Kapitel 2 „Furchtlos”-1

2059 Words
Kapitel 2 „Furchtlos” Kyoko bemerkte nicht, dass das Gewitter sich nun näherte, während sie ihre erhitzte Haut von der sanften Brise kühlen ließ und zufrieden lächelte. Sie schloss ihre smaragdgrünen Augen und genoss die Einsamkeit der Nacht, ehe sie sich auf den Weg zu Sennin machte, um die Beschützer zu treffen, die dort schliefen. Sennins Tochter, Suki, war inzwischen ihre beste Freundin auf dieser Seite des Zeitportals und in ihrer Hütte lagerte die Gruppe, wenn sie gerade nicht durch das gefährliche Land reiste und nach den Bruchstücken des Schützenden Herzkristalls suchte. Suki war von Anfang an bei ihnen gewesen, obwohl sie keine Beschützerin war. Kyoko lächelte, als sie an Suki und den Beschützer dachte, der nie von ihrer Seite wich… Shinbe. Er war einer der fünf Beschützerbrüder. Er war außerdem unzüchtig und war sehr in Suki verliebt. Bei seinem bläulich schwarzen Haar und violetten Augen hatte Suki allergrößte Schwierigkeiten, sich seiner Annäherungen zu erwehren. Ihr Lächeln wurde breiter, als sie sich fragte, wie lange Suki wohl noch durchhalten würde. Suki war vielleicht dickköpfig, aber Kyoko wusste nur zu gut, wie starrköpfig ein Beschützer sein konnte, wenn er sich erst einmal etwas in den Kopf gesetzt hatte. Kyoko und der jüngste Beschützer, Kamui, bekamen regelmäßig Lachkrämpfe, wenn Suki wieder einmal versuchte, Shinbe von sich abzuhalten, um nicht zugeben zu müssen, dass sie ihn eigentlich mochte. Kamui hatte einen großartigen Sinn für Humor und sie mochte ihn sehr gerne. Die Farbe von Kamuis Augen veränderte sich mit seiner Stimmung, aber sie dachte, dass außer ihr das niemand bemerkte. Wenn Kamui lächelte, dann war es eine wahre Freude und sehr ansteckend. Doch tief drinnen fühlte Kyoko noch mehr… etwas, das er vor allen versteckte… auch vor sich selbst. Manchmal glitzerten in Kamuis Augen Geheimnisse und Wissen, das sie nicht annähernd verstehen konnte. Während er ein so reines Herz besaß, schien es doch irgendwie, als lastete das ganze Gewicht des Universums auf seinen Schultern. Dieses Gefühl erweckte in ihr das Bedürfnis, ihn zu beschützen, so wie er sie beschützte, obwohl er absolut nicht schwach war. Nachdem sie ihre Sorgen um Kamui wieder aus ihren Gedanken verbannt hatte, blieb noch Kotaro, der Lebhafteste der Gruppe, und Toyas selbsternannter Konkurrent. Fast von Anfang an hatte Kotaro Kyoko für sich selbst beansprucht… erzählte ständig allen, dass sie seine Frau war. Unabhängig von der Situation brachte er Toya damit immer zur Weißglut. Sie wusste, dass Kotaro nur scherzte, aber Toya nahm ihn immer ernst. Mit dunklem, zerzaustem Haar und eisblauen Augen war Kotaro sehr präsent. Er nannte sie immer ‚seine Frau‘ egal, wie oft sie es bestritt. Er war ein Prinz in seinem eigenen Reich und verbrachte dort viel Zeit, beschützte das Land vor den Dämonen dort. Meistens genügte es, wenn er ihr mit diesen strahlend blauen Augen zuzwinkerte, dass sie zerschmolz zu einer Pfütze. Er wusste, welche Strippen er bei ihr ziehen musste, um fast alles zu bekommen, was er wollte. Manchmal fragte sie sich, ob jeder der Beschützer sie nicht irgendwie um den Finger wickelte. Doch die Gruppe sah ihn selten. Ihre Gedanken endeten wieder bei Kyou. „Kyou.“ Kyoko erzitterte, als der Name über ihre Lippen kam. Er mochte sie nicht… und auch sonst niemanden, wie es schien. Oft benahm er sich eher wie ein Feind, als wie ein Bruder, Toya gegenüber. Diese beiden gaben dem Wort Geschwisterrivalität eine neue Bedeutung. Von den fünf Brüdern war Kyou eindeutig der merkwürdigste und der, dem man um jeden Preis aus dem Weg gehen sollte. Er war sogar noch feindseliger als das dämonenverseuchte Land, in dem er lebte. Nachdem sie ihre zerstückelten Gedanken zum Verstummen gebracht hatte, öffnete Kyoko ihre smaragdgrünen Augen und sprang von dem Stein, nur um dann wie angewurzelt stehenzubleiben. Da… keine zehn Meter vor ihr stand Kyou. Er sah fast aus wie ein Engel, abgesehen von dem gefährlichen Ausdruck in seinen goldenen Augen. ‚Wenn man vom Teufel spricht‘, dachte sie innerlich. Die Dunkelheit, die auf der Lichtung herrschte, schien seinen Körper zu beleuchten… gab ihm ein