WILLKOMMEN AN DER MOON VALLEY UNIVERSITY!!!
„Die Wohnheime sind hochmodern, die Dozenten Weltklasse, und allein das Networking ist die Studiengebühren wert. Du wirst im Nu Freunde finden, Luna. Glaub mir, es wird dir gefallen.“ Meine Tante Marissa redete unaufhörlich weiter, während wir zur Moon Valley University rasten und sprach wieder einmal aus den Broschüren. Ihre Hände umklammerten das Lenkrad so fest, dass ihre Knöchel weiß wurden – ein krasser Gegensatz zu dem lässigen, unbeschwerten Ton, den sie zu wahren versuchte.
Ich starrte hinaus in den vorbeiziehenden Wald. Ein prickelndes Kribbeln durchfuhr mich. Wir waren jetzt tief im Tal, wo die Bäume so dicht standen, dass sie das Licht verschluckten. Ich war eine Stipendiatin an einer Eliteuniversität, und die Rechnung ging einfach nicht auf. Tante Marissa behauptete, sie hätte meinen Namen nur aus einer Laune heraus eingereicht, aber ihre aufgesetzte Fröhlichkeit wirkte wie eine Maske. Seit dem Herzinfarkt meiner Mutter vor sechs Monaten fühlte sich alles in meinem Leben wie eine sorgfältig konstruierte Lüge an. Was hätte ich nicht alles dafür gegeben, wieder zu Hause zu sein, gemütlich mit einem Buch und einer heißen Schokolade. Stattdessen wurde ich auf ein elitäres Internat geschickt, das nur die Besten besuchen konnten, weil ich ein Premium-Stipendium hatte. Verdammt, ich wusste nicht einmal, wie ich es bekommen hatte.
Ich schwieg den Rest der Fahrt, meine Angst nagte an mir, bis wir endlich ankamen. Moon Valley University. Ein ziemlich seltsamer Name, aber was sollte ich sagen? Es war kostenlos für mich. Der Wagen hielt vor einer gotischen Festung aus verwittertem Stein und zackigen Türmen. Ein riesiger Wolfsbrunnen knurrte mitten im Innenhof, seine steinernen Augen glänzten im schwindenden Sonnenlicht. Darunter waren lateinische Worte eingraviert, die ich noch nicht entziffern konnte, aber sie klangen eher wie eine Warnung als wie eine Begrüßung.
„Hör auf zu gaffen! Du musst dich einleben, sonst kommst du zu spät zur Einführungsveranstaltung.“ Tante Marissa tippte mir aufs Bein und riss mich aus meinen Tagträumen, bevor sie ausstieg. Ich folgte ihr und schon bald hatten wir all meine Sachen aus dem Kofferraum geholt. Ich blickte auf mein Gepäck und fragte mich, wie ich das alles tragen, mich durch die Schule bewegen und mein Zimmer finden sollte.
Bevor ich es mir überlegen konnte, raste sie davon, die Reifen ihres Wagens quietschten auf dem Schotter. Sie hinterließ eine Staubwolke und den deutlichen Eindruck, dass sie so schnell wie möglich von hier weg wollte. Ich sah dem Wagen mit gerunzelter Stirn und einem Zucken im Kiefer nach. Diese Frau wollte, dass ich so schnell wie möglich Freunde fand. Verdammt!
„Brauchst du Hilfe oder willst du Telekinese einsetzen?“
Ich wirbelte herum. Ein großer Asiate mit Undercut und einem gefährlich wissenden Grinsen lehnte an einer Säule und musterte mich mit einer Intensität, die mir die Nackenhaare aufstellte. Seine braunen Augen fixierten mich so, als hätte er nur auf mich gewartet.
„Ich bin Kai. Studienberater für Wellington Hall. Du siehst aus, als würdest du gleich umkippen.“
„Hab ich schon, danke“, sagte ich und hob ein paar Kisten hoch. Insgesamt vier, aber ich konnte sie noch balancieren. Das gleichzeitige Sehen und Gehen könnte das Problem sein.
„Bist du dir da sicher?“ Er nickte zu meinem wackeligen Stapel. „Denn die oberste kippt gleich um …“ Die Kiste kippte, und bevor ich reagieren konnte, fing er sie mit unglaublichen Reflexen auf und stabilisierte sie und mich mit einer Hand. Sein Griff war eisern, und seine Haut fühlte sich unnatürlich warm an.
„Fall“, beendete er den Satz und sah dabei viel zu zufrieden mit sich selbst aus. „Ich bin übrigens Kai. Studienberater für Wellington Hall.“
„Luna“, murmelte ich und versuchte, meine Kiste zurückzubekommen, ein bisschen froh, dass er da war. Sein Griff lockerte sich nicht.
