»Du siehst darin hinreißend aus.« Seine Stimme war leise und klang, trotz des ganzen Raumes zwischen ihnen, irgendwie nah und vertraut. In ihr zog sich alles zusammen, auf eine befremdlich sexuelle Art. Oh Gott, was meinte er damit? War er wirklich an ihr interessiert? Mia war sich sicher, gerade so rot wie eine Tomate geworden zu sein, und ihre Herzfrequenz erhöhte sich schlagartig.
»Äh, danke«, murmelte sie, unfähig, sich eine bessere Antwort einfallen zu lassen. Bildete sie sich das nur ein, oder waren seine Augen noch goldener geworden?
»Gib her.« Bevor sie die Möglichkeit hatte, ihre Fassung wiederzugewinnen, stand er neben ihr und nahm ihr die nassen Sachen aus den zittrigen Armen. »Setz dich hin, und ich packe diese hier in den Trockner.«
Und damit verschwand er den Flur hinunter. Mia starrte ihm nach und fragte sich, ob sie sich Sorgen machen sollte. Er behauptete, er würde ihr nicht wehtun, aber würde er ein Nein von ihr akzeptieren, wenn er wirklich s*x mit ihr haben wollte? Und viel wichtiger, würde sie es schaffen, Nein zu ihm zu sagen, wenn man ihre bisherigen Reaktionen auf ihn bedachte?
Sie hatte von Menschen gehört, die s*x mit den Krinar gehabt hatten, also waren ihre Rassen durchaus kompatibel. Tatsächlich gab es sogar Webseiten, auf denen Menschen, die an s*x mit den Krinar interessiert waren, Anzeigen aufgaben, um deren Aufmerksamkeit zu bekommen. Einige Anzeigen schienen Erfolg gehabt zu haben, da die Webseite immer noch aktiv war. Mia hatte immer gedacht, diese Xenos, kurz für Xenophile – eine abschätzige Bezeichnung für die Krinarsüchtigen – seien verrückt. Der Großteil der Eindringlinge sah zwar hervorragend aus, aber trotzdem waren sie so weit davon entfernt, Menschen zu sein, dass man auch genauso gut s*x mit einem Gorilla haben könnte. Rein genetisch gesehen war die DNA des Menschen näher an der eines Gorillas als an der eines Krinars.
Und trotzdem, hier war sie nun, offensichtlich sehr angezogen von einem bestimmten Krinar.
Eine Minute später kam Korum mit leeren Händen zurück und unterbrach Mias Gedankengänge. »Deine Sachen sind im Trockner«, bemerkte er. »Hast du Hunger? Ich kann uns in der Zwischenzeit etwas zu essen machen.«
Die Krinar konnten kochen? Mia fiel in diesem Moment erst auf, dass sie regelrecht am Verhungern war. Durch die ganze Aufregung der letzten Stunde schien ihr Frühstücksbagel schon eine Ewigkeit her gewesen zu sein. Kochen und essen erschienen ihr außerdem harmlos genug, um damit die Wartezeit herumzubekommen.
»Gerne, hört sich klasse an. Danke schön.«
»Ja los, dann komm mit mir in die Küche, und ich koche uns was.«
Mit dem Versprechen ging er zu einer Tür, die sie vorher nicht bemerkt hatte, und machte sie auf. Dahinter kam eine große Küche zum Vorschein. Wie der Rest des Penthouses war auch diese umwerfend. Die Einrichtung aus glänzendem Edelstahl, die Böden aus schwarzem und elfenbeinfarbenem Holz und schwarze, beschichtete Arbeitsplatten aus Lava gaben dem Raum ein fast futuristisches Aussehen. Irgendwelche Pflanzen mit großen Blättern hingen neben den Fenstern in silberfarbenen Töpfen von der Decke und schienen sich in dieser sonst recht steril wirkenden Umgebung sehr zu Hause zu fühlen.
