Kapitel 1
~~Brittanys Sicht~~
Meine Augen waren auf den riesigen Spiegel vor mir gerichtet, während ich wie benommen mein Spiegelbild anstarrte.
„Gnädige Frau, könnten Sie bitte Ihren Kopf ein wenig nach links drehen?“
„Gnädige Frau?“ Die Visagistin rief erneut, hielt aber inne, als ich mich nicht rührte. Ich warf ihr nur einen Blick durch den Spiegel zu.
„Geh,“ sagte ich stattdessen.
Mein Blick war feindselig, doch im Moment war mir das völlig egal.
„Gnädige Frau, wir haben nicht mehr viel Zeit…“
„Verschwinde sofort. Ich will allein sein.“ Ich unterbrach sie schroff und bezog mich damit auch auf die anderen Mitarbeiterinnen, die mit ihr gekommen waren.
Ich hörte sie neben mir seufzen. Sie verneigte sich leicht und verließ mit ihren Kolleginnen den Raum.
Ein erschöpftes Seufzen entfuhr mir, als ich hörte, wie die Tür sich hinter mir schloss. Wieder blickte ich in den Spiegel — und die Frau, die mich da ansah, sah völlig am Boden zerstört aus.
Sie trug ein elegantes weißes, ärmelloses Brautkleid, ihr Gesicht war von Make-up verschönert, doch es konnte den Schmerz in ihren Zügen nicht verbergen.
Ihr Gesicht zeigte keine Emotionen, auch wenn das Make-up perfekt war — aber in ihren Augen lagen Spuren von Schmerz.
Als ich sie ansah, war ich mir sicher: Sie war heute alles andere als glücklich.
Heute war mein Hochzeitstag, und doch verspürte ich nur Unbehagen. Ich fragte mich, warum ich so empfand, wo ich doch eigentlich überglücklich sein sollte.
Es klopfte an der Tür, und ich sah meine Mutter eintreten.
„Oh mein Gott!“ schrie sie erschrocken und blieb kurz stehen.
„Deine Haare sind noch nicht gemacht?!“ fügte sie entsetzt hinzu.
„Warum, um Himmels willen, hast du die Visagistin hinausgeschickt, bevor sie fertig war?“ fragte sie und trat an mich heran.
Ich antwortete nicht und hatte auch nicht vor, eine Antwort zu geben.
„Mama?“ Meine Stimme klang leise, als ich ihre Aufmerksamkeit suchte.
„Tue ich wirklich das Richtige?“
Sie seufzte leise und legte eine Hand auf meine Schulter.
„Ja. Du musst heiraten, und heute ist der Tag. Also reiß dich zusammen.“ Sie seufzte erneut und nahm ihre Hand von meiner Schulter.
Das war’s!
Tränen sammelten sich in meinen Augen, bis ich kaum noch mein Spiegelbild erkennen konnte.
Offensichtlich bemerkte meine Mutter das, denn im nächsten Moment wandte sie sich ab.
„Ich hole die Visagistin zurück. Diesmal lässt du sie bitte machen. Wir haben keine Zeit mehr.“ Mit diesen Worten verließ sie den Raum und ließ mich meinem qualvollen Schicksal überlassen.
Eine Träne rollte meine linke Wange hinab, dann eine weitere über die rechte, und ich ließ die restlichen einfach fließen.
Das Make-up war mir ohnehin egal, also auch jetzt.
Vielleicht würden all die Schmerzen und die Wut in mir schwinden, wenn ich genug weinte.
Die Tür öffnete sich erneut, diesmal kam die Visagistin mit ihren Kolleginnen zurück.
„Ich würde gerne dort weitermachen, wo ich aufgehört habe, gnädige Frau“, sagte sie und gab den anderen ein Zeichen.
Ich hielt sie nicht auf. Stattdessen ließ ich sie einfach ihre Arbeit machen. Wahrscheinlich hatten sie nun doppelte Arbeit, weil ich das Make-up mit den Tränen ruiniert hatte.
