Die Zurückweisung-1c

690 Words
Melissa stieß einen leisen, angewiderten Laut aus. „Das ist erbärmlich. Derek, lass uns gehen. Sie macht hier eine Szene.“ „Ich mache hier eine Szene?“, lachte ich, und mein Lachen klang gebrochen und abgehackt. „Ich mache hier eine Szene? Du hast gerade mit ansehen müssen, wie dein Alpha seine Gefährtin öffentlich zurückgewiesen, ein heiliges Band zerstört und jemanden vor dem ganzen Rudel gedemütigt hat, und ich bin diejenige, die hier eine Szene macht?“ „Du solltest gehen.“ Dereks Stimme war hohl. „Aria, bitte. Geh einfach.“ „Oh, ich gehe ja schon.“ Ich wich einen Schritt zurück, dann noch einen. Die Menge teilte sich um mich herum, als wäre ich ansteckend. Vielleicht war ich es ja auch. Vielleicht war Zurückweisung ansteckend. „Keine Sorge, *Alpha*. Du wirst mich nie wiedersehen.“ „Aria, warte –“ Aber ich rannte bereits. Ich verlagerte mein Gewicht mitten im Schritt, meine Knochen knackten und setzten sich wieder zusammen, Fell sprosselte auf meiner Haut. Mein Wolf übernahm die Kontrolle, verzweifelt auf der Suche nach Flucht, nach einem Ausweg aus dem Schmerz, der uns innerlich auffraß. Hinter mir hörte ich Derek noch einmal meinen Namen rufen. Ich drehte mich nicht um. --- Ich weiß nicht, wie lange ich rannte. Stunden, vielleicht. Lange genug, dass der Mond über den Himmel gewandert war, lange genug, dass meine Pfoten blutig waren und meine Lungen brannten. Als ich schließlich zusammenbrach, stand ich vor meinem kleinen Häuschen am Rande des Rudelgebiets. Der Ort, an dem ich lebte, seit meine Eltern vor drei Jahren gestorben waren. Der Ort, von dem ich geträumt hatte, ihn zu verlassen, sobald Derek und ich ein Paar wären, sobald ich als seine Luna ins Rudelhaus ziehen würde. Diese Träume fühlten sich an, als gehörten sie jemand anderem. Einem naiven, dummen Mädchen, das an Märchen und Happy Ends geglaubt hatte. Ich verwandelte mich zurück in meine menschliche Gestalt und kroch zu meiner Haustür. Meine Hände zitterten so stark, dass ich drei Anläufe brauchte, um den Schlüssel ins Schloss zu stecken. Drinnen war alles genau so, wie ich es verlassen hatte. Das Kleid, das ich nach der Zeremonie anziehen wollte, hing an meiner Schranktür – weiße Seide mit silberner Stickerei. Ich hatte monatelang daran gearbeitet. Ich riss es vom Bügel und warf es quer durchs Zimmer. Dann schaffte ich es gerade noch rechtzeitig ins Badezimmer, um mich zu übergeben. Als mein Magen leer war, setzte ich mich auf die kalten Fliesen und ließ endlich meinen Tränen freien Lauf. Die Verbindung war zerbrochen. Ich spürte die Leere in meiner Brust, wo sie einst gewesen war, eine klaffende Wunde, die nicht aufhörte zu bluten. Doch schlimmer als der Bruch der Verbindung war das Wissen um das, was ich verloren hatte. Nicht nur Derek. Nicht nur meinen Platz im Rudel. Sondern die Zukunft, die ich mir ausgemalt hatte. Das Leben, das ich geplant hatte. Die Person, die ich zu werden glaubte. Alles, ausgelöscht mit ein paar grausamen Worten. Ich zog die Knie an die Brust und umarmte sie, um mich zu fassen. Um nicht völlig zusammenzubrechen. Da spürte ich es. Eine Wärme in meinem Unterleib. Sanft, fast unmerklich. Mein Wolf, der seit unserem Anhalten unheimlich still gewesen war, wurde plötzlich wach. Nicht vor Schmerz oder Angst, sondern mit … Bewusstsein. Erkenntnis. Nein. Nein, das war unmöglich. Mit zitternden Händen presste ich meine Handfläche auf meinen Bauch. Und spürte es wieder. Diese seltsame, fremde Wärme, die nicht zu mir gehörte. „Oh Götter“, flüsterte ich. Meine letzte Läufigkeit war sechs Wochen her. Derek und ich waren … wir waren so vorsichtig gewesen. Meistens vorsichtig. Aber Wölfe sind fruchtbare Tiere, besonders um den Vollmond herum. Und wenn sich die Bindung schon damals gebildet hatte, wenn wir kurz davor gewesen wären, sie zu vollenden … Ich schloss die Augen und griff nach meinem Wolf, um ihr die Frage zu stellen, die ich mich vor Angst nicht auszusprechen traute. Sie antwortete mit absoluter Gewissheit. *Schwanger.* Ich war schwanger von Derek Blackwood. Der Alpha, der mich gerade vor dem gesamten Rudel zurückgewiesen hatte, war der Vater des Babys in mir. Und er hatte keine Ahnung.
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