Kapitel 5

2070 Words
Der Tag der Zeremonie brach an wie ein verletztes Tier, das sich langsam aus seinem Versteck schleppt. Der Himmel über Silbermond war bleigrau, der Schnee fiel in dichten, lautlosen Schleiern, die jede Spur von Farbe aus der Welt saugten. Im Hof des Schlosses hatten die Diener bereits den großen Kreis aus Fackeln errichtet. Schwarze Eisenständer, hoch wie Männer, trugen Flammen, die im Wind zuckten und knisterten. Der Schnee ringsum schmolz nicht. Er dampfte nur leicht, als würde die Hitze der Feuer ihn beleidigen. Phoebe wurde aus dem Kerker geholt, als die Sonne kaum über den Bergkämmen stand. Zwei Wachen zerrten sie die Treppen hinauf, ihre Hände wieder gefesselt, diesmal mit Eisenketten, die kalt in ihre Handgelenke bissen. Der Knebel war neu, aus schwarzem Samt und Leder, festgezurrt, sodass sie kaum atmen konnte. Sie trug ein dünnes weißes Gewand, das man ihr übergestülpt hatte, durchsichtig genug, dass die blauen Flecken und Bissmale auf ihrer Haut sichtbar blieben. Eine bewusste Demütigung. Eine Warnung. Sie wurde nicht in den Kerker zurückgebracht. Stattdessen führten die Wachen sie in eine kleine Kammer neben dem großen Saal, von wo aus man durch ein vergittertes Fenster direkt auf den Hof blicken konnte. Ein Käfig aus Stein und Eisen. Genau so, wie Harlan es versprochen hatte. Phoebe wurde an einen Ring in der Wand gekettet. Die Ketten waren lang genug, dass sie stehen konnte, aber nicht weit genug, um das Gitter zu erreichen. Sie stand da, barfuß auf kaltem Stein, und starrte hinaus. Der Hof füllte sich langsam. Das Rudel kam. Hunderte von Wölfen in Menschengestalt, in dunkle Pelze und schwere Mäntel gehüllt. Ihre Gesichter waren hart, ihre Augen glänzten vor Erwartung. Manche flüsterten. Manche lachten leise. Alle warteten auf das Spektakel. In der Mitte des Kreises stand der Altar. Ein Block aus schwarzem Obsidian, poliert, bis er wie ein Spiegel glänzte. Darauf lagen Felle, weiß wie frischer Schnee. Daneben ein silberner Kelch und ein Dolch mit Mondsichelklinge. Der Dolch, der die Markierung vollziehen sollte. Phoebe spürte das Band in ihrer Brust wie ein zweites Herz, das schneller schlug als ihr eigenes. George war nah. Sehr nah. Sie konnte ihn riechen, selbst durch die dicken Mauern hindurch. Dunkler Wald. Rauch. Blut. Und jetzt etwas Neues. Etwas, das nach Zweifel schmeckte. Die Trommeln begannen. Ein tiefer, langsamer Rhythmus, der durch den Boden vibrierte und in ihre Knochen kroch. Das Rudel verstummte. Lord Harlan trat als Erster in den Kreis. Er trug den schwarzen Mantel des Hauses, mit silbernen Wölfen bestickt. Sein Gesicht war eine Maske aus Triumph. Er hob die Hände. „Brüder und Schwestern des Nordens“, rief er. Seine Stimme trug weit, selbst durch das Schneegestöber. „Heute schließen wir ein Bündnis, das unser Rudel für Generationen stärken wird. Prinz George von Blackthorn wird unsere Luna nehmen. Er wird sie markieren. Er wird sie schwängern. Und aus ihrem Schoß wird ein Erbe geboren werden, das die Berge erzittern lässt.