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Stränge der Stille

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Claire hat ein Jahrzehnt damit verbracht, die Kunst eines „sinnvollen“ Lebens zu perfektionieren. Als leitende Programmbeauftragte der weltberühmten Vanguard Foundation glaubt sie, Teil der Lösung zu sein. Doch als eine Routineprüfung eine Spur gelöschter Berichte über systematischen Missbrauch an Einsatzorten zutage fördert, beginnen die makellosen Glaswände ihrer Welt zu zerbrechen.Dann tritt Julian auf den Plan, ein investigativer Reporter, der Claires Stiftung als vergoldeten Käfig für die Wahrheit betrachtet. Während sie eine unbehagliche Allianz schmieden, erkennt Claire, dass die Vertuschung nicht nur die Gegenwart betrifft – sie lässt sich bis zu einem Bericht zurückverfolgen, den sie selbst vor Jahren als ehrgeizige Praktikantin unterdrückt hat. Um die Wahrheit aufzudecken, muss Claire die Finanzierung riskieren, die Millionen Menschen am Leben hält, sowie ihre Karriere und ihre geistige Gesundheit. In der Stadt der Geheimnisse ist Schweigen nicht nur Gold – es ist eine Überlebensstrategie.

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Kapitel Eins: Der vergoldete Atem
Die Luft im Sitzungssaal der Vanguard Foundation zirkulierte nicht; sie war einfach nur da, auf genau 19 °C gekühlt und mit einem schwachen Geruch nach teurer Loyalität und Ozon aus den Laserdruckern. Claire rückte ihre Manschette zurecht, wobei ihre Finger über den Seidenstoff ihrer Bluse strichen. Auf der anderen Seite des mahagonifarbenen Raums wurde gerade ein Mann ausgelöscht. Nicht mit einem Schrei, sondern mit einer Tabellenkalkulation. „Die Zahlen für das Kalingo-Projekt stimmen nicht überein, Claire“, sagte Arthur. Er blickte nicht von seinem Tablet auf. Seine Stimme klang wie ein Cello – tief, volltönend und von Natur aus vertrauenswürdig. „Wir sehen einen Überschuss in der Spalte ‚Sonstiges‘. Das sieht nach Verwaltungsaufblähung aus. Wir streichen das.“ Claire spürte ein kaltes Kribbeln am unteren Ende ihres Rückens. „Das ist kein Überfluss, Arthur. Dieser ‚Überschuss‘ ist der Fonds für den medizinischen Notfalltransport für die Opfer im nördlichen Bezirk. Wenn wir das streichen, haben sie keine Möglichkeit, die Klinik zu erreichen. Es ist ein dreitägiger Fußmarsch.“ Arthur blickte endlich auf. Seine Augen hatten eine sanfte, väterliche graue Farbe. „In einer perfekten Welt, Claire, würden wir eine ganze Flotte von Hubschraubern bereitstellen. Aber in dieser Welt müssen wir die Spender bei Laune halten. Und die Spender wollen, dass 95 % ihres Geldes in die ‚Direkthilfe‘ fließen. Transport fällt unter ‚Logistik‘. Logistik ist langweilig.“ „Es ist nicht langweilig, wenn man auf einem Feld verblutet“, sagte Claire, ihre Stimme fester, als sie sich fühlte. „Vorsicht“, warnte Arthur leise, ein kleines, trauriges Lächeln umspielte seine Lippen. „Du fängst an, wie eine Aktivistin zu klingen. Du bist eine Politikwissenschaftlerin, Claire. Du bist diejenige, die versteht, dass man, um den Wald zu retten, manchmal ein paar Bäume brennen lassen muss.“ Das Treffen endete mit einem höflichen Klacken von Aktentaschen. Während die Direktoren den Raum verließen, blieb Claire zurück, ihr Herz hämmerte in rasendem Rhythmus gegen ihre Rippen. Sie war zweiunddreißig, Senior Program Associate, und zum ersten Mal seit zehn Jahren fühlte sie sich wie eine Fremde in ihrer eigenen Haut. Die Anspannung folgte ihr aus dem Gebäude hinaus in die drückende Schwüle eines Nachmittags in Washington, D.C. Sie musste spazieren gehen. Sie musste den Asphalt unter ihren Füßen spüren, um sich daran zu erinnern, dass sie noch immer in einer Realität stand, die nicht aus Glas und Lügen bestand. Sie landete in einer kleinen, schummrig beleuchteten Bar am DuPont Circle – einer dieser Lokale, in denen sich die Leute in ihren Drinks verlieren. Eigentlich hätte sie nicht hier sein sollen. Eigentlich hätte sie bei einer High-Society-Spendenveranstaltung für eine Klimainitiative sein sollen. „Du siehst aus, als hättest du gerade gesehen, wie jemand ermordet wurde“, krächzte eine Stimme vom Barhocker neben ihr. Claire drehte sich nicht um. Sie kannte diese Stimme. Sie klang wie Sandpapier und Scotch. Julian. „Im übertragenen Sinne“, antwortete Claire und starrte auf ihren unberührten Gin Tonic. „Ein Projekt wurde zunichte gemacht. Menschen werden sterben, Julian. Statistisch gesehen, aber ganz sicher.