geisterhaftes Aussehen. Kyous Stille war donnernd. Er sah aus, als würde er etwas überlegen, und Kyoko hatte so ein Gefühl, dass ihr das Ergebnis nicht gefallen würde, egal, was es war. Kyou beobachtete, wie ihr Gesicht blasser wurde, als sie erschrak, und genoss ihren berauschenden Duft. Diesmal… sollte sie sich vor ihm fürchten. Sie sollte sich auch vor den Dämonen fürchten, die er gerade zerstört hatte, um sie zu beschützen. Sein Blick bohrte sich in sie, als er an die gefährlichen Monster dachte, die er gerade ausgeschaltet hatte. Wenn sie sie bekommen hätten… Die Muskeln in Kyous Kiefer spannten sich wütend an, als er nur daran dachte, dass die Klauen eines Dämons sie berühren könnten. Trotzdem… rannte sie nicht weg und schrie auch nicht. Würde sie schreien, wenn sie wüsste, dass Hyakuhei auf dem Weg war? Solch eine Furchtlosigkeit war nicht in ihrem Interesse. Als seine Gedanken sich verfinsterten, stachelte das Fehlen ihrer Angst ihn nur noch weiter an… entzündete Feuer einer merkwürdigen Wut und einer Leidenschaft, die er für die Priesterin empfand. Kyoko stand völlig still. Sie wusste nicht, was sie mit diesem gespenstisch schönen Bild anfangen sollte. Sie war zu verängstigt, um sich zu bewegen, und sie wagte es nicht, einen Laut von sich zu geben, weil sie wusste, jede Regung könnte sie in Lebensgefahr bringen. Sie war nicht so sicher, dass er ihr vergeben hatte, dass sie den Schützenden Herzkristall in seine Welt gebracht hatte. Sie konnte einen kalten Schauder langsam über ihren Rücken nach oben kriechen fühlen… bis er sich in ihrem Nacken festsetze und wie mit eiskalten Fingern ihren Schädel ergriff, als wollte er sie warnen. Sie machte einen Schritt rückwärts, bevor sie sich davon abhalten konnte, und unterdrückte den Drang, noch einen weiteren Schritt zu machen. Sie wusste, dass sie damit ihre Angst zeigen würde, und ihr Großvater hatte sie schon in jungen Jahren gelehrt, jegliche Angst zu verstecken. Die Worte ihres Großvaters klangen wieder durch ihren Kopf: „Angst zu zeigen, macht dich nur zu einem schnellen Opfer.“ Kyoko versuchte, das beängstigende Gefühl zu verdrängen, und schloss einen Moment lang ihre Augen. Doch als sie sie wieder öffnete, war Kyou nirgendwo zu sehen, sodass sie nur noch mehr Angst bekam. Wieder ertönten in ihrem Kopf die Lehren ihres Großvaters: „Lass den Feind nie aus den Augen, sonst wirst du den Angriff nicht rechtzeitig sehen.“ „Kyou?“ Sie flüsterte seinen Namen, die Angst deutlich hörbar in ihrer Stimme. Dann fühlte sie seinen heißen Atem in ihrem Nacken und hörte, wie er langsam und tief einatmete, als würde er ihren Geruch kosten. Langsam, die Augen weit offen in Erwartung ihres schnellen Todes, drehte sie ihren Kopf halb herum, doch hielt inne, als ihre Wange seine berührte. Sie schrie leise auf und versuchte, sich vorwärts zu werfen, aber fühlte sofort einen Arm von hinten um sie kriechen, der sie wie eine Stahlkette festhielt und sie zurück in den Körper hinter ihr zog, so fest, dass ihr die Luft wegblieb. Kyokos Angst machte es noch schwerer, wieder Luft zu bekommen. Sie beschloss, dass sie nun wusste, was eine Panikattacke genau war, und fragte sich, ob sie hyperventilieren würde. Dies war die eine Person, vor der sie mehr Angst hatte, also vor Hyakuhei, obwohl sie diese kleine Tatsache immer für sich selbst behalten hatte. Sie war nie in seiner unmittelbaren Nähe gewesen… das war eindeutig eine gute Wahl gewesen. Ihr Geruch umgab ihn nun, berauschte ihn. Kyou konnte ihren reinen Geruch vermischt mit ihrer Angst riechen, die immer stärker und schwerer wurde, je länger er sie gefangen hielt. Endlich… zeigte sie die Angst, die er haben wollte, aber sie schrie immer noch nicht. Ihr erster Fehler war gewesen, sich einen Schritt von ihm zu entfernen. Diese kleine Bewegung hatte sein Beschützerblut auf eine Art und Weise erhitzt, die er schon sehr lange nicht mehr gefühlt hatte. Die Lider seiner goldenen Augen schlossen sich einen Moment lang, als Bilder vor seinem inneren Auge aufblitzten, so schnell, dass er sie nicht erkennen konnte, während er den gespenstischen Laut ihres Schreis hörte… ob vor Angst oder aus einem anderen Grund, konnte er nicht