er noch nicht zerquetscht hatte.
„Du hast dich als nützlicher erwiesen, als ich je gedacht hätte“, sagte er schließlich. Seine Stimme war leise, fast väterlich. „Eine unmarked Hure, die den Prinzen von Blackthorn so sehr ablenkt, dass er seine Pflicht vergisst. Fast bewundernswert.“
Phoebe starrte ihn an. Der Knebel verhinderte jedes Wort, doch ihre Augen sprachen für sie. Hass. Reiner, brennender Hass.
Harlan lächelte dünn. „Aber Ablenkung ist gefährlich. Und du bist gefährlich geworden.“
Er wandte sich an die Wachen. „Bringt die Luna in die Vorbereitungskammer. Sie soll gebadet, gekleidet und parfümiert werden. Die Zeremonie findet morgen bei Sonnenuntergang statt. Keine Verzögerung mehr.“
Cates wurde weggezerrt. Sie warf Phoebe einen letzten Blick zu. Kein Wort. Nur ein winziger Nicken, kaum wahrnehmbar. Eine stille Botschaft: Halte durch.
Die Tür fiel zu. Nun waren nur noch Harlan und Phoebe im Kerker.
Er kniete sich langsam vor sie hin, bis ihre Gesichter auf einer Höhe waren.
„Ich habe dich unterschätzt“, murmelte er. „Das war mein Fehler. Aber Fehler korrigiert man.“
Er griff in ihren Nacken, zog ihren Kopf nach vorn, bis ihre Stirn fast seine berührte. „Du wirst zusehen. Du wirst jeden Moment sehen. Wie er Cates nimmt. Wie er sie markiert. Wie er sie schwängert. Und danach… wirst du sterben. Langsam. Vor dem versammelten Rudel. Als Warnung an jede, die je daran denkt, sich über ihre Stellung zu erheben.“
Phoebe spürte, wie etwas in ihr zerbrach. Nicht aus Angst. Aus reiner, kalter Klarheit.
Sie würde nicht sterben.
Nicht heute.
Nicht morgen.
Nicht, solange das Band noch in ihr lebte.
Harlan stand auf, klopfte sich den Staub von den Knien. „Morgen bei Sonnenuntergang. Genieße die letzten Stunden deiner nutzlosen Existenz.“
Er ging.
Die Tür fiel ins Schloss.
Stille.
Phoebe wartete, bis die Schritte verklungen waren. Dann begann sie zu arbeiten.
Ihre Finger, obwohl gefesselt, waren geschickt. Jahre des Dienens hatten sie gelehrt, mit kleinen Dingen umzugehen. Mit Nadeln. Mit Schlössern. Mit verborgenen Klingen.
Unter dem Saum ihres zerrissenen Kleides hatte sie in der vergangenen Nacht, bevor die Wachen kamen, einen winzigen Splitter aus dem Dolchgriff gebrochen. Nicht viel. Gerade genug, um als improvisiertes Werkzeug zu dienen. Sie hatte ihn in den Stoff eingenäht, tief in den Saum versteckt.
Jetzt tastete sie danach.
Ihre Nägel rissen den Stoff auf. Der Splitter fiel in ihre Handfläche. Klein. Scharf. Silbern.
Sie begann, an den Knoten zu sägen.
Es dauerte lange. Die Seile waren d**k. Ihre Hände zitterten vor Kälte und Erschöpfung. Blut lief über ihre Finger, machte den Griff glitschig. Doch sie hörte nicht auf.
Stunde um Stunde.
Bis der erste Strang nachgab.
Dann der zweite.
Endlich waren ihre Hände frei.
Sie riss den Knebel herunter, sog gierig Luft ein. Ihre Kehle brannte.
Nun der Rest.
Die Zellentür war alt, das Schloss rostig. Phoebe kannte diese Türen. Sie hatte sie jahrelang geputzt, geölt, repariert. Sie wusste, wo die Schwachstellen lagen.
Sie zog den restlichen Dolch unter den Fellen hervor, den sie in der vergangenen Nacht heimlich aus dem Turmzimmer geschmuggelt hatte, bevor die Wachen sie holten. Der Mondsichelgriff lag kühl und vertraut in ihrer Hand. Die Klinge war schmal, aber scharf genug, um Fleisch zu durchdringen.
