Kapitel 7

1866 Words
Der vierte Morgen brach an wie ein zögernder Gast. Die Höhle lag noch im Halbdunkel, nur die Glut des kleinen Feuers warf zitternde Schatten an die Wände. Phoebe erwachte zuerst. Sie lag auf Georges Brust, sein Herzschlag gleichmäßig unter ihrer Wange. Das Band summte leise, ein warmer Strom, der durch ihre Adern floss wie Honig durch kalte Glieder. Kein Ziehen mehr. Kein Schmerz. Nur Präsenz. Sie hob den Kopf. Seine Augen waren offen, grau und klar wie der Winterhimmel nach einem Sturm. Er lächelte nicht, aber die Härte in seinem Blick war weicher geworden. „Du starrst“, murmelte er. „Ich zähle deine Atemzüge. Um sicherzugehen.“ „Wie viele?“ „Genug, um weiterzumachen.“ Er hob die Hand, strich ihr eine verklebte Strähne aus der Stirn. Seine Finger zitterten kaum noch. Die Wunden an seiner Brust hatten sich geschlossen, nur noch rosenfarbene Narben zeichneten die Haut, wo Kael ihn aufgerissen hatte. Phoebe fuhr mit dem Finger darüber. Er erschauderte leicht. „Es fühlt sich fremd an“, sagte er. „Als gehörte die Haut nicht mehr ganz mir.“ „Sie gehört jetzt auch mir“, erwiderte sie leise. George lachte rau. Das Geräusch hallte warm in der Höhle wider. Es war das erste Lachen, das nicht bitter klang. Cates saß bereits am Feuer. Sie hatte einen kleinen Topf mit Schnee gefüllt und ließ ihn schmelzen. Die Kinder schliefen noch, eng aneinandergerollt unter Fellen. Torin stand am Höhleneingang, den Bogen locker in der Hand, und starrte in den fallenden Schnee hinaus. „Keine Spuren mehr“, sagte er, ohne sich umzudrehen. „Entweder haben sie aufgegeben, oder sie warten auf besseres Wetter.“ „Oder sie haben einen neuen Anführer“, murmelte George. Phoebe setzte sich auf. „Kael ist tot. Das Rudel hat es gesehen. Viele sind geflohen. Die anderen haben gekniet.“ „Knien bedeutet nicht Treue“, sagte George. „Es bedeutet nur, dass der Stärkere im Moment gewonnen hat.“ Sie schwieg. Er hatte recht. Aber sie wollte nicht mehr in dieser Welt der permanenten Machtkämpfe leben. Nicht heute. Nicht nach dem, was sie getan hatte. Cates reichte ihr eine Schale mit warmem Wasser. „Trink. Deine Hände sind immer noch kalt.“ Phoebe nahm die Schale. Die Schnitte in ihren Handflächen waren verschorft, doch die Haut spannte bei jeder Bewegung. Sie trank langsam. Das Wasser schmeckte nach Stein und Frühling, obwohl draußen Winter herrschte. „Wir können nicht ewig hierbleiben“, sagte Cates. „Die Vorräte reichen noch eine Woche. Vielleicht zehn Tage, wenn wir rationieren.“ „Wohin dann?“, fragte Torin. George antwortete nicht sofort. Er starrte in die Flammen. Dann sprach er leise, fast wie zu sich selbst. „Nach Westen. Über die Zwillingsgipfel. Dahinter liegt das Tal der stillen Winde. Kein Rudel beansprucht es. Zu unwirtlich. Zu abgelegen. Zu viele Legenden von Geistern und alten Flüchen.“ Phoebe runzelte die Stirn. „Geister?“ „Geschichten“, sagte er. „Aber Geschichten halten Rudel fern. Das ist genug.“ Cates nickte langsam. „Mein Vater hat es einmal erwähnt. Er sagte, dort gäbe es Quellen, die nie zufrieren. Und Wälder, die im Winter grün bleiben.“ „Magie?“, fragte Torin skeptisch. „Oder nur ein Tal, das der Wind schützt“, erwiderte George. „Wir werden es herausfinden.“ Phoebe spürte, wie das Band leise vibrierte, als wollte es zustimmen. Sie legte die Hand auf Georges Unterarm. „Dann gehen wir nach Westen.