Kapitel 1
Ich hätte es wissen müssen. Ehrlich, ich hätte es wissen müssen.
Das Universum hat immer diese charmante Art, mir genau dann eine zu knallen, wenn ich mich zu verdammt glücklich fühle.
So wie heute, als ich fast durch JFK gehüpft bin – mit einem Handgepäck voll überteuerter Pariser Dessous und dem Traum, mich auf meinen Freund zu werfen, sobald ich die Tür aufschließe.
Ich habe Monty seit einer Woche nicht gesehen, und die Hälfte dieser Zeit damit verbracht, mir einzureden, dass der Eiffelturm nur halb so aufregend ist wie seine Arme um mich. Armselig, ich weiß. Aber Liebe macht einen wahnsinnig. Sie macht blind. Und anscheinend macht sie auch dumm.
Ich starre mich im Spiegel des Aufzugs an, während er in den obersten Stock fährt – meinen obersten Stock, streng genommen. Meine blonden Locken sind gerade so zerzaust, dass es nach Absicht aussieht (Danke, Trockenshampoo und Flughafenschwüle), der rote Lippenstift sitzt trotz acht Stunden Flug noch perfekt, und unter meinem schlichten braunen Mantel? Ein durchsichtiges, babyrosa Dessous-Set, das geradezu schreit: „Reiß mich mit den Zähnen runter.“
Ich sehe gut aus. Gefährlich. Wie die Heldin in einem düsteren Liebesfilm.
Nur dass das hier kein verdammter Liebesfilm ist. Es ist mein erbärmliches Leben.
Monty hat keinen meiner drei Anrufe seit der Landung beantwortet. Aber ich bin nicht beunruhigt – wahrscheinlich hat er sein Handy liegen gelassen, der vergessliche Idiot. Oder vielleicht hat meine Assistentin Callie ihm verraten, dass ich früher zurückkomme? Sie ist süß, aber sie hat einen Mund wie ein löchriger Wasserhahn und null Konzept von Überraschungen. Ich nehme mir vor, sie später leicht zu tadeln. So à la: „Ich ersetze dich durch ChatGPT.“ Was natürlich unmöglich ist, weil sie auch meine beste Freundin ist.
Der Aufzug ding’t und mein Herz flattert. Ich klammere mich an den Griff meines Koffers und stelle mir vor, wie er in Zeitlupe auf mich zuläuft, wie in einem kitschigen Hallmark-Film; ich in seinen Armen, wir lachen und küssen uns und vergessen, dass es draußen eine Welt gibt.
Ich trete hinaus.
Die Wohnung ist still. Zu still. Kein Musik, kein Fernseher, nur … Stille.
Außer –
Auf der Küchentheke steht eine halbvolle Flasche meines Lieblings-Champagners. Der teure, über den er sich immer beschwert, er sei „zu fruchtig“ für ihn.
Ich friere ein, starre sie an. Die Gläser daneben sind noch beschlagen.
Vielleicht weiß er ja, dass ich zurück bin. Vielleicht ist das der Anfang von einer romantischen Willkommen-zurück-Überraschung.
Ich lächle. Dumm. Hoffnungsvoll. Stelle meinen Koffer neben der Tür ab.
„Monty?“ rufe ich.
Und dann höre ich es.
Ein Stöhnen. Laut. Tief. Definitiv nicht von jemandem, der gerade Netflix schaut.
Ich blinzle. Mein Herz setzt aus.
Vielleicht … schaut er sich was Erwachsenes an. Oder führt ein sehr leidenschaftliches Gespräch mit Siri? Oder – Gott bewahre – gönnt sich ein bisschen Selbstliebe? Peinlich, ja, aber nicht tragisch.
Noch ein Stöhnen. Dieses Mal … höher. Weiblich. Und laut. Sehr laut.
Lauter als damals, als ich Callie versehentlich auf den Fuß getreten bin – in meinen kostbaren So Kates.
Ich schleiche Richtung Flur. Der Ton kommt aus unserem Schlafzimmer.
Am Türknauf hängt ein rosa Spitzen-BH.
Nicht mein rosa Spitzen-BH. Dieser hier ist neonhell, viel zu klein und sieht aus, als wäre er aus der Ramschkiste einer Strippermesse. Ich würge innerlich. Die Modewahl allein ist schon ein Grund für lebenslänglich.
Mein Gehirn wird still. Erschreckend still. Nur noch Rauschen und blankes Entsetzen.
Noch ein Stöhnen – diesmal hoch, atemlos, langgezogen, wie aus einem schlechten Porno.
