Kapitel 3-1

2031 Words
3 »Wir sind da. Willkommen in meiner bescheidenen Hütte.« Mia schaute sich überrascht um. Ihr Blick blieb an den Panoramafenstern mit Blick über den Hudson hängen und schweifte dann weiter über die glänzenden Holzfußböden und die luxuriöse, cremefarbene Einrichtung. Ein paar Modern-Art-Werke an den Wänden und üppige Pflanzen neben den Fenstern sorgten für geschmackvolle Farbtupfer. Es war das schönste Apartment, das sie jemals gesehen hatte. Und es sah völlig menschlich aus. »Und hier wohnst du?«, fragte sie verwundert. »Nur wenn ich nach New York komme.« Korum hängte seinen Trenchcoat in den Schrank neben der Tür. Das war eine einfache, so menschliche Handlung, aber seine Bewegungen waren dabei zu fließend, um völlig menschlich zu sein. Er trug jetzt nur noch ein blaues T-Shirt und eine Jeans. Die Sachen umschmeichelten perfekt seinen schlanken, kräftigen Körper. Mia musste schlucken, als sie sich bewusst wurde, dass dieses unglaubliche Apartment neben dieser hinreißenden Kreatur, die hier offensichtlich wohnte, völlig verblasste. Wie konnte er sich das leisten? Waren alle Krinar reich? Nachdem die Limousine in die Parkgarage des neuesten Luxushochhauses in Tribeca gefahren war, hatte Mia schockiert miterleben müssen, wie sie zu einem privaten Fahrstuhl geführt worden war, der sie direkt zum Penthouse brachte. Diese Wohnung sah riesig aus, besonders für Manhattan. Bewohnte er die komplette oberste Etage des Gebäudes? »Ja, das Apartment erstreckt sich über die ganze Etage.« Mia errötete, als ihr bewusst wurde, dass sie die Frage laut ausgesprochen hatte. »Ähm … schön hast du es hier.« »Danke. Hier, setz dich.« Er führte sie zu einer weichen, natürlich cremefarbenen, Ledercouch. »Zeig mir deine Hände.« Mia streckte vorsichtig ihre Handflächen aus und fragte sich, was er wohl vorhatte. Würde er sein Blut benutzen, um sie zu heilen? So machten es zumindest die Vampire in den derzeitig gängigen Büchern und Filmen. Aber anstatt seine Handfläche einzuritzen oder etwas anderes Vampirisches zu machen, führte Korum ein silbrig schimmerndes Objekt an ihre rechte Handfläche heran. Das Ding war so groß und d**k wie eine altmodische Kreditkarte aus Plastik und sah völlig harmlos aus. Also zumindest, bis es über ihrer Hand ein weiches, rotes Licht auszustrahlen begann. Es tat überhaupt nicht weh, ganz im Gegenteil. Dort, wo das Licht ihre verletzte Haut berührte, spürte Mia ein warmes Gefühl. Während sie dabei zusah, verblassten ihre Verletzungen und verschwanden schließlich komplett, wie Bleistiftzeichnungen, die wegradiert werden. Innerhalb von zwei Minuten war ihre Handfläche komplett geheilt, so als wäre da nie etwas gewesen. Mia befühlte die Stelle vorsichtig mit ihren Fingern. Überhaupt kein Schmerz. »Wow. Das ist unglaublich.« Mia atmete scharf aus und ließ dabei die ganze angestaute Luft heraus, von der sie nicht einmal gewusst hatte, dass sie sie angehalten hatte. Natürlich hatte sie gewusst, dass die Krinar technisch sehr viel weiter waren als die Menschen, aber so etwas zu sehen, was einem Wunder gleichkam, war trotzdem noch schockierend. Korum wiederholte die Behandlung an ihrer anderen Hand. Ihre beiden Handflächen waren jetzt völlig geheilt, ohne die Spur einer Verletzung. »Oh, danke schön.