Kapitel Fünf

3198 Words
„Klopf, klopf“, sagte Alan, als er die Villa betrat. „Hola“, begrüßte Ulima ihn, während sie in der Küche herumhantierte. Der Kaffee kochte bereits. Der Geruch erfüllte den geräumigen Innenraum. Alan lächelte die freundliche Dame an, die sich sofort wieder an die Arbeit machte, als er sie ausfindig machte. Niemand war mehr überrascht gewesen als Alan, als er erfuhr, dass Sarah die Haushälterin entlassen hatte. Vor zwei Wochen hatte er sich auf eine lange, ergebnislose Suche begeben und wusste nicht, wo er anfangen sollte. Also begann er mit dem, was er wusste: der Vergangenheit. Sarah hatte zwei Jahre lang in der Villa gelebt, also war dies der beste Ausgangspunkt. Obwohl sie dort lebte, hinterließ sie nur wenige Spuren. Fast jeder Raum des dreistöckigen Hauses war verschlossen und unbenutzt, so dass sich eine beeindruckende Staubschicht angesammelt hatte. Soweit er feststellen konnte, benutzte sie nur die Küche, das Hauptschlafzimmer und das Badezimmer. Selbst das Wohnzimmer war makellos und praktisch unberührt. Im Schlafzimmer entdeckte er ihren Ehering, der auf dem Nachttisch lag. Der Kleiderschrank war voll mit Frauenkleidern, aber bei näherer Betrachtung stellte er fest, dass weniger als die Hälfte ihrer Sachen tatsächlich in Gebrauch war. Alles war beige, grau oder schwarz. Alle waren eher unförmig und wenig schmeichelhaft, trotz der Markennamen auf den Etiketten. Es war, als ob sie absichtlich versuchte, in den Hintergrund zu treten und keine Aufmerksamkeit zu erregen. Selbst die kleine Auswahl an Abendkleidern im hinteren Teil des Schranks war schlicht, schwarz und uninspiriert. Sie trug keinen Schmuck, nicht einmal eine einfache Goldkette. An Accessoires fand er nur Haargummis, Haarklammern und ein paar Spangen. Im Badezimmer hatte Alan eine Fülle von Annehmlichkeiten erwartet, aber auch hier gab es nur das Nötigste. Kein Parfüm, kein Öl, nicht einmal ein Schaumbad. Ihr Shampoo und ihre Pflegespülung waren unscheinbare Billigmarken, und abgesehen von ein wenig Concealer trug sie kein Make-up. Nirgendwo im Haus gab es Fotos, Andenken oder Sammlerstücke, abgesehen von ein paar dekorativen Hochzeitsgeschenken. Nichts deutete auf eine Lieblingsfarbe hin, denn die Wände waren seit dem Kauf des Hauses unberührt und unverändert geblieben. Am Ende hatte Alan nur eine Handvoll Hinweise. Den ersten Hinweis fand er tief im Kleiderschrank in einer kleinen Kommode. Dort fand er Jeans, Hemden, Shorts und Pullover. Nichts davon war von einem Designer, aber alles war gut getragen. Es schien, dass sie in ihrem täglichen Leben Bequemlichkeit über Mode stellte, aber das hieß nicht, dass sie keinen Sinn für Stil hatte. Schals, Strickmützen und sogar eine Baskenmütze zeugten von einer Person, die gerne Accessoires kombinierte und verschiedene Elemente nebeneinander stellte. Sie mochte warme Farben: Pflaume, Orange, Ringelblume und Rot. Alles Farben, die oft mit dem Herbst in Verbindung gebracht wurden. Er war sich ziemlich sicher, dass sie Pferde mochte, da er in einer Schublade ein Paar Reithosen und gut gestopfte Cowboystiefel gefunden hatte. Den zweiten Anhaltspunkt fand er in der Küche. Die Kaffeekanne, da war er sich sicher, war ein Hochzeitsgeschenk gewesen und zwei Jahre lang unbenutzt geblieben. Vielmehr