Izzys Sicht
Schweiß und Bleichmittel lagen in der Luft. Ich saß gefesselt an dem kalten Metalltisch, meine Handgelenke schmerzten bereits von den engen Stahlmanschetten. Über meinem Kopf flackerte eine einzelne Lampe.
Das Blut hatte sich unter meinen Fingernägeln verkrustet und trocknete auf meiner Haut.
Vor mir ging ein Detective langsam auf und ab. Jeder Schritt ließ seine Schuhe klicken. Seit Minuten hatte er nichts gesagt.
Er lief nur hin und her und musterte mich, als wäre ich ein ungezähmtes Tier.
„Ich habe es Ihnen gesagt“, wiederholte ich mit heiserer Stimme. „Es war Selbstverteidigung. Er wollte mich angreifen.“
Endlich blieb der Mann stehen und beugte sich vor. „Sie glauben wirklich, wir nehmen Ihnen das ab? Ihr Opfer war ein Geschäftsmann. Geachtet. Gut vernetzt.“
„Er hat mich gekauft, als wäre ich ein Gegenstand!“, schrie ich. „Er wollte—“
„Sie haben ihn mit einer Haarnadel in den Hals gestochen“, unterbrach er mich. „Innerhalb weniger Minuten ist er verblutet.“
„Weil ich keinen Ausweg hatte!“ Meine Stimme brach. „Ich habe das nicht geplant. Ich wollte einfach nur leben.“
Stöhnend zog er eine Akte hervor. „Interessant. Von Ihrem Vater wurde keine Vermisstenanzeige aufgegeben. Er sagte uns, Sie seien seit Jahren instabil. Süchtig. Aggressiv.“
Mir wurde eiskalt. „Was?“
Er warf mir eine Kopie auf den Tisch. Mein Name stand darauf. Mein Foto. Doch die Worte darunter waren Lügen.
Drogenmissbrauch. Neigung zum Weglaufen. Vorgeschichte psychischer Instabilität.
„Nein“, sagte ich. „Das stimmt nicht.“
„Ihr Vater hat Sie als hoffnungslosen Fall dargestellt“, fügte er kalt hinzu. „Ehrlich gesagt sehen die Dinge für Sie nicht gut aus.“
Ich starrte auf den Bericht. Meine Hände zitterten. Mein Kopf raste. „Ich habe nichts falsch gemacht.“
Der Mann erhob sich und blickte auf mich herab. „Ein Pflichtverteidiger wird Ihnen zugeteilt.
Aber unter uns gesagt, Miss Marino, Sie werden eine lange Zeit verschwinden.“
Zwei Tage später saß ich in einem Gefängnistransporter.
Ein orangener Overall klebte an meinem Körper, meine Hand- und Fußgelenke waren angekettet. Mit dem Kopf am Fenster beobachtete ich, wie die Welt an mir vorbeizog.
Ich fühlte nichts.
Es gab keinen Prozess. Keine Anhörung. Nur eine kurze Anordnung, unterschrieben von einer mächtigen Person. Der Macht meines Vaters.
Höchste Sicherheitsstufe.
Sie taten nicht einmal so, als bekäme ich ein faires Verfahren.
Mit einem Dröhnen öffneten sich die Tore des Gefängnisses. Es sah eher wie eine Festung aus als wie ein Gefängnis. Stacheldraht. Wachtürme. Schreie aus dem Inneren.
Einer der Wärter lachte, als sie mich aus dem Wagen zerrten. „Frisches Fleisch.“
Ich antwortete nicht. Ich schwieg.
Sie schoben mich den Korridor entlang, vorbei an Zellen mit Frauen, die durch die Gitter starrten. Manche murmelten Dinge, die ich nicht hören wollte, andere lachten.
Am Ende des Gangs lag meine Zelle. Winzig. Dunkel.
Die Matratze war kaum mehr als ein dicker Lappen, die Luft schwer und erstickend.
Ich saß auf der Bettkante und starrte die Wand an. Ich weinte nicht. Ich schrie nicht. Ich hatte nichts mehr.
Später am Abend brachte man mich in den Gemeinschaftsraum zum Essen. Ich stocherte in meinem Tablett herum.
Seit der Festnahme war mein Magen wie zugeschnürt.
Ich saß allein, bis sich jemand mir gegenüber setzte.
Sie hatte Tätowierungen auf den Fingerknöcheln, scharfe Wangenknochen und einen Blick, der verriet, dass sie zwei oder drei Höllen überlebt hatte.
„Du bist Marinos Mädchen“, sagte sie.
