Kapitel 1

1853 Words
1 Jesse bewegte sich leise durch die verlassenen Straßen und blieb nur kurz stehen, um den schwarzen Schal, den sie sich um Nase und Mund gebunden hatte, wieder festzuziehen. Sie wollte keine Spuren hinterlassen, nicht einmal Atemwölkchen in der eiskalten Luft. Es gab zwei wichtige Gründe, warum niemand sie entdecken durfte: Jordan und Taylor, ihre siebzehn und fünfzehn Jahre alten Schwestern. Mit ihren zweiundzwanzig Jahren war Jesse für diese beiden sowohl Mutter als auch Vater und Beschützer. Der schwarze Rucksack auf ihrem Rücken enthielt die Beute ihres nächtlichen Ausflugs. Wenn sie und ihre beiden Schwestern die Portionen gut einteilten, würde das Essen für mehrere Tage reichen. Sie musste nur noch zurück zu dem eingestürzten Gebäude, unter dem sich die Tiefgarage verbarg, in der sie momentan ihr Lager aufgeschlagen hatten. Das Versteck hatte sie vor zwei Monaten eher durch Zufall entdeckt, als sie sich vor einer Gruppe Männer verstecken musste. Sie war schutzsuchend unter eine Betonplatte gekrochen, und dort dann in ein Loch gerutscht. Unten angekommen stellte sie fest, dass es sich um die Überreste einer Tiefgarage handelte. Nachdem sie die Umgebung erforscht hatte, kam sie zu dem Entschluss, dass es der perfekte Ort für sie und ihre beiden Schwestern war. Hier konnten sie sich vor den herumziehenden Banden verstecken, die wehrlose Opfer ausraubten oder vergewaltigten. Ihr Leben und das ihrer Schwestern hatte sich, seit dem Tod ihres Vaters vor vier Jahren, ganz schön verändert. Die ganze Welt hatte sich in den letzten vier Jahren verändert. Das Leben in einem schönen Haus in der Vorstadt war Vergangenheit. Darauf aufzupassen, dass ihre Schwestern Hausaufgaben machten und rechtzeitig zur Schule kamen, war Vergangenheit. Alles was sie gekannt hatte, war seit dem Tag im November vor vier Jahren, als sich der Himmel mit Raumschiffen aus einer anderen Welt füllte, Vergangenheit. Jesse war gerade mit ihren Schwestern nach der Schule zuhause angekommen, als die Nachricht der sogenannten «Alien-Invasion« kam. Sie hatten voller Angst die Nachrichten gesehen. Ihr Vater hatte angerufen und ihnen gesagt, sie sollten das Haus verbarrikadieren und so viele Lebensmittel wie möglich zusammensammeln, falls sie plötzlich fliehen mussten. Wenn es zu schlimm wurde, sollten sie zu ihrer Hütte bei Wenatchee fahren. Das war das letzte Lebenszeichen von ihrem Vater gewesen. Ihre Mutter war schon kurz nach Taylors dritten Geburtstag gestorben, und Jesse hatte danach die Mutterrolle für ihre beiden jüngeren Schwestern übernommen. Der Präsident hatte den Ausnahmezustand ausgerufen, ohne Erfolg. Die Menschen waren in Panik aus ihren Häusern geströmt. Der Krieg selbst, wenn man die Geschehnisse als solches bezeichnen konnte, hatte nur ein paar Tage gedauert. Die Aliens besaßen Waffen, mit denen sie die nuklearen Sprengköpfe, die einige Länder abschossen, einfach neutralisieren konnten. Sie hatten weltweit die Kommunikationssysteme übernommen, aber die Aufforderung Ruhe zu bewahren, die immer wieder ausgestrahlt wurden, waren zwecklos. Selbst die Aufrufe der Regierungschefs, dass von den Aliens keine Gefahr für die Bevölkerung ausging, konnten die Ausschreitungen nicht stoppen. Fanatiker und regierungsfeindliche Gruppen erhoben sich und überwältigten die örtlichen Ordnungskräfte. Jesses, Jordans und Taylors Vater war im Dienst als Polizist in Seattle bereits am ersten Tag der Aufstände getötet worden. Kurz darauf explodierten Bomben und die Unruhen griffen auf die Wohngebiete über. In dieser Nacht hatten verschiedene Gruppierungen Autos umgeworfen, Geschäfte geplündert und einige Häuser in der Umgebung in Brand gesteckt. Jesse, Jordan und Taylor hatten gepackt, was sie konnten, und als Steine und Ziegel durch die Fenster ihres Zuhauses flogen, sich in dem alten Keller hinter einem Holzstapel versteckt. Als dann das Haus gestürmt wurde, konnten sie sich gerade noch in Sicherheit bringen, indem sie vom Balkon im ersten Stock auf den Baum daneben