Kapitel 2

2097 Words
Viktor blieb noch einige Minuten auf dem Flur stehen, bevor er seine Schritte zurückverfolgte. Die junge Braut würde diesen Raum wohl so schnell nicht verlassen und hatte offensichtlich nicht die Absicht, zu den Gästen zurückzukehren. Viktors Misstrauen wuchs; er begriff nun endgültig, dass diese Ehe nicht auf einer Liebesgeschichte basierte. Was die junge Frau ihn gerade gefragt hatte, war ein Schrei der Verzweiflung. Die Tränen, die auf ihren Wangen perlten, konnten nur das Zeichen einer arrangierten Ehe sein – und der Einzige, der damit zufrieden schien, war Konrad. Viktor kehrte in den Saal zurück, um nach Antworten zu suchen. Vor allem aber konnte er die junge Frau trotz seines brennenden Verlangens nach Rache nicht in dieser Situation zurücklassen. Es war offensichtlich, dass sie nicht im Bett ihres Ehemannes enden wollte. Ein erneuter Stich in seinem Herzen trieb ihn dazu, sich seinem Feind zu nähern. Er griff sich eine Flasche Scotch aus einem Schrank voller Geschenke und trat vor. Konrad war betrunken, und Viktor war fest entschlossen, ihm den Rest zu geben, damit die junge Frau diese Nacht ihre Ruhe haben würde. „Möchten Sie noch einen letzten Drink?“, warf Viktor ein, während er sich in die Mitte der kleinen Gruppe um ihn herum stellte. „Und wem habe ich die Ehre zu verdanken?“, fragte dieser und mühte sich ab, die Worte artikuliert auszusprechen. Viktor lächelte süffisant und goss ihm nach. „Ist das wirklich wichtig? Trinken wir auf Ihre Hochzeit.“ Konrad lachte so arrogant, dass Viktor eine drohende Grimasse nur mühsam unterdrücken konnte. „Meine Frau ist wunderschön, nicht wahr? Haben Sie sie gesehen?“ Viktor hatte sie in der Tat gesehen, und er war gerade dabei, ihr das Leben zu retten. „Sie ist wunderschön, Sie haben großes Glück.“ Ein fast perverser Schimmer trat auf Konrads Lippen. „Meine kleine Elena versteckt sich... gehen Sie und holen Sie sie mir.“ Viktor hielt sich nicht bei dem Namen der jungen Frau auf, sondern intervenierte sofort. „Ich denke, wir bleiben besser unter Männern.“ Konrad gab nach, seine Augen fielen zu. Er war so erbärmlich, dass Viktor es kaum bis morgen Abend abwarten konnte, diesen Elenden zu vernichten. Denn zu keinem Zeitpunkt ahnte dieser, dass er seinen neuen Gegner direkt vor sich hatte. Nach einer Zeit, die Viktor wie eine Ewigkeit vorkam, begannen die Gäste zu gehen, und Konrad war endgültig sturzbetrunken. Nun musste er in ein Zimmer gebracht werden – weit weg von seiner sicher verängstigten Frau. Mit Hilfe eines Mannes, der sichtlich angewidert von dem war, was er sah, trug Viktor ihn in ein Schlafzimmer und warf ihn unsanft auf das Bett. Der Helfer schüttelte den Kopf und verließ den Raum. Viktor folgte ihm, doch als er die Tür schloss, sah er einen kleinen blonden Kopf durch den schmalen Spalt der Zimmertür, in der sie sich eingeschlossen hatte. In den Schatten des Flurs trafen sich ihre Augen, die immer noch vor Besorgnis glänzten. Viktor näherte sich, blieb aber stehen, als sie die Tür zuschlug. Elena unterdrückte einen Seufzer der Erleichterung. Ihr Herz schlug dumpf. Hatte der Fremde aus dem Badezimmer ihr gerade geholfen? Sie legte die Hände auf ihren Bauch und legte sich