war es ein Wasserkocher, der seine Aufmerksamkeit erregte, ebenso wie eine umfangreiche Auswahl an Teesorten im Schrank. Obwohl Tee manchmal als modisch galt, war es unwahrscheinlich, dass jemand, der sich nur gelegentlich dafür interessierte, eine solche Auswahl gesammelt hatte. Noch verblüffender war, wie sie sich das alles leisten konnte. Nach der Hochzeit hatte Sarah ein großzügiges jährliches Taschengeld erhalten, aber soweit er wusste, hatte sie nach der Entlassung ihrer Haushälterin keinen Pfennig mehr angefasst. Alan ging mehrmals Lucas' und Sarahs gemeinsame Steuererklärung durch, aber sie machte keine Angaben oder Abzüge. Das ergab keinen Sinn. Wenn sie nicht einmal einen Teilzeitjob hatte, woher hatte sie das Geld, um es für Modelabels auszugeben? Und warum sollte sie das alles zurücklassen? Selbst der Verkauf der Kleider hätte ihr etwas Geld eingebracht. Hatte sie es nicht genommen, weil sie es nicht brauchte? Sein erster Gedanke war eine Erbschaft gewesen, aber das schloss er aus, nachdem er sich über ihre Familie informiert hatte. Sarahs Mutter, Cindy Tomlinson, stammte aus einer Familie der oberen Mittelschicht, aber ihr spärliches Familienerbe diente dazu, die Besessenheit ihres Mannes zu finanzieren. Nathan Tomlinson stammte ebenfalls aus einer Familie der Mittelschicht und hatte eine Vorliebe für Elektronik. Er war weitgehend Autodidakt und erhielt ein Stipendium für das MIT. Nach dem College hangelte er sich von einem Job zum nächsten, bevor er beschloss, sein eigenes Technologieunternehmen zu gründen. Irgendwie fand er Investoren, und sein Unternehmen wurde gegründet. Anfangs hatte er einigen Erfolg, aber in seinem Bestreben, immer interessantere Technologien zu entwickeln, vergaß er den wichtigsten Aspekt des Geschäftslebens: Gewinn zu machen. Am Ende war der Verkauf des Unternehmens seine einzige Option. Niemand wusste, wie sein Vorschlag an Alice Stanton lautete. Alan bezweifelte, dass jemals jemand den Mut haben würde, danach zu fragen. Doch irgendwie war sie überzeugt worden, seine Bedingungen mit ihren eigenen zu akzeptieren: Sarah Tomlinson würde ihren Enkelsohn heiraten. Soweit Alan sagen konnte, hatte Sarah zuvor keinen Kontakt mit der Stanton-Matriarchin gehabt. Er war sich nicht sicher, woher Alice überhaupt von Sarah wusste, die keinen Zugang zur Gesellschaft gefunden hatte. Tatsächlich hatte Sarah im Gegensatz zu ihrem Bruder, der die Leidenschaft ihres Vaters für Technik teilte, keinen Anteil an der Firma ihres Vaters. Soweit Alan wusste, lehnte Sarah den Vorschlag zunächst ab, obwohl sie dadurch einen reichen Ehemann bekommen und in die glamouröse feine Gesellschaft aufsteigen hätte können. Als die Stanton-Matriarchin von Sarahs Zögern erfuhr, bat Alice um ein privates Treffen. Genau wie bei ihrem Treffen mit Nathan wusste niemand, was besprochen worden war, aber danach willigte Sarah in die Hochzeit ein, und die Fusion war auf den Weg gebracht. Es gab zu viele Unbekannte, als dass er sich einen Reim darauf machen konnte, wie oder warum das Ganze zustande kam. Soweit er wusste, hatte ihre Familie die Hochzeit bezahlt, aber außer dem Veranstaltungsort fand er keine Quittungen oder Belege dafür, dass überhaupt Geld ausgegeben worden war. Es gab keinen Hochzeitsplaner. Kein