Kapitel 1

2020 Words
Wynta Wynta war mittlerweile siebenundzwanzig Jahre alt. Sie saß im Warteraum zusammen mit all den anderen Bewerbern, die sich für die Stelle als Marketingfachkraft bei der Hayes AG bewarben. Sie hatte vor ein paar Monaten ihren vorherigen Job verloren und ihre finanziellen Mittel gingen langsam zur Neige. Alle anderen Bewerber in diesem Raum waren Menschen. Obwohl sie beim Betreten des Gebäudes ein paar Wölfe wahrgenommen hatte, schien auf dieser Etage niemand von ihnen zu arbeiten. Sie hatte sich nicht wirklich damit beschäftigt, wem die Hayes AG gehörte, wusste aber, dass sie von einem größeren Konglomerat betrieben wurde. Es klang für sie nicht nach Werwölfen, also hatte sie auch keine Nachforschungen im Intranet der Werwölfe betrieben. Sie hatte einfach angenommen, es sei ein von Menschen geführtes Unternehmen. Aber jetzt, während sie hier auf ihr Vorstellungsgespräch wartete, hatte sie das Gefühl, dass es vielleicht doch von Wölfen geführt wurde. Denn sie hatte einige Werwölfe wahrgenommen. Aber sie hoffte, dass das heutige Vorstellungsgespräch von einem Gremium aus Menschen geführt werden würde, da alle anderen Bewerber Menschen waren. Sie hatte seit neun Jahren keinen Umgang mehr mit Werwölfen gehabt. Sie hatte die Welt der Werwölfe hinter sich gelassen, als sie ihr Heimatrudel verlassen hatte. In jener Nacht, in der sie aus dem Rudelkrankenhaus entlassen worden war. Sie war dann einfach in ihr Zimmer gegangen, zwei Tage nachdem ihr zukünftiger Alpha zur Alpha-Universität aufgebrochen war. Aber niemand hatte gewusst, dass sie Gefährten waren, die sich gegenseitig abgelehnt hatten. Wynta hatte dann all ihre Sachen in einen Koffer gepackt und das Rudel verlassen. Sie hatte sich selbst zu einer Abtrünnigen gemacht, nachdem sie das Rudelterritorium verlassen hatte. Niemand hatte nach ihr gesucht, nachdem sie ihr Heimatrudel heimlich, still und leise verlassen hatte. Sie hatte nicht einfach herumsitzen und darauf warten wollen, dass ein Alpha entscheiden würde, ob sie seiner würdig war. Sie hatte sich damals in ihn verliebt, aber auch gewusst, dass alles, was er ihr jemals gesagt hatte, eine Lüge gewesen war. Daher hatte sie nicht mehr Teil jenes Rudels sein wollen. Sie war in einen Zug gestiegen und einfach weggefahren. Danach hatte sie verschiedene Jobs angenommen und ihr Leben während des Studiums selbst finanziert. Sie hatte auch kleinere Stipendien erhalten und einen Studienkredit aufgenommen. Neun Jahre später war sie nun eine Marketingfachkraft, die in der Menschenwelt arbeitete und sich von der Welt der Werwölfe fernhielt. Sie betrachtete Wölfe nicht mehr wirklich als ihre Art. Schließlich besaß sie ja auch gar keinen Wolf. Sie betrachtete sich selbst als Mensch. Also lebte und arbeitete sie wie ein Mensch. Sie hatte manchmal Schwierigkeiten, ihre Miete und Rechnungen zu bezahlen, wie so viele andere auch. Daher kaufte sie sich immer nur, was sie auch tatsächlich brauchte. Sie besaß fünf Arbeitsoutfits, die sich gut miteinander kombinieren ließen, um verschiedene Looks zu kreieren, die gleichzeitig alle professionell wirkten. In ihrer Wohnung faulenzte sie einfach in Jeans und T-Shirts. Sie besaß nichts Besonderes, weil sie es nicht brauchte. Ihre freien Tage verbrachte sie damit, in ihrer Wohnung ein gutes Buch zu lesen oder Musik zu hören. Derzeit lebte sie in einer winzigen Einzimmerwohnung, die nur ein Schlafzimmer, eine kleine Kochnische und ein winziges Badezimmer hatte. Es war nichts Besonderes daran. Momentan konnte sie sich auch einfach nichts anderes leisten. Nachdem sie ihren vorherigen Job verloren hatte, musste sie an allen Ecken und Enden sparen. Die Wohnung war klein, aber sie hielt sie sauber und ordentlich. Nachdem sie einen Monat dort gelebt hatte, hatte sie erkannt, dass sie auch gar keine größere Wohnung brauchte. Sie hatte auch alle möglichen Streamingdienste und sonstige Abonnements gekündigt, um Geld zu sparen, während sie nach einem neuen Job suchte. Das Einzige, was sie hatte, war ihr Handy, das sie für die Jobsuche brauchte, obwohl sie es auch zum Lesen von Büchern online nutzte. Sie war allen um sie herum gegenüber distanziert. Es gab keine Kontakte in ihrem Handy, weil