OFFENBARUNG

1202 Words
MELISSAS SICHT Zwei Tage später wich das Fieber endlich. Mein Körper war noch immer schwach, zitterte jedes Mal, wenn ich versuchte aufzustehen, aber der Nebel, der meine Gedanken verfinstert hatte, war verschwunden. Clara umsorgte mich unermüdlich, fütterte mich mit Brühe und Brot, doch zum ersten Mal seit Leons Besuch bat ich sie, mich allein zu lassen. Sie zögerte, musterte mein Gesicht. „Melissa, du siehst noch immer blass aus.“ „Es geht schon,“ murmelte ich. „Bitte. Ich brauche nur etwas Zeit mit meinen eigenen Gedanken.“ Sie presste die Lippen zusammen, gehorchte aber und verließ den Raum mit einem letzten, besorgten Blick zurück. Als das Schloss leise klickte, senkte sich die Stille über das Zimmer, nur unterbrochen vom langsamen Knistern des Feuers. Da kehrte die Erinnerung zurück—ein Echo der Stimme meines Vaters, tief und ernst. „Eines Tages, Melissa, könnte ein Moment kommen, an dem du allein dastehst. Wenn du Marcel nicht trauen kannst. Wenn du dem Rat nicht trauen kannst. Nicht einmal dem Beta. An diesem Tag musst du dich an Eden’s Gold erinnern.“ Die Worte trafen mich wie ein Blitzschlag, ein Schauder durchfuhr mich. Ich war noch ein Kind gewesen, als er sie zum ersten Mal aussprach, zu jung, um ihre Bedeutung zu begreifen. Später, am Abend vor seinem Tod, hatte er mir ein einzelnes Pergament gezeigt, versiegelt mit dem Wappen des Alphas, dessen Inhalt mit „Nur für die Augen des Alphas“ markiert war. Er hatte von Schätzen geflüstert, von Gefahr, von etwas, das älter war als das Rudel selbst. Dann, als hätte er sogar im eigenen Blut Verrat gefürchtet, hatte er es verborgen. Mein Herz raste. Leons Gift hallte noch in meinen Ohren, seine Selbstsicherheit, seine Überzeugung, dass Marcel und Linda ihre Macht gefestigt hätten. Doch wenn die Warnungen meines Vaters wahr waren… dann lag noch eine Waffe in meinen Händen. Schwach wie ich war, zwang ich mich aus dem Bett. Meine Beine wankten, drohten unter mir einzuknicken, aber mit purer Willenskraft überquerte ich den Raum und sank vor der kleinen Truhe nieder, die ich unter den Bodenbrettern verborgen hielt. Meine Finger zitterten, als ich das Holzbrett heraushebelte, mein Herz hämmerte. Staub stieg in einer feinen Wolke auf. Und da war es—das Bündel, gebunden mit schwarzer Schnur, unberührt. Ich hob es hoch, als wäre es ein Neugeborenes, trug es zum Bett und löste vorsichtig die Schnur. Die Pergamente rochen nach Alter und Kiefernharz, der Duft meines Vaters hing noch immer daran. Tränen verschwommen meine Sicht, noch bevor ich die Worte überhaupt las. „An den Alpha des Rudels, Träger meines Blutes oder rechtmäßiger Nachfolger“, begann der Brief in der kräftigen, schrägen Handschrift meines Vaters. „In diesen Seiten liegt die Wahrheit über Eden’s Gold. Bewahre es, denn es ist die Wurzel, aus der gleichermaßen unsere Stärke und unser Untergang wachsen können.“ Meine Kehle schnürte sich zu. Mit zitternden Fingern strich ich über die Tinte—Eden’s Gold. Die Buchstaben erzählten eine Geschichte, die älter war als die Herrschaft meiner Familie. Vor Jahrhunderten, als unsere Ahnen sich erstmals in der Wildnis niederließen, hatten sie Goldadern unter den Wurzeln der Berge entdeckt. Doch es war kein gewöhnliches Metall. Die Schamanen nannten es Eden’s Gold—nicht nur wegen seines Glanzes, sondern weil es eine Energie trug, die Wölfe mit Alpha-Blut stärkte. Ein Geschenk der Erde, glaubten sie, gelegt in unsere Hände von der Mondgöttin selbst. Aber es war unberechenbar. Verdorben oder missbraucht, verwandelte sich Eden’s Gold in Gift, ließ Wölfe wahnsinnig werden, halb wild, halb geistesgestört. Schlachten waren darüber geführt worden, geheime Kriege im Schatten. Um das Rudel zu schützen, hatten meine Vorfahren den Schatz in einer Höhle tief unter den nördlichen Klippen versiegelt, geschützt durch Blutrunen, die nur ein Alpha lösen konnte. Die Worte meines Vaters: „Sollten die Adern gestört werden, sollte Gier die Weisheit überwiegen, wird das Rudel zerbrechen. Hütet euch vor denen, die es für Macht oder Reichtum abbauen würden. Eden’s Gold bindet uns zusammen, aber misshandelt, zerstört es alles, was es berührt.