Grausamkeit meiner Geburt

1260 Words
Saras Sicht Ich weinte leise unter der Dusche, die Knie fest an die Brust gezogen, den Rücken an die Wand gelehnt. Das kalte Wasser spülte unaufhörlich meine Tränen weg und bewahrte mich vor der Demütigung, beim Weinen unter der Dusche gesehen zu werden. Aber war mir das jetzt noch wichtig? Nein… Denn Patrick hatte mich auf die schlimmstmögliche Weise gedemütigt. Er hatte ein Mädchen auf dem Schoß, als er mich des Fremdgehens beschuldigte und mich beschimpfte, als ob ich ihm nichts bedeuten würde. Natürlich hatte ich weder in seinem Herzen noch in seinem Leben einen Platz, aber ich war immer noch ein Mensch. Patrick hatte mein Handy in einem Wutanfall zerstört, weil es für ihn nichts bedeutete. Aber für mich war es der einzige Luxus, den ich hatte. Ich weigerte mich, auch nur einen Cent von seiner Familie anzunehmen, da ich als Schwiegertochter ein Anrecht darauf hatte, aber ich vermute, Patrick wusste das nicht. Sollte ich anfangen, hier meine Mahlzeiten selbst zu bezahlen, damit er nicht auf mich herabsieht? Reichte es, um mich vor weiteren Demütigungen durch ihn zu bewahren? Er verspottete mich als geizig, weil ich die Tochter von Thomas White bin, einem Milliardär mit unzähligen Vermögenswerten. Wie war es wohl, ihm ein neues Handy zu kaufen? Er und seine Familie konnten ein ganzes Lagerhaus voller neuester Handys besitzen. Aber für mich? In dieser Familie zu überleben, war mein einziges Ziel. Für den Rest der Welt war ich Sara White – eine Powerfrau. Doch im Haushalt war ich nur eine Sklavin, die kein Mitspracherecht hatte, aber eine schwere Schuld zu begleichen. Die Schuld, den Familiennamen zu tragen. Ja… Ich habe kein Anrecht darauf, „White“ als Nachnamen zu tragen, weil ich nicht Thomas’ leibliche Tochter bin. Und doch hat er mir seinen Nachnamen gegeben. Die bittere und grausame Wahrheit meiner Existenz. Meine Mutter, Janet White, war mit meinem Vater verlobt, als ich gezeugt wurde. Sie freute sich darauf, mich auf der Welt willkommen zu heißen und eine große Hochzeit zu feiern. Aber ich bin ein geborenes Unglückskind, wissen Sie. Mein leiblicher Vater starb bei einem Autounfall und hinterließ eine im fünften Monat schwangere Frau, die sich den Anschuldigungen und der Grausamkeit von Beziehungen stellen musste. Meine leiblichen Großeltern väterlicherseits verfluchten meine Mutter und mich und gaben uns die Schuld an seinem frühen Tod. Sie weigerten sich, mich als ihre Enkelin anzuerkennen. Meine Mutter wurde gezwungen, Thomas White zu heiraten, den Geschäftsführer einer angeschlagenen Firma, die dringend Investitionen benötigte. Diese hatte er von meinem Großvater mütterlicherseits erhalten. Meine Mutter wurde nicht darauf vorbereitet, das Unternehmen zu übernehmen oder eine Ausbildung zu absolvieren, die ihr finanzielle Unabhängigkeit ermöglicht hätte. Sie war ängstlich und hilflos. Deshalb suchte mein Großvater ihr einen Ehemann, der sie mit ihrem Babybauch akzeptieren konnte. Die einzige Bedingung war, dass er meine Mutter heiraten und mir seinen Nachnamen geben musste, um die Würde meiner Mutter und den Ruf unserer Familie zu retten. Thomas, ein Opportunist, tat, was man von ihm verlangte und rettete so seine Firma. Ich aber bekam nichts außer dieser Schuld und seinem Nachnamen. Für Thomas war ich eine Belastung, ein schmutziger Fleck auf seinem makellosen Image. Er überließ mich meiner Mutter, behandelte mich aber nie wie ein Familienmitglied. Ich ertrug jede Demütigung und Folter, die mir Thomas und seine Familie antaten, doch ich konnte nicht sprechen, weil Janet Angst hatte, Thomas würde die Wahrheit über meine Geburt enthüllen. Sie sprach nie ein Wort zu meiner Verteidigung, sondern kümmerte sich stillschweigend um meine Wunden in der Abgeschiedenheit meiner winzigen Zelle, die ich mein Zimmer nannte. Ich wurde gezwungen, bei der White Corporation anzufangen, um jeden Cent zurückzuzahlen, den Thomas für meine Erziehung ausgegeben hatte. Die Position, die man mir gab – COO der Firma. Und mein monatliches Gehalt beträgt nur ein Zehntel meines Gesamtgehalts. Ein kleiner Geldbetrag reichte mir gerade so für das Nötigste, aber nicht für Luxusartikel wie das neueste Handymodell. Ich erinnerte mich noch gut an unser Gespräch. Es war mein Schulabschluss. Ich war so glücklich, dass ich mit ihm und meiner Mutter eine kleine Feier veranstalten wollte. „Glaubst du wirklich, du verdienst eine Feier? Glaubst du wirklich, du verdienst Glück?