“ Das Rudel brüllte. Ein animalisches, hungriges Geräusch. Harlan wandte sich zur Seite. Cates wurde hereingeführt. Sie trug ein Kleid aus reinem Weiß, durchsichtig wie Nebel, bestickt mit silbernen Fäden, die das Mondsichelmal auf ihrem Schlüsselbein umrahmten. Ihre Haare fielen offen über ihren Rücken, golden im flackernden Feuerschein. Ihr Gesicht war ruhig. Zu ruhig. Phoebe kannte diesen Ausdruck. Es war der Ausdruck einer Frau, die längst aufgegeben hatte zu kämpfen. Zwei Frauen führten sie zum Altar. Sie halfen ihr hinauf. Cates kniete nieder, die Hände im Schoß gefaltet, den Blick gesenkt. Phoebe zerrte an ihren Ketten. Die Eisenbänder schnitten in ihre Haut. Blut tropfte auf den Stein. Dann kam George. Er trat aus dem Schatten des Tores, langsam, als würde die Welt ihm gehören. Schwarzer Mantel, der bis zum Boden reichte. Darunter ein enges Hemd aus dunklem Leder, das seine Muskeln betonte. Sein Haar war zurückgebunden, sein Gesicht bartlos und scharf geschnitten. Die sturmgrauen Augen suchten sofort das vergitterte Fenster. Sie trafen Phoebes Blick. Einen Herzschlag lang blieb alles stehen. Das Band explodierte in ihrer Brust wie ein Feuersturm. Phoebe keuchte in den Knebel hinein. Ihre Knie gaben nach. Sie hing in den Ketten, die Arme über dem Kopf gestreckt, und spürte, wie ihr Körper auf ihn reagierte. Feuchtigkeit zwischen ihren Schenkeln. Ein Ziehen tief in ihrem Unterleib. Ein Verlangen, das sie hasste. George ballte die Fäuste. Seine Lippen bewegten sich lautlos. Ein Wort. Phoebe. Dann wandte er den Blick ab. Er trat in den Kreis. Das Rudel verstummte wieder. Harlan nickte ihm zu. „Prinz George. Nimm deine Luna.“ George stieg auf den Altar. Cates hob den Kopf. Ihre Augen waren trocken. Keine Angst. Nur Resignation. George kniete sich vor sie. Er nahm ihr Gesicht in beide Hände. Sanft. Zu sanft. „Du bist schön“, sagte er leise. So leise, dass nur sie und vielleicht Phoebe es hören konnten. Cates lächelte traurig. „Tu es einfach.“ Er beugte sich vor. Seine Lippen berührten ihre Stirn. Ein Kuss. Kein Biss. Das Rudel murmelte unruhig. Harlan runzelte die Stirn. George richtete sich auf. Er drehte sich zum Rudel um. „Ich nehme diese Frau nicht.“ Stille. Tödliche Stille. Harlan trat vor. „Was sagst du da?“ George sah ihn an. Kalt. Unnachgiebig. „Ich sagte, ich nehme sie nicht. Das Band ist nicht bei ihr. Es war nie bei ihr.“ Das Rudel explodierte in Geschrei. Wut. Verwirrung. Blutdurst. Harlan packte George am Arm. „Du hast einen Vertrag unterschrieben. Ein Bündnis. Du wirst sie nehmen. Du wirst sie markieren. Oder ich lasse dich hier und jetzt zerreißen.“ George schüttelte die Hand ab, als wäre sie nichts. „Ich werde markieren“, sagte er ruhig. „Aber nicht sie.