Schmerz

1140 Words
MELISSAS SICHT „Atme, Melissa, atme einfach,“ sage ich mir selbst, während ich einen scharfen Atemzug nehme, bevor ich den königlichen Gerichtssaal betrete. Ich habe den Hof schon immer gehasst, weil er nach Macht, Kontrolle und gefährlichem Ehrgeiz stank. Mein Blick gleitet schnell durch den Raum, bevor ich meinen Platz in der Mitte des Saales einnehme. Ich versuche, gefasst zu bleiben, während meine Finger sich unbewusst in die Armlehnen krallen. Ich richte meinen Rücken durch, um die Eleganz zu verkörpern, die die Ältesten und Rudelmitglieder von der Tochter des Alphas erwarten. Doch in mir schlägt mein Herz wild, verzweifelt darauf bedacht auszubrechen. „Das ist es,“ murmele ich. Der Moment, für den ich geblutet und geplant habe. Heute erhebe ich Anspruch auf meine Krone… oder verliere alles. Auf der anderen Seite des Raumes steht Marcel am Podium—mein Gefährte, mein Partner, mein auserwählter Alpha. Seine schwarzen und goldenen Roben fangen das Licht des Kronleuchters ein, die silberne Spange funkelt wie lebendig. Er ist alles, was ich aus ihm gemacht habe: groß, stolz, herrschaftlich. Meine Lippen formen ein strammes Lächeln, als ich ihn beobachte. Ich kann fast die Stimme meines verstorbenen Vaters hören: Wenn sie keine weibliche Alpha akzeptieren, gib ihnen einen Mann, den sie nicht ablehnen können. Du wirst durch ihn herrschen. Ein bitterer Gedanke, den ich für Marcel, für uns, geschluckt habe. Ich würde alles tun, damit mein Onkel, Beta Leon, diese giftige Schlange, mir nicht Rudel und Geburtsrecht raubt. Das Murmeln der Menge wird lauter, als die Ältesten ihre Plätze einnehmen. Einige nicken mir zu, ihre Lächeln warm, aber flüchtig. Andere verziehen verächtlich die Lippen, als sollte ich dankbar sein, überhaupt hier zu sitzen. Sollen sie starren, denke ich spöttisch. Nach heute werden sie gar keine Wahl mehr haben, außer sich vor mir zu verbeugen. Marcel räuspert sich, und die Halle verstummt. Mein Puls beschleunigt sich erwartungsvoll. „Jetzt geht’s los,“ flüstere ich leise. „Heute,“ dröhnt seine Stimme, „nenne ich, Alpha Marcel des Eden-Rudels, meine Luna, diejenige, die an meiner Seite stehen wird, um uns in eine neue Ära zu führen.“ Ich lehne mich nach vorne, meine Brust eng vor Aufregung. Jedes Opfer, jeder geheime Plan, jede schlaflose Nacht—alles führt zu diesem Moment. Meine Hände sind feucht, ich reibe sie aneinander. „Ich wähle…“ Ich halte den Atem an. „…Linda Winters.“ Die Welt kippt. Mein Blick verschwimmt, und ich blinzle hart, überzeugt, mich verhört zu haben. Linda!? Meine Cousine? Diese intrigante, geieräugige Verräterin, die Marcel wie Beute umkreist? Die Halle explodiert in Applaus, die Ältesten erheben sich, ihr Jubel dröhnt wie Donner. Ich sitze gefroren da, mein Lächeln zerbricht in tausend Stücke. Linda tritt vor, ihre blonden Locken federn bei jedem Schritt, ein höhnisches Grinsen im Gesicht. Mir wird übel. „Nein,“ flüstere ich. „Das ist falsch. Ein schlechter Scherz.“ Ich stehe, ohne es zu merken, meine Beine zittern vor Wut. „Was zur Hölle hast du gerade gesagt?“ Meine Stimme schneidet durch den Lärm—roh, bebend. Das Klatschen stirbt, Köpfe drehen sich zu mir. Marcels Augen—die Augen, die ich jahrelang geliebt habe—treffen meine, und gleiten dann weg, als wäre ich Luft. „Du hast mich gehört, Melissa,“ sagt er glatt und kalt. „Linda Winters ist meine auserwählte Luna.“ Meine Knie geben fast nach. „Auserwählte Luna?