Die Entscheidung

1150 Words
Später in dieser Nacht, als ich allein in meinem Zimmer saß und das Gewicht der Ereignisse des Tages noch schwer auf meiner Brust lag, wurde die Stille vom Geräusch der sich öffnenden Tür durchbrochen. Ich musste nicht einmal aufblicken, um zu wissen, dass es Josey war. Meine Stiefmutter schaffte es immer, genau in den schlimmsten Momenten aufzutauchen. Ihre bloße Anwesenheit fühlte sich erstickend an. Sie wartete nicht auf eine Einladung. Sie trat ein, als würde ihr das ganze Haus gehören, und ging auf das Sofa zu, dieses selbstgefällige Lächeln fest auf ihrem Gesicht. „Faye“, sagte sie in ihrem üblichen, herrischen Ton. „Wir müssen reden.“ Ich antwortete nicht sofort. Es war klar, dass sie gekommen war, um mich umzustimmen, um mich zu überreden, zu Desmond zurückzugehen. Ein Teil von mir wollte schreien, wollte sie anschreien, dass sie sofort verschwinden soll. Aber ich wusste, ich musste ihr gegenüberstehen. Ich musste hören, was sie zu sagen hatte. Josey setzte sich neben mich, und ich spürte bereits ihren Blick auf mir, scharf und prüfend, als wäre ich Beute. Sie würde wieder versuchen, mich zu manipulieren. Ich fühlte es in meinen Knochen. „Du übertreibst“, begann sie, ihre Stimme kühl und streng. „Desmond kümmert sich um dich, Faye. Ich verstehe nicht, warum du so ein Drama daraus machst. Er ist nur ein Mensch. Männer machen Fehler. Du solltest verständnisvoller sein. Er wollte dir niemals weh tun.“ Ihre Frechheit brachte mein Blut zum Kochen. „Verständnisvoll?“ fauchte ich, unfähig, die Wut in mir noch zurückzuhalten. „Du verstehst gar nichts, Josey. Er hat keinen Fehler gemacht. Er hat eine Entscheidung getroffen. Er hat mich von Anfang an benutzt. All die schönen Worte, all die ‘Liebe’ – es war alles gelogen. Er hat sich nie für mich interessiert. Er wollte Tila. Er wollte sie schon immer. Und jetzt soll ich einfach… was? Zu ihm zurückgehen, als wäre nichts passiert?“ „Es ist mir egal, was irgendjemand denkt. Desmond ist nicht der Mann, den ich dachte. Und du, Josey… du hast kein Recht, mir zu sagen, was ich mit meinem Leben machen soll. Du kannst mich nicht länger manipulieren.“ Keine Spielchen mehr. Keine Opferrolle mehr. Dieses Mal würde ich für mich selbst leben. Ich würde mein eigenes Glück finden. Mein Herz zog sich schmerzhaft zusammen, als Erinnerungen aus meinem früheren Leben vor meinen Augen auftauchten. Der Schmerz. Der Verrat. Der Tag meines Todes – der Tag, an dem Desmond mich so kalt, so mühelos verraten hatte. Der Tag, an dem meine ganze Familie mich im Stich gelassen hatte. --- Der Tag, an dem ich starb Das Sonnenlicht fiel durch die Fenster des Wohnzimmers und ließ alles warm und friedlich aussehen. Ich saß mit überkreuzten Beinen auf dem Boden und zeichnete vorsichtig auf der Leinwand vor mir. Mein Bleistift glitt sanft und brachte das Familienbild langsam zum Leben. Es zeigte mich, Desmond, meine Mutter und Tila. Ich hielt inne und lächelte. Desmond zu heiraten fühlte sich wie das Beste an, was ich je getan hatte. Es war alles, was ich mir erträumt hatte – Liebe, Unterstützung, ein glückliches Leben. Zumindest hatte ich das geglaubt. Mein Handy klingelte und riss mich aus meinen Gedanken. Auf dem Bildschirm sah ich den Namen meiner Schwiegermutter. „Hallo, Mutter“, sagte ich und nahm ab. „Faye“, kam ihre scharfe Stimme. „Ich komme später mit ein paar Freundinnen vorbei. Sorge dafür, dass du etwas Anständiges kochst.