Aria schafft es gerade noch so zu ihrer kleinen Hütte, bevor sie zusammenbricht. Ihre beste Freundin Luna findet sie bewusstlos.
Ich wachte auf, weil jemand meinen Namen schrie.
„Aria! Aria, mach die Augen auf! Bitte, bitte wach auf!“
Meine Augenlider fühlten sich an, als wären sie tonnenschwer. Alles tat weh – meine Brust, mein Kopf, meine Knochen. Sogar meine Haare schmerzten, was keinen Sinn ergab, aber nichts ergab mehr Sinn.
„Schon gut, komm schon. Sieh mich an.“
Lunas Gesicht tauchte über mir auf. Ihre dunklen Augen waren vor Panik geweitet, Tränen rannen über ihre braunen Wangen. Ihre Hände lagen an meinem Gesicht und zitterten.
„Luna?“, krächzte ich. Mein Hals fühlte sich an, als hätte ich Glassplitter verschluckt.
„Gott sei Dank.“ Sie zog mich in eine erdrückende Umarmung, und ich zuckte zusammen. Alles war so zart, als wäre mir die Haut abgezogen worden und meine Nerven lägen frei. „Du dummes, dummes Mädchen. Ich dachte, du wärst tot. Ich dachte –“
„Wie lange?“, brachte ich hervor.
Sie löste sich von mir und wischte sich mit dem Handrücken übers Gesicht. „Drei Tage. Du warst drei Tage bewusstlos, Aria.“
Drei Tage.
Ich versuchte, mich aufzusetzen, aber meine Arme gaben sofort nach. Luna fing mich auf, bevor mein Kopf wieder auf den Boden aufschlug.
„Ruhig. Beweg dich nicht zu schnell. Die Bindungskrankheit hätte dich fast umgebracht.“ Ihre Stimme brach beim letzten Wort. „Hast du eine Ahnung, wie verängstigt ich war? Ich kam am Morgen nach der Zeremonie vorbei, um nach dir zu sehen, und du lagst einfach nur da. Regungslos. Kaum atmend.“
Die Zeremonie. Derek. Die Zurückweisung.
Alles brach mit voller Wucht über mich herein, und ich wünschte, ich wäre bewusstlos geblieben.
„Mir geht’s gut“, log ich.
„Dir geht’s nicht gut. Im Gegenteil.“ Luna half mir langsam auf, mich aufzusetzen, und stützte mich mit Kissen ab. Mir wurde bewusst, dass ich in meinem Bett lag und saubere Kleidung trug, die ich definitiv nicht selbst angezogen hatte. „Ich habe mich um dich gekümmert. Dir alle paar Stunden Wasser eingeflößt. Und versucht, dein Fieber zu senken.“
„Hast du nicht den Rudelarzt gerufen?“
Ihr Gesichtsausdruck verfinsterte sich. „Und ihn Luna Catherine berichten lassen, dass du im Sterben liegst? Auf keinen Fall. Ich habe stattdessen Dr. Sarah gerufen.“
Dr. Sarah. Die alte Wölfin, die am Rande des Rudelgebiets lebte, keine Fragen stellte und alle Geheimnisse bewahrte. Klug.
„Wo ist sie jetzt?“
„Sie ist heute Morgen gegangen. Sagte, das Schlimmste sei überstanden, aber …“ Luna biss sich auf die Lippe. „Aria, sie meinte, die Bindungsabstoßungskrankheit dauert normalerweise nicht so lange. Vor allem nicht bei einer Bindung, die noch gar nicht abgeschlossen war. Sie sagte, dein Fall sei einer der schlimmsten, die sie je gesehen habe.“
Natürlich war er das. Denn nichts in meinem Leben konnte einfach sein.
Ich sah auf meine Hände. Sie waren dünn, fast knochig. Meine Adern traten wie blaue Flüsse unter meiner papierweißen Haut hervor.
„Du musst etwas essen“, sagte Luna, als ob sie meine Gedanken lesen könnte. „Ich koche dir eine Brühe.“
„Ich habe keinen Hunger.“
„Ist mir egal. Du isst.“ Sie stand auf, und ich bemerkte, wie erschöpft sie aussah. Dunkle Ringe unter den Augen, ihr sonst so ordentliches Haar zu einem unordentlichen Dutt zusammengebunden. Sie war die ganze Zeit hier gewesen und hatte sich um mich gekümmert.
„Luna“, rief ich ihr nach, als sie zur Tür ging. „Danke.“
Sie drehte sich um, und ihre Augen füllten sich erneut mit Tränen. „Bedank dich nicht. Nur … erschreck mich nicht noch mal so, okay?“
Nachdem sie gegangen war, versuchte ich, aus dem Bett zu steigen. Ich brauchte drei Anläufe und musste mich am Nachttisch festhalten, um nicht umzufallen. Mir wurde schwindelig, als wäre ich betrunken.
Ich erblickte mich im Spiegel gegenüber und erstarrte.
Ich sah aus wie der Tod. Nein, schlimmer als der Tod. Wie etwas, das gestorben, begraben und dann wieder ausgegraben worden war. Meine Haut war grau, meine Haare hingen schlaff und verfilzt um mein Gesicht, und meine Augen lagen tief in dunklen Höhlen.
Aber es war die Leere in meiner Brust, die mich wegschauen ließ.
Der Raum, wo einst die Seelenbindung gewesen war, fühlte sich an wie ein schwarzes Loch, das alles in sich hineinzog. Ich konnte fast spüren, wie es versuchte, mich von innen heraus zu verschlingen.
Meine Hand wanderte wie von selbst zu meinem Bauch.
Das Baby. Ging es dem Baby gut? Konnte die Bindungskrankheit weh tun …?
„Hier.“ Luna kam mit einer dampfenden Schüssel zurück. „Hühnerbrühe mit heilenden Kräutern. Dr. Sarah hat genaue Anweisungen hinterlassen.“