Wenn sie nur nah genug an das Dorf und zu Toya kommen konnte, bestand die Chance, dass er sie hörte und sie vor seinem geistesgestörten Bruder retten konnte. Innerlich betete sie, dass sie endlich aufwachen würde, obwohl sie wusste, dass dies zu real war, als dass es ein Traum sein könnte.
Sie stöhnte fast laut auf, als ein Regentropfen sie traf und damit bewies, dass sie recht gehabt hatte… dies war kein Traum, aus dem sie aufwachen konnte. Das Gewitter war letztendlich doch gekommen. Als sie über ihre Schulter nach hinten schielte, krachte sie in etwas, das wie eine Wand wirkte, und stolperte durch die Wucht des Aufpralls rückwärts.
Als sie das weite, weiße Seidenhemd nur einen Schritt vor ihr erblickte, sprintete sie in eine andere Richtung los… rannte nun weg von dem Dorf, in dem die Beschützer schliefen, und von ihrer einzigen Hoffnung auf Rettung. Sie wusste, dass Hyakuhei einst ein Beschützer gewesen war, und dass er sich selbst irgendwie an die Dämonen verloren hatte, gegen die er einst gekämpft hatte… und so zum Feind geworden war. Kyoko fragte sich, ob dasselbe mit Kyou geschehen war, ohne dass jemand es bemerkt hatte.
Kyoko erblickte etwas Weißes in ihrem Augenwinkel und änderte wieder ihre Richtung, rannte zurück zu dem Dorf, hoffte, dass sie eine Chance hatte, zu Toya zu gelangen. Ihr Herzschlag hämmerte laut in ihren Ohren. Sie wusste, irgendwo lachten die Götter über sie, als der Himmel sich öffnete und mit einem lauten Donnergrollen den Regen auf die Erde vergoss.
Wieso? Wieso machte er das? Wieso tötete er sie nicht einfach, anstatt sie vorher zu foltern? Sie wusste, sie hatte keine Chance, ihn abzuhängen. Es war ihr auch bewusst, dass er sie aufhalten würde, ehe sie in Sicherheit war, doch das hielt sie nicht davon ab, zu rennen, so schnell sie konnte.
Kyou beobachtete sie, während sie sich dem Dorf näherte, beschloss, sie in dem Glauben zu lassen, dass sie vielleicht doch eine Chance hatte, ihm zu entkommen. Das würde es nur noch besser machen, wenn er sie fing. Dann traf ihn ein anderer Geruch. Seine Brüder! Nein! Er würde es nicht zulassen! Sie hatten darin versagt, sie zu beschützen, und daher würde sie nun bei ihm bleiben. Sein adeliges Blut verlangte das.
Kyoko fühlte plötzlich eine Veränderung in ihm. Sie fühlte, wie Kyous Aura sich ihr schnell näherte, und sie schrie, konnte es nicht mehr zurückhalten. Der Laut klang wie eine Totenglocke durch den Wald, als eine Hand sich auf ihren Mund drückte und ein Arm sich um ihre Hüfte schlang, sodass sie keine Luft mehr bekam, als sie wieder kraftvoll an seine Brust gedrückt wurde. Ihre Füße hingen nun mehrere Zentimeter über dem Boden.
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Toya schielte hoch in den sich verdunkelnden Nachthimmel, als die ersten Regentropfen fielen. Heute war eine schlechte Nacht… er konnte es deutlich in seiner Seele fühlen. Seine Augen hatten dieselbe Farbe wie der Blitz, der über den Himmel zuckte, als das Gewitter näherkam.
Nachdem er nicht hatte schlafen können, weil Kyoko nicht bei ihm war, war Toya auf einen hohen Ast eines Baumes am Rand des Dorfs geklettert, um Wache zu halten. Alles, was er tun konnte, war, auf das Morgengrauen zu warten und sie dann vom Herzen der Zeit abholen. Wenn es nach ihm gegangen wäre… wäre sie überhaupt nicht erst nach Hause gegangen.
Der Boden zitterte, als der Donner krachte, aber Toyas Augen weiteten sich… seine Ohren nahmen einen panischen Schrei im Lärm des Gewitters wahr. Der Schrei hatte ihm den Atem geraubt. „Kyoko?“ Was machte sie hier mitten in der Nacht, ohne ihm vorher Bescheid zu geben?
Seine Augen verfärbten sich sofort zu geschmolzenem Silber, als seine Schutzinstinkte hochgefahren wurden. Er hatte sie noch nie so verängstigt gehört, nicht einmal in einer Schlacht. Sein Herz raste, als seine silbernen Flügel zum Leben erwachten und er so schnell wegflog, dass ein menschliches Auge ihn kaum sehen konnte.
„Kyoko!“ Der besorgte Ruf entkam seiner Kehle.
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Shinbe stand vor Sukis Hütte, konnte nicht mehr schlafen. Seine Albträume ließen es nicht zu. Seine violetten Augen betrachteten den Wald, in dem das Herz der Zeit stand. Etwas war nicht in Ordnung, er konnte es fühlen… es hatte nichts mit dem Gewitter zu tun, das nun über dem Wald tobte.
