Kapitel 1: Das Gewicht der Stille
Die Axt schlug herab wie ein Urteil.
Varins Atem beschlug in der kalten Luft, als die Klinge den Baumstamm glatt durchspaltete; das Knacken hallte von der Bergwand wider wie ein Knochenbruch. Er richtete sich auf, die Schultern angespannt, und starrte die beiden Hälften an, als hätten sie ihn beleidigt. Schnee wirbelte zwischen den Kiefern hindurch. Irgendwo weit unten heulte ein Wolf einmal und verstummte dann.
Er hasste die Stille mehr als den Lärm.
In der Hütte war Kael bereits wach. Varin spürte es so, wie ein Mann einen Sturm spürt, bevor die Wolken aufziehen – kleine Bewegungen, das Schaben eines Stiefels, die Vorsicht, mit der der Junge versuchte, die Toten nicht zu wecken. Varin wischte die Axtklinge an seinem Umhang ab und trat ein.
Kael saß am groben Tisch, ein Messer in der Hand, und schnitzte etwas Kleines aus einem Stück Eschenholz. Er blickte nicht auf.
„Du bist spät dran“, sagte der Junge.
„Dem Holz ist es egal, wie spät es ist.“
Kaels Mund zuckte. Fast ein Lächeln. Fast. Er legte das Messer beiseite und drehte die Schnitzerei zwischen seinen Fingern hin und her – eine grobe Figur mit einem zu großen Kopf und Armen, die aussahen, als wollten sie etwas umklammern, das sie niemals erreichen könnten.
„Ich habe wieder von ihr geträumt“, sagte Kael leise.
Varins Hand umklammerte die Axt fester. Die alte Wut regte sich, leise und vertraut, wie Glut unter Asche. Er lehnte die Waffe mit mehr Sorgfalt an die Wand, als sie verdiente.
„Träume sind nur das, was der Verstand wiederkäut, was er nicht schlucken kann“, sagte er. „Iss. Wir trainieren, bevor es dunkel wird.“
Kaels Augen – die Augen seiner Mutter – hoben sich. Es lag keine Angst in ihnen. Nur der hartnäckige Hunger, der seit Monaten gewachsen war.
„Du sprichst ihren Namen nie aus.“
„Es gibt nichts zu sagen.“
„Es gibt alles zu sagen.“ Kael stand auf. Er reichte Varin noch immer nicht bis zur Schulter, aber die Art, wie er sich hielt, ließ den Unterschied von Tag zu Tag kleiner erscheinen. „Du hast mir die Namen aller Tiere in diesen Wäldern beigebracht. Jeder Stern. Jede Art, wie ein Mensch sterben kann. Aber nicht sie.“
Varin wandte sich dem Feuer zu, damit der Junge sein Gesicht nicht sehen konnte. Die Flammen tauchten die Wände in unruhiges Orange. Draußen drehte der Wind. Etwas daran fühlte sich falsch an – zu scharf, zu wachsam.
„Sie ist fort“, sagte Varin. „Ihren Namen auszusprechen, wird sie nicht zurückbringen. Es wird die Welt nur daran erinnern, dass sie existiert hat. Und die Welt ist nicht gütig zu den Dingen, an die sie sich erinnert.“
Kaels Stimme brach, nicht aus Schwäche, sondern aus der Anstrengung, etwas zurückzuhalten. „Ich bin kein Kind mehr. Ich spüre es. Etwas kommt. Die Bäume verstummen, wenn ich zu weit gehe. Die Rehe sehen mich an, als wüssten sie einen Namen, den ich nicht kenne. Du spürst es auch. Lüg nicht.“
Varin schloss die Augen. Für einen Moment war er woanders – an einem Ort, an dem der Schnee rot war und der Himmel brannte und die Stimme eines anderen Jungen ihn anflehte, aufzuhören. Er öffnete sie wieder.
„Wir trainieren“, sagte er. „Jetzt.“
Sie trainierten auf der Lichtung, bis Kaels Arme zitterten und sein Atem in abgehackten Stößen kam. Varin korrigierte seine Haltung, seinen Griff, den Winkel des Hiebs. Er lobte ihn nicht. Er ließ nicht nach. Als Kael schließlich keuchend auf ein Knie sank, stand Varin mit der Übungsaxt auf der Schulter über ihm.
„Noch einmal.“
Kael blickte auf, das Gesicht gerötet, die Augen leuchtend vor etwas, das nicht nur Erschöpfung war. „Warum kämpfst du immer noch, als stünde die Welt kurz vor dem Untergang?“
„Weil es so ist.“
Die Worte waren ihm über die Lippen gekommen, bevor er sie zurückhalten konnte. Kael erstarrte.
Varin wandte sich ab. „Steh auf.“
Sie sprachen kein Wort mehr, bis das Licht zu schwinden begann. Drinnen reinigte Kael schweigend die Klingen, während Varin den dünnen Eintopf zubereitete. Die Hütte wirkte kleiner als noch am Morgen. Die Wände rückten näher. Jedes Knarren des Holzes klang wie ein Schritt, der nicht hierher gehörte.
Kael legte das letzte Messer hin und sprach, ohne ihn anzusehen.
„Wenn etwas auf uns zukommt … wirst du mir die Wahrheit sagen, bevor es da ist? Oder wirst du warten, bis die einzige Wahrheit, die noch übrig ist, Blut ist?“
Varin starrte in den Topf. Der Dampf stieg zwischen ihnen empor wie ein Vorhang, den er nicht mehr zu lüften wusste.
„Iss“, sagte er.
Kael rührte sich nicht.
Draußen frischte der Wind auf. Schnee zischte gegen die Fensterläden. Und hoch über der Hütte, wo die Kiefern lichter wurden und der Berg auf den sich verdunkelnden Himmel traf, kreisten zwei schwarze Gestalten einmal, zweimal, dann wandten sie sich mit der Geduld derer, die bereits gefunden hatten, was sie suchten, dem Tal zu.
Varin spürte es im selben Moment wie Kael – die plötzliche, absolute Stille des Waldes.
Die Hand des Jungen glitt zum Messer auf dem Tisch.
Varin griff nach der Axt.
Keiner von beiden sprach.
Die Stille war vorbei.