Clair
„Clair, komm sofort her!“, die Stimme meiner Mutter durchdrang die dicken Wände des Schlosses, und ohne zu zögern, machte ich mich auf den Weg in ihr Zimmer, das gleich neben meinem lag.
Wie fast alle Omegas lebten wir im Rudel-Schloss, einem weitläufigen, alten Bau, der seit Generationen die Heimat der Wölfe des Königlichen Rudels war. Meine Mutter war schon seit ihrer Jugend Köchin im Schloss, eine Stellung, die sie stets mit Stolz und Pflichtbewusstsein ausgefüllt hatte.
Seit ich denken konnte, waren es immer nur meine Mutter, Cordelia, und ich gewesen. Verwandte hatten wir zwar, doch die meisten lebten weit verstreut im Königlichen Rudel. Mein Vater war gestorben, als ich noch ein Kind war – auch er war ein Omega und hatte, wie es in seiner Art lag, ebenfalls im Schloss gearbeitet. Seine Abwesenheit lastete schwer auf meiner Mutter, aber was sie wirklich besonders machte, war, dass sie es geschafft hatte, den Tod ihres Gefährten zu überleben. Nicht viele Omegas schafften das – für die meisten war der Verlust ihres Gefährten gleichbedeutend mit dem Ende ihres eigenen Lebens. Unser schwaches Wesen, so hieß es, könne den Schmerz eines gebrochenen Herzens nicht lange ertragen. Omegas waren die zerbrechlichsten unter den Wölfen, die einzigen, die der Sterblichkeit unterlagen, und die wenigen von uns, die sich überhaupt verwandeln konnten, taten dies nur selten, da unsere Wolfsgeister schwach und brüchig waren.
„Der Alpha-Gipfel beginnt heute Abend“, begann meine Mutter, als ich den Raum betrat, „und morgen gibt es ein großes Festmahl. Alle ranghohen und einflussreichen Wölfe des Reiches werden daran teilnehmen, also sind wir in der Küche und im Speisesaal knapp an Personal. Du musst mithelfen, den Saal vorzubereiten und beim Servieren aushelfen. Um drei Uhr nachmittags geht es los.“
Ich wusste nur zu gut, was der Alpha-Gipfel bedeutete – dieses Ereignis fand nur alle drei Jahre statt und zog die mächtigsten und einflussreichsten Alphas aus allen Ecken des Landes ins Königliche Rudel. Es war das wichtigste gesellschaftliche und politische Treffen der Wölfe, und entsprechend würde das Schloss bis an seine Grenzen gefüllt sein. Doch trotz der Bedeutung dieser Aufgabe konnte ich mir nicht helfen und versuchte, Einwände zu erheben.
„Aber Mama... Ich habe doch heute Nachmittag um vier eine Stunde mit Sarah...“, begann ich vorsichtig.
„Sarah? Sie ist ein ranghoher Wolf, vergiss das nicht! Du kannst sie nicht einfach beim Vornamen nennen!“, unterbrach sie mich scharf. Meine Mutter war immer schon streng in diesen Dingen gewesen – für sie war die Rangordnung im Rudel klar wie Wasser und so fest verankert wie die Mauern dieses Schlosses. Omegas hatten ihren Platz zu kennen, und dieser Platz war unverrückbar.
Sarah mag eine ranghohe Wölfin sein, aber für mich war sie viel mehr – sie war meine Mentorin. Seit ich vor zwei Jahren achtzehn geworden war, hatte sie mich als ihre persönliche Assistentin ausgewählt. Keine geringe Ehre, schon gar nicht für ein Omega. Zudem half sie mir, mich zur Krankenschwester ausbilden zu lassen, eine Rolle, die bisher noch nie ein Omega erreicht hatte. Meine Mutter hatte von Anfang an deutlich gemacht, dass sie diese Idee verabscheute.
„Du solltest überhaupt keine Stunden haben! So etwas gehört sich nicht für ein Omega!“, fuhr sie mit dieser bestimmten Mischung aus Tadel und Verachtung fort, die mir seit meiner Kindheit nur allzu bekannt war. „Clair, du solltest froh sein, überhaupt ihre Assistentin sein zu dürfen, und diese abwegigen Ideen aus deinem Kopf verbannen“, fügte sie hinzu, ihre Augen fixierten mich vorwurfsvoll.
