Kapitel 1
In den frostigen Hallen des Mondschattenrudels herrschte eine Stille, die schwerer wog als jeder Schnee. Der Vollmond thronte hoch am pechschwarzen Himmel und goss sein kaltes, silbernes Licht durch die hohen, spitzbogigen Fenster des uralten Steinschlosses. Lange Schatten krochen über die polierten Marmorböden, als wollten sie alles verschlingen, was sich bewegte. Della glitt lautlos durch die schmalen Dienstbotengänge, ein schweres Tablett mit dampfendem Kräutertee in den zitternden Händen balancierend. Ihre Schritte waren so leise, dass nicht einmal die alten Dielen knarrten. Unsichtbar zu sein, das hatte sie zur Kunst erhoben.
Ihr Kleid war grau und fadenscheinig, die Ärmel an den Handgelenken ausgefranst von jahrelanger Arbeit. Das dunkle Haar hatte sie streng im Nacken zusammengebunden, keine lose Strähne durfte ihr Gesicht umrahmen oder Aufmerksamkeit erregen. Aufmerksamkeit war gefährlich. Aufmerksamkeit bedeutete Schläge, Demütigungen oder Schlimmeres. Della hatte früh gelernt, dass das Beste, was sie sein konnte, nichts war.
Sie war die uneheliche Tochter von Alpha Victor, gezeugt in einer Nacht der Schwäche mit einer namenlosen Menschenfrau, die das Rudel längst aus seinem Gedächtnis getilgt hatte. Auf ihrer linken Schulter prangte kein heiliges Mondsichelmal, jenes silberne, sichelförmige Zeichen, das jeder echte Nachkomme des Mondes trug. Ohne dieses Mal war sie ein Niemand. Eine Schande. Eine Dienerin im Haus ihres eigenen Vaters. Geduldet nur, weil sie still litt und gehorchte.
Ihre Halbschwester Georgia hingegen war das strahlende Gegenteil. Georgia mit ihrem wallenden, honiggoldenen Haar, den klaren smaragdgrünen Augen und dem makellosen Mondsichelmal, das wie ein göttliches Leuchtfeuer auf ihrer blassen Haut schimmerte. Georgia war die Erwählte, die zukünftige Luna, das Juwel des Rudels. Jeder Blick, jedes Wort, jede Geste war darauf ausgerichtet, sie perfekt zu machen. Und Della? Della polierte das Silber, wischte den Boden unter ihren Füßen und verschwand wieder in den Schatten.
Heute Nacht jedoch vibrierte die Luft vor unausgesprochener Macht. Seit Tagen kursierten Flüstergerüchte durch die Gänge: Prince Bryan, der gefürchtete Erbe des mächtigsten Rudels im hohen Norden, war eingetroffen. Er war gekommen, um die Verlobung mit Georgia zu besiegeln. Ein Bündnis, das Berge versetzen und Feinde zermalmen würde. Ein Bündnis aus Eisen und Blut.
Della erklomm die schmale Wendeltreppe zu den privaten Gemächern der Familie. Ihre Aufgabe war einfach: frischen Tee in das Arbeitszimmer des Alphas bringen. Ein Ort, an dem Entscheidungen über Leben und Tod fielen. Ein Ort, den eine wie sie niemals betreten durfte.
Schon von weitem hörte sie Stimmen. Tief. Beherrscht. Gefährlich.
Sie erstarrte auf der vorletzten Stufe.
Die schwere Eichentür zum Arbeitszimmer stand einen winzigen Spalt offen. Mondlicht quoll heraus wie flüssiges Silber und malte einen schmalen Streifen auf den kalten Stein. Della wusste, dass sie umdrehen sollte. Lauschen bedeutete den Kerker. Lauschen bedeutete Peitschenhiebe. Doch ihre Füße bewegten sich wie von selbst näher heran.