“ Ein kalter Schauer lief mir den Rücken hinab. Leon. Natürlich wusste er davon. Er war Seite an Seite mit meinem Vater aufgewachsen; vielleicht hatte er den Schatz erahnt, auch wenn ihm nie die Briefe gezeigt worden waren. Und Linda—falls sie Leons Kind trug… was wäre besser geeignet, um Macht zu sichern, als ein Erbe und das Gold? Meine Hände zitterten, als ich die nächste Seite umblätterte. Mein Vater hatte eine Karte gezeichnet, kryptisch, die Berge, Flüsse und ein X in verblasster Tinte zeigte. Die nördlichen Klippen. Er hatte sogar den Weg markiert: „Betritt bei Einbruch der Dämmerung den Eingang am Flussmund; folge dem singenden Stein.“ Ich drückte das Pergament an meine Brust, kämpfte gegen die Tränen. Vater… du hast gewusst, dass dieser Tag kommen könnte, oder? Du hast dies nicht für Marcel hinterlassen, nicht für Leon… sondern für mich. Der Gedanke traf tief, schmerzlich und stärkend zugleich. Er hatte an mich geglaubt—schon damals, als ich jung und unsicher war. Er hatte mich vorbereitet, mir dieses gefährliche Wissen anvertraut. Ich erinnerte mich an seine letzten Worte an jenem Tag, geflüstert, seine Hand schwer auf meiner Schulter. „Wenn du jemals in die Enge getrieben wirst, Melissa, wenn die Dunkelheit in unseren eigenen Mauern aufsteigt, ist Eden’s Gold sowohl Schild als auch Waffe. Doch sei gewarnt—sein Licht verbrennt so leicht wie es rettet. Wähle weise, Tochter. Wähle mit dem Herzen einer wahren Alpha.“ Ich beugte mich über die Papiere, meine Schultern bebten vor leisen Schluchzern. Doch ich war nicht zerbrochen. Noch nicht. Mein Körper war schwach, meine Seele gezeichnet—aber tief in mir wusste ich, dass ich weitermachen musste. Ich drückte meine Lippen gegen das Pergament, als wäre es seine Hand. „Ich werde es beschützen. Ich werde aufstehen, selbst wenn ich Zentimeter für Zentimeter aus diesem Bett kriechen muss. Leon glaubt, dass ich gebrochen bin. Linda glaubt, dass sie mich ausmanövriert hat. Und Marcel… glaubt, dass ich keine Bedrohung mehr bin. Aber zum Glück hat mein Vater mir die Wahrheit hinterlassen.“ Ich wischte meine Tränen ab und flüsterte in die Stille: „Ihr habt versucht, mich zu begraben. Aber ich bin noch hier. Und mit diesem Geheimnis… werde ich wieder aufstehen. Für meinen Vater, für mich selbst, für das Eden-Rudel und für jeden Wolf, der dieses Rudel sein Zuhause nennt.“ Die Wölfin in mir hob ihren Kopf, ein tiefes, leises Knurren vibrierte in meinem Inneren. Das schwelende Feuer, das ich vor zwei Nächten gespürt hatte, brannte erneut—heiß, lebendig. Mein Körper war noch schwach, aber mein Geist war erwacht. Ich faltete die Briefe sorgfältig zusammen, band die Schnur wieder darum und legte sie zurück in die Truhe, erneut unter das Bodenbrett. Morgen vielleicht würde Clara mir helfen, zu den Klippen zu gehen. Morgen vielleicht würde ich wieder stehen. Doch heute Nacht, mit dem Geheimnis dicht an meinem Herzen, lag ich wach und starrte ins Feuer, flüsterte mir die Worte meines Vaters zu, bis sie zu einem Schwur wurden. Ein Schwur, der mich durch die Nacht trug: Ich werde nicht vergehen. Ich werde nicht verwelken. Ich bin Melissa, Tochter von Alpha Roran. Und ich werde zurückholen, was mir gehört.
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