auf das Bett. Wenn sie auch von Angst überwältigt war, so suchte sie doch noch ein anderes Gefühl heim: Scham. Die Szene im Badezimmer kreiste unaufhörlich in ihrem Kopf. Wie konnte sie das nur zu diesem Fremden sagen? Dem Himmel sei Dank hatte dieser Mann sie rechtzeitig gestoppt. Er hatte die Situation nicht ausgenutzt, vor allem nicht ihre Verletzlichkeit und Verzweiflung, die sie dazu getrieben hatten, ihn um das Undenkbare zu bitten. Doch in einem Punkt hatte sie recht gehabt: Hinter dem eisigen Gesicht, das sie so beeindruckt hatte, hatte der Fremde sich empfänglich für ihre Not gezeigt. Hatte sie nicht gesehen, wie er Konrad absichtlich trinken ließ, bis dieser nicht mehr laufen konnte? Elena schloss die Augen und atmete lautlos ein. Sie öffnete die Verschlüsse ihres Kleides und streifte den Ehering ab, der sie abstieß. Diese einfache Geste reichte aus, damit sie sich für einen Moment frei fühlte. Sie versuchte vergeblich, Schlaf zu finden, und betete im Stillen, dass sie aus diesem schrecklichen Albtraum erwachen würde. Doch der nächste Tag war nicht viel besser. Um die Zeit totzuschlagen, begann Elena traurig das Haus aufzuräumen. Die Spuren dieser schrecklichen Hochzeit waren in jedem Zimmer im Erdgeschoss sichtbar: von halbvollen Tellern bis hin zu Schnapsflaschen, die auf dem Boden verstreut lagen. Und dann war da noch die Hochzeitstorte, die fast unberührt auf ihrem Podest stand. Sie atmete tief ein und aus, als Konrad in die Küche kam, kaum wach, das Gesicht fahl von der durchzechten Nacht. Opfergaben konnten manchmal gefährlich sein, und das erlebte sie heute. Elena hielt den Atem an, als er sie anklagend ansah. „Was war gestern los?“ „Du warst betrunken, deine Freunde haben dich ins Bett gebracht.“ Sofort stieg die Erinnerung an den Fremden und seine wertvolle Hilfe in ihr auf. Dank ihm hatte sie einige Stunden oder gar einen ganzen Tag gewonnen, bevor sie diesem ekelhaften Mann gehören musste. Er prüfte die Uhrzeit und setzte sich auf, um wieder klar im Kopf zu werden. Elena wich zurück und schlüpfte hinter die Theke, um Distanz zu schaffen. „Ich habe viel Zeit verschwendet. Ich muss mich vorbereiten für mein Pokerspiel. Also mach keinen Lärm und zieh dir für heute Abend etwas Vorzeigbares an.“ Sie nickte nur. Er kam näher und küsste sie. Sie kniff die Augen zusammen und versuchte zurückzuweichen. Er entfernte sich mit einem Lächeln, griff nach einer Orange und warf sie ihr zu. Elena fing sie gerade noch auf, die Lippen fest zusammengepresst. „Vergiss nicht, was wir über deine Rolle vereinbart haben.“ Er drehte sich auf dem Absatz um und verschwand. Sie wischte sich mit einer Grimasse über die Lippen und legte die Orange weg. Mit schwerem Herzen hielt sie sich am Rand des Waschbeckens fest und schluckte ihre Tränen hinunter. Als der Abend des berühmten Pokerspiels kam, hatte Elena keine Wahl, als ein enges Kleid anzuziehen, das zwar unangenehm war, aber zumindest ihre Knie bedeckte. Sie hatte den ganzen Tag alles getan, um ihm aus dem Weg zu gehen, doch jetzt konnte sie sich nicht mehr in den Ecken des Hauses verstecken. Widerstrebend musste sie ihm in dieses Casino folgen, wo all seine Freunde auf sie warteten. Im Auto fragte sich Elena, ob ihr Leben noch einen Sinn hatte und ob die Wahl, die sie getroffen hatte, die richtige war. Hätte sie andere Lösungen gehabt? Elena war schön, aber sie steckte bis zum Hals in der Falle. „Denk daran, was ich dir gesagt habe, versuch ruhig zu bleiben.