»Was hältst du von Salat und einem Sandwich mit gegrilltem Gemüse?« Korum war schon dabei, den Kühlschrank zu öffnen, der aussah wie die neueste Version des iZero – ein Smart-Kühlschrank, der vor einigen Jahren gemeinsam von Apple und Sub-Zero entwickelt worden war.
»Das hört sich super an, danke«, antwortete Mia abwesend, während sie immer noch ihre Umgebung erkundete. Irgendetwas beschäftigte sie, irgendeine offensichtliche Frage verlangte nach einer Antwort.
Und plötzlich fiel es ihr auf.
»Dein Zuhause hat unsere Technologie«, rief Mia aus. »Na ja, bis auf dieses kleine Heilgerät, das du bei mir benutzt hast. Alle diese Geräte, unsere ganze Technologie, das muss dir doch primitiv vorkommen. Warum benutzt du die an Stelle der Sachen, die ihr so habt?«
Korum grinste, wobei das Grübchen auf der linken Seite wieder zum Vorschein kam, und ging zur Spüle, um den Salat zu waschen. »Es macht mir Spaß, auch mal andere Sachen auszuprobieren. Überhaupt ist ein Großteil eurer Technologie geradezu genial, wenn man bedenkt, wie begrenzt eure Fähigkeiten sind. Und um eines eurer Sprichworte zu benutzen: andere Länder …«
»Also mischst du dich einfach mal unter das gemeine Volk«, schlussfolgerte Mia. »Du lebst mit den Urmenschen, benutzt ihre einfachen Instrumente …«
»Wenn du das so sehen möchtest.«
Er begann, das Gemüse zu putzen, und dabei bewegten seine Hände sich schneller als die eines professionellen Kochs. Mia starrte ihn fasziniert an, völlig gefangen von diesem Bild, dass ein Außerirdischer einen Salat zubereitet. Jede seiner Bewegungen war fließend und elegant – und irgendwie völlig unmenschlich.
»Was esst ihr eigentlich normalerweise auf Krina?«, fragte sie mit plötzlich aufsteigender Neugier. »Unterscheidet sich eure Nahrung sehr von dem, was wir essen?«
Er sah während des Schneidens auf und lächelte sie an. »Auf der einen Seite ist sie anders, aber auf der anderen der euren sehr ähnlich. Wir sind genauso Allesfresser wie ihr, aber tendieren sehr stark dazu, uns pflanzlich zu ernähren. Auf Krina gibt es sehr viele essbare Pflanzen, viel mehr als hier auf der Erde. Da unsere Pflanzen sehr nahrhaft sind und sehr vollmundig schmecken, sind wir nie Fleischliebhaber geworden, so wie das bei den Menschen in der letzten Zeit der Fall gewesen zu sein scheint.«
Mia blinzelte überrascht. Da war etwas Raubtierhaftes in der Art und Weise, in der die Krinar sich bewegten. Ihre Geschwindigkeit und ihre Stärke, genauso wie der brutale Charakterzug, der zum Vorschein gekommen war – das ergab alles keinen Sinn bei einer vorwiegend Pflanzen essenden Gattung. Also musste doch etwas an den Vampirgerüchten dran sein. Wenn sie keine Tiere jagten, um deren Fleisch zu essen, wieso hatten sie alle diese Merkmale von Jägern entwickelt?
Sie wollte ihn das gerne fragen, hatte aber das Gefühl, dass sie die Antwort darauf vielleicht gar nicht wirklich wissen wollte. Wenn diese Rasse die Menschen wirklich als Beute betrachtete, war es vermutlich nicht das Beste, ihn gerade jetzt daran zu erinnern, wenn sie mit ihm allein in seiner Höhle war.