“ Er drehte den Kopf, sah sie an. In seinen Augen lag etwas Neues. Keine Berechnung. Keine Kälte. Nur Entschlossenheit, gemischt mit einer Zärtlichkeit, die er selbst noch nicht ganz verstand. „Wir gehen zusammen“, sagte er. Die nächsten Stunden verbrachten sie mit Vorbereitung. Torin und die beiden Mütter flickten Riemen und nähten zusätzliche Taschen aus den Resten der Mäntel. Cates sortierte die Kräuter, band sie in kleine Bündel. Phoebe half George, seine Rüstung zu richten. Die Brustplatte war zerbeult, doch sie hielt noch. Sie polierte die Stellen mit Schnee und Asche, bis das Metall wieder matt glänzte. Als die Sonne ihren höchsten Stand erreichte, auch wenn sie kaum wärmte, traten sie hinaus. Der Schnee hatte aufgehört zu fallen. Der Himmel war blassblau, fast durchscheinend. Der Wind kam von Westen, trug den Geruch von Kiefern und fernem Salz mit sich. George ging voraus. Phoebe direkt hinter ihm. Cates hielt die Hand eines kleinen Jungen, der immer wieder stolperte. Torin bildete mit dem Bogen die Nachhut. Sie stiegen abwärts, folgten einem schmalen Grat, der sich wie eine Narbe durch die Berge zog. Der Pfad war tückisch, vereist an manchen Stellen, doch niemand fiel. Das Band half Phoebe, Georges Gleichgewicht zu spüren. Wenn er schwankte, wusste sie es eine Sekunde früher. Sie streckte die Hand aus, berührte seinen Rücken. Er drehte sich nie um, doch seine Schultern entspannten sich jedes Mal. Am späten Nachmittag erreichten sie eine kleine Lichtung, umgeben von windgebeugten Fichten. George hob die Hand. Alle blieben stehen. „Riechst du das?“, fragte er leise. Phoebe nickte. Rauch. Aber nicht der Rauch eines feindlichen Lagers. Dieser Rauch roch nach Harz und trockenem Holz. Nach Zuhause. Torin spannte den Bogen halb. „Warte“, sagte Cates. „Es ist nur ein Feuer. Klein. Einsam.“ George ging voran, langsam. Phoebe blieb dicht bei ihm. Hinter den Bäumen öffnete sich eine Senke. In ihrer Mitte brannte ein Feuer. Daneben saß eine Gestalt, in einen schweren Pelz gehüllt, den Rücken ihnen zugewandt. Ein einzelner Wolf lag zusammengerollt daneben, grau mit weißen Ohren. Die Gestalt hob den Kopf, ohne sich umzudrehen. „Ich habe euch schon seit gestern gewittert“, sagte eine tiefe Frauenstimme. „Ihr seid laut wie eine Herde Elche.“ George blieb stehen. „Wer bist du?“ Die Frau drehte sich um. Sie war älter, vielleicht fünfzig Winter. Ihr Gesicht war wettergegerbt, von tiefen Falten durchzogen, doch die Augen waren scharf wie die eines Falken. Silberne Strähnen durchzogen ihr schwarzes Haar. Auf ihrer Stirn trug sie das Mondsichelmal, verblasst, aber deutlich. Phoebe stockte der Atem. „Eine Luna“, flüsterte sie. Die Frau lächelte schief. „Früher. Jetzt bin ich nur noch eine, die nicht sterben wollte, als man sie dazu zwang.“ George trat einen Schritt näher. „Du kennst mich.“ „Jeder im Norden kennt den Sturmprinzen. Und jetzt kenne ich auch die unmarked, die ihn gerettet hat.“ Ihr Blick wanderte zu Phoebe. „Du trägst das Mal jetzt nicht mehr auf der Haut. Aber ich spüre es. Es leuchtet in dir.“ Phoebe legte unwillkürlich die Hand auf ihre Brust. „Wie?“ „Weil du es gewählt hast. Nicht weil der Mond es dir gegeben hat.“ Die Frau stand auf. Der Wolf erhob sich ebenfalls, schüttelte Schnee aus dem Fell. „Ich heiße Mara. Das hier ist mein Platz. Seit zwölf Wintern. Niemand kommt her, der nicht verloren ist. Oder sucht.“ „Wir suchen ein Tal“, sagte George. „Westlich der Zwillingsgipfel.“ Mara lachte leise. „Das Tal der stillen Winde. Ja. Es existiert. Aber der Weg dorthin frisst Schwache.“ „Wir sind nicht schwach“, sagte Phoebe. Mara musterte sie lange. Dann nickte sie. „Das sehe ich.“ Sie deutete auf das Feuer. „Setzt euch. Esst. Redet. Der Weg beginnt erst morgen richtig. Heute Nacht schneit es wieder. Bleibt hier.