Ich hob den Kopf. „Wer will das wissen?“
Ruhig erwiderte sie: „Jemand, der lange genug hier ist, um zu wissen, dass dieser Name Leute umbringt. Ich heiße Seline.“
Ich antwortete nicht.
Sie beugte sich näher. „Du musst beschützt werden. Ob du es weißt oder nicht.“
„Ich kann auf mich selbst aufpassen“, sagte ich.
Sie lächelte schief. „Ja, kannst du. Deshalb sitzt du hier und siehst aus wie ein verängstigtes Kätzchen.“
Sie hatte recht, und ich hasste es. Ich hasste es, Angst zu haben. Mehr als Angst. Verloren.
„Mein Vater hat mich hierhergebracht“, sagte ich.
Sie hob eine Augenbraue. „So schlimm?“
„Er hat mich verkauft. Dann ließ er mich verhaften. Er hat ihnen erzählt, ich sei eine weggelaufene Junkie.“
Seline pfiff leise. „Kalt.“
Ich nickte. „Er ist schlimmer als kalt.“
Sie musterte den Raum und lehnte sich noch näher.
„Hier drin gibt es jede Menge Leute, die für Männer wie ihn arbeiten. Spione. Spitzel. Du glaubst, du bist allein? Bist du nicht. Sie beobachten dich.“
„Warum erzählen Sie mir das?“, fragte ich.
„Weil ich Männer wie ihn hasse“, sagte sie. „Und du könntest nützlich sein.“
Ich sah sie an. „Wie nützlich?“
Sie lächelte. „Keine Sorge. Das klären wir noch.“
Am nächsten Tag wurde ich zur Wäscherei eingeteilt.
Stundenlang stand ich da und faltete Laken, die nach Bleichmittel und Leid rochen. Meine Gedanken waren dunkler als die Zelle, in der ich schlief, und meine Finger wund.
In dieser Nacht kehrte ich in meine Zelle zurück und fand einen Umschlag unter meinem Kissen.
Darin lag ein Zeitungsausschnitt.
„Vincenzo Marino äußert sich: Tochter lief weg, verlor sich in Drogen“, Titelseite.
Ich setzte mich auf den Boden und starrte auf die Schlagzeile, bis mir die Buchstaben verschwammen. Meine Brust zog sich zusammen. Meine Kehle schmerzte.
Er hatte mich nicht nur weggeworfen.
Er hatte mich ausgelöscht.
Er tötete mich, ohne eine Kugel abzufeuern.
Ich schrie in mein Kissen, bis mir der Hals wehtat, und zerknüllte das Papier in meinen Fäusten.
Ich wollte alles zerstören. Ich wollte verschwinden.
Jemand klopfte an die Gitterstäbe. Ruhig wie immer stand Seline dort.
„Du hast es gesehen“, sagte sie.
Ich wischte mir hastig das Gesicht ab und nickte.
„Willst du immer noch leben?“
Ich hob den Kopf. „Was soll ich tun?“
Sie lächelte. „Gut. Dann steigen wir aus.“
In dieser Nacht, während des Lockdowns, schlich sie sich nach dem Schichtwechsel in meine Zelle.
„Wir haben nur eine Chance“, sagte sie.
„Heute Nacht oder morgen. Die Wachen wechseln ihre Positionen. Nur dann erfassen uns die Kameras nicht.“
Ich sah sie an. „Hast du das schon einmal gemacht?“
„Einmal“, sagte sie. „Es lief nicht gut. Ich kam mit einer Stichwunde und einer gebrochenen Rippe zurück.“
„Warum hilfst du mir?“,
fragte ich.
„Weil ich hier rauswill“, sagte sie schlicht. „Und du hast einen Namen. Das ist wichtig. Du bist wertvoll.“
Ich holte tief Luft. „In Ordnung.“
Sie beugte sich vor. „Morgen, nach dem Abendessen. Sei bereit.
Gerade wollte sie gehen, da hörten wir Schritte, die den Flur entlangliefen.
Ein Wärter mit klirrenden Schlüsseln blieb vor meiner Zelle stehen.
„Marino!“, rief er. „Du hast Besuch.
Sofort.“
Bevor er sie sehen konnte, verschwand Seline im Schatten.
Langsam stand ich auf, verwirrt.
Besuch?
Wer würde an so einen Ort kommen?
Man brachte mich in einen privaten Raum. Ein Tisch. Zwei Stühle. Über mir summte ein kaltes Licht.
Ich setzte mich.
Und da war er.
Mein Vater.
Marino. Vincenzo.
Im Anzug saß er da wie ein König, die Beine überschlagen, ein selbstzufriedenes Grinsen im Gesicht.
„Hallo, meine Liebe“, sagte er.
Mein Blut gefror.