„Luna?“ Seine Augenbrauen schossen in die Höhe. „Im Ernst?“
„Ja, wirklich. Meine Mutter hatte eine Schwäche für Astronomie.“ Und offenbar auch einen ziemlich verdrehten Sinn für Humor, wenn man die jüngsten Ereignisse bedenkt. Aber dieses Detail wollte ich Herrn Perfektes Haar nicht anvertrauen.
„Also, Luna“, sagte er, als würde er meinen Namen kosten. „Folge mir. Wellington ist ein Labyrinth, und die Schatten hier bewegen sich ständig.“
Sein Lächeln wurde breiter, als er den Rest meines Gepäcks mit beiden Händen trug. Wie hatte er das bloß geschafft? Im Gebäude hing der Duft von altem Pergament in der Luft, und darunter lag etwas Wildes, das ich nicht benennen konnte. Studenten tuschelten in Grüppchen, und ich spürte ihre Blicke auf jeder meiner Bewegungen. Nie zuvor in meinem Leben hatte ich mir so sehr gewünscht, zu verschwinden.
„Achtung!“, rief eine Stimme hinter uns. Ein Typ auf einem Skateboard schlängelte sich durch die Menge, sein blondes Haar glänzte in der Sonne. Er sprang beeindruckend über einen Koffer, landete aber direkt auf uns zu. Mitten in der Luft packte ihn eine Hand am Kragen, als wäre er federleicht. Der Mann, der ihn festhielt, war breitschultrig, hatte dunkles Haar und graue Augen, die einem in die Seele blicken konnten. Er wirkte wie ein wandelndes Gewicht, groß und strahlte Autorität aus wie eine Naturgewalt.
„Felix.“ Seine Stimme war ein tiefes, resonantes Knurren, das ich zwischen den Zähnen spürte. „Was habe ich dir beim Einzug übers Skateboarden gesagt?“
„Tut mir leid, Ash!“, grinste Felix, seine blauen Augen blitzten schelmisch. „Aber sieh mal. Ich hab sie gefunden. Genau wie du gesagt hast.“ Ashs Blick traf meinen, und die Welt um mich herum schien sich zu verengen, bis nur noch mein donnerndes Herzklopfen zu hören war. Er sah nicht aus wie ein Student. Er sah aus wie ein König im Exil.
„Felix, hilf Kai mit ihren Kisten. Ich muss mit ihr sprechen.“ Es war keine Bitte.
„Ich brauche nicht …“, begann ich, aber Kai reichte Felix, der schon ungeduldig meine Kisten entgegennahm, bereits meine.
„Vertrau mir“, zwinkerte Kai. „Du willst hören, was er zu sagen hat.“ Bevor ich protestieren konnte, führte mich Ash sanft, aber bestimmt von der Menge weg. Aus der Nähe wirkte er noch imposanter. Scharfe Kanten und gezügelte Kraft. Ein Stammes-Tattoo lugte unter seinem Hemdkragen hervor und schlängelte sich wie Flammen seinen Hals hinauf. Ich starrte es an, bis er mich in einen der leeren Räume im Flur führte. Er ließ die Tür halb offen. Gute Wahl. „Luna Foster“, sagte er, nicht als Frage. „Willkommen an der Moon Valley University. Wir haben dich erwartet.“
„Woher kennst du meinen Namen?“, fragte ich ihn, während ich einen Schritt zurück zur Tür wich. Alarmglocken schrillten in mir. „Wer zum Teufel ist ‚wir‘?“ Er griff nach mir, hielt aber inne, als ich meine Hand zurückzog. Schmerz huschte über sein Gesicht.
„Erinnerst du dich an deinen achtzehnten Geburtstag?“, fragte er leise. „An die Nacht, als sich deine Haut so eng anfühlte, als würde sie dich von außen verbrennen?“ Mir wurde eiskalt. „Woher weißt du das?“
„Weil deine Mutter nicht an einem Herzinfarkt gestorben ist.“ Seine grauen Augen begannen sich an den Rändern zu verändern, Gold schimmerte in den Pupillen. „Sie wurde ermordet. Und die Mörder laufen gerade jetzt über den Campus und warten darauf, dass du begreifst, was du bist.“ Ich starrte ihn an, starrte auf die absolute Gewissheit in seinen Augen, während meine Gedanken rasten. Hinter uns spürte ich Kai und Felix, die Wache hielten. Die Sonne versank hinter einer Wolke, und in diesem Moment des Schattens hätte ich schwören können, Ashs Augen blitzten golden auf.
„Vor wem sollt ihr mich beschützen?“, flüsterte ich, die Nerven spielten mir einen Streich.
Seine Antwort ließ mich erschaudern.
„Vor denen, die deine Mutter getötet haben. Und sie wissen bereits, dass du hier bist.“