“ Julian drehte seinen Hocker zu ihr hin. Er sah erschöpft aus, sein Haar war zerzaust, sein Jackett roch nach alten Redaktionsräumen und billigen Zigaretten. „Willkommen in der realen Welt, Claire. Ich versuche dir das schon seit drei Jahren zu sagen: Vanguard ist keine Stiftung. Es ist eine Waschküche. Sie waschen schmutzige Reputationen und hängen sie in der Sonne der öffentlichen Meinung zum Trocknen auf.“ „Heute nicht“, fuhr Claire ihn an, ihre Augen blitzten. „Ich habe genug von deinem Zynismus, Julian. Ich leiste gute Arbeit. Wir helfen Menschen.“ „Tust du das wirklich?“, fragte Julian und beugte sich vor, wobei seine Stimme zu einem leisen, bedrohlichen Brummen sank. „Oder hilfst du den Leuten nur dabei, ein besseres Gewissen zu haben gegenüber denen, die sie mit Füßen getreten haben, um an ihre Milliarden zu kommen? Sag mir, Claire – fließt der Kalingo-Überschuss wirklich in die ‚Logistik‘? Oder verschwindet er im selben schwarzen Loch wie die GBV-Berichte von 2021 von der Grenze?“ Claire erstarrte. Das Glas in ihrer Hand fühlte sich unmöglich schwer an. „Es gab keine Berichte von 2021. Die Daten waren beschädigt.“ Julian lachte kurz und bitter. „Beschädigt. Das ist ein schönes Wort. Es klingt so viel sauberer als ‚geschreddert‘, nicht wahr?“ Die emotionale Last der letzten fünf Jahre drückte plötzlich auf Claires Brust. Sie dachte an jenen Sommer als Praktikantin – die Hitze, den Staub und die Frau, die in ihrem Büro geweint hatte. Sie hatte dieser Frau versprochen, ihr zu helfen. Stattdessen hatte sie ein Memo verfasst, das der „Stabilität der Partnerschaft“ Vorrang einräumte. „Ich habe getan, was für die Mission am besten war“, flüsterte Claire, mehr zu sich selbst als zu ihm. „Die Mission ist eine Lüge, Claire“, sagte Julian, wobei sein Gesichtsausdruck zu etwas weicher wurde, das gefährlich nach Mitleid aussah. „Und tief in deinem Innersten, an jenem stillen Ort, den du niemandem zeigst … weißt du das.“ Claire ließ ihn dort zurück, während der Regen die Straßen langsam in Nebel hüllte und sie zu ihrer Wohnung eilte. In ihren Gedanken wirbelten Arthurs ruhiges Gesicht und Julians schmerzhafte Wahrheiten durcheinander. Sie erreichte ihr Wohnhaus, ihre Hand zitterte, als sie nach ihrer Schlüsselkarte tastete. Die Lobby war leer, der Marmorboden spiegelte das grelle Licht der Leuchtstoffröhren wider. Sie fuhr mit dem Aufzug in den 12. Stock, die Stille des Flurs hallte in ihren Ohren wider. In ihrer Wohnung war alles genau so, wie sie es zurückgelassen hatte. Ihr k****e lag auf dem Couchtisch. Ihre Yogamatte war in der Ecke aufgerollt. Ihr Laptop lud auf dem Schreibtisch. Doch als sie in die Küche ging, um sich ein Glas Wasser einzuschenken, blieb sie stehen. Auf ihrem Esstisch lag ein einzelner brauner Umschlag. Claire stockte der Atem. Sie lebte allein. Sie hatte die Tür doppelt verschlossen. Niemand außer dem Hausverwalter hatte einen Schlüssel, und er betrat die Wohnung nie ohne eine 24-stündige Vorankündigung. Mit zitternden Händen griff sie nach dem Umschlag. Es gab keine Absenderadresse. Keinen Namen. Nur ein einziges Wort, geschrieben in einer Handschrift, die sie nicht erkannte: ATONE. Sie zog den Inhalt heraus. Es war kein Brief. Es war ein Stapel Fotos. Das erste zeigte Claire vor fünf Jahren, wie sie vor der Außenstelle von Vanguard stand. Sie sah jung, hoffnungsvoll und naiv aus. Das zweite Foto war eine Kopie des Berichts von 2021, den Julian erwähnt hatte – jenes, das angeblich „beschädigt“ war. Am unteren Rand der Seite, im Feld „Ergriffene Maßnahmen“, standen drei Worte in Claires unverwechselbarer, geschwungener Handschrift: KEINE WEITEREN MASSNAHMEN. Unter den Fotos befanden sich ein kleiner, verschlüsselter USB-Stick und eine handschriftliche Notiz, die ihr das Blut aus dem Gesicht weichen ließ: Sie haben die Dateien nicht einfach gelöscht, Claire. Sie haben sie gespeichert, um sie gegen dich zu verwenden. Arthur hat dich nicht wegen deines Talents eingestellt. Er hat dich eingestellt, weil er wusste, dass du seine Geheimnisse bewahren würdest, um deine eigenen zu schützen. Schau mal nach deiner Haustür. Claire wirbelte herum und ließ ihren Blick zur schweren Eichentür huschen. Von der anderen Seite der Tür drang ein leises, rhythmisches Kratzen herüber. Dann ein Klicken. Der Riegel, den sie erst vor wenigen Augenblicken verriegelt hatte, begann sich von außen langsam zu drehen.

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