“ „Ich hatte nicht vor zu reden“, sagte sie zwischen den Zähnen. Elena machte das nun schon seit einer Woche mit und war dieser Spiele und des Geldes, das er verlor, müde. Als sie in der Lobby des luxuriösen Casinos standen, überflutete sie eine Welle der Angst, denn dieser Abend würde über alles entscheiden. Wenn er gewann, hatte Elena fast keine Hoffnung mehr, der Hochzeitsnacht zu entkommen, die er forderte. Verlore er hingegen, gäbe es eine winzige Chance, denn wenn er verlor, triumphierte der Alkohol über alles, bis er im selben Zustand wie gestern endete. Elena flüsterte ein stilles Gebet, in der Hoffnung, dass er heute verlieren würde. Sie folgte ihm, gezwungen, ihren Arm in seinen einzuhaken; diese Berührung ekelte sie an. Glücklicherweise ließ er sie stehen, als er einen seiner ebenso erbärmlichen Spielerfreunde sah, und ließ sie allein inmitten der Spielautomaten zurück. Elena sah sich um, doch sie erstarrte mit klopfendem Herzen, als eine große Gestalt in ihre Richtung kam. Ihr Herz schien auszusetzen. Sie schwankte und glaubte an eine Halluzination. Doch sie hätte diesen Fremden niemals vergessen können, der dort in der Ferne stand. Dieser Mann hatte von ihr einen lächerlichen und völlig verzweifelten Vorschlag erhalten, und allein der Gedanke daran ließ sie vor Scham vergehen. Sein dichtes, zerzaustes schwarzes Haar streifte leicht seinen Hemdkragen, seine eisigen Augen mit den markanten Zügen brannten sich förmlich in ihren Rücken, gefolgt von einem eisigen Schauer. Er war schön wie ein Gott, strahlte ein überwältigendes Charisma aus. Die Männlichkeit, die von seinen Gesten ausging, und seine Größe machten sie wahnsinnig – deshalb hatte Elena ihn um das Undenkbare gebeten. Überwältigt von Scham täuschte Elena ein dringendes Bedürfnis vor und eilte durch die Gänge, um in den Toiletten Zuflucht zu suchen. Sie schloss sich in einer der Kabinen ein, um sich zu sammeln, doch ein beharrliches Klopfen gegen die Tür hinderte sie am Nachdenken. Sie öffnete die Tür und stand direkt vor dem Fremden. Er stieß sie hinein und betrat die enge Toilette, womit er sie zur Gefangenen einer Situation machte, die sie fürchtete. Der Duft seines Rasierwassers vom Vortag erfüllte wieder ihre Nase. Sie glaubte ohnmächtig zu werden, als er sich in seinem tadellosen schwarzen Anzug über sie beugte und seine Hand gegen die Wand stemmte. Er senkte den Kopf zu ihrem; Elena hörte auf zu atmen und konnte nicht anders, als auf seinen fest geformten Mund zu starren. „Schön, dich wiederzusehen, Elena.“ Die eisige Sinnlichkeit in seiner Stimme machte sie bewegungsunfähig. „Ich muss wissen, was letzte Nacht passiert ist. Und ich will keine Lüge. Diese Hochzeit hat nichts Romantisches an sich, also was tust du verheiratet mit Konrad?“ Angesichts ihrer Unfähigkeit, auch nur einen Ton hervorzubringen, richtete er sich auf. „Na gut, dann frage ich wohl besser deinen Ehemann, vielleicht wird er...“ „Nein, bitte nicht!