Mia entschied sich, lieber bei etwas Sichererem zu bleiben. »Und warum besteht ihr bei uns so stark auf pflanzliche Nahrung? Weil ihr selbst sie so gerne mögt?«
Er schüttelte den Kopf, während er weiterschnippelte. »Nicht wirklich. Unsere hauptsächliche Sorge war, dass ihr die Rohstoffe des Planeten übermäßig beansprucht. Eure ungesunde Abhängigkeit von tierischen Produkten war dabei, die Umwelt weit schneller zu zerstören als alles andere, was ihr sonst noch gemacht habt, und wir wollten euch dabei nicht einfach zusehen.«
Mia zuckte mit den Schultern. Sie selbst war auch nicht besonders umweltbewusst und entschied sich deshalb, lieber auf ihre alten Fragen zurückzukommen. »Bist du deshalb hier in New York? Um mal was anderes zu erleben?«
»Unter anderem.« Er machte den Ofen an und legte geschnittene Zucchini, Aubergine, Paprika und Tomaten auf das Blech darin.
Wie frustrierend. Er wich ihr aus, und das mochte Mia überhaupt nicht. Sie beschloss, ihre Strategie zu ändern. »Was bringt dich überhaupt auf die Erde? Bist du einer dieser Soldaten oder Wissenschaftler, oder machst du etwas anderes …?« Ihre Stimme ließ die Andeutung im Raum stehen.
»Mia, fragst du mich nach meiner Arbeit?« Er hörte sich an, als würde er wieder über sie lachen.
Wie vorherzusehen war, spürte Mia, wie sich ihre Nackenhaare aufstellten. »Ja, mache ich. Warum? Sind das vertrauliche Informationen?«
Er warf seinen Kopf nach hinten und brach in Gelächter aus. »Nur für neugierige, kleine Mädchen.« Mia starrte ihn mit einem versteinerten Gesichtsausdruck an. Immer noch am Lachen, erklärte er ihr: »Von Beruf bin ich Ingenieur. Meine Firma hat die Schiffe entwickelt, die uns hierhergebracht haben.«
»Die Schiffe, die euch hierhergebracht haben? Aber ich dachte, die Krinar hätten der Erde seit Jahrtausenden Besuche abgestattet, bevor sie offiziell hierherkamen?« Das war eine der verblüffendsten Enthüllungen über die Eroberer gewesen. Die Krinar hatten schon lange vor dem K-Day unter den Menschen gelebt und sie genau beobachtet.
Er nickte und lachte immer noch. »Das stimmt. Wir sind schon seit Langem in der Lage, zu euch zu kommen. Trotzdem war es immer ein gefährliches Unterfangen gewesen, zur Erde zu kommen, beziehungsweise generell durch das Weltall zu reisen. Deshalb wagten ja auch nur dann und wann einige Furchtlose ein solches Unternehmen. Erst seit einigen hundert Jahren haben wir die Technologie des Reisens mit Überlichtgeschwindigkeit perfektioniert, und meiner Firma gelang die Konstruktion von Schiffen, die sicher Tausende von Zivilisten zu diesem Teil des Universums transportieren konnten.«
Das war interessant. Davon hatte sie noch nie gehört. War das, was er ihr gerade erzählte, etwas, was der Öffentlichkeit nicht bekannt war? Ermutigt und vor Neugier fast platzend, setzte Mia ihre Befragung fort. »Also warst du auch schon mal vor dem K-Day auf der Erde gewesen?«, fragte sie und starrte ihn fasziniert mit weit aufgerissenen Augen an.