kletterten. Seitdem waren sie auf der Flucht. Heute Nacht hatte Jesse Glück gehabt und war auf einen kleinen Trivator-Konvoi gestoßen, der ein paar Blöcke entfernt einen Versorgungspunkt für Menschen errichtete, die sich wie Jesse weigerten, den Trivatoren zu vertrauen. Jesse hatte einen Karton aufgesammelt, der heruntergefallen war. Sie hatte schon vorher solche Pakete gefunden, und auch wenn der Inhalt nicht nach viel schmeckte, war er doch essbar. Ehe jemand sie entdecken konnte, war sie wieder in der dunklen Gasse verschwunden. Hinter einer umgefallenen Mülltonne versteckt, hatte sie den Karton in ihren Rucksack entleert, um dann zu verschwinden. Sie hatte große Angst davor gehabt entdeckt zu werden und war selten so dankbar für einen Haufen verfaulender Abfälle gewesen, wie in diesem Moment. Sie wusste, dass Trivatoren einen ausgezeichneten Geruchssinn hatten. Naja, zumindest einige von ihnen. Vor ungefähr einem Jahr hatte sie eine Gruppe dieser großgewachsenen Aliens dabei beobachtet, wie sie dabei vorgegangen waren, einige Männer aufzuspüren, die sich in einem Hinterhalt versteckt hatten. Einer der Trivatoren hatte die Hand hochgehalten und in der Luft geschnüffelt, so wie der Hund, den Jesse und ihre Schwestern früher mal hatten. Kurz darauf starben die Männer durch Schüsse mitten in die Brust. Jesse war danach nicht geblieben, denn sie wusste, dass sie die Begegnung mit den männlichen Exemplaren beider Spezies, Trivatoren und Menschen vermeiden musste, wenn sie und ihre Schwestern in Sicherheit sein wollten. Jesse erstarrte, als sie Lastwagen hörte, die langsam und ohne Licht die Straße entlang fuhren. Sie runzelte besorgt die Stirn, während sie sich hastig nach einem Versteck umsah. Alle, die wie sie um diese Zeit unterwegs waren, suchten entweder im Schutz der Dunkelheit nach Essen, oder sie gehörten zu der Sorte Mensch, der Jesse nicht begegnen wollte. Anderen Menschen und Trivatoren musste man auf jeden Fall aus dem Weg gehen, dachte Jesse bitter, als sie an ihre jüngere Schwester Jordan dachte. Sie machte sich Sorgen. Vor drei Nächten waren Jordan und sie gemeinsam losgezogen. Sie wollten eine Abkürzung zu ihrer Tiefgarage nehmen, als Jordan zwei Männer in einer Gasse überrascht hatte. Sie war vorgelaufen, denn sie hatte es nicht erwarten können, Taylor von ihrer Ausbeute zu erzählen. Jesse hatte nur kurz angehalten, um ihre Last anders zu greifen, als sie Jordans markerschütternde Schreie hörte. Auch wenn es ihr schwergefallen war, hatte sie sich dazu gezwungen, nicht sofort zu ihrer Schwester zu laufen. Sie hätte weder ihr noch sich selbst einen Gefallen getan, wenn man sie auch gefangen hätte. Stattdessen hatte sie das lange Jagdmesser, das früher ihrem Vater gehört hatte, aus ihrem Stiefel gezogen und sich von hinten an die Männer angeschlichen, die Jordan angegriffen hatten. Jesse musste gegen die Übelkeit ankämpfen, als sie sich daran erinnerte, was sie hatte tun müssen, um ihre Schwester davor zu bewahren, vergewaltigt und ermordet zu werden. Jesse hatte den Mann getötet, der auf Jordan gelegen hatte. Ihr Vater hatte ihnen immer erklärt, dass ein verletzter Mann wie ein verletzter Bär oder Puma war, sehr gefährlich und unberechenbar. Der andere Mann war weggelaufen, als er gesehen hatte, dass sein größerer Freund tot war. Anschließend hatte Jesse die Leiche von ihrer Schwester gerollt und Jordan in ihre Arme geschlossen. Sie hätte gerne mehr Zeit zum Trösten gehabt, aber es war zu gefährlich. Die gestohlenen Lebensmittel hatten sie zurücklassen müssen. Deshalb hatten sie seit drei Tagen nichts mehr gegessen, und zu allem Überfluss war Jordan auch noch krank geworden. Jesse musste heute also Beute mitbringen oder keine von ihnen würde noch lange aushalten. Jesse seufzte, die Trivatoren waren in friedlicher Absicht auf die Erde gekommen, aber alles was ihnen begegnete war Krieg und Hass. Wenn sie geglaubt hatten, dass die Menschen sie mit offenen Armen begrüßen würden, hatten sie sich geirrt, dachte Jesse, während sie sich zwischen zwei Wellblechplatten