« Mia wusste wirklich nicht, was sie sagen sollte. War das die Krinar-Art, Pflaster anzubieten, oder führte er gerade einen schwierigen medizinischen Eingriff bei ihr durch? Sollte sie ihm anbieten, ihn zu bezahlen? Und falls er Ja sagte, würde er ihre studentische Krankenversicherung akzeptieren? Reiß dich zusammen, Mia! Sei nicht lächerlich! »Gern geschehen«, sagte er leise, während er immer noch ihre linke Hand hielt. »So, jetzt müssen wir dich aber dringend mal von deinen nassen Sachen befreien.« Mias Kopf schnellte in entsetztem Unglauben hoch. Mit Sicherheit konnte er nicht meinen, dass … Bevor sie auch nur irgendetwas sagen konnte, stieß Korum verzweifelt Luft aus. »Mia, als ich dir gesagt habe, dass ich dir keinen Schaden zufügen wolle, habe ich das auch so gemeint. Meine Definition von Schaden schließt auch Vergewaltigung mit ein, falls du denken solltest, dass es da kulturelle Unterschiede gibt. Also entspanne dich bitte und schrecke nicht bei jedem Wort hoch, das ich sage.« »Entschuldige bitte, ich wollte dir nicht unterstellen …« Mia wünschte sich gerade, die Erde würde sich einfach öffnen und sie verschlucken. Natürlich würde er sie nicht vergewaltigen. Wahrscheinlich hatte er gar keine sexuellen Interessen, was sie betraf. Warum würde er einen dürren, blassen, kleinen Menschen wollen, wenn er jede dieser wundervollen Krinar-Frauen haben könnte, die sie schon im Fernsehen gesehen hatte? Er hatte niemals behauptet, er würde sich von ihr angezogen fühlen. Er hatte interessant gesagt. Ihrem Wissensstand nach konnte er auch ein Wissenschaftler der Krinar sein, der in New York die menschliche Rasse studierte und gerade eine gelockte Laborratte gefunden hatte. Korum seufzte nochmal und stand anmutig von der Couch auf, jede Bewegung von unmenschlich geschmeidiger Beweglichkeit gefärbt. »Los, komm mit.« Immer noch peinlich berührt, achtete Mia kaum auf ihre Umgebung, als er sie den Flur entlangführte. Trotzdem konnte sie nicht verhindern, nach Luft zu schnappen, als sie das Badezimmer erblickte, das vor ihr lag. Die gläserne Duschkabine war größer als ihr ganzes Badezimmer zu Hause, und ein riesiger, erhöhter Whirlpool nahm den Mittelpunkt des Raumes ein. Das komplette Badezimmer war elfenbeinfarben und grau, eine ungewöhnliche Kombination, die trotzdem hervorragend in dieses luxuriöse Ambiente passte. Zwei der Wände waren vom Boden bis zur Decke verspiegelt, was den Raum noch größer erscheinen ließ. Hier standen auch wieder Pflanzen, stellte sie verwirrt fest. Zwei exotisch aussehende Pflanzen mit dunkelroten Blättern schienen aus den Ecken zu wachsen. Offensichtlich begnügten sie sich mit dem wenigen Licht, das durch das Dachfenster hereinschien. »Das ist für dich.« Korum schob einen Teil der Spiegelwand zurück und nahm ein großes bernsteinfarbenes Handtuch und einen dicken, flauschig aussehenden grauen Bademantel heraus. »Dusch erst mal heiß und zieh dann das hier an, während ich deine Sachen in den Trockner packe.