Hochzeitskleid. Keine Blumen. Keine ausgefallenen Lichter oder Dekorationen, und doch erinnerte er sich, dass er alles für ziemlich raffiniert und raffiniert gehalten hatte. Als er Archivfotos aus verschiedenen Zeitschriften und Zeitungen durchstöberte, fiel ihm auf, dass die Dekoration und die Tischdekoration aus Einmachgläsern, zugeschnittenem Sackleinen, Bindfäden, künstlichen Blumen und Lichterketten gebastelt waren. Sogar ihr Kleid war nicht neu, sondern das Hochzeitskleid ihrer Mutter, das ein wenig verändert worden war. Hatte sie das alles selbst gemacht? Was machte ihr Vater mit dem Geld, das für die Hochzeit gedacht war? Außerdem hatte er keine Fotos von ihrer Familie bei der Hochzeit gesehen. Sie ist sogar selbst zum Altar gegangen. Wo waren ihr Vater oder ihr Bruder während des ganzen Ereignisses? Warum hatte sie Ja gesagt? Warum war sie zwei Jahre lang geblieben? Warum ist sie plötzlich abgereist? Was geschah in der Nacht vor ihrer Abreise? Bei der letzten Frage bekam Alan ein mulmiges Gefühl. Lucas behauptete, sie hätte ihn ausgenutzt, aber was, wenn es umgekehrt war? Wenn man bedenkt, wie betrunken Lucas gewesen war, war das durchaus nicht ausgeschlossen. „Ist Luke wach?“ fragte Alan. „Nein. Señor Stanton ist noch nicht aus seinem Zimmer gekommen.“ „Kannst du ihm ein Sandwich oder so etwas machen?“ „Señor Stanton isst morgens nicht gern“, schüttelte Ulima den Kopf. „Ich weiß, aber er braucht etwas anderes als Kaffee und Scotch.“ „Sí, señor.“ Alan nickte ihr dankend zu. Die Haushälterin war gutmütig und hatte eine lockere Art. Ehrlich gesagt war er überrascht, dass Sarah sie gehen ließ. Nachdem er Ulimas Geschichte gehört hatte, war es noch seltsamer. Nach Ulimas Aussage verstanden sie und Sarah sich prächtig. Sarah verbrachte oft einen Teil ihres Tages in der Küche an ihrem Laptop und plauderte mit ihr, während sie arbeitete. Manchmal führte sie mit dem Laptop eine Telefonkonferenz oder sogar einen Videochat durch, aber die Haushälterin konnte sich nicht erinnern, mit wem. An manchen Tagen sagte Sarah, sie sei mit einer Freundin zum Mittagessen verabredet und trug eine einfache Jeans und ein Hemd, nichts Formelles. An anderen Tagen zog sie ihre Reithosen an und war einen großen Teil des Tages weg, um dann zurückzukommen und wie ein Pferd zu riechen. Aber nach einem Jahr entließ Sarah sie mit einer großzügigen Abfindung, einem Bonus und einem glänzenden Zeugnis. Alan verstand das nicht. Ulima hatte allerdings ein paar Antworten parat. Als Alan den Mangel an Post bemerkte, teilte sie ihm mit, dass Sarah keine Einladungen erhalten hatte. Als Frau eines prominenten Geschäftsmannes hätte Sarah mit Einladungen zu verschiedenen Veranstaltungen überhäuft werden müssen, aber sie erhielt nur wenige. Laut Ulima ging sie nie aus, außer um sich jeden Freitag mit ihrer Freundin zum Mittagessen zu treffen. Leider wusste sie nicht, wer dieser Freund war oder wo sie sich trafen. Wieder einmal hatte er mehr Fragen als Antworten. Alan seufzte und machte sich auf den Weg nach oben in sein Schlafzimmer. Als er an die Tür klopfte, sah er Lukas, der wie ein Seestern auf dem Bett ausgebreitet lag. „Lukas, Zeit zum Aufstehen.“ „Mmm...“ „Luke. Aufstehen.“ „...Hast du sie schon gefunden?