Behutsam stellte sie das Tablett auf einem wackeligen Beistelltisch ab und trat an die Tür. Ihr Puls donnerte in den Ohren.
„Georgia ist makellos“, sagte Alpha Victor mit jener ruhigen, befehlsgewohnten Stimme, die keinen Widerspruch duldete. „Sie wird die perfekte Luna abgeben. Rein. Markiert. Bereit, das Rudel zu ehren.“
Ein tiefes, spöttisches Lachen erklang. Es war kalt wie der Winterwind und schnitt durch Della hindurch.
„Makellosigkeit ist nützlich“, erwiderte eine andere Stimme. Rau. Gefährlich tief. „Aber ich brauche mehr als ein hübsches Gesicht und ein Mal auf der Schulter. Ich brauche eine Gebärmutter, die starke Erben hervorbringt. Und danach... ist sie entbehrlich.“
Della presste die Faust gegen die Lippen, um keinen Laut von sich zu geben.
„Du meinst...“, begann Victor zögernd.
„Ich meine genau das“, unterbrach Prince Bryan ihn kühl. „Ich werde sie markieren. Ich werde sie nehmen. Ich werde sie schwängern. Und sobald die Zeremonie vorbei ist und die Welpen geboren sind, wird sie verschwinden. Ein tragischer Unfall. Ein bedauerlicher Verlust. Das Rudel wird weinen, und ich werde frei sein, die zu wählen, die ich wirklich will.“
Della spürte, wie der Boden unter ihr schwankte. Sie kannte die Geschichten über Bryan. Jeder kannte sie. Der Prinz, dessen Hände vom Blut unzähliger Feinde rot waren. Der Alpha, der keine Gnade kannte und keine Liebe zuließ. Seine Augen sollen grau sein wie Gewitterwolken vor dem Sturm, sagten die Alten. Und in ihnen lag nie Wärme, nur Berechnung.
Und dieser Mann wollte Georgia benutzen wie ein Werkzeug und sie dann wegwerfen?
Della dachte an ihre Halbschwester. An die wenigen, kostbaren Momente der Güte. Wie Georgia ihr einmal heimlich einen warmen Umhang gebracht hatte, als Della im Winter fast erfroren war. Wie sie ihr in stillen Nächten zugeflüstert hatte, dass sie nicht allein sei. Georgia war der einzige Mensch, der je echte Wärme in Dellas Leben gebracht hatte.
Sie durfte nicht zulassen, dass dieses Monster sie zerstörte.
Plötzlich knackte eine Diele unter ihrem Fuß.
Die Tür flog auf.
Prince Bryan stand im Rahmen.
Er war größer, als Worte es beschreiben konnten. Breite Schultern spannten das schwarze Leinenhemd. Sein dunkles Haar fiel ihm in die Stirn, leicht zerzaust, als hätte er mit bloßen Händen gekämpft. Und diese Augen. Sturm grau. Kalt. Durchdringend bis auf den Grund ihrer Seele.
Ihre Blicke trafen sich.
Die Welt hörte auf zu atmen.
Etwas Unsichtbares, Uraltes und Wildes erwachte zwischen ihnen. Ein Band. Dünn wie ein Faden aus Mondlicht und doch unzerreißbar. Es zog sich straff, brannte, pulsierte.
Dellas Herz stolperte.
Bryan blinzelte langsam. In seinen Augen flackerte etwas auf. Etwas Animalisches. Etwas Hungriges.
„Wer bist du?“ Seine Stimme war leise, doch sie vibrierte vor Autorität.
Della brachte kein Wort heraus. Ihre Kehle war wie zugeschnürt.
Alpha Victor erschien hinter ihm. Sein Gesicht verzerrte sich vor Zorn, als er sie erkannte.
„Della! Was tust du hier, du elendes Stück?“
Sie wich zurück. Das Tablett kippte. Porzellan zerschellte auf dem Marmor. Heißer Tee spritzte über ihre Knöchel, doch sie spürte den Schmerz kaum.
