Izzys Sicht
Dieses Herrenhaus hatte mich eingesperrt, solange ich mich erinnern konnte.
Jeden Tag blickte ich aus dem Fenster und wünschte mir für einen Moment, ich könnte einer der Vögel sein, die hoch am Himmel schwebten. Nur lange genug, um zu entkommen.
Deshalb setzte mein Herz einen Schlag aus, als einer von Vaters Wachen an die Tür meiner Kammer klopfte und sagte: „Er will dich sehen.“ Vielleicht hatte er sich endlich entschieden, mich gehen zu lassen.
Ich schwieg. Meine nackten Füße machten kaum ein Geräusch, während ich dem Mann durch den kalten Marmorkorridor folgte. Mit zitternden Händen strich ich hastig meine Kleidung glatt.
Vielleicht hat er sich geändert. Vielleicht ist er bereit, mir mein Leben zurückzugeben.
Die Tür zu Vaters Arbeitszimmer krachte hinter mir zu, als ich eintrat.
Er saß wie immer hinter dem großen Eichenschreibtisch.
In der einen Hand eine Zigarre, in der anderen ein Glas Whiskey. Sein eisiger Blick bohrte sich in meinen.
„Setz dich“, sagte er.
Ich setzte mich.
Eine Weile herrschte Stille. Wie eine Kriegstrommel hämmerte mein Herz in meiner Brust.
Dann sagte er endlich etwas.
„Du machst eine kleine Reise, Izzy“, bemerkte er.
Ich blinzelte. „Eine Reise?“
„In die Stadt“, fuhr er fort. „Jemand wird dich dort treffen.“
Ein seltsames Frösteln durchlief mich. „Wer?“
Mir wurde übel, als er lächelte.
„Jemand, der dich für viel Geld gekauft hat.“
Zuerst ergaben die Worte keinen Sinn. Ich sah ihn an und versuchte zu begreifen.
„…Für mich bezahlt?“ fragte ich.
Er stützte die Ellbogen auf den Schreibtisch und lehnte sich vor.
„Du bist kein Kind mehr. Du bist eine Frau. Und Frauen sind wertvoll, besonders hübsche. Er wird dich jetzt haben. Sein Besitz.“
Mir stockte der Atem. „Willst du mich verkaufen?“
„Nein“, sagte er eisig. „Ich habe dich bereits verkauft.“
„Das kannst du nicht!“ Mein Stuhl krachte hinter mir um, als ich aufsprang.
„Du bist mein Vater!“
Er kniff die Augen zusammen. „Du bist auch meine Last. Tu nicht so, als hättest du nicht gewusst, dass dieser Tag kommen würde.“
Ich schüttelte den Kopf. „Ich werde nicht gehen.“
„Doch“, sagte er ruhig und erhob sich. „Du hast keine Wahl.“
„Ich würde lieber sterben“, schrie ich.
Dann kam die Ohrfeige.
Die Wucht schleuderte mich zurück auf den Stuhl. Mein Gesicht brannte. Tränen stachen in meinen Augen, aber ich kämpfte dagegen an.
Er beugte sich zu mir hinunter und knurrte leise: „Du wirst gehen. Oder ich töte dich selbst.“
Ein schwarzes Auto mit getönten Scheiben wurde mir praktisch vor die Füße gesetzt. Die Wache neben mir schwieg und ignorierte mich. Mit gefalteten Händen im Schoß versuchte ich, nicht zu zittern.
Stunden vergingen. Dann erschien die Stadt. Neonlichter, hohe Gebäude, Menschen, die auf den Gehwegen tranken und lachten.
Es fühlte sich an wie ein anderer Planet.
Doch ich fuhr nicht zu den Lachenden. Wir hielten vor einem großen, kalten, furchteinflößenden Anwesen auf einem Hügel, umgeben von einem Tor.
Der Fahrer hielt an. Das Tor öffnete sich. Wie Gepäck wurde ich aus dem Auto gestoßen.
Noch bevor ich die Eingangstür erreichte, öffnete sie sich.