sie keine Familie und keine Rudelbindungen mehr hatte. Sie vertraute anderen nicht leicht und knüpfte keine Bindungen zu den Leuten in ihrem Umfeld. In einer Büroumgebung konnte sie ihre Arbeit erledigen und ordentliche Gespräche führen. Sie konnte auch gut im Team arbeiten, aber sie vertraute dabei niemandem. Obwohl sie keinen Wolf hatte, konnte sie immer noch Dinge wie den Geruch anderer Wölfe wahrnehmen. Sie konnte jedoch weder Rudelzugehörigkeit noch Blutlinien bestimmen. Sie verstand nur, dass Werwölfe anders als Menschen rochen. Sie alle hatten einen erdigen, holzigen Duft. Manchmal saß sie im Park und beobachtete einfach die Menschen, wie sie umhergingen und mit anderen interagierten. Sie konnte Gesten und Gesichtsausdrücke ziemlich gut lesen. Sie konnte eine Lüge von der Wahrheit unterscheiden, weil sie auf die Betonung in der Stimme achtete und die kleinen Dinge sah, die Menschen immer taten, wenn sie logen. Zappeln, Augenkontakt vermeiden, übermäßiges Blinzeln oder einfach die Augen schließen. Sie bissen sich auf die Lippen, einige wurden sogar rot im Gesicht. Wenn sie aufmerksam war, konnte sie hören, wie sich der Tonfall ihrer Stimme änderte und manchmal sogar Unterschiede im Satzbau erkennen. Dann gab es auch noch diese Pause, bevor sie sprachen, die oft zeigte, dass sie über eine Antwort nachdenken mussten, weil sie nicht ehrlich antworten wollten. Sie hatte gelernt, dass Menschen oft auch nicht viel anders waren als Wölfe. Sie kamen zu ihr, wenn sie etwas von ihr wollten. Aber dann hintergangen sie sie, wenn sie konnten, um sich die Anerkennung für ihre eigene Arbeit zu sichern. Beide Spezies waren ihrer Meinung nach hinterlistig. Aber alles, was sie eigentlich nur wollte, war, ruhig und unbemerkt von allen zu leben. Sie hatte auf die harte Tour gelernt, dass es besser war, allein zu leben. Selbst Mitbewohnerinnen konnten hinterlistig und nicht vertrauenswürdig sein. Sie hatte herausgefunden, dass es einfach am besten war, allein zu leben und sich keine Freunde zu suchen, die sie belügen oder ihr Vertrauen verraten würden. Die von ihr stehlen oder ihr die Schuld für Dinge geben würden, die sie selbst getan hatten, nur um sich selbst zu schützen. Dann wurde ihr Name aufgerufen, was sie aus ihren abschweifenden Gedanken riss. Sie stand auf, nickte der Frau zu, die nach ihr suchte, und folgte ihr leise den Flur entlang und um die Ecke zu einem Raum, der als „Konferenzraum 2“ gekennzeichnet war. Die Tür wurde für sie offen gehalten und sie trat ein. In dem Moment, als sie eintrat, konnte sie sie riechen: Wölfe, aber nicht nur irgendwelche. Allein durch ihre schiere Größe und die Art, wie sie gekleidet waren und saßen, erkannte sie, dass sie ranghohe Mitglieder eines Rudels sein mussten. Sie ging hinüber, setzte sich auf den Stuhl vor ihnen, wie es von ihr erwartet wurde, und sah sie an. Sie wusste, dass sie alle in der Lage sein würden, ihren Geruch als Abtrünnige und Wolflose zu erkennen. Sie hätten es entweder gerochen, während sie dort im Warteraum saß, oder spätestens in dem Moment, als sie diesen Raum betreten hatte. Wyntas Geruchssinn war aber nicht so ausgeprägt wie ihrer, nicht einmal wie der eines Omega-Wolfs. Sie beobachtete, wie drei von ihnen sich in ihren Stühlen zurücklehnten und einer sich auf den Tisch vor ihm stützte und sie anstarrte. Diese Beobachtung sagte ihr, dass sie nicht nur ranghohe Mitglieder waren, sondern dass es sich tatsächlich um einen Alpha und sein Gefolge handelte. Derjenige, der sie jetzt beobachtete, musste der Alpha sein. Er ließ seinen Blick über ihr Erscheinungsbild gleiten, wandte sich dann ihrer Bewerbung zu und las sie sich durch, bevor er sie wieder ansah und das Papier vor sich ablegte. „Ich werde mich dir ganz formell vorstellen“, sagte er gelassen. „Ich bin Alpha Edward Hayes und das sind Mitglieder meines Rudels.“ Er deutete mit der Hand auf die anderen Wölfe im Raum. „Darf ich fragen, warum du eine Abtrünnige bist?