Kapitel 3

1156 Words
Izzys Sicht Er zuckte mit den Schultern. „Du hast einen wichtigen Mann getötet. Nicht nur für mich, sondern auch für jene, mit denen ich Geschäfte mache. Sie brauchten jemanden, den sie verantwortlich machen konnten. Es ist besser für dich als für mich.“ Ich sah ihn an. „Und was dann? Bist du nur gekommen, um dich darüber lustig zu machen?“ „Nein“, sagte er und beugte sich vor. „Ich bin hier, um dir ein Angebot zu machen. Arbeite für mich. Tritt in das Familiengeschäft ein. Wenn du meinen Anweisungen folgst, wirst du diesen Ort nie wiedersehen.“ Ich lachte bitter. „Also tausche ich nur ein Gefängnis gegen ein anderes?“ Er erwiderte ruhig: „Freiheit ist eine Illusion. Wenigstens ist mein Gefängnis luxuriös.“ Ich presste die Zähne zusammen. „Und wenn ich ablehne?“ Sein Grinsen verblasste. „Dann wird deine kleine Freundin Seline dafür bezahlen. Weißt du, was man Frauen wie ihr hier antut? Wie schnell sie verschwinden können?“ Mir rutschte das Herz in die Tiefe. „Das würdest du nicht tun.“ „Versuch es“, flüsterte er. Ich senkte den Blick auf meine Hände. Sie zitterten. Meine Kehle brannte. Ich wollte Nein schreien, doch ich konnte nicht zulassen, dass er Seline etwas antat. Sie war die Einzige gewesen, die je nach mir gesehen hatte, ohne etwas dafür zu erwarten. „In Ordnung“, sagte ich schließlich. „Ich mache es.“ „Braves Mädchen“, lächelte er zufrieden. „Ich wusste, dass du es einsehen würdest.“ Am selben Abend verließen wir das Gefängnis. Keine Fragen, keine Wachen. Nur ein schwarzes Auto, das draußen wartete, als wäre alles längst geplant gewesen. Schweigend saß ich auf dem Rücksitz und beobachtete die Lichter der Stadt, die am Fenster vorbeizogen. Erst als wir sein Anwesen erreichten, sprach er wieder mit mir. Als wir die riesige Halle betraten, sagte er: „Du wirst Ruhe brauchen. Morgen beginnen wir mit deiner Verwandlung.“ Verwirrt sah ich ihn an. „Verwandlung?“ Er lächelte, doch ich traute ihm nicht. „Du wirst es sehen.“ In dieser Nacht schlief ich kaum. Mein Kopf raste, obwohl das Bett luxuriös war und die Laken aus Seide bestanden. Meine Gedanken kreisten um Seline. Um den toten Mann. Um den völligen Absturz meines Lebens. Der Morgen kam viel zu früh. Man führte mich unter die Erde, in einen verborgenen Teil des Anwesens. Marmorne Wände wichen kaltem Metall. Die Luft war erfüllt von Angst und giftigen Gerüchen. Wir betraten etwas, das wie ein Labor aussah. Und dann sah ich sie. Mich. Auf einer Krankenhausliege, bewusstlos. Kabel führten aus ihren Armen, Monitore piepsten leise. Meine Beine gaben fast nach. „Was zum Teufel ist das?“, fragte ich. Ruhig wie immer trat mein Vater neben mich. „Biotechnologie. Klonen. Ein Geschenk unserer Partner aus den weniger privilegierten Teilen der Welt.“ „Das bin ich“, sagte ich und trat einen Schritt vor. „Sie sieht mir exakt ähnlich.“ „Sie ist du“, sagte er. „In jeder körperlichen Hinsicht. Stimme, Gesicht, DNA.“ Mir fiel das Atmen schwer. Meine Hände zitterten. „Warum?“ Er antwortete: „Weil die Welt weiterhin jemanden braucht, den sie beschuldigen kann.“ „Du kannst nicht ins Gefängnis zurück. Dein Klon jedoch kann es. Sie sollen glauben, dass sie die echte du ist.“ „Du schickst sie an meiner Stelle ins Gefängnis, um dort zu verrotten?