“ Sein Blick glitt zurück zum vergitterten Fenster. Phoebe spürte, wie ihr Herz stehen blieb. George sprang vom Altar. Mit drei langen Schritten durchquerte er den Kreis. Das Rudel teilte sich vor ihm wie Wasser vor einem Stein. Er erreichte die kleine Kammer. Die Wachen wollten ihn aufhalten. Ein Knurren entrang sich seiner Kehle. Tief. Animalisch. Sie wichen zurück. George trat ein. Er schloss die Tür hinter sich. Nur sie beide. Phoebe hing in den Ketten. Ihr Atem ging stoßweise durch den Knebel. George trat näher. Langsam. Er zog den Knebel herunter. Sanft. Seine Finger zitterten leicht. „Sag mir, dass du mich nicht willst“, flüsterte er. Phoebe schluckte. Ihre Stimme war heiser. „Ich will dich nicht.“ Er lächelte. Traurig. Gefährlich. „Lügnerin.“ Er küsste sie. Nicht brutal. Nicht fordernd. Sondern langsam. Tief. Als wollte er jeden Moment auskosten. Phoebe erwiderte den Kuss. Tränen liefen über ihre Wangen. Als er sich löste, sah er ihr in die Augen. „Ich kann das nicht“, sagte er rau. „Ich kann sie nicht nehmen. Nicht, wenn du hier bist. Nicht, wenn jedes Mal, wenn ich atme, dein Name in meinem Blut brennt.“ Phoebe lachte bitter. „Dann lass uns beide sterben. Denn Harlan wird keinen Rückzieher machen.“ George nickte. „Ich weiß.“ Er zog einen Schlüssel aus seinem Mantel. Öffnete ihre Ketten. Phoebe fiel nach vorn. Er fing sie auf. Hielt sie fest. „Wir gehen zusammen“, murmelte er. „Oder gar nicht.“ Sie schob ihn zurück. Ihre Hand glitt unter ihr Gewand. Zum Dolch, den sie immer noch bei sich trug. Der Dolch ihrer Mutter. Sie zog ihn hervor. George erstarrte. „Phoebe…“ „Ich werde dich nicht töten“, sagte sie leise. „Noch nicht. Aber ich werde das Band brechen. Auf meine Weise.“ Sie drehte den Dolch um. Die Klinge zeigte auf ihre eigene Brust. George packte ihr Handgelenk. „Nein.“ „Lass los.“ „Nein.“ Sie kämpften. Kurz. Brutal. Er war stärker. Er zwang ihre Hand herunter. Der Dolch fiel klirrend zu Boden. George zog sie an sich. Fest. So fest, dass sie kaum atmen konnte. „Ich liebe dich“, flüsterte er. Die Worte klangen, als würden sie ihm Schmerzen bereiten. „Ich hasse es. Ich hasse dich dafür. Aber ich liebe dich.“ Phoebe erstarrte. Dann begann sie zu weinen. Lautlos. Haltlos. Draußen tobte das Rudel. Harlan schrie Befehle. Die Tür wurde aufgestoßen. Wachen stürmten herein. George drehte sich um. Schob Phoebe hinter sich. „Bleibt zurück“, knurrte er. Harlan trat ein. Sein Gesicht war verzerrt vor Wut. „Du Narr. Du zerstörst alles.“ George lächelte kalt. „Ich zerstöre nur das, was nie echt war.“ Harlan hob die Hand. Ein Pfeil schoss aus dem Dunkel. Er traf George in die Schulter. Er taumelte. Phoebe schrie. Sie bückte sich. Hob den Dolch auf. Harlan lachte. „Töte ihn. Und du tötest dich selbst. Das Band lässt euch nicht los.“ Phoebe starrte auf George. Blut lief über seine Brust. Das Band schrie in ihr. Schmerz. Sein Schmerz. Ihr Schmerz. Sie drehte den Dolch. Und stieß zu. Nicht in George. In Harlan. Die Klinge drang tief in seine Brust ein. Bis zum Griff. Harlan keuchte. Seine Augen weiteten sich. Er fiel. Langsam. Das Rudel draußen erstarrte. Phoebe zog den Dolch heraus. Blut spritzte auf den weißen Stein. George sank auf die Knie. Der Pfeil ragte aus seiner Schulter. Phoebe kniete sich neben ihn. „Ich habe ihn getötet“, flüsterte sie. George nickte. „Ich weiß.