Alpha Edward
Wynta war eine interessante Kreatur, die seine volle Neugier weckte. Sie war in diesen Raum gekommen und hatte jeden von ihnen direkt angesehen. Sie hatte zwar nicht die Stirn gerunzelt, aber ihr Mund hatte sich zu einer dünnen Linie verzogen, die ihm Verärgerung signalisierte. Er hatte sich gefragt, ob sie dachte, dass sie sie aufgrund ihres Status als Abtrünnige ablehnen würden.
Aber das war nicht seine Art. Sein Wolf, Rhodes, nahm sofort wahr, dass sie nicht nur eine Abtrünnige war, sondern auch keinen Wolf hatte. Er persönlich mochte es nicht, Personen wie Wynta als wolflos oder dergleichen zu bezeichnen. Denn meistens waren sie das gar nicht. Sie brauchten nur die richtigen Umstände, damit ihnen ihr Wolf gewährt wurde oder er von selbst hervorkam.
Viele, die keinen Wolf hatten, mussten einfach erst einen Gefährten finden und markiert und beansprucht werden, bevor ihnen ihr Wolf gewährt wurde. Er sah es als einen Test der Mondgöttin. Sie wollte wahrscheinlich sehen, ob derjenige, der sie erschnüffelte, der Person ohne Wolf überhaupt würdig war.
Die meisten in dieser Welt scheiterten allerdings an diesem Test, weil sie diejenigen ohne Wolf ablehnten. Etwas, das sie später im Leben normalerweise bereuten. Weil sie entweder nie eine andere Gefährtin fanden oder sie ihre abgelehnte, vermeintlich wolflose Gefährtin glücklich und verpaart wiedersahen. In den meisten Fällen bekamen die Abgelehnten danach auch noch ihren Wolf.
Manchmal lastete es auch auf ihnen, wenn die Person ohne Wolf die Ablehnung fraglos akzeptierte, weil sie fast erwarteten, dass es passieren würde. Sie ergaben sich einfach ihrem Schicksal, abgelehnt zu werden. Nur weil sie von denen im Rudel, dem sie angehörten, als nutzlos oder schwach angesehen wurden.
Er wusste allerdings, dass dies meistens gar nicht der Fall war. Denn in fünfundneunzig Prozent der Fälle war derjenige ohne Wolf viel stärker, als die meisten vermuteten. Weil sie in ihren eigenen Rudeln von anderen Wölfen schlecht behandelt wurden, die dachten, sie seien besser als die sogenannten Wolflosen.
Was im Gegenzug die Mehrheit derjenigen ohne Wölfe mental stärker machte. Edward hatte im Laufe der Jahre auch bemerkt, dass etwa siebzig Prozent derjenigen, die weiblich und ohne Wolf waren, mit Alpha-Wölfen gepaart waren. Er glaubte, dass die Göttin die Alphas auf diese Weise testen wollte. Aber ein Großteil jener Alphas bestand diesen Test nicht.
Nun saß eine sehr schöne Wölfin vor ihm. Denn das war sie in seinen Augen, eine Wölfin. Sie hatte sich irgendwann in ihrem Leben selbst zur Abtrünnigen gemacht und ihr Rudel eigenhändig verlassen. Das vermutete er zumindest. Denn diejenigen, die verbannt worden waren, fühlten sich für ihn immer mehr wie Omegas an. Sie dachten, dass sie es nicht wert waren, Werwölfe zu sein. Wahrscheinlich weil ihnen das in ihren Rudeln so beigebracht worden war.
Aber er fühlte, dass diese Wölfin hier nicht so war. Sie schien sich nicht einmal wirklich darum zu kümmern, dass sie vor einem Alpha und seinem Gefolge saß. Sie strahlte definitiv die Einstellung einer Abtrünnigen aus. Es war fast, als wollte sie ihm sagen: „Ich muss nicht tun, was du willst, und du kannst mich nicht zu irgendetwas zwingen!“
Er fragte sich, ob sie schrecklich behandelt worden war oder sich einfach nicht so gefühlt hatte, als würde sie in ein Rudel gehören. Er konnte keinen Groll in ihr erkennen, also war sie nie von einem Wolf markiert oder beansprucht worden. Obwohl ihre ganze Haltung und Ausstrahlung seiner Meinung nach darauf hindeutete, dass sie eine potenzielle Luna oder zumindest ein hochrangiges Mitglied eines Rudels hätte sein können.