“, schrie ich. „Sie ist nicht einmal wirklich real!“ Er legte den Kopf schief. „Izzy, sie ist kein Mensch. Sie ist ein Kunstwerk. Ein Werkzeug. So leben wir. Du wirst es irgendwann verstehen.“ „Du bist verrückt.“ Er packte meinen Arm. „Das ist dein neues Leben. Du bekommst eine neue Rolle und einen neuen Namen. Die Wahrheit wird niemals jemand außerhalb dieses Anwesens erfahren. "Und wenn du jemals die Grenze überschreitest, töte ich dich und lasse den Klon leben.“ Ich riss mich los und trat zurück. Mein Herz trommelte in meiner Brust wie ein Kriegsruf. „Du bist ein Monster.“ Ruhig entgegnete er: „Nein. Ich bin dein Vater. "Und ich habe dir gerade eine zweite Chance gegeben.“ Die Stunden vergingen schnell. Ich sah zu, wie der Klon in eine Gefängnisuniform gesteckt wurde, wie man ihr die Haare so stylte wie meine und ihr sogar falsche Blutergüsse ins Gesicht schminkte. Sie sah exakt so aus wie ich in der Nacht, in der ich diesen Mann getötet hatte. Eine perfekte Kopie. Ich übergab mich im Flur. Sie war noch bewusstlos, als sie abgeführt wurde. Sie würde in einer kalten Zelle aufwachen, umgeben von Fremden, verwirrt und verängstigt. Wegen mir. Nein — wegen ihm. Man gab mir eine neue Identität, ein neues Zimmer, neue Kleidung. Mein Vater erklärte: „Izzy Marino ist tot.“ „Du bist jetzt Bella. Meine Assistentin. Meine Nachfolgerin.“ Ich wollte schreien. Doch wozu? Die Tage vergingen. Ich sprach wenig. Tat, was man mir sagte. Lächelte, wenn es verlangt wurde. Ich lernte, befehlend zu sprechen und furchteinflößend zu wirken. Ich wurde zu der kleinen Mafia-Königin meines Vaters. Doch innerlich verlor ich jeden Tag ein weiteres Stück von mir selbst. Nachts blieb ich allein in meinem Zimmer, starrte an die Decke und fragte mich, ob der Klon in ihrem Gefängnis weinte. Ob Seline etwas bemerkt hatte. Ob die Wahrheit jemals ans Licht kommen würde. Eines Nachts saß ich mit abgestumpftem Herzen auf der Bettkante, als sich die Tür plötzlich öffnete. Ich sprang auf. Ein großer Mann im scharfen Anzug mit eiskalten Augen trat ein. Er wirkte stark. Gefährlich. Zuerst sagte er nichts. Er sah mich nur an, als könne er jedes Geheimnis lesen, das ich je gehabt hatte. Dann sprach er endlich. „Also du bist die Marino-Prinzessin, von der ich so viel gehört habe.“ Ich blinzelte. „Wer sind Sie?“ Er lächelte, doch es war kein echtes Lächeln. „Luca Moretti.“ Bei diesem Namen lief mir ein Schauer über den Rücken. Ich hatte ihn schon gehört — Gerüchte über einen rivalisierenden Boss, einen Mann, der die halbe Stadt mit Feuer und Blut beherrschte, einen Mann, der ohne Zögern tötete. Er ging im Zimmer umher, musterte mich wie ein Ausstellungsstück und sagte: „Ich hatte dich mir nicht so… klein vorgestellt.“ „Und ich hätte nicht gedacht, dass ein Fremder ohne anzuklopfen in mein Zimmer kommt“, fauchte ich. Er lachte leise. „Du hast Feuer in dir. Gut. Das wirst du brauchen.“ „Was wollen Sie?“, fragte ich leise. Er antwortete: „Ich will sehen, ob du wirklich so gefährlich bist, wie man sagt.“ „Denn wenn nicht, wirst du nicht überleben, was kommt.“ Seine Augen trafen meine, als er einen Schritt näher trat. „Sei vorsichtig, kleine Prinzessin“, sagte er. „Das Spiel hat gerade erst begonnen.“
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