Er zuckte mit den Schultern, eine menschliche Geste, die offensichtlich auch bei den Krinar benutzt wurde. »Einige Male.«
»Stimmt es, dass alle unsere UFO-Sichtungen mit den Aktivitäten der Krinar zusammenhängen?«
Er grinste. »Nein, das waren hauptsächlich Wetterballons und eure eigenen Regierungen, die geheime Flugsysteme getestet haben. Nur weniger als ein Prozent der gesichteten UFOS sind auf uns zurückzuführen.«
»Und die Mythen der Griechen und der Römer?« Mia hatte erst kürzlich über die Vermutung gelesen, dass die Krinar in der Antike als Götter verehrt worden seien und dadurch die griechische und römische Vielgötterei verursacht hätten. Natürlich hatten sogar heutzutage einige religiöse Gruppen die Krinar als die wahren Erschaffer der Menschheit angenommen und eine komplett neue Bewegung für die Ehrung und Nachahmung der Eindringlinge hervorgebracht. Die Krinarianer, wie diese Verehrer der Krinar genannt wurden, nutzten jede Gelegenheit, die sie finden konnten, um mit diesen Lebewesen, die sie als wahre Götter ansahen, zu interagieren. Sie glaubten, dadurch ihre Chancen zu erhöhen, als Krinar wiedergeboren zu werden. Die drei Weltreligionen Christentum, Islam und Judentum hatten da völlig anders reagiert. Sie hatten sich geweigert, anzuerkennen, dass die Krinar in irgendeiner Art und Weise für die Entstehung des Lebens auf der Erde verantwortlich waren. Einige extremere religiöse Splittergruppen hatten sogar erklärt, dass die Krinar Dämonen seien und ihre Ankunft auf der Erde Teil der Weltuntergangsprophezeiungen war. Die meisten Menschen hatten die Fremden allerdings einfach als das angenommen, was sie waren: eine uralte, hochfortschrittliche Rasse, die DNA von Krina zur Erde geschickt hatte, und dadurch das Leben auf der Erde geschaffen hatte.
»Ja, diese beruhten auf den Krinar«, gab Korum zu. »Vor ein paar tausend Jahren verstrickte sich eine Gruppe Wissenschaftler, die eigentlich hierhergeschickt worden war, um zu studieren und zu beobachten, viel zu sehr in menschliche Angelegenheiten. Das ging so weit, dass sie die eigentliche Dauer ihres Auftrags um ein paar Jahrhunderte überzogen. Letztendlich hatten sie gewaltsam nach Krina zurückgebracht werden müssen, als offensichtlich wurde, dass sie die menschliche Ignoranz schamlos ausnutzten.«
Bevor Mia die Möglichkeit hatte, diese Information zu verdauen, piepte der Ofen und signalisierte damit, dass das Essen fertig war.
»So, fertig.« Korum nahm das gegrillte Gemüse heraus und legte es in die Marinade, die er während ihrer Unterhaltung angerührt hatte. Er stellte eine große Schüssel mit Salat auf den Tisch, nahm eine ordentliche Portion heraus und packte sie auf Mias Teller. »Wir können ja schon mal hiermit anfangen, während das Gemüse in der Marinade zieht.«
Mia spießte Salat auf die Gabel und musste ein albernes Lachen unterdrücken, während sie daran dachte, dass sie jetzt im wahrsten Sinne des Wortes Speisen der Götter aß. Oder zumindest Essen, das von jemandem zubereitet worden war, der vor einigen tausend Jahren als Gott verehrt worden wäre. Der Salat war köstlich. Frischer Kopfsalat, cremige Avocado, knackige Paprika und süße Tomaten waren angerichtet mit einem würzigen, zitronigen Dressing, das leicht scharf war. Entweder war sie am Verhungern oder das war der beste Salat, den sie jemals gegessen hatte. In den letzten Jahren hatte sie es gerade einmal so weit gebracht, Salat gezwungenermaßen zu tolerieren. An solche Salate könnte sie sich allerdings gewöhnen.
»Danke schön, der ist wirklich lecker«, murmelte sie zwischen zwei Bissen.
»Gern geschehen.« Er schaufelte auch ordentlich in sich hinein und schien das offensichtlich zu genießen. Eine kurze Zeit lang war das Knacken des Salats in ihren Mündern das einzige Geräusch, das die gemütliche Stille unterbrach. Nachdem er seine Portion aufgegessen hatte – er aß auch schneller als normale Menschen, bemerkte Mia –, stand Korum auf, um die Sandwiches zuzubereiten.