“ „Luke, es ist schon zwei Wochen her. Ich weiß nicht, was ich dir sagen soll. Die Frau ist ein Geist. Du wurdest offiziell gegeistert.“ „Irgendwo muss sie doch sein“, Luke setzte sich langsam auf, griff nach ihren Eheringen, die er neben dem Bett aufbewahrte, und starrte sie an. Das Set war schlicht, unauffällig, ohne jegliche Verzierungen. An beiden war nicht einmal ein einziger Diamantsplitter zu sehen. „Sie ist nicht einfach vom Erdboden verschwunden.“ „Warum bist du so besessen von ihr?“ „Ich bin nicht besessen.“ Aber er war es und er wusste es. Seine Großmutter hatte sich den Ruf erworben, alles über jeden zu wissen. Es gab kein verstecktes Skelett, von dem sie nicht wusste, und obwohl seine Fähigkeiten denen der Großmutter weit unterlegen waren, war Lucas stolz auf seine Beobachtungsgabe und Alans Nachforschungen. Aber irgendwie war es ihnen beiden entgangen. „Luke, du bist in die Villa gezogen, die du zwei Jahre lang gemieden hast. Du schläfst in dem Bett, das du dich geweigert hast, mit ihr zu teilen. Jeden Morgen fragst du mich, ob ich sie gefunden habe. Du bist wie besessen.“ „Warum hat sie uns verlassen?“ „Sie wurde zwei Jahre lang von ihrem Mann völlig ignoriert und von der Gesellschaft brüskiert.“ „Brüskiert? Wovon redest du?“ „Ich meine, dass du nicht der Einzige warst, der sie ignoriert hat“, erklärte Alan. „Sie hat kaum Einladungen zu irgendwelchen Veranstaltungen erhalten, von niemandem.“ Lucas' Stirn runzelte sich. „Was ist mit dem Mixer und der Neujahrsgala und ...“ „Das waren Einladungen, die du erhalten hast, nicht sie.“ „Das ergibt doch keinen Sinn.“ „Es ist die Wahrheit. Sogar Ulima sagt das. Und jetzt steh auf. Dusch dich, rasier dich und zieh dich an. Wir haben noch zu tun“, sagte Alan. „Du hast heute eine Mittagspause.“ Nach weiterem Drängen willigte Lucas schließlich ein. Die Dusche war einfach und hatte weder ein integriertes Soundsystem noch eine digitale Schnittstelle. Sie war weit entfernt von der in seiner Wohnung, aber er konnte sich nicht beklagen. Als er unter das dampfende Wasser trat, hielt er inne und nahm einen Behälter mit honigfarbenem Körperwasser in die Hand, auf dem Honig und Arganöl stand. Er öffnete den Deckel und atmete tief den leicht süßlichen Geruch ein. Als er die Augen schloss, konnte er sich fast vorstellen, wie sie mit ihrer schlanken Figur dicht neben ihm lag. Ein subtiler fruchtiger Geruch schien sie zu begleiten, und er hatte sich manchmal über ihr Parfüm gewundert. Jetzt wusste er, dass es nur ihre Seife war. Lucas hatte jede Schublade durchforstet, jedes Regal durchgesehen. Da war nichts: kein Parfüm, kein Schmuck, keine Accessoires, nichts. Wo waren all die kleinen persönlichen Dinge, die überall verstreut sein sollten? Er konnte nicht nach Hause gehen, ohne über die Sachen seiner Schwester und seiner Mutter zu stolpern, aber Sarah besaß nicht einmal Make-up. Jahrelang hatten seine Mutter und seine Schwester Sarah als gierige Harpyie beschimpft, die nur sein Geld wollte. Warum gab sie dann nichts von dem Geld aus, das er ihr gab? Wenn sie kein Geld wollte, warum hat sie ihn dann geheiratet? Könnte es sein, dass sie sich tatsächlich um ihn sorgte? Hat sie, könnte es sein, dass sie ihn vielleicht sogar geliebt hat? Und wann? Und wie? Wie konnte er das übersehen? * * * Lucas seufzte, als er sich langsam seinen