Selbst höfliches Fragen brachte ihm nichts. Was bedeutete, dass Frau Wynta Morgan ihren aktuellen Status einfach nur nicht mit ihm besprechen wollte oder dass sie generell gar nicht daran interessiert war, in sein Rudel aufgenommen zu werden. Er fragte sich, wie lange sie schon eine Abtrünnige und ganz allein auf der Welt war. Obwohl er aus ihrer gleichgültigen Haltung schließen konnte, dass es bereits eine ganze Weile gewesen sein musste. Sicherlich schon einige Jahre.
Er beobachtete ihr Auftreten. Daran war nichts Ungewöhnliches. Sie saß ohne sich zu bewegen auf ihrem Stuhl und hielt direkten Augenkontakt. Allerdings war ihm klar, dass sie jederzeit dazu bereit war, sich zu bewegen, falls einer von ihnen plötzlich aufstehen und versuchen würde, sie zu packen. Sie hatte einfach keine Angst, mit ihnen allein in diesem Raum zu sein.
Alles, was er von ihr zurückbekam, war ihre Verärgerung über ihn und seine mangelnden Fragen bezüglich des Vorstellungsgesprächs. Das sagte ihm, dass sie diesen Job tatsächlich brauchte. Die meisten Abtrünnigen brauchten Jobs in der Menschenwelt, um überleben zu können, und sie war da keine Ausnahme. Er musste dann zusehen, wie sie einfach aufstand und den Raum verließ. Sie ging sogar so weit, ihnen zu zeigen, dass es ihr völlig egal war, welchen Rang sie hatten, indem sie ihnen dafür dankte, dass sie ihre Zeit vergeudet hatten.
Er lächelte in sich hinein, nachdem Wynta die Tür geschlossen hatte. „Oh, ich mag sie“, sagte er leise.
Ernesto, sein Beta, erkannte seine Belustigung und sagte: „Bitte sag mir nicht, dass du denkst, was ich denke, dass du denkst.“
„Ach, Ernesto! Du weißt doch ganz genau, dass ich genau das denke.“ Er nickte und hörte, wie alle seine Rudelmitglieder lachten. „Es könnte nicht schaden.“ Er lächelte nun vor sich hin. „Diese liebenswerte, sehr sture Wölfin könnte eine gute Ergänzung für meinen sehr arroganten ältesten Sohn sein.“ Er lachte. „Ich wette, Wynta Morgan wird kein Problem damit haben, ihm ihre Meinung zu sagen, ohne mit der Wimper zu zucken“, sagte er mit einem Nicken. Wynta war genau das, was sein arroganter Sohn brauchte. Eine starke, unbeugsame Wölfin an seiner Seite.
