Kapitel Eins: Der Geist des Eisengipfels
Der Wind wehte nicht einfach nur durch die Iron-Peak-Wildnis; er heulte. Es war ein schriller, bedrohlicher Laut, der durch die vereisten Kiefern drang und den Geruch von uraltem Eis und drohendem Tod mit sich trug.
Kaelen stand regungslos auf einem Felsvorsprung aus schwarzem Obsidian, ein Schatten, der sich gegen das blendende Weiß der Tundra abzeichnete. Er war ein massiges Wesen, achtunddreißig Zoll tödlicher, kohlschwarzer Muskeln, doch heute fühlte er sich wie ein Gespenst. Seine bernsteinfarbenen Augen, scharf und berechnend, waren auf das Tal unter ihm gerichtet.
Die meisten Wölfe bewegten sich mit dem Rudel, eine Symphonie aus koordinierten Pfoten und geteilter Wärme. Kaelen bewegte sich in einem Vakuum. Er war der „Eisenschild“, oder zumindest war er das gewesen. Jetzt war er ein Geist.
Ein plötzliches, scharfes Knacken hallte von der Baumgrenze herüber – das Geräusch eines brechenden Astes. Kaelens Ohren drehten sich, sein Körper senkte sich in eine geübte Hocke. Jeder Instinkt, den er als Eliteverteidiger des Rudels geschärft hatte, schrie nach einem Hinterhalt. Er knurrte nicht; Knurren war etwas für Anfänger. Er wartete einfach, sein Atem ein schwacher Nebel, der in der eisigen Luft augenblicklich verschwand.
Drei Gestalten tauchten aus dem wirbelnden Schnee auf. Sie waren dürr, verfilzt, und ihre Augen brannten mit einem verzweifelten, hungrigen Licht. Blutjäger.
Sie waren nicht wegen ihm hier. Sie bewegten sich auf die nördliche Kinderstube des Großen Nordrudels zu – eine Höhle, in der sich die spät im Jahr geborenen Welpen vor dem Großen Frost zusammenkauerten.
Kaelen spürte einen Phantomschmerz in seiner linken Schulter, genau dort, wo die silberne Narbe sein Fell durchzog. Es war das Zeichen seiner Verbannung, die körperliche Erinnerung an den Tag, an dem seine Brüder ihre Zähne gegen ihn gewendet hatten. Er hätte die Blutjäger ziehen lassen sollen. Er hätte das Rudel, das ihn ausgespuckt hatte, die Folgen seiner eigenen Schwäche erleiden lassen sollen.
Doch als er sah, wie der Anführer der Jäger – ein räudiger Brocken mit einem eingekerbtem Ohr – beim Geruch der Kinderstube zu sabbern begann, verwandelte sich Kaelens Blut in flüssiges Feuer.
Er startete keinen Frontalangriff. Das war die alte Art. Die Art der Geister war anders.
Er schlüpfte in den Waldrand und bewegte sich durch den tiefen Pulverschnee mit einer Stille, die seinem Gewicht widersprach. Er umkreiste die drei Späher und nutzte den heulenden Wind, um seine Annäherung zu tarnen. Er war nicht nur ein Jäger; er war ein Stratege. Er berechnete die Windgeschwindigkeit, die Schneehöhe und die toten Winkel seiner Beute.
Er schlug zu, als der Anführer der Stalker die engste Stelle des Bergrückens erreichte.
Es war ein verschwommener Fleck aus anthrazitfarbenem Fell und silbernen Zähnen. Kaelen griff nicht sofort nach der Kehle; er traf das Hinterbein des führenden Wolfes und brach den Knochen mit einem einzigen, widerlichen Knacken. Während der Wolf den obsidianfarbenen Abhang hinunterstürzte, war Kaelen bereits beim zweiten.
Der Kampf war kurz und brutal. Die Blutjäger kämpften mit der Raserei des Hungers; Kaelen kämpfte mit der Disziplin eines Soldaten. Innerhalb von drei Minuten war der Schnee von einem grellen, dampfenden Rot überzogen. Zwei lagen regungslos da. Der dritte floh in den Schneesturm und stieß einen Warnschrei aus, der sicherlich den Rest der Horde herbeirufen würde.