“ Die Worte brennen in meiner Kehle. „Ich bin deine Gefährtin, Marcel! Die Tochter des Alphas, die dich erschaffen hat! Du hast versprochen—“ „Melissa.“ Leons Stimme schneidet wie ein Messer durch die Spannung. Mein Onkel steht bereits, sein Gesicht kalt und genervt. „Du verursachst eine Szene. Wachen.“ Zwei Krieger in glänzender Rüstung treten vor. Mein Körper spannt sich, jeder Muskel zieht sich zusammen, die Wölfin in mir erhebt sich mit einem tiefen Knurren. Meine Hände ballen sich, die Nägel schneiden fast die Haut auf. Sie nähern sich vorsichtig—nicht blind wie Soldaten, sondern wie Männer, die genau wissen, wer ich bin. Ihre Blicke wandern zu mir, bleiben zu lange hängen. Respekt. Anerkennung meiner Blutlinie. Sie wissen, ich bin nicht irgendeine Luna. Ich bin die Tochter des Alphas. Und für einen winzigen, zerbrechlichen Moment zögern sie. Ihre Schultern spannen sich, ihre Finger umklammern ihre Waffen—doch ihre Schritte stocken. Sie warten. Nicht auf Leon. Nicht auf die Ältesten. Auf Marcel. Dieser Moment sagt mir alles: Ich bin noch nicht ausradiert. Ich habe hier noch Gewicht. Macht. Meine Wölfin brüllt in meinem Kopf: Kämpf! Lass sie bluten, bevor sie uns anfassen! Aber ich kann nur dastehen, zitternd vor Wut, und den Mann anstarren, den ich zu einem Alpha gemacht habe. Den Mann, dessen Wort darüber entscheidet, ob ich wie eine Königin behandelt werde… oder wie eine Verbrecherin hinausgezerrt. Meine Augen treffen Marcels. Ich flehe stumm: Mach das rückgängig. Sag mir, dass das nicht echt ist. Aber sein Kiefer verhärtet sich. Seine Stimme ist eiskalt. „Schafft sie weg.“ Es fühlt sich an, als würde mir jemand die Luft aus der Brust schlagen. „Feigling,“ fauche ich, meine Stimme zittert. „Du glaubst, du kannst mich einfach wegwerfen? Nach allem, was ich—“ Die Hand eines Wächters packt meinen Arm. Meine Wölfin brüllt, ich reiße mich los. „Fass mich nicht an!“ Mein Schrei hallt durch den Marmor, aber die Menge bleibt still—schuldig, zuschauend. Der zweite Wächter packt härter. Ich wind mich, fast frei, doch sie sind stärker. Lindas Grinsen trifft mich wie ein Schlag. „Lasst mich los!“ Meine Stimme bricht—ein Schrei und ein Flehen zugleich, und ich verabscheue es. Ich hatte geschworen, nie schwach zu klingen. Aber Marcel rührt sich nicht. Stattdessen hebt er Lindas Hand wie eine Siegestrophäe, lässt die Ältesten jubeln, als wäre ich niemals existiert. Etwas in mir zerreißt. Wenn sie Krieg wollen, sollen sie ihn bekommen. „Du glaubst, das war’s, Marcel?“ brülle ich, die Kehle brennend. „Du glaubst, du kannst das Vermächtnis meines Vaters stehlen und an sie verschenken? Ich schwöre beim Mond, ich hole es mir zurück, und wenn ich es tue—“ „Genug!“ Leon brüllt, seine Stimme donnert. „Schafft sie raus, bevor sie uns weiter beschämt.“ Die Wachen zerren mich zu den hohen Doppeltüren, meine Stiefel kratzen über den glänzenden Boden. Jeder Schritt zieht mich weiter fort von dem Leben, das mir zustand. Die Banner verschwimmen zu Schatten, Lindas Grinsen brennt sich in meine Augen. Doch alles, was ich wirklich sehe, ist Marcels Rücken—wie er sich abwendet, mich ausschließt, mich löscht. Ich stemme mich ein letztes Mal, reiße den Kopf herum. „Sieh mich an!“ schreie ich. Doch er sieht nicht zurück. Kein Blick. Nichts. Die Türen schlagen hinter mir zu—und trennen mich von dem Leben, das eigentlich mir gehörte.
Free reading for new users
Scan code to download app
Facebookexpand_more
  • author-avatar
    Writer
  • chap_listContents
  • likeADD