„Weißt du, Edward, Jared wird das nicht hören wollen“, murmelte sein Gamma, Chester. „Obwohl ich dir zustimme. Sie scheint wirklich in das Bild von stur und gleichgültig zu passen. Sie hatte nicht das geringste Problem damit, dich oder uns zu beleidigen.“
„Ich weiß. Genau das gefällt mir so an ihr. Und was kann es schon schaden, meinen Sohn bei Vollmond mit ihr in einen Raum zu stecken? Nichts, lautet die Antwort.“ Er lächelte sie alle an und wandte sich dann an seinen Beta. „Ernesto, sorg dafür, dass das Mädchen in mein Büro kommt! Sie muss schnellstmöglich in unser Rudel aufgenommen werden. Damit sie sich schon an das Rudel gewöhnt hat und sich nicht mehr wie eine Abtrünnige verhält, wenn Jared nach Hause kommt.“
„Willst du dich wirklich erneut einmischen?“, murmelte Ernesto, stand aber auf. „Ist das nicht der Grund, warum er momentan in Europa ist, um von dir und deinen Einmischungen wegzukommen?“
„Ja, aber ich kann ihn nach Belieben zurück nach Hause holen. Ich bin immer noch sein Alpha. Außerdem habe ich ihn glauben lassen, dass ich seit fast drei Jahren aufgehört habe, nach einer Gefährtin für ihn zu suchen“, erwiderte Edward, während Ernesto zur Tür ging. „Bring sie direkt in mein Büro! Und stell sicher, dass sie den ganzen Nachmittag dort bleibt!“
Sein Beta nickte und verließ den Raum. Jetzt musste Edward sie nur noch dazu bringen, Teil des Rudels zu werden. Er dachte nicht, dass das eine leichte Aufgabe werden würde, aber er hatte nun den ganzen Nachmittag Zeit, um einen Weg zu finden.
Er nahm das Bewerbungsschreiben mit ihrem Foto darauf in die Hand. Wynta Morgan. Sie war eine liebenswerte Wölfin, war 1,79 Meter groß, hatte lange schwarze Haare und grüne Augen mit einem Touch von Hellbraun darin. Er fragte sich wirklich, was genau ihre Geschichte war, und ob er sie dazu bringen könnte, sie ihm zu erzählen. Denn er glaubte, das er diese Informationen irgendwann brauchen würde. Er hoffte auch, dass es bereits eine Ablehnung und Akzeptanz dieser liebenswerten Wölfin gegeben hatte. Und nicht nur von irgendeinem Wolf, sondern von einem Alpha.
Weil das bedeuten würde, dass sie tief im Inneren bereits wusste, dass sie dazu bestimmt war, eine Luna zu sein. Daher würde sie nicht nur stur, sondern auch trotzig gegenüber allen Alphas sein. Er kannte seinen Jungen gut. Sein ältester Sohn mochte keine Frauen, die allzu unterwürfig waren. Es sei denn, er suchte nach einer flüchtigen Affäre.
Also würde sein Beta sie wahrscheinlich gar nicht bis zur obersten Etage hochbringen müssen, die sie ohne Zugangskarte zum privaten Aufzug nicht wirklich wieder verlassen könnte. Es würde das Interesse seines Jungen noch viel mehr wecken, wenn es ein paar Interaktionen zwischen den beiden gäbe. Besonders wenn sie Jared gegenüber so abweisend wäre, wie sie es gerade ihm und seinen Rudelmitgliedern gegenüber gewesen war.
Sein Sohn war allerdings auch nicht mehr der Jüngste. Er war siebenundsiebzig Jahre alt und konzentrierte sich derzeit auf die europäische Abteilung ihres Rudels. Das war etwas, das Jared selbst begonnen hatte, nur um den ständigen Einmischungen seines alten Herrn zu entkommen. Bei dem Gedanken daran musste Edward schmunzeln. Das würde niemals funktionieren. Denn er wollte, dass alle seine Kinder glücklich wären und auch eine vorbestimmte Gefährtin hätten.
Er hatte ein paar nette Regeln in seinem Rudel eingeführt, als er es damals gründete. Der Aufstieg zum Alpha war nicht wie in jedem anderen Rudel da draußen geregelt, wo das älteste Kind das Rudel einfach in einem bestimmten Alter erbte. Nein, seine Kinder mussten es sich verdienen. Nicht nur mussten sie alle eine gute Ausbildung haben, sondern sie mussten auch in der Lage sein, ihre eigenen Geschäfte zu gründen und zu führen. Die Branche konnten sie sich dabei selbst auswählen.
Sie mussten einfach nur seinen Anforderungen entsprechen. Derzeit betrachtete er seine vier Söhne alle als gleichwertig. Daher trugen sie auch den exakt gleichen Titel des zukünftigen Alphas des Rudels. Sie mussten alle das Alpha-Training absolvieren und alles lernen, was es über das Führen eines Rudels zu wissen gab.