Kaelen stand über den Gefallenen, seine Brust hob und senkte sich, während seine bernsteinfarbenen Augen den Horizont absuchten. Er war erschöpft, seine Rippen zeichneten sich unter seinem Mantel ab, doch seine Haltung blieb „gepflegt“ und königlich. Er war ein König in einem Königreich aus Asche.
Da traf ihn die emotionale Last der Stille. Er war nah genug am Welpenzimmer, um das leise, hohe Wimmern der Welpen darin zu hören. Er erkannte den Geruch der Ammenwölfin – es war Lyras Geruch.
Lyra. Seine ehemalige Schülerin. Die Wölfin, die ihn am Tag des Prozesses mit solch verratener Miene in ihren grauen Augen angesehen hatte. Sie war dort unten, wahrscheinlich am Verhungern, ohne zu ahnen, dass das Einzige, was zwischen ihr und einem Massaker stand, der „Verräter“ war, den sie selbst verbannt hatte.
Er bewegte sich auf die Höhle zu und schleppte den Kadaver eines erlegten Elchs hinter sich her, den er zuvor versteckt hatte. Es war ein Friedensangebot, von dem sie niemals erfahren würden, dass es von ihm stammte. Er ließ es am Eingang der Höhle zurück, während sein Herz gegen seine Rippen hämmerte. Er wollte heulen. Er wollte nach ihr rufen, ihr sagen, dass er unschuldig war, ein letztes Mal die Wärme des Rudels spüren.
Aber er konnte es nicht. Sich zu offenbaren bedeutete, ein Todesurteil zu riskieren.
Er wandte sich um, um wieder in den Schatten zu verschwinden, als der Wind drehte.
Der Geruch der Kinderstube verschwand, ersetzt von etwas Übelriechendem, Altem und Erstickendem.
Kaelen erstarrte. Er blickte zu den zerklüfteten Klippen über dem Kinderzimmer hinauf. Dort, vor dem grauen Himmel abgesetzt, stand eine Gestalt, die ihm die Nackenhaare zu Berge stehen ließ, wie es kein Späher je vermochte.
Es war der Alpha der Blutjäger. Neun Jahre alt, zerklüftet und mit einem fehlenden halben Ohr. Er blickte nicht auf die Höhle. Er blickte direkt auf die Stelle, an der Kaelen im Gebüsch versteckt stand.
Der alte Alpha stieß ein tiefes, vibrierendes Grollen aus, das das Eis unter Kaelens Pfoten zum Beben brachte. Er rief sein Rudel nicht herbei. Er bellte nicht. Er hob lediglich eine Pfote und deutete damit auf die Höhle, dann richtete er seinen Blick wieder auf Kaelen.
In diesem Moment wurde Kaelen das ganze Ausmaß des „Großen Frosts“ bewusst. Es war nicht nur das Wetter. Es war eine koordinierte Belagerung. Und der Alpha der Blutjäger wusste genau, wer Kaelen war.
Ein zweites Geräusch durchbrach die Spannung – ein scharfes, gebieterisches Heulen aus dem Inneren der Höhle. Lyra. Sie hatte den Alpha der Blutjäger gespürt.
Kaelen hörte das Trippeln von Pfoten im Welpenzimmer. Sie kamen heraus, um zu kämpfen, aber sie waren zu schwach. Sie gingen direkt in den Tod.
Kaelen blickte zur Klippe, dann zum Höhleneingang. Wenn er blieb, starb er als Verräter. Wenn er floh, starb das Rudel in der Dunkelheit.
Gerade als Lyras weizenfarbener Kopf aus der Höhle tauchte, begann eine massive Eisplatte an der Klippe über ihnen – durch das Gewicht des Alphas gelockert – zu ächzen.
Die Platte brach.
Eine Wand aus weißem Tod begann, auf den Eingang der Kinderstube herabzustürmen.
Kaelen dachte nicht nach. Er rechnete nicht nach. Er stürzte aus dem Schatten hervor, setzte sich dem Licht aus und sprintete direkt auf die Frau zu, die ihn hasste, während der Berg zu stürzen begann.