“ Ich erinnerte mich an sein Gebrüll, gefolgt von der Ohrfeige, die mich für ein paar Sekunden taub gemacht hatte. „Ich habe deine Mutter nur geheiratet, um meine Familie und meine Firma vor dem Bankrott und der Armut zu retten. Du hättest sterben sollen, bevor deine Mutter mich zur Welt brachte, du Unglücksrabe. Es ist deine eigene Schuld, dass du jedes Mal gerettet wurdest. Du wolltest geboren werden. Dann musst du jetzt dafür bezahlen, dass du mein Leben mit deinem Glück befleckt hast.“ Ich sollte nicht geboren werden, und doch kam ich nicht nur auf diese Welt, sondern überlebte auch so viele Mordanschläge, die Thomas immer wieder verübte, bis mein Großvater mütterlicherseits ihn bedrohte. Ich blickte zum Dach hinauf, als wollte ich Gott fragen, warum er mich in dieser grausamen Welt geboren hat, wo es doch keine Hoffnung, keine Liebe, kein Leben für mich gibt. Ich war wie ein lebender Leichnam mit einer toten Seele, der nur noch atmen konnte. Ich wusste nicht, warum ich überhaupt noch lebte. Alle hassten mich so sehr, und nichts konnte mich am Leben erhalten. Warum also? Warum atmete ich überhaupt? „Sara … bist du drinnen, Liebes?“, hörte ich jemanden von weitem rufen, doch ich rührte mich nicht. Mein ganzer Körper und Geist waren wie betäubt. Meine Augen waren glasig und schwer, und ich verspürte den Drang, sie zu schließen. Plötzlich spürte ich einen tiefen Seelenfrieden – ein unbeschreiblich schönes Gefühl. Langsam schlossen sich meine Augen, die Welt um mich herum verschwand, und schließlich verschwanden sie. Ich träumte von einem wunderschönen Garten voller blühender Blumen in allen leuchtenden Farben. Ich lächelte breit, sog die Schönheit der Natur in mich auf und atmete tief ein. Der süße, frische Duft der Blumen erfüllte nicht nur meine Nase, sondern jeden Muskel meines Körpers. Bunte Schmetterlinge flatterten dort drüben. Kleine Vögel und Grillen zirpten überall. Die Wärme der Sonne auf meinem Körper war erfrischend und wohltuend. Ich rannte lachend durch die schmalen Pfade zwischen den Blumenbeeten, die Arme seitlich ausgebreitet, und genoss die Wärme und Frische der Luft. Mein Kleid flatterte im Wind. Das ist meine Welt, voller Freude und Glück. Nennt mich ruhig einen Feigling, weil ich hierher flüchtete, aber ich wollte für immer hierbleiben. Ich erreichte das Ende des Blumenbeets und sah eine wunderschöne Wiese vor mir. Sie schien endlos zu sein. Ich lächelte breit und rannte über das grüne Gras. Die Weichheit der Grashalme kitzelte meine Fußsohlen und brachte mich zum Lachen. Der Gesang der Vögel um mich herum war wie ein melodisches Lied. Ich legte mich ins grüne Gras und blickte zum Himmel. Der Himmel war klar, nur ein paar reinweiße Wolken bildeten lustige Muster. Ich wusste nicht, was für ein Ort das war, aber es war mein Paradies. Ich könnte hier bis zu meinem letzten Atemzug leben. Niemand ist hier, um mich zu verurteilen … um mich zu verspotten … um mir das Gefühl zu geben, minderwertig zu sein … um mir das Gefühl zu geben, unerwünscht zu sein … Die Schmetterlinge umflatterten mich, als wollten sie mit mir spielen. Ich fühlte mich hier gebraucht … in dieser Welt. Ich spürte, wie mich jemand von weit her rief, aber ich hörte nicht auf diese Stimme, denn ich wollte nichts anderes hören als das Zwitschern der Vögel um mich herum. Ich weigerte mich, diesen friedlichen Moment hier durch irgendetwas zerstören zu lassen. Wenn dies ein Traum ist, möge ich niemals erwachen!
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