Kapitel 6

976 Words
Als Electra beobachtete, wie Miles mit David kämpfte, stieg eine Welle der Panik in ihr auf. Sie wusste, dass sie von hier verschwinden musste, doch die Angst lähmte sie. Als sie sich zum Laufen zwang, spürte sie plötzlich den Atem eines Wolfs an ihrem Nacken. Sie drehte sich um – zwei Wölfe standen dort und versperrten ihr den Weg. Ihr Herz hämmerte in der Brust, und sie versuchte verzweifelt, sich in ihre Wolfsform zu verwandeln. Aber so sehr sie sich auch anstrengte – es gelang ihr nicht. Hektisch suchte sie nach einem Ausweg, doch ihre Gedanken rasten, und sie konnte sich nicht konzentrieren. Die Wölfe rückten immer näher, ihre Augen leuchteten im Dunkeln. Electra schloss die Augen und versuchte tief in sich hinein zu spüren, um ihren Wolf zu erreichen – doch es war, als wäre er verschwunden. Hilflos und verängstigt merkte sie, wie die Gefahr immer näherkam. Plötzlich ertönte ein lautes Heulen, und die Wölfe wandten sich der Geräuschquelle zu. Aus den Schatten stürmte ein riesiger schwarzer Wolf hervor, knurrte und schnappte nach den beiden Tieren, die ihr den Weg versperrten. Der Schwarze kämpfte wild, um Electra Zeit zur Flucht zu verschaffen. Ohne zu zögern rannte sie los, so schnell sie konnte. Hinter sich hörte sie die Kampfgeräusche, aber sie wagte keinen Blick zurück. Erst am Waldrand hielt sie inne, als sie die Lichter der Stadt in der Ferne sah. Keuchend brach sie auf dem Boden zusammen, das Herz raste, ihr Atem ging stoßweise. Einen Moment lang blieb sie liegen, versuchte Luft zu holen und ihre Gedanken zu ordnen. Sie hatte keine Ahnung, was gerade geschehen war oder wer dieser schwarze Wolf war, der sie gerettet hatte. Sie wusste nur eines – vorerst war sie in Sicherheit. Doch dann hörte sie hinter sich ein tiefes Knurren. Langsam drehte sie sich um – und ihr Herz sank, als sie Miles dort stehen sah, der sie mit finsterem Blick musterte. „Ich habe dir gesagt, du sollst nicht weglaufen“, sagte er leise und gefährlich. „War ich nicht deutlich genug?“ Electra wollte sprechen, doch ihre Stimme versagte. Sie schluckte hart, versuchte die Worte zu finden, um zu erklären, was passiert war – doch noch bevor sie etwas sagen konnte, durchfuhr ein stechender Schmerz ihre Seite. „Bringt sie ins Rudel“, bellte Miles den Befehl an die Männer, denen sie zuvor begegnet war. Sie ahnte nicht, dass es Miles’ eigene Leute waren – und dass ihr Auftrag nicht darin bestand, ihr zu schaden, sondern sie zu schützen. Frustriert wehrte sie sich. „Das könnt ihr nicht tun! Ihr könnt mich nicht einfach mit Gewalt ins Rudel bringen!“ Doch so sehr sie sich auch sträubte – es war zwecklos. Die Männer waren zu stark, und sie war durch ihre Verletzung zu geschwächt. Sie schleppten sie in einen kleinen Raum im hinteren Teil des Rudelhauses, banden ihre Hände hinter dem Rücken zusammen und ließen sie allein. Von draußen hörte sie, wie das Schloss einrastete. Gefangen – ohne zu wissen, was sie erwartete. Panik ergriff sie, und Tränen stiegen ihr in die Augen. Noch nie war sie in einer solchen Situation gewesen. Nie hätte sie geglaubt, dass Miles so etwas tun würde. Sie hatte ihn immer für einen gerechten Anführer gehalten, doch nun erkannte sie, dass er zu allem fähig war. Trotz des Verrats, den er ihr schon einmal angetan hatte, fühlte sich dieser Moment wie ein neuer, tieferer Schlag an. Weinend und einsam saß sie da, verzweifelter als je zuvor. Stunden später öffnete sich die Tür. Miles trat ein, seine Augen kalt und hart. „Du hast mir nicht gehorcht, Electra“, sagte er gefährlich leise. „Warum fällt es dir so schwer, dorthin zurückzukehren, wo du hingehörst? Glaubst du wirklich, dass du an diesen anderen Ort gehörst?“ Electras Herz zog sich zusammen. Sie wusste genau, worauf er anspielte. Wut durchströmte sie, sie ballte die Fäuste, ihre Augen funkelten vor Zorn. Doch dann geschah etwas Unerwartetes – sie begann plötzlich laut zu lachen. Ein unkontrolliertes, scharfes Lachen, das den Raum durchschnitt. „Zurückkommen? Wohin – in dieses Rudel? Oder zurück als deine Geliebte?“ Ihre Stimme triefte vor Spott und Schmerz. „Miles, warum kannst du mich nicht einfach in Ruhe lassen und mir mein Leben gönnen? Das hier ist nichts anderes als Entführung. Lass mich gehen und zu meiner Familie zurückkehren!“ Ein kurzer Ausdruck von Verletzung huschte über Miles’ Gesicht, bevor er sich wieder sammelte. „Familie? Deine Familie ist hier, Electra“, sagte er mit schwerer Stimme. „Ich lasse dich jetzt allein“, fügte er scharf hinzu. „Aber wage es ja nicht, etwas Dummes zu versuchen oder zu fliehen. Ich habe überall Augen.“ Er wandte sich zur Tür, doch Electra rief ihm verzweifelt hinterher: „Hol mich hier raus, Miles! Sofort!“ Er reagierte nicht, schloss die Tür ab. Allein zurückgelassen, schöpfte Electra plötzlich neue Hoffnung. Mit aller Kraft zerrte sie an den Seilen – bis sie schließlich rissen. Ein Gefühl von Erleichterung durchströmte sie. Doch die Frage blieb: Wie komme ich jetzt hier raus? Nachdenklich stützte sie das Kinn in die Hand, ihr Blick glitt zum Fenster. Die Höhe machte den Sprung gefährlich – ein falscher Schritt, und sie würde sich das Rückgrat brechen. Aber ihre Kinder zurückzulassen kam nicht infrage. Mit fester Entschlossenheit begann sie, den Raum nach jeder möglichen Schwachstelle abzusuchen. Schließlich fiel ihr Blick auf Miles’ Schrank. Als sie ihn aufbrach, fand sie darin Fotos von sich. Einen Moment lang starrte sie darauf, bevor sie Kleider nahm und sie zu einem Seil verknotete. Gerade als sie es am Fenster befestigen wollte, öffnete sich die Tür – sie hatte keine Zeit mehr. Ohne weiter nachzudenken, sprang sie. Miles stürzte zum Balkon, doch es war zu spät, um sie aufzuhalten. „Helft ihr! Sofort! Nichts darf ihr passieren!“ schrie er panisch
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