Alle vier seiner Erben waren auch durch ein Paarungsband eingeschränkt, das sie jederzeit tragen mussten. Als der Alpha-Rat gegründet und die Alpha-Universität eröffnet wurde, hatte er dem Rat seine Rudelgesetze erklärt. Und das bereits im Jahre 1950.
Jared war damals sieben Jahre alt und auch seine anderen drei Söhne waren bereits auf der Welt gewesen. Dieses Paarungsband, das der Alpha-Rat geschaffen hatte, um falsche Bindungen zu verhindern, war in Edwards Augen genau das Richtige, um zu bekommen, was er wollte. Denn er wollte, dass seine Kinder keine Möglichkeit hätten über die Echtheit ihrer vorbestimmten Gefährten zu lügen.
Seine vier Söhne, Jared, Ethan, Colby und Lance, trugen alle diese Bänder, ebenso wie seine drei Töchter, Elizabetha, Francine und Sophie. Obwohl seine Töchter nun bereits alle verpaart waren, hatten seine Söhne ihre Gefährtinnen immer noch nicht finden können.
Die Paarungsbänder verhinderten, dass sie die Position des Alphas durch Täuschung erlangten. Denn nur ein von der Göttin bestimmtes Paar konnte das Rudel führen. Es gab auch noch zwei weitere Regeln, die er festgelegt hatte: Sie konnten die Position erst einnehmen, wenn sie einhundert Jahre oder älter waren, und sie mussten mindestens einen Erben gezeugt haben.
Es war zum jetzigen Zeitpunkt noch unklar, wer das Rudel übernehmen würde. Denn wenn sie alle über hundert Jahre alt wären, ohne ihre Gefährtin gefunden zu haben, wäre derjenige, der als Erster eine Gefährtin finden und einen Erben zeugen würde, derjenige, der das Rudel übernehmen dürfte. Sie hatten alle die gleichen Chancen und die Paarungsbänder konnten nicht manipuliert werden. Sie verhinderten auch, dass seine Söhne sich gegenseitig umbringen würden, um die Position des Alphas zu erlangen. Denn wenn einer von ihnen von einem anderen bedroht wurde, bekam Edward sofort ein Alarmsignal. Dies war eine zusätzliche Funktion, die er gefordert hatte und die diesen Bändern hinzugefügt worden war.
Er hatte auch noch vier weitere Bänder vorbereitet, sodass er bei der Wahl der Wölfin nicht getäuscht werden konnte. Wenn einer seiner Söhne eine Gefährtin witterte, würde der Wölfin eines dieser Bänder angelegt werden, um zu bestätigen, dass sie diejenige war, die sein Sohn beanspruchte. Er hatte alle Grundlagen abgedeckt, um seine Söhne zu schützen und ihnen allen gleiche Rechte auf den Aufstieg zur Position des Alphas in seinem Rudel zu geben.
„Alpha, wie willst du eigentlich Jared aus Europa nach Hause holen?“, fragte Luther, sein Delta, neugierig.
„Es gibt keinen Grund zur Eile. Diese reizende junge Wölfin muss sich sowieso erst einmal ins Rudelleben einfügen. Ich lasse sie einfach vorerst in Ruhe arbeiten, bis sich eine natürliche Lösung für das Problem ergibt.“
„Er wird sie nicht beanspruchen, wenn sie nicht seine vorbestimmte Gefährtin ist, das weißt du“, stellte Chester fest.
„Ja, das weiß ich“, stimmte Edward zu. „Ich versuche ja auch nicht, die beiden zu verkuppeln. Sie wird für ihn eine Herausforderung darstellen und sein Interesse wecken. Ich möchte einfach sehen, was sich dann daraus ergibt. Sie wird seine Aufmerksamkeit ablehnen, wenn sie, wie ich vermute, bereits von einem anderen Alpha abgelehnt wurde. Und er wird nicht verstehen, warum sie nicht völlig hin und weg von ihm ist.“ Er lächelte. „Das ist alles, was ich im Moment will.“