Bryan rührte sich nicht. Er starrte sie weiter an. Als sähe er etwas, das verborgen bleiben sollte.
„Antworte“, befahl er.
„Ich... Tee... ich habe nur Tee gebracht“, stammelte sie.
„Du hast gelauscht.“
Keine Frage. Eine Feststellung.
Della senkte den Kopf. Sie wartete auf den ersten Schlag.
Doch nichts geschah.
Stattdessen trat Bryan vor. Ein einziger Schritt. Und doch fühlte es sich an, als würde der Raum schrumpfen.
Victor wollte eingreifen. „Sie ist nichts. Eine Dienerin. Eine Schande ohne Mal. Vergiss sie.“
Bryan hob die Hand. Victor verstummte sofort.
„Geh“, sagte Bryan zu ihm. „Lass uns allein.“
Victor zögerte einen Herzschlag lang. Dann verneigte er sich steif und verschwand.
Nun waren nur noch sie beide da.
Bryan kam näher. Nah genug, dass Della seinen Geruch wahrnahm. Kiefer. Leder. Sturm. Und darunter etwas Dunkles, Animalisches, das ihren Wolf weckte. Jenen Wolf, der immer geschwiegen hatte, weil sie kein Mal trug.
Doch jetzt knurrte er. Tief. Verlangend.
Bryan streckte die Hand aus und fasste ihr Kinn. Sanft, aber unnachgiebig zwang er sie, ihn anzusehen.
Seine Finger brannten auf ihrer Haut.
„Warum zitterst du?“ fragte er leise.
„Weil Ihr mich töten werdet“, flüsterte sie.
Ein schmales, gefährliches Lächeln umspielte seine Lippen.
„Vielleicht“, murmelte er. „Vielleicht auch nicht.“
Sein Daumen strich quälend langsam über ihre Unterlippe.
Della keuchte leise auf.
Das Band zwischen ihnen zog sich enger. Heiß. Drängend. Unaufhaltsam.
„Was bist du?“ fragte er rau.
„Ich bin niemand“, hauchte sie.
„Lügnerin.“
Er beugte sich vor. Sein Mund schwebte Millimeter über ihrem.
„Ich rieche dich“, flüsterte er. „Angst. Und Verlangen.“
Della schloss die Augen. Tränen brannten hinter ihren Lidern. Sie wollte fliehen. Sie wollte bleiben. Sie wollte sterben. Sie wollte ihn.
„Bitte“, wisperte sie.
„Bitte was?“
„Bitte... tut mir nicht weh.“
Er lachte dunkel und tief.
„Ich habe noch nicht entschieden, was ich mit dir anfange.“
Plötzlich ließ er sie los und trat zurück.
„Geh jetzt“, befahl er kalt. „Aber merk dir eines: Ich sehe alles. Ich höre alles. Und wenn du auch nur ein einziges Wort über das verlierst, was du heute Nacht gehört hast, werde ich dich finden. Und dann werde ich dich nicht einfach töten. Ich werde dich zerbrechen. Stück für Stück.“
Della nickte stumm. Tränen liefen über ihre Wangen.
Sie drehte sich um und rannte.
Den Flur entlang. Die Treppe hinunter. In die finsteren Tiefen der Dienstbotengänge.
Ihr Körper zitterte unkontrollierbar.
Ihr Herz raste wie ein gefangenes Tier.
Und tief in ihrer Seele brannte etwas Neues.
Ein Hunger.
Ein Sehnen.
Ein verbotenes Band.
Zu dem Mann, der ihre Schwester vernichten wollte.
Zu dem brutalen Alpha, den alle fürchteten.
Zu Prince Bryan.
Und in dieser einen, schicksalhaften Nacht wusste Della mit grausamer Klarheit: Ihr Leben hatte sich unwiderruflich verändert.