Der Pfad in die Berge war kaum mehr als eine Ahnung zwischen den Felsen, eine schmale Spur, die der Wind und der Schnee immer wieder zu verschlingen drohten. Jeder Schritt kostete Kraft. Der Schnee reichte den Erwachsenen bis zu den Waden, den Kindern bis zur Hüfte. Die kleine Gruppe bewegte sich in einer lockeren Kette, niemand sprach viel. Worte schienen hier oben zu frieren, bevor sie den Mund verließen. Nur das Keuchen der Atemzüge und das leise Knirschen der Stiefel waren zu hören.
Phoebe ging direkt hinter Cates. Die Halbschwester hatte die Führung übernommen, weil sie die einzige war, die behauptete, diesen Weg schon einmal gegangen zu sein. Ihr weißes Kleid war längst grau vor Schmutz und Eis, doch sie hielt den Rücken gerade, als wollte sie beweisen, dass sie mehr war als die perfekte Luna, die man jahrelang in einen goldenen Käfig gesperrt hatte.
George bildete die Nachhut. Sein Mantel hing schwer von Schnee, die Wunde an seiner Schulter sickerte wieder durch den provisorischen Verband. Phoebe spürte es im Band, bevor sie es sah: ein dumpfer, pochender Schmerz, der sich in ihrer eigenen Schulter ausbreitete. Sie drehte sich immer wieder um, suchte seinen Blick. Er nickte jedes Mal knapp, ein stummes Ich halte durch.
Torin, der ehemalige Schmied, trug eines der Kinder auf den Schultern. Das Mädchen, vielleicht fünf Winter alt, hatte den Kopf an seinen Nacken gelegt und schlief trotz des Schaukelns. Die Mutter des Kindes ging neben ihm, die Augen rot vor Erschöpfung und Tränen, die sofort gefroren.
„Wie weit noch?“, fragte einer der jüngeren Männer, dessen Name Phoebe vergessen hatte. Seine Stimme klang dünn in der Weite.
Cates antwortete ohne stehen zu bleiben. „Hinter dem nächsten Kamm. Vielleicht eine Stunde. Vielleicht zwei. Der Schnee macht alles langsamer.“
„Wir haben keine zwei Stunden mehr“, murmelte Torin. „Ich rieche sie. Rauch. Leder. Metall. Sie sind hinter uns.“
George knurrte leise. „Wie viele?“
„Zwanzig. Vielleicht fünfundzwanzig. Und mindestens drei in Wolfsgestalt. Die Hunde bellen nicht mehr. Das heißt, sie haben unsere Spur.“
Phoebe spürte, wie ihr Magen sich zusammenzog. Das Band zog schmerzhaft in ihrer Brust, als wollte es sie zurück zu George zwingen, näher an ihn, in seine Arme, weg von der Gefahr. Sie ballte die Fäuste. Nicht jetzt. Nicht hier.
„Wir können nicht ewig weglaufen“, sagte sie. „Früher oder später müssen wir stehen bleiben.“
George nickte langsam. „Aber nicht heute. Heute überleben wir.“
Die Sonne stand tief, ein blasses, kaltes Auge am Himmel. Der Wind nahm zu. Er trug feine Eiskristalle mit sich, die wie Nadeln in die Haut stachen. Phoebe zog Georges Mantel enger um sich. Der Geruch von ihm war immer noch darin: dunkler Wald, Rauch, ein Hauch von Blut. Es beruhigte sie und machte sie gleichzeitig wütend. Wie konnte etwas, das sie so sehr brauchte, gleichzeitig so viel Gefahr bedeuten?
Plötzlich blieb Cates stehen.
Sie hob die Hand.
Die Gruppe erstarrte.
„Hört ihr das?“, flüsterte sie.
Phoebe lauschte.
Zuerst nur der Wind.
Dann ein fernes, tiefes Knurren. Kein Wolf. Etwas Größeres. Etwas Menschliches, das versuchte, tierisch zu klingen.
Torin fluchte leise. „Kael.“
George erstarrte. „Bist du sicher?“
„Wer sonst würde uns so weit folgen? Er ist der Einzige, der Blackthorn noch mehr will als du.“
Phoebe kannte den Namen. Kael Blackthorn. Georges Halbbruder. Der Schattenprinz, den man immer im Hintergrund gehalten hatte, weil er zu wild, zu grausam, zu unberechenbar war. Gerüchte sagten, er habe schon als Junge seine eigene Mutter getötet, nur um zu beweisen, dass er stärker war als sie.
George zog sein Schwert. Die Klinge sang leise, als sie die Scheide verließ. „Er kommt nicht, um zu reden.“
„Dann reden wir nicht“, sagte Phoebe. Ihre Hand glitt zum Dolch ihrer Mutter, der immer noch an ihrem Gürtel hing. Die Mondsichel am Griff fühlte sich warm an, obwohl alles um sie herum kalt war.
Cates drehte sich um. „Die Höhle ist nah. Wenn wir den Hang schaffen, können wir sie von oben abwehren. Wir haben den Vorteil der Höhe.“
„Dann los“, befahl George.