“ Panik überkam sie. „Dann antworte sofort.“ Ohne eine andere Wahl zu haben, atmete Elena tief durch. „Mein Stiefvater hat Schulden, also... hat er Konrad um Hilfe gebeten. Natürlich wollte Konrad eine Gegenleistung, die ich offensichtlich ablehnte. Aber er ist gerissen. Er ist absichtlich zu meiner Stiefschwester gegangen, um mich zu brechen, also hatte ich keine andere Wahl.“ Nachdem sie ihre Geschichte herausgesprudelt hatte, beobachtete Elena aufmerksam die Reaktion des Mannes, der sie wortlos anstarrte. Seltsamerweise fand sie in ihm eine Aufmerksamkeit, die sie dazu drängte, sich weiter anzuvertrauen. „Ich habe meine Ersparnisse Anastasia gegeben, damit sie das Land verlässt, denn ich zweifle an den guten Absichten von Konrad und auch an denen seines eigenen Vaters.“ Elena hielt inne. „Gott, es ist schrecklich. Er bestraft mich dafür, dass ich seine Annäherungsversuche lange Zeit abgelehnt habe. Für seinen Junggesellenabschied hat er mich gezwungen, aus einer riesigen Torte zu steigen, bekleidet wie... mein Gott, ich wurde gedemütigt.“ Sie sah schwach zu ihm auf. Unnahbar, völlig kalt und ohne jede Regung blieb er zu ihrer Verzweiflung stumm. „Ich... entschuldige mich für gestern. Ich habe völlig den Verstand verloren. Du musst vergessen, was ich gesagt habe.“ Sie straffte sich und wollte an ihm vorbeigehen. „Ich muss zurück, sein Spiel fängt gleich an“, stammelte Elena und verließ die Toilette, noch beschämter als am Vortag. Sie hob das Kinn, um nicht zusammenzubrechen. Konrad pfiff ihr wie einem Hund nach, ihm zu folgen. Warum hatte sie ihre Geschichte diesem Fremden anvertraut, der sich so ungerührt gezeigt hatte? Sie schüttelte unmerklich den Kopf, gequält von widersprüchlichen Gefühlen. Sie betraten einen privaten Raum, der den wohlhabendsten Spielern vorbehalten war. Der Raum war dunkel, aber gedämpft, die Spieler waren konzentriert. Der Geruch von Alkohol und Zigaretten ließ sie husten. Ihr Tisch war bereit, Konrads Freunde saßen bereits da, elegante Frauen in Kleidern und auffälligem Schmuck warteten geduldig auf den Beginn des Spiels. Konrad hatte kein Glück im Spiel, war aber hartnäckig, seit er vor weniger als einer Woche fünfhunderttausend Dollar gewonnen hatte. Bald würde auch er verschuldet sein... Er begann den Abend mit einem Whiskey. Elena hielt sich mit Kommentaren zurück, um nicht gedemütigt zu werden. Fünf kurze Minuten später setzte sich ein Mann in den Vierzigern auf den freien Platz neben ihnen und nickte ihnen schweigend zu. Dann stieg ihr der Duft von leicht würzigem Rasierwasser großzügig in die Nase. Elena erstarrte, als der Fremde vor Konrad stand, sein Gesicht verschlossen. Sein Blick glitt für eine Sekunde in den ihren – genug, um ihr Herz aussetzen zu lassen. Dann spannten sich die Kiefer des Fremden an, sein fester Mund presste sich kurz zusammen. Sie spürte, wie ihre Hände gegen ihre Oberschenkel feucht wurden. „Ich hoffe, du bist bereit“, sagte der Fremde kalt zu Konrad und starrte ihm direkt in die Augen. „Denn dieser Teil hat gerade erst begonnen...“ Mit einem autoritären Kopfnicken deutete er auf die Karten und rief dem Dealer zu: „Ich bin bereit, fangen wir an...“
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