Kapitel 5

1075 Words
Electra's Perspektive „Alles in Ordnung? Du wirkst seit deiner Rückkehr nach Hause so abwesend.“ Ich sah zu River, als er seine Hände auf meinen Rücken legte. „Es ist nichts, Liebling. Ich habe nur an einen Patienten gedacht, den ich in Annas Obhut gelassen habe.“ „Anna ist gut in ihrem Job, und du musst dir auch mal eine Pause gönnen. Immerhin wurdest du gerade für eine Woche suspendiert. Nutze die Gelegenheit, um Zeit mit mir zu verbringen. Wir könnten die Kinder übers Wochenende wegschicken.“ Ich lachte, als ich vom Bett aufstand. „Du bist so ein Perversling.“ „Hey, komm schon! Ich will doch nur ein bisschen was von meiner Freundin abhaben, das ist alles.“ „Das bekommst du, wenn ich so weit bin. Wirst du mir jetzt die Ehre erweisen, Calla aus dem Rudel abzuholen?“ „Na gut!“ Er küsste mich auf die Wange und verließ das Haus. River und ich sind seit zwei Jahren zusammen. Auch wenn er der perfekte Vater für die Kinder und der beste Mann war, den ich je hatte, konnte ich mich nicht dazu bringen, ihn zu lieben, meine Gefühle für Miles loszulassen. Miles hatte mich gebeten, nach Hause zurückzukommen, weil er meine Hilfe brauchte, aber ich hatte abgelehnt. Ich konnte nicht an diesen Ort voller Erinnerungen zurückkehren. Seit zwei Jahren habe ich nichts mehr von meiner Wölfin gehört – es war, als hätte ich sie verloren, während ich als Mensch lebte. „Mami, Peter fängt schon wieder an!“ hörte ich George rufen und seufzte. Miles’ Drillinge waren das Einzige, was mir von ihm geblieben war – und ehrlich gesagt war ich glücklich darüber. Die beiden Jungs sahen aus wie ich, verhielten sich aber wie er. Calla hingegen war sein Ebenbild. Sie war wild, freundlich, aber immer für Ärger gut. Sie erinnerte mich so sehr an ihn, doch ich konnte ihnen nichts von ihm erzählen – es war unmöglich, dass sie ihm begegneten. „Electra!“ Ich hörte Rivers Stimme und sah auf. Er stand da mit Calla auf der Schulter – völlig mit Schlamm bedeckt. „Das darfst du schön selbst sauber machen, nicht ich.“ „Würde ich ja, aber ich muss jetzt sofort zum Flug und… du solltest Nana anrufen.“ „Warum? Ich bleibe doch bei den Kindern.“ „Nein, du kommst mit mir zu einer Party.“ „A…“ Ich verstummte, als er mir diesen Blick zuwarf, den ich nur zu gut kannte, und musste lächeln. „… George, Peter, ab ins Bett! Nana ist gleich hier.“ „Schon, Mami? Wir haben doch gerade erst gegessen?“ „Na gut, dann wartet, bis Nana da ist. Und du, junge Dame, brauchst dringend ein Bad. Wie hast du dich überhaupt so eingesaut?“ Ich nahm Calla von River und trug sie in ihr Zimmer. „Papa hat mich den Schlammsprung machen lassen.“ Ich verdrehte die Augen, stellte das Wasser an und wusch den ganzen Schlamm ab, bevor sie badete. Ich ging in mein Zimmer, rief Nana an und nahm dann selbst ein Bad, während River seine Sachen packte. Es war normal, dass er oft reisen musste – sein Geschäft erlaubte ihm kaum, lange an einem Ort zu bleiben – doch er war uns immer treu ergeben. „Fertig, Liebes?“ hörte ich ihn rufen, als ich aus dem Schrank trat. „Wie sehe ich aus?“ „So umwerfend wie immer.“ Ich küsste ihn, und genau in diesem Moment kam Nana an. Wir verließen das Haus, und ich starrte im Auto schweigend aus dem Fenster. Es war Vollmond und kalt. „Liebling?“ Ich drehte mich zu ihm. „… Ich bin morgen wieder zurück, der Flug geht in zwei Stunden. Wir essen irgendwo, wo du willst, und dann fahren wir zum Flughafen.“ „Warum kümmerst du dich so sehr um uns?“ „Seit dem Moment, in dem ich dich getroffen habe, liebe ich dich. Und was ist Liebe ohne Fürsorge, ohne Sorgen…“ Er verstummte, als sein Handy klingelte. „… Es tut mir leid, Liebes, der Flug wurde verschoben.“ „Wofür entschuldigst du dich? Das ist doch super, dann hast du mehr Zeit.“ „Der Flug geht in dreißig Minuten.“ Meine Augen wurden groß. „Das ist ja verrückt!“ Er fuhr schneller, und wir erreichten den Flughafen zehn Minuten vor Abflug. „… Los, beeil dich.“ „Ich liebe dich.“ Er küsste meinen Kopf und eilte davon. Ich atmete tief durch, setzte mich ans Steuer und fuhr über die einsame Straße. Am Waldrand bemerkte ich eine Bewegung und musste lächeln – Werwölfe. Aber was machten sie so nah bei den Menschen? „Oh mein Gott!“ Ich trat abrupt auf die Bremse, als ich beinahe eine alte Frau überfuhr, und atmete schwer. „… Entschuldigung!“ rief ich, doch sie beachtete mich nicht. Als ich den Wagen wieder starten wollte, ging er nicht an. Ich stieg aus und sah, dass etwas im Motor brannte. Ich griff nach meinem Handy, um den Mechaniker zu rufen, als ich plötzlich ein Knurren hinter mir hörte. Ich erstarrte. Langsam drehte ich mich um und sah Wölfe mit roten Augen – mein Herz raste. Rogues. Sie würden mich töten, wenn sie den Wolf in mir witterten. „Was haben wir denn hier?“ Ich fuhr zusammen, als eine Männerstimme von der anderen Seite des Wagens sprach. Die Wölfe knurrten, als müssten sie sich beherrschen, mich nicht zu beißen. „Wer… wer sind Sie?“ „Komm schon, Electra. Erinnerst du dich nicht an mich?“ Er trat ins Scheinwerferlicht, und ich keuchte – ein Krieger, der einst aus dem Rudel verbannt worden war. „Ich habe nichts mit dir zu tun, David. Bitte lass mich in Ruhe.“ Ich flehte, doch er lachte nur. „Du hast deine Wölfin verloren, das spielt mir in die Karten.“ Sekunden später drückte er mich gegen das Auto. Ich versuchte, ihn zu treten, doch seine Lippen berührten schon meinen Hals – mir wurde übel. Ein lautes Knurren ließ ihn zurückweichen, er wurde von mir weggestoßen. Sofort rannte ich los, Tränen liefen mir übers Gesicht – ich wollte nur zurück zu meinen Kindern. Doch er tauchte plötzlich im Wolfsgestalt vor mir auf, verwandelte sich zurück in einen Menschen. „Diesmal lasse ich dich nicht aus den Augen.“ Miles sah mich an – in seinem Blick lag purer Ekel.
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