« Mit einem Nicken und einem kaum hörbaren »Danke schön« nahm Mia die beiden Sachen entgegen und sah zu, wie Korum aus dem Raum ging und die Tür hinter sich zumachte. Sie starrte auf diese topmoderne Luxuseinrichtung um sie herum und kam sich vor, als würde sie träumen. Das konnte ihr doch nicht wirklich gerade passieren. Vielleicht war das doch alles nur ein sehr realer Traum? Mia Stalis, aus Ormond Beach, Florida, stand doch nicht wirklich gerade in einem königlichen Badezimmer, nachdem ihr der Krinar, der sie quasi entführt hatte, um ihre Verletzungen mit einem fremdartigen Wundergerät zu heilen, aufgetragen hatte, sich zu duschen. Wenn sie ein paarmal zwinkerte, würde sie vielleicht wieder in ihrem engen Zimmer in der Wohnung aufwachen, die sie sich mit Jessie teilte. Um diese Theorie zu testen, schloss Mia ihre Augen erst ganz fest und machte sie dann wieder auf. Nichts, sie stand immer noch hier und fühlte das Gewicht des weichen Handtuchs und des Bademantels auf ihrem Arm. Falls das ein Traum war, war es definitiv der realistischste Traum, den sie jemals gehabt hatte. Sie konnte also genauso gut duschen gehen. Jetzt, als ihre Aufregung langsam abflaute, fühlte sie die Kälte ihrer nassen Sachen bis auf die Knochen in sich eindringen. Mia legte ihre Sachen auf die Ecke des Whirlpools und ging zur Tür, um sie abzuschließen. Natürlich war es fraglich, ob so ein kleines Schloss Korum davon abhalten konnte, hereinzukommen, falls er das wirklich wollte. Die unglaubliche Stärke der Krinar war gleich in den ersten Wochen nach ihrer Ankunft auf der Erde festgestellt worden, als einige Guerillakämpfer im Nahen Osten eine kleine Gruppe Krinar überfielen und damit das frisch unterzeichnete Abkommen zur friedlichen Koexistenz verletzten. Ein Videomitschnitt, den ein Zeuge dieses Angriffs mit seinem iPhone aufgenommen hatte, zeigte Szenen, die aus einem Horror-Science-Fiction-Film hätten stammen können. Die Gruppe der mehr als dreißig Saudis, die mit Granaten und Sturmgewehren bewaffnet waren, hatte keine Chance gegen die sechs unbewaffneten Krinar gehabt. Auch verletzt bewegten sie sich immer noch schneller als alle bekannten auf der Erde lebenden Wesen und zerrissen ihre Angreifer buchstäblich mit bloßen Händen. Eine besonders dramatische Szene zeigte einen Krinar, wie er gleichzeitig zwei schreiende Männer hoch in die Luft schleuderte, mit jeder Hand einen. Die genaue Höhe des Wurfes war später auf etwa zwanzig Meter festgesetzt worden. Es muss wohl an dieser Stelle nicht gesagt werden, dass die Männer diesen Sturz nicht überlebt hatten. Die unglaubliche Brutalität dieses Kampfes und anderer darauf folgender Zusammenstöße während der Großen Panik, schockierte die Menschen und sorgte dafür, dass auch dem Monate später aufkommenden Gerücht, dass die Krinar Vampire seien, Glauben geschenkt wurde. Trotz all ihrer fortschrittlichen Technologien und des anscheinenden Vorhandenseins eines Ich-Bewusstseins, konnten die Krinar so brutal und gewalttätig sein wie die Vampire aus den Legenden. Und hier saß sie bei einem fest. Einem, der ihre unbedeutenden Kratzer heilen wollte und dem etwas daran lag, dass sie in seinem extravaganten Penthouse heiß duschte. Und der ihre Sachen in den Trockner packte. Mia konnte bei diesem Gedanken nicht verhindern, kurz hysterisch aufzulachen. Natürlich konnte es auch sein, dass er seine Snacks sauber und wohlriechend mochte, aber aus irgendeinem Grund glaubte Mia ihm, wenn er sagte, dass er ihr nicht wehtun wolle. Außerdem gab es sowieso nichts, was sie an ihrer derzeitigen Situation ändern konnte, also konnte sie auch aufhören auszuflippen und einfach die luxuriöseste