„Das ist nichts, was ein Omega tun sollte“ – dieser Satz war ein Mantra meiner Mutter, ein ständiges Leitmotiv, das sie mir, seit ich denken konnte, wieder und wieder ins Gedächtnis hämmerte.
„Alle Omegas werden an diesem Abendessen und dem Alpha-Gipfel mithelfen. Und du, mein Schatz, bist da keine Ausnahme“, sagte sie und legte mir eine Hand auf die Schulter, als wolle sie mir ihre Worte eindringlicher machen.
Ich öffnete den Mund, um noch einmal anzusetzen: „Ich werde mit Sa...“,
Doch bevor ich weitersprechen konnte, schloss sie die Augen und zog ihre Stirn in tiefen Falten zusammen. Das bedeutete, dass jede weitere Diskussion zwecklos war.
„Ich werde es tun, Mama. Keine Sorge“, murmelte ich schließlich, unterdrückte ein Seufzen und verließ ihr Zimmer.
Viele waren völlig aus dem Häuschen wegen des bevorstehenden Alpha-Gipfels. Es war der eine Tag, an dem die Alphas der zwölf Rudel aus allen Ecken des Reiches hierher ins Königliche Rudel kamen, um ihre Pläne und Strategien gemeinsam mit dem Alpha-König zu besprechen. Besonders die Omega-Mädchen, und da gab es keine Ausnahme, fieberten diesem Moment entgegen, nicht zuletzt deshalb, weil sechs der anreisenden Alphas noch ohne Gefährtin waren.
Natürlich waren sie realistisch genug, um zu wissen, dass die Wahrscheinlichkeit, unter diesen mächtigen Wölfen einen Gefährten zu finden, nahezu gleich null war. Alphas wurden in der Regel mit starken, hochgeborenen Wölfinnen verpaart, meistens mit den Töchtern von Betas oder anderen Alphas – niemals mit gewöhnlichen Weibchen, und schon gar nicht mit Omegas. Das war so gut wie undenkbar. Dennoch träumten viele der jungen Frauen davon, zumindest für einen kurzen Moment in den Armen eines solch dominanten und kraftvollen Wolfes zu landen, wenn auch nur für eine Nacht.
Versteh mich nicht falsch! Ich konnte durchaus nachvollziehen, warum diese Vorstellung so verlockend war – aber für mich persönlich gab es im Leben Wichtigeres, als sich ständig in die Nähe von Männern zu werfen, deren Ego so gewaltig war, dass es die Wolken zu berühren schien.
Klar, diese Alphas waren äußerlich beeindruckend – groß, muskulös, mit sonnengebräunter Haut und einer Aura, die pure Männlichkeit ausstrahlte. Das konnte man ihnen nicht absprechen. Aber meiner Erfahrung nach waren die meisten von ihnen unfassbar arrogant und verzogen. Wie könnten sie auch anders sein? Sie wurden ihr ganzes Leben lang auf Händen getragen, weil die Omega-Weibchen ihnen scharenweise zu Füßen fielen. Ehrlich gesagt, ich finde, diese Mädchen machen sich lächerlich.
„Weißt du, deine Cousine Imogene wird auch dort sein. Sie ist so ein feines Omega – fleißig, wohlerzogen und sie versteht es, ein Zimmer zu putzen wie niemand sonst!“
Imogene war immer das Paradebeispiel für ein Omega gewesen: ruhig, gehorsam, unterwürfig, sanftmütig. Seit mehr als zehn Jahren arbeitete sie bereits als Reinigungskraft hier im Schloss des Rudels und war nie aus ihrer Rolle ausgebrochen.
Anscheinend war das alles, was ein Omega jemals tun konnte. Es war eine bittere Erkenntnis, aber das Leben, das uns zugeteilt wurde, schien in diesen engen Bahnen verhaftet. Für mich war es allerdings nicht genug. Vielleicht war ich verrückt, aber ich wollte mehr – viel mehr als dieses vorbestimmte Leben in ständiger Unterordnung. Ich wollte mein eigenes Schicksal in die Hand nehmen.