Und da stand er.
Groß. Fettiges Haar. Eine goldene Kette lag auf seiner behaarten Brust. Seine Augen musterten mich, als wäre ich Fleisch, sein Hemd halb aufgeknöpft.
„Wundervoll“, sagte er. „Dein Vater hat nicht gelogen.“
Ich sagte nichts. Als er näherkam, zog sich mein Magen zusammen.
Er lächelte. „Ich heiße Carlo. Puppe, du wirst mich noch lieben.“
Er berührte meine Wange. Ich zuckte zurück und machte einen Schritt nach hinten.
Sein Grinsen verblasste. „Erste Regel: Du weichst mir nicht aus.“
Ich biss mir auf die Lippe, um nicht zu weinen.
„Bringt sie rein!“, bellte er.
Zwei Wachen packten mich. Eine hielt meinen Arm fest.
„Nein!“ Ich strampelte und schrie.
Trotzdem zerrten sie mich hinein.
Sie warfen mich in ein großes Zimmer mit Samtvorhängen und goldenen Spiegeln. Doch es fühlte sich an wie ein Gefängnis.
Mit einem lauten Klicken schloss sich die Tür hinter mir.
Ich sank zu Boden und rollte mich zusammen.
Mein Körper schmerzte. Doch meine Seele schmerzte mehr.
Stunden vergingen. Vielleicht auch mehr. Ich wusste es nicht. Ich war zu taub.
Dann sah ich es auf dem Schminktisch: eine silberne Haarnadel.
Etwas Kleines, aber Spitzes.
Ich hatte nicht vor, sie zu benutzen. Nicht wirklich. Nicht, bis sich die Tür öffnete und ich ihn hörte.
Betrunken torkelte Carlo herein. Sein Gürtel war halb geöffnet, sein Hemd offen.
„Zeit, uns besser kennenzulernen“, lallte er.
Mein Herz raste. Ich stand auf und wich in die Ecke zurück.
Er machte einen Schritt auf mich zu. „Meine Liebe, mach es nicht schwer.“
„Bleib von mir weg“, sagte ich.
Er lachte. „Du glaubst, du kannst mir Angst machen?“
Ich hielt die Haarnadel hinter meinem Rücken fest.
Er stürzte sich auf mich.
Ich schrie.
Dann stach ich zu.
Die Nadel traf seinen Hals. Würgend schnappte er nach Luft. Blut spritzte. Taumelnd griff er nach der Wunde.
Seine Augen weiteten sich vor Überraschung, als er zu Boden fiel. Einmal zuckte sein Körper. Dann bewegte er sich nicht mehr.
Tot.
Tot.
Die Nadel fiel mir aus der Hand. Blut war überall. Meine Hände, mein Gesicht, meine Arme, meine Kleidung – alles war rot.
Ich dachte nicht nach. Ich rannte einfach.
Durch den Haupteingang, den Flur entlang. Niemand bemerkte mich. Die Wachen waren betrunken oder schliefen.
Barfuß, frierend und zitternd rannte ich den Hügel hinunter.
In der Ferne verschwammen die Lichter der Stadt. Meine Beine brannten. Meine Lungen brannten.
Aber ich blieb nicht stehen.
Ich musste weg. Ich musste leben.
Sirenen.
Ganz in der Nähe. Galten sie mir?
Mit klopfendem Herzen bog ich in eine Gasse ein.
Auf der anderen Straßenseite blendete ein Scheinwerfer. Rote und blaue Lichter blitzten. Aus einem Lautsprecher hallte eine Stimme:
„Stopp! Hände sichtbar!“
Wie ein Reh im Scheinwerferlicht blieb ich stehen und blinzelte in die Helligkeit.
Vier Polizisten mit gezogenen Waffen umringten mich.
Langsam hob ich meine blutverschmierten Hände.
Tränen liefen mir über das Gesicht.
Dann rief jemand: „Sie ist voller Blut!“ Und die ganze Welt schien zu beben. „Auf den Boden! Sofort!“