Das Dröhnen des einstürzenden Berges traf ihn wie ein Schlag.
Kaelen blickte nicht zurück. Jede Faser seines siebenjährigen Körpers floss in einen einzigen, verzweifelten Sprint. Sein kohlschwarzes Fell war nur ein Schattenstreifen vor der herabstürzenden weißen Wand. Hinter ihm beobachtete der Anführer der Blutjäger von den Höhen aus das Geschehen, ein stiller Dirigent dieser Symphonie aus Eis.
Lyra stand wie erstarrt am Eingang der Höhle. Ihr weizenfarbenes Fell sträubte sich, ihre sturmgrauen Augen waren weit aufgerissen, eine Mischung aus Entsetzen und plötzlicher, scharfer Erkenntnis. Sie sah den massigen Wolf auf sich zustürmen – den Wolf, den sie im Schlaf verflucht hatte, den Mentor, den sie mit dem Mal eines Verräters in den Horizont hatte gehen sehen.
„Kaelen?“ Der Name war nur ein Hauch, verloren im Donner.
Er antwortete nicht. Er konnte nicht. Er erreichte den Vorsprung der Kinderstube, gerade als die erste Welle der Lawine das Obsidianplateau streifte. Mit einem kräftigen seitlichen Stoß rammte Kaelen Lyra seine massive Schulter entgegen und schleuderte sie zurück in die tiefe Sicherheit der Höhle. Er folgte ihr einen Bruchteil einer Sekunde später, sein schwerer Körper rutschte über den Steinboden, gerade als die Welt weiß wurde.
Der Eingang verschwand. Ein ohrenbetäubender dumpfer Schlag vibrierte durch den Boden, als Tonnen von Schnee und Eis die Höhle versiegelten.
Es folgte Stille – dicht, erstickend und absolut.
Kaelen lag keuchend da, sein kohlschwarzes Fell mit Frost verfilzt. Er konnte die Wärme des Rudels spüren – das verängstigte Wimmern der Welpen im Rücken und den scharfen, stockenden Atem des Wolfes, der unter seinem Gewicht festgenagelt war. Er krabbelte von ihr herunter, sein taktischer Verstand berechnete bereits den Sauerstoffgehalt.
Lyra rappelte sich auf, das Fell am Nacken gesträubt. Im trüben, blauen Licht, das durch den schneebedeckten Eingang drang, sah sie ihn an. Sie sah keinen Helden; sie sah einen Geist.
„Du“, zischte sie, ihre Stimme zitterte vor tödlicher Wut. „Wie kannst du es wagen, zurückzukommen? Wie kannst du es wagen, mich anzufassen?“
Kaelen blieb standhaft, seine bernsteinfarbenen Augen waren ruhig, aber müde. Er knurrte nicht. Selbst angesichts ihrer Wut blieb er „gepflegt“, seine Haltung spiegelte die Disziplin des Eisernen Schildes wider, der er einst gewesen war.
„ Die Blutjäger sind über uns, Lyra“, sagte Kaelen mit tiefer, rauer Stimme. „Nicht der Frost hat den Berg zum Einsturz gebracht. Sie waren es.“
„Erwartest du, dass ich dir glaube?“ Lyra machte einen raubtierhaften Schritt nach vorne und fletschte die Zähne. „Du, der du unseren Vater verraten hast? Du, der du uns dem Hungertod überlassen hast?“
„Ich bin nie gegangen“, antwortete Kaelen leise. Er blickte zum Höhleneingang, wo der Geruch des Elchs, den er zurückgelassen hatte, nun unter drei Metern Eis begraben lag. „Was glaubst du, wer deine Jäger aus dem Schatten heraus versorgt hat?“
Lyra erstarrte. Die Puzzleteile der letzten Wochen – die mysteriösen Tötungen, die verschwundenen Späher, der Geruch eines Phantoms im Wind – fügten sich langsam zusammen. Doch der Schmerz der Vergangenheit war eine undurchdringliche Barriere.
„Das spielt keine Rolle“, schnauzte sie, obwohl ihre Augen für den Bruchteil einer Sekunde weicher wurden. „Wir sind lebendig begraben. Die Jungen werden erfrieren, bevor wir uns herausgraben können. Du hast uns nicht gerettet, Kaelen. Du hast uns nur einen Platz in der ersten Reihe zu unserem eigenen Grab verschafft.“
Kaelen widersprach nicht. Er wandte sich dem hinteren Teil der Höhle zu und schnüffelte an den zerklüfteten Obsidianwänden. Er erinnerte sich an diese Höhle aus seiner eigenen Ausbildung vor Jahren. Es gab einen zweiten Luftschacht – einen schmalen Kamin, der zu den oberen Felsvorsprüngen führte.
„Wir graben uns nicht heraus“, sagte Kaelen, während sein Blick auf einen kleinen Spalt in der Decke fiel. „Wir gehen nach oben. Aber der Alpha wartet oben.“
Lyra blickte auf die zitternden Jungen, dann auf den vernarbten Krieger, der einst ihre ganze Welt gewesen war. Der Konflikt in ihren Augen war ein Schlachtfeld zwischen dem Gesetz, das sie aufrechterhalten musste, und dem Instinkt, der ihr sagte, dass er ihre einzige Chance war.
„Wenn du dich meiner Kehle näherst“, warnte sie, „werde ich dich eigenhändig töten.“
„Wenn ich dich tot sehen wollte, Lyra, wäre ich auf dem Bergrücken geblieben“, sagte Kaelen schlicht.
Er begann, den zerklüfteten Felsen zu erklimmen, wobei seine Krallen über den Stein kratzten. Doch als sie die engste Stelle des Kamins erreichten, hallte ein Geräusch von oben herab.
Es war nicht der Wind. Es war das rhythmische, schwere Graben von Krallen.
Die Blutjäger warteten nicht darauf, dass sie erstickten. Sie kamen herunter.