Meine Mutter hatte mir oft genug zu verstehen gegeben, dass ich eine Träumerin war, und sie ließ es nie aus, mich daran zu erinnern, dass Menschen wie wir, die zu viel träumten, am Ende nur enttäuscht und verbittert endeten. Aber in meinen Augen gab es nichts Bittereres, als ohne Träume zu leben. Dennoch war ich mir oft nicht sicher, ob wir, als Omegas, überhaupt das Recht hatten, zu träumen.
Dennoch fand mein Geist Ruhe im Reich der Träume.
~ * ~
Am folgenden Tag waren wir Omegas, einschließlich meiner Wenigkeit, damit beschäftigt, den Speisesaal für das bevorstehende Festmahl herzurichten. Alles war bis ins kleinste Detail durchorganisiert, prachtvoll arrangiert und bereit. Die Ankunft der Alphas stand unmittelbar bevor, und man konnte die Spannung in der Luft förmlich spüren.
Meine Cousine Imogene polierte bereits zum vierten Mal den gleichen Tisch, als wäre es eine heilige Zeremonie. Alles musste bis ins letzte Perfektion widerspiegeln – zumindest war das ihre Vorstellung. Sie verkörperte das Ideal eines Omegas in jeder Hinsicht: still, fleißig, gehorsam. Doch in ihrem übertriebenen Streben nach Perfektion fragte ich mich oft, ob sie überhaupt glücklich war. Ehrlich gesagt, hegte ich den Verdacht, dass sie es nicht war.
Da öffnete sich die Tür, und ein stattlicher Mann, groß und kraftvoll, betrat den Raum. Er war unverkennbar ein Alpha – seine gesamte Erscheinung schrie nach Autorität und Macht. Seine Präsenz erfüllte den Raum in einer Weise, die alle Blicke auf sich zog. Er setzte sich gelassen an einen der reich gedeckten Tische und verlangte mit tiefer, bestimmender Stimme nach einem Glas Wein. Imogene war sofort zur Stelle, sie lächelte, aber sie wagte es nicht, ihn direkt anzusehen.
Kein Omega würde jemals einen Alpha direkt in die Augen schauen, nicht nur aus Höflichkeit, sondern aus reinem Selbsterhaltungstrieb. Die Wölfe dieser dominanten Wesen konnten es schnell als Provokation auffassen, und niemand hier wollte diese Bestien verärgern. Diese unausgesprochene Regel galt zwar vor allem für uns Omegas, doch auch die meisten anderen Wölfe achteten darauf, die Alphas nicht unnötig aus der Fassung zu bringen. Sicherlich, ihre Gefährtinnen, enge Freunde oder Familie durften sie wohl anblicken, aber für uns waren sie wie die Sonne – etwas, das man nicht direkt anstarrte, ohne sich dabei zu verbrennen.
„Ich glaube, er ist ungebunden!“, flüsterte ein Omega-Mädchen neben mir, beinahe erstickt vor lauter Aufregung.
„Er ist so verdammt attraktiv, so heiß!“, fügte Imogene schwärmend hinzu, als sie zu mir hinüberschoss. Ich war mir sicher, dass der Alpha mit seinem scharfen Gehör jedes Wort mitbekommen hatte, doch die beiden schien das herzlich wenig zu kümmern.
„Mag sein“, entgegnete ich emotionslos, als jemand, der sich an diesem Ort so fehl am Platz fühlte wie ein Wolf in einer Schafherde. Ich gehörte wohl zu den wenigen Omega-Mädchen, die keinen besonderen Wert darauf legten, das zweifelhafte Privileg zu genießen, den Alphas zu dienen.
Es würde eine lange Nacht werden – dieser Gedanke schlich sich wie ein zermürbendes Unbehagen in meinen Geist. Ich unterdrückte ein genervtes Seufzen.
„Ach komm schon, Clair! Diese Alphas sind doch der Stoff, aus dem Träume gemacht sind!“, quiekte Imogene, als sie meinen Arm packte, um meine Aufmerksamkeit zu erzwingen.
Ja, das waren sie. Aber sie mussten das nicht ständig hören!
Ich atmete tief durch und ließ den Blick durch den prachtvoll geschmückten Raum schweifen. Es war nur eine Frage der Zeit, bis die arroganten, selbstverliebten – und ja, verdammt attraktiven – Männer diesen Saal betreten würden.
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