Gott sei Dank beschwerte sich niemand von ihnen, sonst hätte ich sie an Ort und Stelle angeschrien.
***AM ALTAR***
„Nimmst du, Ace Miller, Brittany Anderson zur rechtmäßig angetrauten Ehefrau, sie zu lieben und zu ehren, bis dass der Tod euch scheidet?“ las der Priester das Ehegelöbnis vor. Im Saal herrschte totenstille, so still, dass man eine fallende Stecknadel gehört hätte.
„Ja“, antwortete er, und ich warf ihm einen Blick zu.
Er starrte mich direkt an, mit einem fast unsichtbaren Grinsen. Hätte ich diesen Mann nicht schon lange gekannt, wäre ich wohl genauso ahnungslos gewesen.
Ich stieß ein leises Schnauben aus.
So viel Frechheit! Er hatte tatsächlich die Nerven, mir ins Gesicht zu grinsen?
Was zum Teufel tat ich hier eigentlich?
Würde ich je glücklich werden, wenn ich diesen Mistkerl heiratete, der da vor mir stand?
Gut, der Begriff „Mistkerl“ war vielleicht etwas übertrieben, aber nach allem, was er mir in der Vergangenheit angetan hatte, hatte er es sich verdient.
„Alles, was du glaubtest, zwischen uns sei geschehen, war nur deiner Einbildung entsprungen. Und weil du so dumm warst, hast du es nicht einmal bemerkt.“ Diese Worte hallten in meinem Kopf wider, trieben mir fast die Tränen in die Augen, doch ich hielt stand.
Die Erinnerungen waren noch frisch, als wäre es erst gestern gewesen, obwohl Jahre vergangen waren.
Ich durfte hier nicht zusammenbrechen, nicht vor ihm, nicht vor all den Leuten.
Ich sah ihn erneut an. Er hob herausfordernd eine Augenbraue.
Am liebsten hätte ich ihm ins Gesicht gespuckt, nur um endlich mal einen finsteren Ausdruck auf seinem verdammten Gesicht zu sehen.
Er beugte sich näher zu mir, ich wich ein Stück zurück, doch das hielt ihn nicht auf.
„Willst du nicht endlich antworten, bevor du hier vorne völlig abschweifst?“ höhnte er mit einem falschen Lächeln.
Moment! Offenbar hatte der Priester mir das Ehegelöbnis bereits vorgelesen, und ich hatte noch nicht geantwortet.
Ich sah zur Gemeinde — alle starrten mich an. Der Saal war so still wie ein Friedhof, alle Augen auf mich und den Mann vor mir gerichtet.
Auch der Priester schaute mich an und wollte das Gelöbnis erneut vorlesen.
„Ich habe es beim ersten Mal gehört“, log ich und schluckte trocken.
Was nützte das Wiederholen, wenn jedes Wort ohnehin nur Lügen enthielt?
Keines der Versprechen in diesem Gelöbnis war wahr. Warum also Zeit verschwenden?
Ohne weiter zu zögern und mit ausdruckslosem Gesicht sagte ich laut: „Nein, ich will nicht.“
Ein Raunen ging durch die Gemeinde, doch es war mir völlig egal.
„Ich bin nicht bereit, ihn als meinen Ehemann anzunehmen…“ sprach ich mit fester Stimme weiter und sah ihm direkt in die Augen.
Er starrte mich mit offenem Mund an — ich spürte seine schockierte Fassungslosigkeit trotz unseres Abstandes.
Und das sollte noch nicht einmal das Schockierendste sein, was er heute hören würde.
„Deshalb sage ich hiermit diese Hochzeit ab“, fügte ich mit zusammengebissenen Zähnen hinzu.
Im Saal brach ein Tumult aus.
Ich sah, wie meine Eltern erschrocken von ihren Sitzen aufsprangen.
```
Ich sah meinem Vater dabei zu, wie er im Wohnzimmer auf und ab lief. Wut stand ihm ins Gesicht geschrieben, und ich hielt lieber großen Abstand zu ihm.