sagen. Alles, was er wusste, war, dass er es nicht hören wollte. Oder… vielleicht musste er das Geräusch hören, um sich aus dem Zauber zu befreien, den sie ihm auferlegt hatte. Etwas sagte ihm, dass es so oder so egal war. Tief in seinem Beschützerherzen wusste Kyou, dass er sie wollte, und er ließ sich das, was er wollte, nicht wegnehmen. Ein langsames, gefährliches Lächeln erschien auf seinen Lippen, als sie begann, sich gegen ihn zu wehren. Schnell fing er eine ihrer Hände ein, als sie daran zog. Kyou schmiegte sein Gesicht in ihren Nacken und atmete dann scharf ein, als sie sich gegen ihn drückte, in dem Versuch, sich zu befreien. „Du stachelst mich noch an.“ Er knurrte tief in seiner Kehle und streifte seine Lippen über die weiche Haut in ihrem Nacken. Sein erhitztes Blut drängte ihn dazu, sie für sich selbst in Besitz zu nehmen. Kyoko konnte die Gänsehaut nicht unterdrücken, die die Berührung seiner Lippen hervorrief. Versuchte er, sie zu verführen, oder wollte er sie doch umbringen? Sie hörte auf, sich zu wehren, und stand stocksteif, war sich nicht sicher, ob ihr gefiel, was er gerade gesagt hatte, und sie wollte ihn nicht noch mehr verärgern. Etwas sagte ihr, dass er nur versuchte, ihr Angst zu machen. ‚Kluges Mädchen‘, dachte Kyou still, doch sie schrie immer noch nicht, obwohl er sie berührte… wie merkwürdig. Seine Arme lockerten seinen Halt um sie ein wenig, als sie ihren Kopf hob und ihn über ihre Schulter neugierig ansah, als ihre Furcht langsam verebbte. Kyou konnte zum ersten Mal ihre smaragdgrünen Augen aus der Nähe sehen und seine Reaktion erschreckte ihn. Sie betrachtete ihn, als wäre er ein Mann… nicht der Herr der Beschützer. Ihre Unfähigkeit, richtige Angst vor ihm zu zeigen, verwirrte ihn und das alleine machte ihn schon wütend. Das Fehlen von Angst war es, was sie heute Nacht überhaupt erst in Gefahr gebracht hatte. Es war auch der Grund, weshalb Hyakuhei in diesem Moment auf dem Weg zu ihr war, in der Hoffnung, dass er sie mitten in der Nacht hier entführen konnte. Schon aus der großen Entfernung… konnte Kyou die bösen Absichten seines Onkels fühlen. Mit seinem feinen Gehör konnte er schon fast den Wind hören, der durch die schwarzen Federn strich. Dies war etwas, das sie fürchten sollte… neben anderen Dingen. Angst… das konnte er sie lehren. Er würde sie die Realität seiner Welt lehren und ihr zeigen, wieso sie sie nie hätte betreten sollen. Die Beschützer, seine Brüder… ihre Leibwächter… waren nun nicht hier, um sie zu retten. Er würde sie auf verschiedene Art und Weise lehren, was Angst wirklich bedeutete. Seine goldenen Augen leuchteten gemein im verblassenden Mondlicht, als ihm die Idee kam. Kyou legte eine Hand auf ihren Bauch und strich langsam sanft nach unten, bis sie auf ihrem Oberschenkel direkt unter dem Saum ihres Kleides lag. Dann kroch die Hand unter dem Stoff wieder nach oben. Er konnte die Hitze fühlen, die ihre weiche Haut abstrahlte und seine Handfläche verbrannte. Ihr ganzer Körper zitterte unter seiner sanften Berührung, als sie versuchte, sich aus seinen Armen zu winden. Ihre Bewegung brachte ihn dazu, sie fester zu halten. Er legte seine andere Hand um ihren Brustkorb, wollte sie nur lehren, dass sie nicht schutzlos herumlaufen sollte, damit sie es in Zukunft nicht mehr tun würde. Wieder einmal war sein Instinkt stärker als sein Wille, als etwas in ihr nach ihm rief… ihn dazu brachte, sie haben zu wollen. Kyou konnte die Hitze fühlen, die sie ausstrahlte, und sein adeliges Blut begann gefährlich zu kochen. Er verlor die Kontrolle, wurde verwirrt und wollte sie plötzlich nicht mehr gehen lassen. Er würde nie wissen, ob die Warnung ihm oder ihr galt. Seine Lippen dicht neben ihrem Ohr hauchte Kyou nur ein Wort: „Lauf!“ In Kyokos Kopf wurde die Angst von Panik verdrängt, als seine Arme sich lockerten. Sie konnte sehr gehorsam sein, wenn die Zeit reif war, und die Zeit war gekommen. Sie schoss vorwärts, nur der Gedanke an Flucht in ihrem Kopf. Innerlich schrie sie Toyas Namen, aber kein Laut kam über ihre Lippen. Jeder Laut schien in ihrer Kehle steckenzubleiben, sodass sie alles nur in ihren Ohren hören konnte.
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