Weg durch die sich mischende Menge bahnte. Das Osteressen galt als offizieller Beginn des Gesellschaftskalenders, der es den Unternehmen ermöglichte, sich um Partner zu bemühen und ihre bevorstehenden Projekte bei Investoren anzupreisen. Einige warfen ihm neugierige Blicke zu, da er allein gekommen war, aber er beachtete sie nicht weiter, sondern setzte seinen Gedankengang vom Morgen fort. Ihm wurde jetzt klar, wie wenig er über Sarah wusste. Das meiste, was er wusste, waren eigentlich nur Gerüchte und Klatsch. Er hatte sie nie über sich selbst ausgefragt, nie Zeit mit ihr verbracht. Er hatte sich überhaupt keine Mühe gegeben. „Oh, hallo Lucas.“ Blinzelnd drehte er sich um und sah Avalynn Prescott ein paar Meter entfernt. Wie immer waren ihre Frisur und ihr Make-up schlicht, obwohl sie in ihrem leichten und luftigen Frühlingskleid, das ihren immer größer werdenden Bauch umschmeichelte, geradezu strahlte. Nachdem sie so viele Jahre getrennt waren, holte Silas offensichtlich die verlorene Zeit nach, und obwohl Ava erklärte, dass ihr viertes Kind das letzte sein würde, war sie wieder schwanger, und zwar bald. „Du siehst gut aus“, begrüßte Lucas sie mit einem halbherzigen Lächeln. „Danke“, errötete Ava und legte eine Hand auf ihren Bauch. „Ich hoffe, es ist diesmal ein Mädchen. Lexi und ich sind zu Hause schmerzlich in der Unterzahl.“ Lucas brachte ein Kichern zustande. Das war richtig. Ihr letztes Kind, Isaac Prescott, war wieder ein Junge gewesen. Obwohl Silas alle seine Kinder liebte, war allgemein bekannt, dass er sich unbedingt ein Mädchen wünschte. „Wie auch immer, es tut mir sehr leid, dass Sarah nicht hier sein kann. Sie bringt immer gute Laune in den Raum.“ „Und was soll das heißen?“ fragte Lucas mit säuerlicher Miene. Ava blinzelte, misstrauisch über seinen plötzlichen Wechsel im Ton. Kopfschüttelnd trat sie einen Schritt zurück: „Nichts.“ „Nein.“ Lucas streckte die Hand aus und hielt ihr Handgelenk fest. „Du hast etwas damit gemeint. Was weißt du denn schon?“ Ava zuckte zusammen, als sein Griff fester wurde. „Stanton!“, brüllte eine befehlende Stimme. „Nehmen Sie Ihre Hand weg ... sofort!“ Lucas zuckte zusammen, ließ sie aber los, als Silas sie erreichte. Sanft zog er Ava in eine schützende Umarmung und küsste ihre Schläfe, bevor er sich wieder ihrem Besucher zuwandte. „Reicht es dir nicht, deine eigene Frau zu misshandeln, glaubst du, du kannst eine andere misshandeln?“ forderte Silas. „Was? Ich habe nie...“ „Das weiß ich sehr wohl“, schnaubte Silas. „Du denkst, körperliche Gewalt ist am schädlichsten? Verbale und emotionale Gewalt gehen viel tiefer.“ „Wovon redest du?“ „Tu nicht so, als wüsstest du das nicht. Du hast deine Frau wie einen unwillkommenen Schatten behandelt, hast sie in der Öffentlichkeit nicht einmal angesehen und bist dann mit deiner so genannten Sekretärin aufgetaucht, um sie anzuschmachten. Glauben Sie, wir anderen wüssten nicht, was hinter verschlossenen Türen vor sich ging? Und du trägst diesen Ehering, als ob er dir etwas bedeuten würde. Wie schamlos können Sie sein?“ Lucas runzelte die Stirn. „Wovon redest du?“ „Nach allem, was Ava durchgemacht hat, glaubst du wirklich, ich würde es nicht merken? Und alle hier behandeln die arme Sarah wie eine Aussätzige, obwohl du die wirklich Kranke bist!