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DIE GEISTERTOCHTER

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Sie hätte ihn niemals finden dürfen. Lily Hart war gerade einmal fünf Jahre alt, als ihre Mutter, Grace Hart, ihr die Wahrheit sagte: Ihr Vater war ein mächtiger Mann, der nichts von ihrer Existenz wusste, und sie durfte ihn niemals suchen. Acht Jahre später ist Grace tot. Lily – mittlerweile dreizehn, brillant, abgehärtet und herzzerreißend einsam – tut genau das, was ihre Mutter ihr verboten hatte. Sie betritt den Calloway Tower mit einem DNA-Test und einem Ordner voller Fotos und verlangt, den milliardenschweren CEO zu sprechen, der sein Imperium auf den Trümmern seines gebrochenen Herzens aufgebaut hat. Nathan Calloway hat seit fünfzehn Jahren niemanden mehr an sich herangelassen. Nicht seit er aus dem Exil zurückgekehrt ist, mit nichts als Wut und einem auf Rache aufgebauten Vermögen. Er weist sie sofort ab – eine weitere Betrügerin, die versucht, den Namen Calloway auszunutzen. Doch dann sieht er in das Gesicht des Mädchens. Es ist das Gesicht, das er einst liebte. Das Gesicht von Grace Hart – der Frau, die seine Frau werden sollte, die eines Nachts ohne ein Wort verschwand und sein Herz mit sich nahm. Die DNA bestätigt, was er nicht glauben will: Lily ist seine Tochter. Doch das Rätsel fängt gerade erst an. Grace starb nicht eines natürlichen Todes. Grace wurde zum Schweigen gebracht – ermordet von jemandem, der wusste, dass sie ein Kind mit Nathan Calloway hatte. Und derselbe Jemand beobachtet Lily Hart seit acht Jahren und wartet auf den Moment, in dem sie auftaucht. Während Nathan darum kämpft, die Tochter zu beschützen, von deren Existenz er nichts wusste, wird er in eine Verschwörung hineingezogen, die bis zu der Nacht zurückreicht, in der Grace ihn verließ – und die Wahrheit wird ihn zwingen, sich zwischen dem Imperium, das er aufgebaut hat, der Familie, die er verloren hat, und der Liebe, die er für einen Geist hielt, zu entscheiden. Dies ist die Geschichte eines Mannes, der alles hatte, außer dem einen, was wirklich zählte. Und der Tochter, die ihn daran erinnerte, was es bedeutet, ganz zu sein.‎