“, fragte er sie direkt, wobei seine Neugier über ihren Rudelstatus die Fragen bezüglich dieses Jobs zu überwiegen schien. Wynta runzelte die Stirn. Es war ihr eigentlich egal, wer er war, und sie dachte nicht, dass es ihn etwas anging, warum sie eine Abtrünnige war. Sie wusste, dass man nicht Teil eines Rudels sein musste, um in dieser Welt zu leben. Immer mehr Wölfe machten sich selbst zu Abtrünnigen und verließen ihre Rudel, um der Grausamkeit der Rudelführer zu entkommen. Besonders diejenigen, die wie sie waren. In den letzten neun Jahren hatte sie viele gesehen und gerochen, die ihr Schicksal teilten. Sie waren einfach dort draußen und versuchten, sich ehrlich ihren Lebensunterhalt zu verdienen. Sie wollten weder Ärger mit Menschen noch mit Werwölfen. Da sie seine Frage nicht beantwortete, fuhr er fort: „Ich sehe, dass du bereits siebenundzwanzig Jahre alt bist. Sicherlich hätte jemand mit deinen Fähigkeiten ein Rudel finden können, das dich aufgenommen hätte. Wann bist du denn genau zu einer Abtrünnigen geworden?“, fragte er noch einmal. „Ich bin hier aufgrund des ausgeschriebenen Jobs, nicht um Ihnen Auskunft über meine Vergangenheit zu erteilen“, sagte sie schließlich. „Haben Sie Fragen an mich, die sich auf meine Fähigkeiten beziehen?“, fragte sie ihn. Er runzelte die Stirn und sie beobachtete, wie derjenige, den sie für den Beta hielt, sich nach vorne lehnte und seine Arme auf dem Tisch abstützte. „Du könntest um Zuflucht bitten und Mitglied unseres Rudels werden. Dann würdest du diesen Job ohne Probleme bekommen“, erklärte er. Wynta zog eine Augenbraue hoch. „Das ist also die Bedingung, um diesen Job zu bekommen“, dachte sie sich abwesend. Offensichtlich verschwendeten all die Menschen da draußen ihre Zeit mit diesem Vorstellungsgespräch. Diese Firma hielt sich einfach an die Regeln der Menschenwelt, um ehrlich und fair zu erscheinen, während sie beabsichtigten, den Job einem ihrer eigenen Rudelmitglieder zu geben. „Möchtest du unserem Rudel beitreten, Wynta?“, fragte Alpha Edward sie ganz direkt. „Ich würde jemanden wie dich akzeptieren.“ „Jemanden wie mich?“, murmelte sie. „Eine wolflose Abtrünnige, die verzweifelt nach Zugehörigkeit sucht, meinen Sie?“ Sie schüttelte leicht den Kopf und war ein wenig enttäuscht. Sah sie für diese Männer wirklich so verzweifelt aus? Sie dachte eigentlich nicht, dass sie so wirkte. Ihre Kleidung war sauber und präsentabel, ebenso wie ihr Haar und ihr leichtes Make-up. Sie sah sicherlich nicht unterernährt oder ungesund aus. „Werden Sie mir auch noch Fragen zur ausgeschriebenen Position stellen?“, fragte sie erneut. „Meine Fähigkeiten habe ich ja bereits in meinem Lebenslauf aufgelistet. Ich habe bereits für zwei verschiedene Unternehmen gearbeitet, wie Sie sehen können.“ „Wynta, wir werden schon noch über den Job sprechen. Ich denke aber, dass dein Status als Abtrünnige wichtiger ist und zuerst geklärt werden muss“, erklärte Alpha Edward. „Bitte sprechen Sie mich nicht so informell an, Herr Hayes. Ich würde es vorziehen, wenn Sie mich siezen und Frau Morgan nennen würden.“ Sie machte ihm klar, dass sie nicht daran interessiert war, Teil seines Rudels zu werden. Außerdem dachte sie, dass es nicht angebracht war, sich bei einem Vorstellungsgespräch mit dem Vornamen anzusprechen. Alle Anwesenden runzelten jetzt die Stirn, weil sie das Angebot des Alphas abgelehnt hatte. Aber sie war eine Abtrünnige und musste seinen Status daher auch nicht anerkennen. Es war wahrscheinlich, dass sie nicht erwartet hatten, dass sie das Angebot, in ihr Rudel aufgenommen zu werden, ablehnen würde. Aber das war nichts, was für sie infrage käme. Sie suchte nur nach einem Job, um wieder ein festes Einkommen zu haben. Sie wollte ein Dach über dem Kopf und Essen im Bauch, nicht mehr und nicht weniger. „Wie wäre es, wenn du dir das Rudel erstmal ansiehst? Es ist nur eine Stunde Fahrt von hier. Du wirst sehen, dass es ein schönes, gesundes Rudel ist. Ich habe sogar mehrere Mitglieder ohne Wölfe, die dort leben“, bot Edward ihr an. Wieder zog sie eine Augenbraue hoch. Das hier war definitiv kein Vorstellungsgespräch mehr. Sie schüttelte den Kopf und stand auf. „Danke, dass Sie meine Zeit verschwendet haben. Ich habe diese Woche noch andere Vorstellungsgespräche“, erklärte sie einfach, drehte sich um und verließ den Raum, was ihnen zeigte, dass sie eindeutig nicht an dem interessiert war, was sie ihr angeboten hatten.
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