hindurchquetschte. Sie holte scharf Luft, als sie sich ihren Unterarm an einer Kante aufschnitt. Sie durchquerte mehrere halbeingestürzte Gebäudeteile, und nahm den Rucksack vom Rücken. Die Fahrzeuge hielten mit dröhnenden Motoren vor dem Gebäude. Jesse lehnte den Kopf zurück und stöhnte, als das große Verladetor geöffnet wurde. Sie rutschte tiefer in den Schatten, zog ihre Knie an die Brust und machte sich so klein wie möglich. Einen Moment später setzte ein Umzugswagen rückwärts durch das Tor, gefolgt von einem Pick-up. Der Bereich verdunkelte sich, als das Tor wieder geschlossen wurde und Jesse hörte, wie Ketten durch die Gitter gezogen wurden. Dieses Mal von innen. »Stell sicher, dass die verdammten Tore auch gesichert sind«, murmelte eine raue Stimme. »Diese verdammten Aliens sind überall. Ich hasse diesen Scheiß. Wir hätten schon gestern hier weg sein sollen.« »Es hat halt länger gedauert als erwartet, einen dieser Bastarde lebend zu erwischen«, sagte eine kalte Frauenstimme. »Warum musste er denn unbedingt am Leben sein? Hast du nicht eh vor, ihn zu töten?«, fragte eine andere Stimme irritiert. »Ich habe dir doch erklärt, dass ich einen von ihnen genauer untersuchen muss, um zu sehen wie mächtig sie sind«, fuhr ihn die Frau an. »Wenn wir die Umgebung und letztendlich den Westen der USA unter unsere Kontrolle bringen wollen, müssen wir wissen, wie man die Bastarde töten kann. Wenn wir sie töten, können wir selbst die Welt regieren«, lachte sie. »Sie sind wirklich miese Bastarde. Hast du gesehen, wie er dich beschützen wollte?« Der erste Mann lachte auf. »Wenn du dich nicht aufgeführt hättest, wie ein kleines Mädchen, hätten wir ihn nie geschnappt.« »Yeah«, sagte ein anderer, als er hinüberging. »Aber das wird ihm seinen Arsch auch nicht retten. Mitch ist tot. Dieser Bastard hat ihm den Bauch aufgeschlitzt, weil er dachte, er würde dich vergewaltigen. Dafür will ich seine Eier an meinem Pick-up hängen haben.« »Verdammt! Das war der vierte Mann, den wir diesen Monat verloren haben,« sagte der erste Mann. »Es wird immer schwieriger Ersatz zu finden. Seit diese Bastarde angefangen haben Essen, Unterkünfte und Medikamente für die Menschen hier in der Umgebung bereitzustellen, schließen sich ihnen immer mehr Leute an.« »Solange ich einen Weg finden kann, sie alle zu töten, spielt es keine Rolle«, sagte die Frau. »Lasst ihn für den Moment im Wagen. Wir wollen nicht riskieren, dass seine Freunde ihn hören oder riechen können. Morgen früh nach der Ausgangssperre fahren wir los. Ich will morgen Abend damit anfangen, diesen Bastard im Labor zu sezieren.« Jesse umklammerte ihre Beine und vergrub ihr Gesicht zwischen den Armen. Das Grauen ergriff sie, während sie darauf wartete, dass die kleine Gruppe verschwand. Ihr Gelächter war erfüllt von kaltem Hass. Sie gehörten zu der Sorte Menschen, die für den schlechten Ruf ihrer Spezies verantwortlich waren. Wäre sie selbst ein Alien, hätte sie schon nach kurzer Zeit kehrtgemacht und die Menschen sich selbst überlassen. Jesse setzte sich auf und lehnte ihren Kopf an die Wand des ehemaligen Lagerhauses. Sie musste sichergehen, dass alle weg waren, ehe sie gefahrlos von hier verschwinden konnte. Sie schloss die Augen und spürte, wie die Müdigkeit drohte sie zu übermannen. Jesse strich sich über ihre Armverletzung und rieb so etwas Schweiß in die Wunde, die sofort vor Schmerz pochte. Jesse brauchte den Schmerz, um wach zu bleiben. Sie zog sich ihren Schal über Nase und Mund, um warm zu bleiben, während sie wartete. Sie musste wegen der Kälte, die vom Boden und der Wand ausging, zittern. Aber irgendwie hatte die Kälte auch ihr Gutes, weil sie wusste, dass sie nicht einschlafen würde, wenn sie fror und es unbequem war. Jetzt heißt es warten, bis ich diesen wahnsinnigen Menschen entkommen kann, dachte sie, während sie der Frau und den Männern dabei zuhörte, wie sie darüber diskutierten, auf welche Art und Weise sie den gefangenen Alien in Stücke schneiden wollten.
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