Kyous Blick richtete sich auf Toya, denn er wollte, dass er zusah, wie er ihre ungezähmte Leidenschaft erweckte. Der Ausdruck auf Toyas Gesicht… der Blick seiner Augen in diesem Moment. Ja, nun wusste sein Bruder, was der Preis dafür war, wenn er diejenige, die er beschützen sollte, aus den Augen ließ. In Kyous Kopf… geschah es Toya recht, dass er sie so verlor.
Ihre Laute genügten schon fast, um ihn die Kontrolle verlieren zu lassen, die nur noch an einem dünnen Faden hing. Es war berauschend und das war noch untertrieben. Toya würde endlich wissen, wie es sich anfühlte, etwas zu wollen, was sein Bruder hatte, und zu wissen, es war außerhalb seiner Reichweite.
Kyou spürte, dass ihre Widerwehr schwächer wurde, und wusste warum, als er fühlte, wie sie sich davon abzuhalten versuchte, sich fester gegen seine Hand zu drücken, wo feuchte Hitze nun von ihr ausstrahlte. Ihr Rücken war durchgedrückt und ihre Augen waren geschlossen, ihre langen Wimpern lagen auf ihren geröteten Wangen.
Gerade als sie die Spitze des Berges erreichte, den er sie gezwungen hatte, zu besteigen, entfernte er seinen Mund von ihrem, um ihren verführerischen Aufschrei um sie erklingen zu lassen. Kyous Gesicht zeigte keinen Ausdruck, aber seine Augen leuchteten, als er zusah, während er ihre erhitzte Haut an seinen Körper gedrückt fühlte. Er hatte sie nur oberflächlich berührt… solch eine Leidenschaft verbarg sich tief in der Priesterin.
Kyokos Verwirrung erstarb, als sie fühlte, wie sie unter seiner Hand pochte, und sie hob ruckartig ihren Kopf, um Kyou anzustarren. Sein engelhaftes Aussehen zeigte nichts von seiner bösen Tat. Er war um nichts besser als sein Onkel Hyakuhei. Sie fühlte, wie die gesamte Macht ihrer Wut jegliche Angst verdrängte, die sie noch hatte. Sie hob ihre Hand und schlug ihm fest auf die Wange, dann hielt sie inne, als ihr klar wurde, dass sie wohl gerade ihr Todesurteil unterschrieben hatte.
Als das Geräusch der Ohrfeige verklang, hob Kyoko trotzig ihr Kinn, als der Regen auf den Schutzschild um sie trommelte. „Ich hasse dich“, zischte sie, als Tränen der Scham in ihre Augen traten.
Kyou zeigte keine Reaktion und machte auch keine Anstalten, sie freizulassen, als sein Blick auf ihre nun wütenden, verängstigten Augen traf. Ob es ihnen gefiel oder nicht, sein Beschützerblut hatte sie gewählt und daher… waren sie verdammt. Kyou mochte den Geruch ihrer Wut. Sie war wie ein Aphrodisiakum für ihn, aber er fühlte das heiße Schwert der Eifersucht, als sie ihre Aufmerksamkeit auf seinen Bruder richtete.
Toyas Augen waren nun hinter seinem schwarz-silbernen Haar versteckt, als er sie beobachtete. Er wusste, er konnte den Schild, den Kyou errichtet hatte, nicht durchbrechen, aber er hatte ihre Worte gehört. Sie hasste Kyou und es lag an ihm, sie aus ihrer Geiselhaft zu befreien.
„Kyou!“ Toyas Gesicht hob sich, und zeigte den silbernen Zorn in seinen Augen. „Wir sind ihre Beschützer. Gib sie mir zurück! Jetzt!“ Seine Stimme war barsch und brach sich an dem Geräusch des fallenden Regens.
Kyou betrachtete immer noch Kyoko. Er legte seine Hand sanft auf ihre Wange, als sein goldener Blick sich in ihre Augen bohrte. „So besitzergreifend“, flüsterte er, als würde er zu sich selbst sprechen, während er noch immer das Feuer in ihren Augen beobachtete. Die Tatsache, dass sie sich nun aufgrund ihres Zorns nur noch weniger vor ihm fürchtete, ließ ihn innerlich lächeln.
Als er seinen Blick wieder auf seinen Bruder richtete, wurden Kyous Augen gefährlich schmal, aber seine Stimme blieb kalt und gefühllos. „Es ist zu spät. Du warst zu nachlässig beim Schutz unserer Priesterin, sodass sie so spät nachts alleine beim Schrein war.“
Kyoko versuchte, sich von ihm wegzudrücken, aber sein Halt um sie verstärkte sich nur. „Lass mich gehen, du Idiot!“ Sie schielte über ihre Schulter auf Toya, wollte seinen Namen schreien, brauchte seine Hilfe. Aber ihre Lippen blieben verschlossen, denn sie wollte nicht, dass die Brüder einander bekämpften.