“ Niemand widersprach. Sie saßen um das Feuer. Mara teilte getrocknetes Fleisch und harte Brotfladen. Die Kinder aßen gierig. Die Erwachsenen langsamer, wachsam. „Warum hilfst du uns?“, fragte Cates schließlich. Mara stocherte mit einem Stock in der Glut. „Weil ich einmal war wie du. Die perfekte Luna. Bis ich mich weigerte, das zu sein, was sie von mir wollten. Sie haben mich verstoßen. Ich überlebte. Und ich lernte, dass das Band nicht immer Fessel sein muss. Manchmal ist es Schlüssel.“ Phoebe sah zu George. Er schwieg, doch seine Hand fand ihre unter dem Pelz. Mara bemerkte es. „Ihr habt es verändert. Das habe ich noch nie gespürt. Es ist frei. Beidseitig. Gefährlich.“ „Gefährlich?“, fragte Phoebe. „Weil es euch verwundbar macht. Wenn einer fällt, fällt der andere. Aber auch stark. Weil ihr euch nicht mehr gegenseitig zwingt. Ihr wählt.“ George sprach zum ersten Mal seit Langem. „Und wenn wir das Tal erreichen?“ „Dann gründet ihr neu“, sagte Mara. „Nicht nach alten Regeln. Sondern nach euren. Aber seid gewarnt. Das Tal vergibt nicht. Es prüft. Wer hineingeht, muss alles ablegen, was er war.“ Phoebe spürte, wie das Band leise anschwoll, als wollte es sagen: Wir sind bereit. Die Nacht senkte sich. Der Schnee begann wieder zu fallen, sanft diesmal, fast zärtlich. Mara legte mehr Holz nach. Der Wolf legte sich zwischen die Kinder, warm und wachsam. Phoebe und George zogen sich etwas abseits zurück, hinter einen Felsen, wo das Feuerlicht sie nur noch schwach erreichte. Sie setzten sich in den Schnee. Er zog sie zwischen seine Beine, schlang die Arme um sie. Sein Kinn ruhte auf ihrer Schulter. „Bereust du es?“, fragte er leise. „Dass ich dich gerettet habe?“ „Dass du alles aufgegeben hast. Deine Schwester. Deinen Platz. Dein altes Leben.“ Phoebe drehte den Kopf, bis ihre Lippen fast seine berührten. „Ich habe nichts aufgegeben. Ich habe gewählt.“ Er küsste sie. Langsam. Tief. Ohne Hast. Der Schnee fiel auf ihre Haare, schmolz auf ihrer Haut. Das Band sang leise in ihren Adern. Als sie sich lösten, flüsterte er: „Ich habe nie gewusst, dass Liebe so wehtun kann. Und gleichzeitig so heilen.“ „Ich auch nicht.“ Sie blieben so sitzen, bis der Schlaf kam. Eng aneinander. Der Wind sang um sie herum. Der Schnee deckte sie zu wie eine Decke. Am Morgen stand Mara bereits auf. Sie hatte einen Beutel gepackt. Kräuter. Ein kleiner Kompass aus Knochen. Eine Karte, eingeritzt in Leder. „Nehmt das“, sagte sie. „Und vergesst nie: Das Tal hört euch. Es hört, was ihr wirklich wollt. Seid ehrlich. Sonst frisst es euch.“ George nahm die Karte. „Danke.“ Mara sah Phoebe an. „Du bist jetzt Luna. Nicht weil der Mond es sagt. Sondern weil du es bist.“ Phoebe nickte nur. Worte fühlten sich zu klein an. Sie brachen auf. Der Pfad führte steil bergab, dann wieder hinauf. Der Schnee wurde tiefer. Der Wind kälter. Doch niemand klagte. Am Abend des zweiten Tages sahen sie es zum ersten Mal. Zwischen zwei Gipfeln, wie ein Riss im Himmel: ein schmales, grünes Band. Gras. Bäume. Dampf stieg von unsichtbaren Quellen auf. Das Tal der stillen Winde. George blieb stehen. Phoebe trat neben ihn. „Wir sind da“, sagte sie. Er nahm ihre Hand. „Nicht ganz. Wir müssen hinein.“ Hinter ihnen warteten Cates, Torin, die Kinder, die Mütter. Alle schweigend. Alle bereit. Phoebe atmete tief ein. Der Wind trug keinen Schnee mehr. Nur den Duft von Erde. Von Leben. Sie traten vorwärts. Zusammen. Ins Unbekannte. Ins Neue. Und das Tal öffnete sich vor ihnen wie eine Umarmung.
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