„Kyou?“ Was machte Kyou hier in der Nähe? Mehrere Sekunden lang weigerte sich Shinbes Kehle zu arbeiten und sein Atem blieb in seiner Brust gefangen, als er in die Ferne starrte. Er konnte sie fühlen… Kyoko war zurück. Sein schwarz-blaues Haar wehte in dem stürmischen Wind, der auch den Geruch des Zornes seines Bruders mit sich brachte, und seine Hand ballte sich zur Faust. Sie war nicht alleine… Kyou war bei ihr!
Er packte seinen Stab, der neben der Tür lehnte. Shinbe wusste, dass er nicht nach den anderen rufen musste, denn er konnte sie schon hinter sich stehen fühlen. Durchsichtige, violette Flügel breiteten sich um ihn aus, als seine Füße den Boden verließen.
Kamui folgte ihm sofort, hinterließ eine Spur aus buntem Staub. Kaen erwachte brüllend zum Leben und hob Suki in die Lüfte, um den anderen zu folgen.
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„Nein!“ Kyous Stimme war streng, als würde er sie für etwas zurechtweisen, womit er nicht einverstanden war. Diesmal nicht. Er würde sich dieses Mal nicht zurückweisen lassen. Er hatte sie auch früher schon anfassen wollen, in der Hitze der Schlacht, aber hatte es nie getan. Etwas hatte ihn davor gewarnt, dass eine Berührung für sie beide gefährlich werden könnte, also hatte er sich zurückgehalten.
Diesmal würde er nach seiner wahren Natur handeln. Ihre Seele plagte ihn schon lange genug. Sie war der einzige Mensch, der ihm jemals im Kampf, oder auch sonst, gegenüber gestanden hatte, und nicht vor Angst weggelaufen war. Er drückte sie fester an sich, um ihre Gegenwehr zu unterbinden.
Er wusste, dass seine Brüder sie liebten… aber Toya war in die Priesterin verliebt. Es ärgerte ihn, dass sein Bruder etwas so nahe stand, das er für sich selbst haben wollte. Er konnte noch immer nicht verstehen, wieso Toya sich nicht mit ihr gepaart hatte, sondern sie frei und schutzlos ließ. Verstand er nicht, dass der Feind sie wegnehmen konnte? Doch schon der Gedanke, dass Toya sie für sich selbst in Besitz nehmen könnte, sandte eine Welle von Besitzwillen durch seine Arme, mit denen er sie festhielt.
Kyou wusste, dass Toya ihren Hilfeschrei gehört hatte. Er konnte fühlen, wie der silberne Beschützer in alarmierender Geschwindigkeit näherkam. Er würde sie nicht nur lehren, nicht nachts alleine herumzuirren… er würde auch seinem naiven Bruder eine Lehre erteilen, dafür, dass er es zugelassen hatte.
Mit einem kurzen Gedanken errichtete er einen Schutzschild, von dem er wusste, dass sein Bruder ihn nicht durchbrechen konnte. Er schielte hinunter auf das Mädchen, dessen smaragdgrüne Augen groß vor Angst waren. Kyou löste seine Hand von ihren Lippen, um sie mit seinen Lippen zu ersetzen… womit er ihren Schrei abschnitt. Er nahm ihren Mund in einem festen, hungrigen Kuss in Besitz, wollte nicht nachgeben. In dem Moment, wo er sie schmeckte, war es zu spät, sie wieder zurückzugeben.
Kyoko begann sofort, sich gegen ihn zu wehren, rang nach Atem. Was machte er? Sie war noch nie geküsst worden und so hatte sie sich ihren ersten Kuss bestimmt nicht vorgestellt. Sie schrie an seine Lippen, aber gab ihm damit die Chance, in sie einzudringen.
Kyou stieß seine Zunge in sie, während er ihren Kopf stillhielt, seine Finger in ihr seidiges, nussbraunes Haar verkrallt. Seine andere Hand kroch hinunter unter ihren Rock, streichelte die zarte Haut dort, ehe sie die weiche Baumwolle zwischen ihren Oberschenkeln fand.
Er beobachtete fasziniert, wie ihre großen Augen sich sofort schlossen und sie in den Kuss winselte. Kyou konnte ihre Verwirrung fühlen, weil sie wollte, dass er sofort aufhörte, und sich gleichzeitig nach mehr sehnte, als ihr Körper mit Gefühlen zum Leben erwachte, die sie noch nie zuvor erlebt hatte. Es gab viele Dinge, die er sie in dieser Nacht lehren würde.
Seine goldenen Augen leuchteten, als eine glühend heiße Flutwelle aus Verlangen durch ihn in seine Mitte schoss, als er sich gegen die weiche Rundung ihrer Hüfte drückte. Er hatte nicht vorgehabt, so weit zu gehen… was hatte er nur getan?