Sie trat an die Tür, lauschte.
Keine Schritte. Keine Stimmen.
Mit der Klingenspitze begann sie, im Schloss zu arbeiten. Vorsichtig. Präzise. Wie eine Diebin, die sie nie gewesen war, aber immer hätte sein können.
Ein Klicken.
Die Tür schwang auf.
Phoebe trat hinaus in den Gang.
Der Kerker war leer. Die Wachen hatten sich zurückgezogen, sicher, dass eine gefesselte, geknebelte Frau keine Gefahr darstellte.
Ein Fehler.
Sie bewegte sich lautlos die Treppe hinauf. Jede Stufe ein Risiko. Jeder Atemzug ein Gebet.
Das Band zog. Stark. Unerbittlich. Es wollte sie zu George bringen. Zu seinem Bett. Zu seiner Umarmung.
Doch Phoebe widerstand.
Sie ging nicht nach oben in den Turm.
Sie ging nach unten. In die alten Gewölbe. Dort, wo die Archive lagen. Wo die alten Schriften über das Band aufbewahrt wurden. Wo vielleicht, nur vielleicht, ein Weg stand, es zu brechen.
Oder zu benutzen.
Sie fand die schwere Eisentür, die in die verbotene Bibliothek führte. Das Schloss war komplizierter, doch Phoebe hatte Zeit. Und Wut.
Sie arbeitete eine Stunde.
Zwei.
Bis die Tür nachgab.
Drinnen roch es nach altem Pergament und Moder. Fackeln brannten schwach in Wandhaltern.
Phoebe zündete eine Kerze an.
Sie suchte.
Stundenlang.
Bis sie es fand.
Ein uraltes Buch, in schwarzes Leder gebunden, mit silbernen Runen auf dem Einband. Der Titel war in einer Sprache, die sie kaum verstand. Doch sie erkannte das Symbol.
Eine Mondsichel. Durchbohrt von einem Dolch.
Sie schlug es auf.
Die Seiten waren vergilbt, die Tinte verblasst. Doch die Worte brannten sich in ihr Gedächtnis.
„Das wahre Band ist kein Geschenk des Mondes. Es ist eine Waffe. Wer es zuerst bricht, stirbt. Wer es zuletzt bricht, herrscht.“
Phoebe las weiter.
„Nur durch Blut kann das Band getrennt werden. Blut des einen. Blut des anderen. Oder Blut eines Dritten, der geliebt wird.“
Ihr Herz stolperte.
Cates.
Wenn sie das Band brechen wollte, ohne zu sterben… musste sie jemanden opfern, den sie liebte.
Oder jemanden, den George liebte.
Aber George liebte niemanden.
Oder doch?
Das Band summte lauter. Als wüsste es, dass sie es verraten wollte.
Phoebe schloss das Buch.
Sie wusste jetzt, was sie tun musste.
Nicht fliehen.
Nicht warten.
Sie würde zur Zeremonie gehen.
Gefesselt.
Geknebelt.
Aber nicht besiegt.
Sie würde zusehen.
Sie würde warten.
Und wenn der Moment kam, wenn George Cates berührte, wenn er versuchte, sie zu markieren…
Dann würde Phoebe das Band benutzen.
Sie würde es gegen ihn wenden.
Sie würde ihn zwingen, sie zu spüren.
Jeden Schmerz.
Jede Wunde.
Jedes Blut.
Und wenn er dann vor ihr kniete, zerbrochen von dem, was er selbst entfacht hatte…
Dann würde sie zustoßen.
Mit dem Dolch ihrer Mutter.
Und das Band würde brechen.
Oder sie beide würden brechen.
Phoebe versteckte das Buch unter ihrem Kleid.
Sie kehrte in den Kerker zurück.
Legte sich wieder auf den Boden.
Fesselte ihre Hände lose genug, dass sie sich befreien konnte, wenn es nötig war.
Und wartete.
Der Schnee fiel weiter.
Die Nacht wurde tiefer.
Und der Morgen der Zeremonie rückte näher.
Phoebe lächelte in die Dunkelheit.
Sie war bereit.
Für Cates.
Für sich selbst.
Für Rache.
Und für das, was vielleicht Liebe war.
Oder vielleicht nur der letzte Akt eines sehr langen, sehr kalten Winters.