“ Silas warf einen angewiderten Blick in die Runde, woraufhin die anderen den Kopf einzogen und sich verneigten. „Nun, sie sind vielleicht bereit, mit dir Geschäfte zu machen ... aber nicht mit mir. Ich schlage also vor, dass du dich so weit wie möglich von mir fernhältst, und ich denke, du wirst feststellen, dass Julius mir zustimmt. Komm schon, Ava. Beachte ihn gar nicht.“ Silas weigerte sich, Lucas noch einen weiteren Blick zuzuwerfen, und begleitete sie behutsam weg. Ava warf ihm noch einen letzten mitleidigen Blick zu, bevor sie sich verabschiedete. Lucas sah ihnen mit einer Mischung aus Empörung und Verwirrung hinterher. Worüber zum Teufel sprachen sie eigentlich? Sein Blick schweifte durch den Raum, während die anderen versuchten, seinem Blick auszuweichen. Glaubten alle hier, er würde seine Frau betrügen? „Luke.“ Er drehte sich um und sah Alan, der ihn mit einem blassen, hilflosen Blick anstarrte. „Nicht hier. Draußen.“ Alan schüttelte den Kopf und führte ihn auf eine leere Terrasse. Das für die Jahreszeit ungewöhnlich kalte Wetter hielt alle drinnen und gab ihnen etwas Privatsphäre. „Was ist hier los?“ fragte Lucas. „Wovon hat Silas gesprochen?“ „Weißt du das wirklich nicht?“ Alan spottete. „Was wissen?“ „Jeder weiß, wie sehr du deine Frau gehasst hast. Ich meine, du gehst mit ihr auf Galas in demselben schlichten, schwarzen Kleid und siehst sie nicht einmal an.“ Lucas runzelte die Stirn. „Dann nimmst du Madeline mit zum Shoppen von Designerkleidern und Schmuck und gehst mit ihr zu Veranstaltungen, wo sie an deinem Arm hängt wie ein kicherndes Schulmädchen auf dem Weg zu ihrem Abschlussball. Wie kann man da nicht denken, dass du eine Affäre hast?“ „Ich habe sie nie angefasst. Lidia ist diejenige, mit der ich einkaufen gehe. Madeline kommt einfach mit.“ „Und was ist der Unterschied?“ Alan verdrehte die Augen. Er nahm sein Handy heraus und rief einige Bilder auf, bevor er es weiterreichte. Lucas blickte auf den Bildschirm und wurde blass. Die Bilder zeigten ihn mit Madeline, die Kleider anprobierte, ihm Kleider vorführte, eine neue Halskette aussuchte und sogar an verschiedenen Veranstaltungen teilnahm, wobei sie an seinem Arm hing, wie Alan sagte. Daneben waren Schlagzeilen zu lesen: Ein Abend unterwegs, aber wo ist Frau Stanton? Begrüßen Sie die baldige Frau Stanton II.! „Was ist das?“ „Das sind die Artikel, die der Eagle und andere in den letzten zwei Jahren veröffentlicht haben“, sagte Alan. „Und das sind die harmloseren Schlagzeilen.“ „Also ... der Grund, warum Sarah nie zu Partys eingeladen wurde, war, weil ...“ „Weil jeder wusste, dass sie dir nichts bedeutete und es nichts Gutes bringen würde, mit ihr befreundet zu sein. Sie war eine Lachnummer.“ „Das würden sie einem Stanton antun?“ Lucas starrte sie an. „Luke, du hast sie behandelt, als wäre sie ein Nichts. Sie sind nur deinem Beispiel gefolgt. Ich bin überrascht, dass sie überhaupt so lange geblieben ist“, seufzte Alan. „Ich kenne keine Frau, die auch nur halb so lange geblieben wäre, es sei denn... es sei denn, sie hat dich wirklich geliebt.“ Lucas wurde blass. Konnte das wahr sein? Hatte Sarah echte Gefühle für ihn? Und wie? Und wann? Warum hatte sie nie etwas gesagt? Wo ist sie hingegangen?
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