Sie rannten.
Der Hang war steil, glatt, tückisch. Die Kinder wurden getragen, die Erwachsenen halfen einander. Phoebe rutschte einmal aus, fing sich gerade noch an einem Wurzelstock. George war sofort bei ihr, zog sie hoch, hielt sie einen Moment länger fest als nötig.
„Bleib bei mir“, murmelte er.
„Immer.“
Oben angekommen, warfen sie sich hinter Felsen in Deckung.
Unten im Tal tauchten die ersten Gestalten auf.
Zwanzig. Fünfundzwanzig. Vielleicht mehr.
Schwarze Mäntel. Silberne Waffen. Und in ihrer Mitte Kael.
Er war größer, als Phoebe ihn sich vorgestellt hatte. Breite Schultern, langes schwarzes Haar, das im Wind peitschte. Sein Gesicht war zur Hälfte vernarbt, als hätte ihn einmal ein Feuer geküsst. Er trug keine Rüstung, nur Leder und Pelz, als wollte er zeigen, dass er keine brauchte.
Er blieb stehen.
Schnupperte.
Dann lachte er.
Das Lachen hallte von den Felsen wider.
„Bruder!“, rief er. „Komm herunter! Lass uns reden wie Familie!“
George antwortete nicht.
Kael hob die Hand.
Zwei Wölfe in Tiergestalt lösten sich aus der Gruppe, rasten den Hang hinauf.
Torin spannte einen Bogen.
Der erste Pfeil traf den vorderen Wolf in die Schulter. Er jaulte, stolperte, fiel.
Der zweite sprang weiter.
Cates warf einen Stein. Er traf den Wolf am Kopf. Das Tier taumelte.
Torin schoss erneut.
Diesmal ins Auge.
Der Wolf brach zusammen.
Unten brüllte Kael.
„Ihr wollt spielen? Gut!“
Er riss sich die Kleider vom Leib.
Seine Gestalt verzerrte sich.
Knochen knackten.
Muskeln wuchsen.
Sekunden später stand ein riesiger schwarzer Wolf da, größer als jeder normale Wolf, die Augen glühend rot.
Das Rudel hinter ihm heulte.
Dann stürmten sie den Hang hinauf.
George sprang auf.
„Jetzt!“, rief er.
Die kleine Gruppe kämpfte.
Torin schoss Pfeil um Pfeil.
Die beiden Mütter schützten die Kinder hinter Felsen.
Cates kämpfte mit einem kurzen Speer, den sie irgendwo unterwegs gefunden hatte.
Phoebe stand neben George.
Sein Schwert blitzte.
Er tötete zwei Angreifer in rascher Folge.
Doch sie kamen weiter.
Immer mehr.
Kael erreichte den Kamm als Erster.
Er sprang George an.
Die beiden prallten zusammen wie zwei Berge.
George wurde zurückgeworfen.
Sein Schwert fiel.
Kael schlug zu.
Krallen rissen über Georges Brust.
Blut spritzte in den Schnee.
Phoebe schrie.
Sie warf sich vor.
Der Dolch in ihrer Hand.
Sie zielte auf Kaels Hals.
Er drehte sich im letzten Moment.
Die Klinge drang in seine Schulter.
Er brüllte.
Schlug nach ihr.
Seine Pranke traf ihre Seite.
Phoebe flog durch die Luft.
Landete hart im Schnee.
Der Schmerz explodierte in ihrer Rippe.
Sie keuchte.
Blut in ihrem Mund.
George brüllte ihren Namen.
Er rappelte sich auf.
Packte sein Schwert.
Stürmte auf Kael zu.
Die Klingen kreuzten sich nicht mehr.
Es war Zähne gegen Stahl.
Krallen gegen Klinge.
Blut spritzte.
George taumelte.
Kael lachte wieder, diesmal triumphierend.
Dann ein Pfeil.
Von hinten.
Torin hatte geschossen.
Der Pfeil bohrte sich in Kaels Rücken.
Der riesige Wolf jaulte.
Drehte sich um.
George nutzte den Moment.
Er stieß das Schwert tief in Kaels Brust.
Bis zum Heft.
Kael keuchte.
Seine Gestalt schrumpfte.
Zurück zum Menschen.
Er starrte George an.
„Du… Narr…“
Dann fiel er.
Reglos.
Das Rudel unten erstarrte.
Einige flohen.
Andere knieten nieder.
Der Kampf war vorbei.
George sank auf die Knie.
Blut lief über seinen Körper.
Phoebe kroch zu ihm.
„Ich bin hier“, flüsterte sie.
Er lächelte schwach.
„Du blutest“, sagte er.
„Du auch.“
Sie lachte zittrig.
Cates kam herbei.
„Wir müssen ihn in die Höhle bringen. Sofort.“
Sie hoben ihn hoch.
Vier Männer trugen ihn.
Phoebe ging neben ihm, hielt seine Hand.
Der Weg zur Höhle war eine Qual.
Jeder Schritt fühlte sich an wie eine Ewigkeit.