“ Ich richtete mich sofort auf, meine Nervosität stieg. „Natürlich, Mutter. Gibt es etwas Bestimmtes, das Sie gerne hätten?“ „Mach einfach etwas Gutes“, schnappte sie. Dann wurde ihre Stimme noch kälter. „Und vergiss nicht, darüber zu sprechen, wie wunderbar Desmond ist. Deine Eltern müssen wissen, dass er der perfekte Ehemann ist. Es ist wichtig für seine Karriere.“ Ich drückte das Handy fester. „Ja, Mutter. Ich werde daran denken.“ „Gut.“ Und sie legte auf. Ich ließ das Telefon sinken und seufzte. Die Freude von vor wenigen Minuten war verschwunden. Mein Blick fiel auf das halb fertige Gemälde. Es sollte ein Geschenk für Desmond sein, ein Zeichen meiner Liebe. Doch jetzt fühlte es sich plötzlich schwer an weiterzumachen. Trotzdem schob ich die Gefühle beiseite. Ich musste tun, was von mir erwartet wurde. Der Duft der Gewürze erfüllte die Küche, während ich mich bemühte, das Essen perfekt hinzubekommen. Ich überprüfte alles zweimal und hoffte, es würde genügen. Als meine Schwiegermutter mit ihren Freundinnen ankam, begrüßte ich sie mit einem sanften Lächeln. „Willkommen“, sagte ich und führte sie zum Esstisch. Ich stellte die Gerichte vorsichtig ab. „Das habe ich vorbereitet“, sagte ich leise. Sie nahm einen Bissen und verzog das Gesicht. „Enttäuschend, Faye. Ich dachte, du wärst mehr fähig.“ Ihre Worte trafen mich, aber ich zwang mich zu lächeln. „Es tut mir leid, Mutter. Beim nächsten Mal gebe ich mir mehr Mühe.“ „Du solltest“, erwiderte sie. Dann beugte sie sich vor und flüsterte: „Vergiss nicht, gut über Desmond zu sprechen. Deine Eltern müssen seine Position sichern.“ Ich nickte, obwohl sich mein Magen zusammenzog. Ich hatte gehofft, erst mit Desmond reden zu können, aber die Zeit lief mir davon. An diesem Tag beschloss ich, meine Mutter mit dem Gemälde zu überraschen. Ich packte es vorsichtig ein und legte es ins Auto. Ich versuchte, meinen Mann anzurufen, um es ihm zu sagen, aber das Telefon klingelte endlos. „Wo bist du?“ murmelte ich und wählte erneut. Wieder keine Antwort. Die Fahrt war still, doch meine Unruhe wurde größer. Als ich das Haus erreichte, war es leer. Ich legte die Schlüssel ab, ein mulmiges Gefühl in mir. Ich rief die Assistentin meiner Mutter an. „Wo sind alle?“ fragte ich, bemüht ruhig zu klingen. „Sie sind bei der Auktion in der Galerie“, antwortete sie. „Wussten Sie das nicht?“ „Nein“, sagte ich verwirrt. „Danke.“ „Warten Sie“, fügte die Assistentin hinzu. „Ihre Mutter hat wichtige Unterlagen im Schrank gelassen. Können Sie sie zur Auktion bringen? Sie braucht sie dringend.“ „In Ordnung“, sagte ich, auch wenn ich ein ungutes Gefühl hatte. Ich holte die Dokumente und legte sie neben das Gemälde ins Auto. Während ich zur Galerie fuhr, verstärkte sich mein nervöses Gefühl. Als ich auf den Parkplatz fuhr, sah ich Desmonds Auto sauber geparkt. Mein Herz sank. „Desmond?“ Ich ging auf das Auto zu und bemerkte einen Umschlag auf dem Boden daneben. Mit zitternden Händen hob ich ihn auf und öffnete ihn. Darin lag ein Kündigungsschreiben. Mein Brustkorb zog sich schmerzhaft zusammen. „Warum hat er mir das nicht gesagt?“ Mit dem Brief in der Hand ging ich schnellen Schrittes in die Galerie. Ich musste ihn finden. Ich brauchte Antworten.
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