Ich weiß nicht, wie sich meine Beine bewegen. Ich spüre sie nicht, als ich auf mein Schlafzimmer zugehe. Die Tür ist halb offen. Ich stoße sie ganz auf. Und dann sehe ich es.
Seinen haarigen Hintern.
Wirklich.
Einfach … da. Wackelnd.
Auf meinem echten, buchstäblichen, im-Leben-bezahlten Bett. Dem, das ich von dem Geld gekauft habe, das meine Oma mir hinterlassen hat. Auf der Matratze, deren Etikett noch dran war, weil ich letzten Monat neue ägyptische Baumwollbettwäsche gekauft habe.
Und Monty ist auf einer rothaarigen Tussi und rammt, als wäre das hier ein Casting für einen Billig-Porno.
Es gibt zwei Sekunden brutale, stechende Stille, bevor aus meinem Hals ein seltsames, kehliges Geräusch kommt, das nicht mal nach mir klingt.
„Monty?“
Er schreckt hoch. Sie keucht. Ich starre.
„CHARLOTTE?!“
Ich blinzle. Einmal. Zweimal. Mein Mund öffnet sich, aber Worte kommen keine.
War sein Hintern schon immer so haarig?
Das ist mein erster klarer Gedanke.
Er springt auf und stolpert von ihr runter, wie ein Waschbär, den man beim Müllklauen erwischt hat. Was, zugegeben, exakt das ist, was er ist.
Die Frau quietscht, zieht sich ein Kissen vors Dekolleté, als würde Scham jetzt noch irgendeine Rolle spielen.
Ich trete zurück. „Meinst du das gerade verdammt ernst?!“
„Char-Charlotte! I-Ich wusste nicht, dass du zurückkommst—“
„OFFENSICHTLICH.“
Ich zittere. Hände, Stimme, sogar Knie. Ich habe den Ausdruck nie verstanden, bis jetzt.
„Baby, hör zu, das ist nicht, wonach es aussieht.“
Sie liegt immer noch auf meiner ägyptischen Baumwolle, grinst, als hätte sie irgendwas gewonnen.
„Ach ja? Und wonach sieht’s dann aus?“ fauche ich, greife nach dem nächstbesten Gegenstand – ein fliederfarbenes Zierkissen – und werfe es ihm ins Gesicht.
Wumm.
Die Frau, immer noch in meinen Laken, zieht eine Augenbraue hoch. „Wer ist sie?“
Oh. Hölle. Nein.
„Ich bin die Frau, die hier die verdammte Miete zahlt!“ brülle ich, schnappe mir die halbvolle Champagnerflasche und werfe sie gegen die Wand. Sie zerschellt. Kein bisschen Reue.
„Babe, beruhig dich“, stammelt er, immer noch mit Hose um die Knöchel, watschelnd wie ein verdammter Pinguin.
„Nenn mich nicht Babe, du betrügender, lügender, schlaffer Dreckskerl.“ Jetzt heule ich, Mascara läuft mir übers Gesicht. „Und du!“ Ich deute auf sie. „Was für eine billige, neonfarbene, Männerklau-Trulla schläft ungeschützt mit dem Freund einer anderen?“
„Ach, bitte.“ Sie schnauft, steigt aus dem Bett, als wäre das hier nur eine kleine Unterbrechung. „Er hat gesagt, ihr macht eine Pause. Und ganz ehrlich – wenn du ihn zufriedenstellen würdest, müsste er nicht zu mir kommen.“
Irgendwas in mir bricht.
Ich springe vor.
Er hält mich zurück, gerade noch rechtzeitig, bevor ich ihr die Augen auskratze. Ich schreie wie eine Irre und werfe weiter Dinge. Mein Schmucktablett. Eine Lampe. Ein gerahmtes Bild von uns an meinem Geburtstag – den ich übrigens bezahlt habe.
Sicherheitsleute stürmen rein, offenbar haben die Nachbarn wegen „verdächtiger Geräusche“ angerufen.
Die Wachen glotzen. Ich schluchze und werfe Sachen, er steht halb nackt da und stammelt Ausreden, und sie richtet sich die Haare wie in einer Reality-Show.
„Raus mit ihnen“, zische ich, eiskalt. „Raus aus meiner Wohnung, bevor ich jemanden umbringe.“
Halb angezogen, halb schreiend, aber voll beschämt werden sie hinauskomplimentiert.
Ich knalle die Tür zu, schließe ab und rutsche zitternd zu Boden.
Dann rufe ich meine beste Freundin/Assistentin Callie an.
„Mach dich fertig“, flüstere ich ins Telefon, kaum in der Lage zu atmen. „Wir gehen in die Bar. Ich muss trinken, bis ich vergesse, dass ich je einen Mann geliebt habe.“