Sie wusste, dass Kyou stark war, aber sie wusste auch, wenn er wütend war… war Toyas Kraft grenzenlos. Ein Kampf zwischen den beiden wäre viel zu gefährlich. Dennoch konnte sie den flehenden Blick, der in ihren smaragdgrünen Augen glänzte, nicht verhindern… alleine dieser Blick war schon ein stiller Schrei um Hilfe.
Als würde er ihre Gedanken lesen, packte Kyou ihr Kinn und drehte ihre Aufmerksamkeit wieder dorthin zurück, wo sie hingehörte. „Niemals“, knurrte er und sah, wie ihre Augen sich erschrocken weiteten. Dann legte er seine Finger auf die Schlagader in ihrem Hals und drückte, fing ihren Körper auf, als er erschlaffte und sie still zusammensackte. Fast bereute er es, sie in den Schlaf versetzt zu haben… fast.
Toya wusste, dass sein Bruder stärker war, aber trotzdem… er hatte kein Recht, sie zu nehmen. Er konnte das merkwürdige Verlangen in Kyous Augen sehen, als er Kyoko betrachtete. „Was bildest du dir ein? Verdammt! Gib sie mir einfach zurück… ich habe sie immer beschützt.“ Er wartete, während sein Bruder ihn einfach nur anstarrte.
Kyou konnte fühlen, was sein Bruder nicht bemerkte. Das Böse näherte sich in der Gestalt von Hyakuhei und seinen Untertanen. Dies würde eine weitere Lektion sein, die sein Bruder auf die harte Tour lernen würde.
Toya entließ den Atem, den er angehalten hatte, als seine Hände sich zu Fäusten ballten. „Was denkst du dir nur dabei, Kyou? Sie ist unsere Priesterin!“ Nachdem er immer noch keine Antwort bekam, flüsterte Toya: „Ich dachte, du hast gesagt, Menschen wären unter deiner Würde… wieso hast du… das gemacht?“
Kyous Gesicht blieb ruhig und seine Stimme wurde einen Moment lang weich, als würde er zu einem abtrünnigen Kind sprechen. „Wenn du sie aus den Augen lässt, wird sie dir weggenommen werden. Du, Bruder, kennst die Bedeutung von echtem Schutz nicht.“
Kyou hatte seine Aufmerksamkeit schon wieder auf das schlafende Mädchen in seinen Armen gelenkt. Sein Bruder liebte sie, aber hatte es ihr nie gesagt, wie ironisch. Sie liebte seinen Bruder, aber… er hatte vor, diese Liebe zu stehlen. Er wollte sie… sehnte sich danach und würde sich nicht zurückweisen lassen.
Seine goldenen Augen richteten sich wieder auf Toya, als seine Stimme wieder barscher wurde. „Hyakuhei kommt… kannst du ihn nicht fühlen? Sie wäre in Gefahr gewesen. Du hast sie nicht genommen, nicht markiert, nicht beschützt und hast sie alleine gelassen… schutzlos wartend. Ich werde diesen Fehler nicht machen.“
Toya sah zu, als der Schatten von Kyous goldenen Flügeln zum Leben erwachte und den Schutzschild mit nur einer kurzen Berührung seiner mächtigen Federn zerstörte. Er schrie verzweifelt auf, als Kyou mit Kyoko in seinen Armen verschwand. Das Geräusch erstarb, ließ nichts zurück als das Brüllen des Gewitters, das über dem Wald tobte.
Er wusste, er hatte sie jetzt im Stich gelassen, aber er würde einen Weg finden, sie von seinem Bruder zu befreien. Kyou hatte recht damit, ihm vorzuwerfen, dass er Kyoko nicht im Auge behalten hatte, aber sie zu küssen… sie auf diese Weise zu berühren… dann sie außerhalb seiner Reichweite zu bringen. Warum?
Toyas Blut kochte, als das Echo von Kyous Drohung wieder in seinem Kopf ertönte. „Nicht markiert?“ Er betete, dass Kyou nicht vorhatte, Kyoko zu seiner Partnerin zu machen, nur um sie zu beschützen. Toya knurrte schon bei dem Gedanken.
„Keinesfalls!“ Schrie er die nun leere Lichtung an. Er war derjenige, der immer an ihrer Seite war, nicht Kyou. Kyou hasste Menschen und hatte nie irgendein Interesse an Kyoko gezeigt. Wieso sollte er plötzlich etwas so Überstürztes tun? Selbst die Luft um Toya erwachte zum Leben mit unterdrückter Wut, als die Mächte des Beschützers mit seinem Ärger gefährlich anstiegen.
„Kyou, verdammt! Ich werde es nicht zulassen!“ Toyas Stimme dröhnte durch den ganzen Wald.