Wir waren bereits zu Hause, nach dem großen Chaos, das ich in der Kirche angerichtet hatte. Mein Vater war der Erste, der wutentbrannt den Saal verlassen hatte, gefolgt von meiner Mutter — beide noch bevor ich selbst nach draußen kam.
Was mit den anderen Leuten geschah, vor allem mit dem Mann, der der Auslöser für dieses Desaster war, wusste ich nicht.
So sehr ich auch versuchte, mein Handeln in der Kirche zu bereuen — ein Teil von mir war insgeheim stolz auf mich.
Mein Blick fiel auf das leere Sofa, als ich den stechenden Blick meiner Mutter nicht länger ertrug. Sie saß auf einem der Sofas und starrte mich an.
Ich zuckte zusammen, als plötzlich eine Vase in meine Richtung flog. Zum Glück zerbrach sie, bevor sie mich traf.
Ich sah in die Richtung, aus der sie geworfen wurde — mein Vater stand dort, keuchend, seine zusammengekniffenen, dunklen Augen voller Zorn.
Mein Gott! Wollte mein Vater mich umbringen?
„Was war das für eine dumme Show, die du da am Altar abgezogen hast?!“ brüllte er, die Nasenflügel bebend.
„Es tut mir leid, Dad, aber ich musste es tun.“
Meine Stimme war leise, aber bestimmt.
„Du musstest?“ wiederholte er lachend.
„Ja, Dad. Ich habe getan, was ich in dem Moment für richtig hielt.“
Ich blieb standhaft und ließ mich nicht mehr von seinem Blick oder seinen Taten einschüchtern.
Mein Glück war das Einzige, was zählte — selbst wenn es für ihn keine Rolle spielte.
„Was du *fühlst*?“ schrie er noch lauter und machte einen Schritt auf mich zu. Doch meine Mutter hielt ihn rechtzeitig zurück, zum Glück.
„Wie kannst du es wagen, hier von Gefühlen zu sprechen?“ donnerte er, noch zorniger.
Ich hatte seinen Wutanfall definitiv verschärft.
„Weil meine Gefühle wichtig sind, Dad! Ich kann nicht mit einem Mann leben, in dem ich auch nach Jahren kein Glück sehen werde.“
„Weißt du überhaupt, worum es bei dieser Ehe geht? Sie sollte unsere Beziehung zu den Millers stärken — und du hast alles ruiniert.“ In jeder Silbe schwang sein Zorn und seine Verachtung für mich mit.
Aber ich hatte es erwartet. Ich wusste, dass er so ausrasten würde, auch wenn ich gehofft hatte, es würde schneller enden — nicht, dass er mich gleich umbringen wollte, wie vorhin fast geschehen.
„Es tut mir leid.“ Ich senkte sofort den Kopf.
Auch wenn ich innerlich vor Wut kochte, entschuldigte ich mich, nicht weil ich Unrecht hatte, sondern um vielleicht diesem Drama ein Ende zu setzen.
„Tut dir leid? Das wird es, wenn ich mit dir fertig bin.“
„Liebling, beruhige dich bitte. Sie wird das wieder in Ordnung bringen. Ich werde dafür sorgen.“ Meine Mutter schaltete sich ein.
Ich hob den Kopf und sah, wie meine Mutter mich finster ansah.
Was meinte sie damit?
„Wirklich? Dann sollte sie sich aber beeilen. Ansonsten kann sie mir jeden Cent zurückzahlen, den ich in sie investiert habe. Denn dann verstoße ich sie.“ knurrte er zwischen den Zähnen hervor und stapfte aus dem Haus.
Meine Mutter warf mir noch einen strengen Blick zu und ging dann ebenfalls nach oben, ohne ein weiteres Wort.
Ich hörte ein leises Lachen. Mein Blick wanderte zur Bar, wo Lora, meine Halbschwester, mit einem süffisanten Grinsen auf einem Barhocker saß.
Sie war momentan mein geringstes Problem.
Aber… meinte Dad das wirklich ernst?