Die Höhle lag versteckt hinter einem Wasserfall aus Eis.
Drinnen war es warm. Eine unterirdische Quelle sprudelte aus dem Fels.
Sie legten George auf trockene Felle.
Cates zündete Fackeln an.
Torin brachte Schnee in einem Tuch.
Phoebe riss Stoff von ihrem Gewand.
Presste ihn auf Georges Wunden.
Brust. Seite. Schulter.
Überall Blut.
Er zitterte.
„Das Band…“, murmelte er.
„Ich spüre es“, flüsterte Phoebe. „Es brennt.“
„Es stirbt mit mir.“
„Nein.“
Sie legte sich neben ihn.
Schlang die Arme um ihn.
Hielt ihn fest.
„Ich lasse dich nicht gehen.“
Er hob schwach die Hand.
Strich über ihre Wange.
„Versprich mir…“
„Alles.“
„Versprich mir… dass du weiterlebst. Dass du sie führst. Dass du Cates nicht allein lässt. Dass du… glücklich wirst.“
Tränen liefen über Phoebes Gesicht.
„Ich werde nicht glücklich sein ohne dich.“
„Dann sei es für mich.“
Sie schüttelte den Kopf.
„Ich liebe dich“, flüsterte sie.
Zum ersten Mal laut.
Er lächelte.
„Ich weiß.“
Seine Augen schlossen sich.
Das Band flackerte.
Wie eine Kerze im Sturm.
Phoebe schrie leise.
Cates kniete sich neben sie.
„Er atmet noch. Schwach. Aber er atmet.“
Torin kam hinzu.
„Wir brauchen Kräuter. Moos. Alles, was die Blutung stoppt.“
„Es gibt eine Kammer tiefer“, sagte Cates. „Mein Vater hat dort Vorräte gelagert. Für Notfälle.“
Phoebe nickte.
„Ich gehe.“
„Nicht allein“, sagte Torin.
„Ich muss.“
Sie stand auf.
Nahm eine Fackel.
Ging tiefer in die Höhle.
Der Gang wurde enger.
Die Luft feuchter.
Dann eine kleine Kammer.
Regale aus Stein.
Trockene Kräuter.
Verbände.
Ein kleiner Kessel.
Und ein Buch.
Alt. Leder gebunden.
Mit Mondsichel und Dolch auf dem Einband.
Phoebe erstarrte.
Sie kannte es.
Das Buch aus der verbotenen Bibliothek.
Wie kam es hierher?
Sie schlug es auf.
Die Seiten waren vergilbt.
Doch eine Passage war markiert.
Mit frischem Blut.
„Wenn das Band stirbt, stirbt der Träger. Doch wenn ein Dritter das Blut beider gibt, kann es neu geboren werden. Nicht als Fessel. Als Wahl.“
Phoebe las weiter.
„Blut der Liebe. Blut der Freiheit. Blut des Opfers.“
Sie verstand.
Sie musste bluten.
Für George.
Für sich.
Für das Band.
Sie nahm den Dolch.
Schnitt tief in ihre Handfläche.
Blut floss.
Sie presste die Hand auf Georges Brust.
Über sein Herz.
Dann schnitt sie erneut.
In ihre andere Hand.
Presste sie auf ihre eigene Brust.
Das Band explodierte.
Licht.
Schmerz.
Ekstase.
Phoebe schrie.
George bäumte sich auf.
Brüllte.
Das Licht erfüllte die Höhle.
Dann Stille.
George öffnete die Augen.
Sein Atem ging tiefer.
Stärker.
Phoebe sank zusammen.
Erschöpft.
Aber lebendig.
George zog sie an sich.
„Du Närrin“, flüsterte er.
„Ich liebe dich.“
„Ich weiß.“
Sie küssten sich.
Langsam.
Tief.
Vor den Augen der anderen.
Vor dem Feuer.
Vor dem Schnee draußen.
Cates lächelte.
Torin nickte.
Die Kinder schauten mit großen Augen.
Das Band summte jetzt anders.
Warm.
Lebendig.
Nicht länger eine Kette.
Sondern ein Versprechen.
Sie blieben in der Höhle.
Drei Tage.
George wurde stärker.
Phoebe heilte.
Das kleine Rudel ruhte.
Sie redeten.
Sie lachten.
Zum ersten Mal seit langem.
Am vierten Tag standen sie auf.
Bereit weiterzugehen.
Nicht zurück nach Silbermond.
Nicht nach Blackthorn.
Sondern vorwärts.
In ein neues Land.
Ein neues Leben.
Phoebe hielt Georges Hand.
Cates ging neben ihnen.
Die Kinder rannten voraus.
Der Schnee fiel weiter.
Doch diesmal fühlte er sich leicht an.
Wie ein Anfang.
Nicht wie ein Ende.
Und Phoebe wusste:
Sie hatten gewonnen.
Nicht durch Stärke.
Nicht durch Blut.
Sondern durch Wahl.
Und Liebe.
Die Berge schwiegen.
Der Wind sang leise.
Und sie gingen weiter.
Zusammen.
Für immer.