Toyas Adrenalinschub verlieh ihm Schnelligkeit, bis seine Augen einen blassen, blauen Schimmer in der Finsternis des Waldes erkannten. Schnell landete er und kam schlitternd zum Stehen, als er sie fand. Eine fluoreszierend blaue Barriere umgab Kyou und seine Geisel, knisterte mit gefährlicher Energie. Was er erblickte, brach sein Herz und gleichzeitig löste es eine unbeschreibliche Wut in ihm aus.
„Kyou!“, brüllte Toya vor Wut. Als er seine Hände zu seinen Seiten nach unten stieß, erschienen dort seine Dolche. Die heiligen Waffen fest in den Händen überkreuzte er die leuchtenden Klingen. Die Macht in den Zwillingsdolchen erwachte zum Leben und erzeugte eine Schockwelle um ihn herum… wehte sein Haar nach hinten und zeigte den rasenden Zorn auf seinem Gesicht.
Toya brüllte, als er sich auf den Schutzschild warf und seine Dolche hineinstieß, nur um von Energieblitzen, die aus dessen Oberfläche schlugen, zurückgestoßen zu werden. Sein Körper krachte in den Stamm eines riesigen Baumes, wodurch sein Flug plötzlich abgebrochen wurde. Er knurrte, als er über die raue Rinde nach unten rutschte.
Während er sich von dem staubigen Boden erhob, beobachtete Toya wütend, wie sein Bruder weiterhin Kyoko küsste. Dann bemerkte er, wie die Muskeln in Kyous Arm sich bewegten, und sein Blick folgte dem Arm nach unten. Als er die Hand seines Bruders unter ihrem Rock sah, packte die Tobsucht seine Brust! Die Muskelbewegungen in dem Arm konnten nur eine Sache bedeuten. Sein Zorn vervielfachte sich, als sein Bruder einfach weitermachte, obwohl er wusste, dass Toya zusah.
„Kyoko!“ Toya fühlte, wie sein Beschützerblut kochte, als er ihren Namen schrie. Kyoko gehörte ihm und er würde nicht zulassen, dass Kyou sie auf diese Art und Weise berührte. „Verdammtes Arschloch!“ Wieder breitete sich eine Welle aus Energie um ihn aus und Staub und Blätter wirbelten hinter der Schockwelle in die Luft.
Kyokos Geist wurde gefoltert, als ihr Körper begann, sie zu verraten. Sie hämmerte mit ihrer kleinen Faust überall auf Kyou ein, bis sie die Vorderseite seines Hemds packen musste, um sich festzuhalten, weil ihre Knie nachgaben. Sie drückte so fest sie konnte gegen seine Brust, aber erreichte damit nur, dass er seinen berauschenden Kuss vertiefte und seine streichelnde Hand besseren Zugriff bekam.
Sie hörte, wie Toya ihren Namen schrie und wusste, dass er nahe genug war, sie zu sehen, aber Kyou ließ sie ihren Kopf nicht bewegen. Der Kuss wurde immer fordernder, als ihr Winseln und ihre panischen Bewegungen intensiver wurden. Sie trat nach ihm, nur um ihr Bein nun zwischen seinen gefangen vorzufinden. Nachdem sie verzweifelte, versuchte sie, ihn zu beißen, aber auch das funktionierte nicht sehr gut.
Er verletzte sie nicht. Stattdessen fühlte sich das, was er machte, richtig gut an. Er hielt sie nun in einem rhythmischen Griff zwischen ihren Beinen, sodass sie das Gefühl bekam, auf seiner Hand zu reiten… es war eine unfaire Folter. Sie hatte nie gedacht, dass Kyou fähig wäre, zu küssen, und schon gar nicht, jemanden so anzufassen. Dass es so verlockend war, war… alleine der Gedanke brachte ihren Geist und Körper dazu, den Krieg zu erklären, während sie weiterhin versuchte, ihre Freiheit wiederzuerlangen.
Kyou genoss ihre hartnäckige Widerwehr, aber er fühlte, dass sie immer verwirrter wurde, weil sie so auf den Kuss und die Verführung reagierte, die er ihr zuteil werden ließ. Ihr junger, unberührter Körper sehnte sich danach, selbst während sie mit ihrer schwachen Kraft gegen ihn kämpfte. Seine Genugtuung wuchs nur dadurch, dass er wusste, dass Toya nun von außerhalb des Schildes, den er um sie herum erzeugt hatte, zusah.
Er konnte fühlen, wie sie auf seine Berührungen reagierte und stöhnte beinahe, als ihr Körper sie nur noch mehr verriet. Ihr Winseln wurde stärker, als ihre Priesterinnenseite zum Leben erwachte… die Seite ihrer Seele, die den Beschützern gehörte. Sie hatte nicht aufgegeben. Sie wehrte sich noch immer gegen ihn, aber das machte nichts aus, denn die Wahl war getroffen. Er hatte es schon zu weit gebracht, als dass er jetzt noch umkehren würde.