“ Er zog den Pfeil heraus. Zischte vor Schmerz. Dann sah er sie an. „Markiere mich.“ Phoebe schüttelte den Kopf. „Nein.“ „Doch. Jetzt. Vor ihnen allen. Oder sie reißen uns beide in Stücke.“ Sie starrte ihn an. Dann nickte sie. Sie nahm den Dolch. Schnitt sich in die Handfläche. Tief. Blut floss. Sie presste die Hand auf seine Brust. Genau über sein Herz. George tat dasselbe. Schnitt sich. Presste seine Hand auf ihre Brust. Das Band explodierte. Licht. Schmerz. Ekstase. Phoebe schrie. George brüllte. Das Rudel draußen fiel auf die Knie. Das Band veränderte sich. Es brach nicht. Es wuchs. Es wurde zu etwas Neuem. Etwas, das niemand je gesehen hatte. Phoebe und George sanken zusammen. Verbunden. Blut an Blut. Cates trat in die Kammer. Sie hatte sich losgerissen. Ihr Kleid war zerrissen. In ihrer Hand hielt sie einen kurzen Dolch. Sie sah die Szene. Und lächelte. „Ihr habt es getan“, flüsterte sie. Phoebe hob den Kopf. „Cates…“ Ihre Halbschwester kniete sich neben sie. „Ich bin frei“, sagte sie leise. „Dank euch.“ George hustete. Blut an seinen Lippen. „Nimm das Rudel“, sagte er zu Phoebe. „Es gehört dir jetzt. Uns.“ Phoebe schüttelte den Kopf. „Nein. Es gehört niemandem mehr.“ Sie stand auf. Blut tropfte von ihrer Hand. Sie trat hinaus in den Hof. Das Rudel starrte sie an. Stille. Dann sprach sie. „Ich bin keine Luna. Ich bin keine Dienerin. Ich bin Phoebe. Und ich wähle.“ Sie hob den blutigen Dolch. „Ich wähle Freiheit. Für jeden von euch. Keine Zwangspaare mehr. Keine Traditionen, die uns zerbrechen. Keine Kronen aus Angst.“ Das Rudel murmelte. Einige nickten. Andere knurrten. Doch niemand griff an. Cates trat neben sie. „Ich gehe“, sagte sie laut. „Ich wähle mein eigenes Leben. Fern von hier.“ George kam heraus. Schwankend. Aber aufrecht. Er stellte sich neben Phoebe. „Ich gehe mit ihr“, sagte er. „Wer uns folgen will, soll kommen. Wer bleiben will, soll bleiben. Aber der alte Weg endet heute.“ Schweigen. Dann ein Ruf. Ein Wolf heulte. Ein zweiter fiel ein. Ein dritter. Bis der ganze Hof erfüllt war von Heulen. Nicht aus Wut. Aus Zustimmung. Phoebe sah George an. Er sah sie an. Das Band summte. Warm. Lebendig. Sie küssten sich. Vor dem ganzen Rudel. Vor dem Schnee. Vor dem Feuer. Und als sie sich lösten, flüsterte Phoebe: „Lass uns gehen.“ George nickte. Sie drehten sich um. Gingen durch das Tor. Cates folgte ihnen. Und hinter ihnen… Einige Wölfe. Nicht alle. Aber genug. Sie verließen Silbermond. Der Schnee fiel weiter. Doch diesmal fühlte er sich anders an. Leichter. Als würde er zum ersten Mal wirklich fallen. Und nicht nur bedecken. Phoebe spürte Georges Hand in ihrer. Fest. Warm. Echt. Das Band sang. Nicht länger eine Kette. Sondern ein Lied. Und sie gingen weiter. In den endlosen Winter hinein. Nicht als Gefangene. Nicht als Eroberer. Sondern als die, die gewählt hatten. Und vielleicht… Nur vielleicht… Als die, die liebten. Der Schnee fiel. Und fiel. Und fiel.
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