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Kapitel 1: Der Geist am Fenster
‎Das Glas knarrte nicht. Nathan Calloway hatte es vor sechs Monaten durch maßgefertigte, schalldichte Scheiben ersetzt, die die Skyline von Seattle wie ein Gemälde in einem Rahmen einfingen. Kein Geräusch. Kein Luftzug. Kein Hinweis darauf, dass jenseits dieser zweiundfünfzig Stockwerke noch eine Welt existierte. ‎ ‎Trotzdem stand er am Fenster und beobachtete, wie das erste graue Licht über die Stadt floss. ‎ ‎5:47 Uhr. Seit drei Uhr war er wach. ‎ ‎Nathan presste seine Handfläche flach gegen die kalte Oberfläche. Sein Spiegelbild starrte ihn an – scharfes Kinn, silbrig schimmernde Schläfen, Augen, die aussahen wie die Sturmwolken, die vom Puget Sound heranzogen. Das Gesicht eines Mannes, der aus Exil und Ruin ein Imperium aufgebaut hatte. Das Gesicht eines Mannes, der vergessen hatte, wie man etwas anderes als beherrscht sein konnte. ‎ ‎Der Kaffee in seiner Hand war schon vor zwanzig Minuten kalt geworden. Er trank ihn trotzdem. Rituale waren wichtig. Rituale waren die Architektur eines Lebens, das sonst in Sinnlosigkeit zu versinken drohte. ‎ ‎Er schlief nicht. Er konnte nicht. Jedes Mal, wenn er die Augen schloss, erschien die Wohnung in Belltown – die, die ihm immer noch gehörte, die er nie verkaufen, zerstören oder verschenken konnte. Die Wohnung, in der Grace Hart drei Jahre lang gelebt hatte, bevor sie eines Nachts verschwand – ohne ein Wort, ohne eine Spur, ohne auch nur einen Hauch von Abschied. ‎ ‎Sie hatte sich entschieden zu gehen. Sie hatte sich entschieden, dich zu verlassen. ‎ ‎Dieser Gedanke war eine Narbe, auf die er jeden Morgen drückte. Erinnerung. Rüstung. ‎ ‎Sein Telefon summte auf dem Schreibtisch hinter ihm. Er rührte sich nicht. ‎ ‎Dann summte es erneut. Und noch einmal. Das bestimmte Muster – drei kurze, ein langer Ton – das bedeutete nur eine Person und nur diese eine Person. ‎ ‎Victor Calloway. ‎ ‎Nathan drehte sich langsam um. Er nahm das Telefon nicht ab. Er ließ es klingeln. Viermal. Fünfmal. Sechsmal. ‎ ‎Beim siebten Klingeln nahm er ab. ‎ ‎„Nathan.“ ‎ ‎Victors Stimme klang jetzt anders. Dünner. So dünn, wie sie in Krankenhauszimmern klang und davon flüsterte, dass die Zeit ablief. Nathan hatte sie vor drei Monaten gehört, als Victor zum ersten Mal angerufen hatte – dieselbe Forderung, verpackt in sanftere Worte: „Komm zum Weingut. Es gibt etwas, das du wissen musst.“ ‎ ‎Nathan hatte damals aufgelegt. Er legte auch jetzt auf. ‎ ‎Aber seine Hand zitterte. Zum ersten Mal seit fünfzehn Jahren zitterte seine Hand. ‎ ‎Er legte das Telefon beiseite und ging zurück zum Fenster. Die Stadt erwachte. Autos krochen durch die Innenstadt wie Blut durch Arterien. Die Menschen bewegten sich durch ihr kleines, gewöhnliches Leben mit ihren kleinen, gewöhnlichen Problemen, und keiner von ihnen wusste – keiner von ihnen kümmerte es –, dass Nathan Calloway einst ein Junge aus Georgia gewesen war, der an die Liebe glaubte, an die Familie, an die Vorstellung, dass die Welt einen belohnen würde, wenn man nur gut genug und freundlich genug war. ‎ ‎Die Welt hatte ihn nicht belohnt. Die Welt hatte ihn entblößt und ihm sein eigenes Herz in Stücken zurückgegeben. ‎ ‎Er schaute auf seine Uhr. 6:03 Uhr. In vierzehn Minuten würde sein Assistent mit dem Tagesplan anklopfen. In sechzehn Minuten würde er im Sitzungssaal sitzen und Männer, die doppelt so alt waren wie er, mit nichts als einem Blick und einem Schweigen einschüchtern, das Gehorsam verlangte. ‎ ‎In achtzehn Minuten würde er wieder Nathan Calloway sein. Beherrscht. Unantastbar. Der Geist von Seattle. ‎ ‎Aber gerade jetzt – gerade jetzt, in der Grautönigkeit und der Stille und dem Geschmack von kaltem Kaffee in seiner Kehle – war er nur ein Mann, dem nie gesagt worden war, warum die Frau, die er liebte, sich entschieden hatte, wegzugehen. ‎ ‎Sein Handy vibrierte erneut. Diesmal kein Anruf. Eine SMS. ‎ ‎Er las sie nicht. ‎ ‎Er ging zu der verschlossenen Schublade seines Schreibtisches. Seine Finger schwebten über dem Schlüssel. Er öffnete sie nicht. Aber er berührte sie. Drückte seine Fingerspitze gegen das kalte Metall und atmete tief ein. ‎ ‎Grace. Ein einziges Wort. Ein Name, der immer noch einen Teil von ihm besaß, den er vor fünfzehn Jahren für tot gehalten hatte. ‎ ‎Das Handy vibrierte erneut. ‎ ‎Dann – was unmöglich schien – eine dritte Nachricht. ‎ ‎UNBEKANNTE NUMMER: Ich weiß, wer sie war. Ich weiß, wer du bist. Ich suche meinen Vater, und sein Name ist Nathan Calloway. Ich komme morgen um 9 Uhr zu deinem Haus. Lass mich nicht warten. ‎ ‎Nathan las es einmal. Las es zweimal. Seine Kehle schnürte sich zu. ‎ ‎Eine Tochter. ‎ ‎Grace hatte eine Tochter. ‎ ‎Was bedeutete, dass Grace schwanger gewesen war, als sie ging – schwanger mit seinem Kind – und sie ging trotzdem. Sie nahm seine Tochter und floh und kam nie zurück. ‎ ‎Sein Handy vibrierte ein viertes Mal. ‎ ‎UNBEKANNTE NUMMER: Mein Name ist Lily. Lily Hart. Ich bin dreizehn Jahre alt. Und meine Mutter hat mir gesagt, dass ich dich suchen soll, wenn ich dich jemals brauche – wenn ich jemals in Gefahr bin. Mama hat gesagt, du würdest mich beschützen. Sie hat gesagt, du seist der Einzige, dem sie mich jemals anvertraut hätte. ‎ ‎Mama ist seit acht Monaten tot. ‎ ‎Ich bin allein. ‎ ‎Bitte. ‎ ‎Das Telefon glitt Nathan aus den Fingern. ‎ ‎Es schlug mit einem Geräusch, das in der Stille wie ein Schuss klang, auf den Boden. ‎ ‎Nathan Calloway – der Geist von Seattle, der Mann, der seit fünfzehn Jahren nicht mehr gezittert hatte – stand am Fenster, die Hände zitternd und den Namen einer toten Frau in die Brust geritzt, und zum ersten Mal seit der Nacht, in der Grace gegangen war, wusste er nicht, was er tun sollte. ‎ ‎Er wusste nicht mehr, wer er sein sollte. ‎ ‎Die Lichter der Stadt verschwammen. Er weinte nicht – er hatte vor Jahren vergessen, wie man weint –, aber etwas zerbrach hinter seinen Rippen, etwas, das er mit Schlössern und Wut und fünfzehn Jahren der Selbstüberzeugung, dass er allein besser dran sei, verschlossen hatte. ‎ ‎Eine Tochter. ‎ ‎Er hatte eine Tochter. ‎ ‎Und sie war auf dem Weg. ‎

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