Dusche ihres bisherigen Lebens genießen. Während Mia sich die nassen Sachen auszog, blickte sie auf ihr Spiegelbild. Warum war er an ihr interessiert? Mit Sicherheit war sie sehr schlank, was immer noch sehr beliebt war, aber ihm machten wahrscheinlich die schönsten Frauen beider Rassen den Hof. Als Mia so dastand, versuchte sie, sich objektiv zu betrachten, und nicht mit den Augen eines gehemmten Teenagers. Der Spiegel zeigte eine schlanke junge Frau mit kleinen, aber hübschen Brüsten, schmalen Hüften und einer schlanken Taille. Ihr Po war im Verhältnis zu ihrem restlichen Körper auch gut proportioniert. Nackt sah sie gar nicht so aus wie ein kurvenfreier Stock, obwohl sie sich in ihren weiten Klamotten immer genau so fühlte. Wenn sie jetzt nicht so klein wäre, würde sie ihre Figur sogar schön finden. Trotzdem war ihre Haut zu blass, und diese dunkle Lockenmasse, die ihr Gesicht einfasste, fand sie einfach zu kraus, um sie mehr als durchschnittlich niedlich oder ganz hübsch zu finden. Seufzend betrat Mia die Dusche. Nach einem kurzen Kampf mit dem Touchscreen, über den die Dusche gesteuert wurde, brachte Mia sie zum Laufen und genoss das warme Wasser, das aus fünf Richtungen auf sie niederfiel. Sie benutzte sogar seine Seife, die ganz leicht, aber angenehm nach irgendetwas Tropischem roch. Zehn Minuten später stellte Mia zu ihrem Bedauern das Wasser ab und trat aus der Dusche heraus auf eine dicke, elfenbeinfarbene Badematte. Sie trocknete sich mit dem Handtuch ab, das Korum ihr so freundlich überlassen hatte, wickelte es sich danach um ihren Kopf und zog den Bademantel an, der zu ihrem Erstaunen nur ein kleines bisschen zu groß für sie war. Es musste ein Damenbademantel sein, merkte Mia, und sofort machte sich ein unangenehmes Gefühl in ihr breit, das sie komischerweise an Eifersucht erinnerte. Sei doch nicht blöd, Mia, natürlich hat er weibliche Besucher! Ein so hinreißendes Wesen würde wohl kaum keusch leben. Er könnte ja auch eine Freundin oder eine Frau haben. Mia schluckte, um den Knoten im Hals loszuwerden, den sie bei dem Gedanken daran bekam. Mia, hör auf damit! Sie hatte keine Ahnung, was er von ihr wollte, und sie hatte auch überhaupt keinen Grund dazu, solche Gefühle für einen Fremden aus einer anderen Welt zu haben, der noch dazu im Verdacht stand, menschliches Blut zu trinken. Mia tapste barfuß zur Tür und hob auf dem Weg dahin ihre abgelegte Kleidung vom Boden auf. Die Klamotten fühlten sich nass und eklig an, und sie war froh, dass sie sie nicht länger am Körper hatte. Vorsichtig öffnete sie die Tür, spähte auf den Flur hinaus und sah dort ein paar weiche, graue Hausschuhe stehen, die Korum offensichtlich für sie bestimmt hatte. Von Korum selbst fehlte jedes Zeichen. Mia zog sich die Hausschuhe über, verließ das Badezimmer und ging nach links, in der Hoffnung, dass sie so wieder zum Wohnzimmer gelangen würde. Das Letzte, was sie wollte, war, auf sein Schlafzimmer zu stoßen. Allein der Gedanke daran ließ Hitze in ihr aufsteigen. Er saß auf dem Sofa und schaute auf etwas in seiner Handfläche. Als er ihre Gegenwart spürte, blickte er auf und sah sie dort in dem zu großen Bademantel und dem Handtuch als Turban um den Kopf gewickelt stehen. Ein Lächeln erhellte sein Gesicht.
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