Ein jüngerer Junge namens Dane, vielleicht vierzehn, wischte sich den Schlaf aus den Augen und versuchte nicht zu weinen.
Neue Omegas weinten immer in der ersten Woche.
In der zweiten Woche lernten sie, dass Tränen alles nur schlimmer machten.
Ich ging mit den anderen hinaus, den Kopf gesenkt und die Schultern gerundet.
Diese Haltung der Unterwerfung war inzwischen so tief eingeprägt, dass aufrecht zu stehen sich wie Rebellion anfühlte.
Beta Greaves wartete draußen mit verschränkten Armen und einem Ausdruck dauerhaften Ekels im Gesicht.
Er war ein großer Mann, aber nicht wegen Muskeln, sondern wegen Übermaß.
Das Rudel ernährte ihn gut für seinen „Dienst“.
Währenddessen aßen wir Reste und sollten dafür dankbar sein.
„Küchendienst“, bellte er und zeigte auf die Zwillinge und Finn.
„Trainingsplatz sauber machen“, sagte er und zeigte auf Dane und zwei andere.
„Wäsche und Bettzeug“, sagte er und deutete auf Marcus.
Dann fiel sein Blick auf mich.
„Du – Stallungen.
Die Pferde der Krieger müssen ausgemistet, gefüttert und gestriegelt werden.
Und stell sicher, dass du vor Mittag fertig bist, sonst brauchst du gar nicht erst zu Mittag essen.“
Die Stallungen bedeuteten acht Stunden knochenbrechende Arbeit.
Allein.
Ohne Pause.
„Ja, Beta Greaves“, sagte ich mit flacher Stimme.
Er trat näher. Zu nah.
Ich konnte den Whiskey von letzter Nacht in seinem Atem riechen.
„Hast du etwas zu sagen, Omega Ash?“
„Nein, Sir.“
„Bist du sicher? Du hast diesen nachdenklichen Blick.“
Nachdenken war gefährlich für Omegas.
Es bedeutete, dass wir glaubten, unsere Gedanken würden etwas zählen.
„Keine Gedanken, Sir. Nur bereit zu arbeiten.“
Er starrte mich lange an, als würde er eine Ausrede erwarten.
Dann grunzte er schließlich.
„Bewegt euch alle. Zeit ist eine Ressource des Rudels und ihr verschwendet sie bereits, indem ihr atmet.“
Wir zerstreuten uns.
Die Stallungen lagen am äußersten Rand des Geländes.
Und sie lagen im Windschatten von allem anderen.
Das Rudel hielt zwölf Pferde.
Massive Tiere, gezüchtet für den Krieg und benutzt von Elitekriegern für Patrouillen und Zeremonien.
Ehrlich gesagt störte mich die Arbeit nicht.
Pferde interessierte es nicht, ob ich ein Omega war oder nicht.
Sie zuckten nicht zurück, wenn ich mich näherte, und fletschten nicht die Zähne, wenn ich sprach.
Sie wollten nur Futter, Wasser und jemanden, der die Knoten aus ihren Mähnen bürstete.
Es war das Nächste an „Frieden“, das mein Leben je bekam.
Ich begann mit der ersten Box.
Darin stand ein riesiger schwarzer Hengst namens Reaver.
Er gehörte dem Sohn des Alphas, Daemon Silverclaw, und sein Temperament passte zu seinem Besitzer.
Aggressiv.
Unberechenbar.
Grausam.
Aber Reaver (das Pferd) und ich hatten eine Übereinkunft.
Ich hatte ihn nie geschlagen.
Nie angeschrien.
Nie hart genug an den Zügeln gerissen, um ihm wehzutun.
Also tolerierte er mich.
„Morgen“, murmelte ich, während ich in seine Box schlüpfte.
Er schnaubte, seine Ohren zuckten, aber er bewegte sich nicht.
„Ja, ich weiß. Für uns beide ist es früh.“
Ich begann auszumisten, schaufelte verschmutztes Heu in eine Schubkarre und ersetzte es durch frische Einstreu.
Die Arbeit war stumpf und wiederholend.
Mein Körper kannte die Bewegungen.
Mein Geist wanderte zurück zu diesem Morgen.
Zurück zu Elaras Lächeln.
„Du bist süß, dass du daran gedacht hast.“
Süß.
Nicht stark.
Nicht beeindruckend.
Nicht begehrenswert.
Nur süß.
Wie ein Welpe.
Wie ein Kind.
Wie etwas Harmloses und Unbedeutendes.
Mein Wolf winselte leise.
„Ich weiß“, flüsterte ich.
Aber was hätte ich tun sollen?
Es gestehen?
Ihr sagen, dass ich seit meinem zwölften Lebensjahr in sie verliebt war?
Dass ich eine Silberpeitsche für sie ertragen hatte und es ohne Zögern wieder tun würde?
Dass jede Blume ein Gebet war, das ich nicht laut aussprechen konnte?
Sie würde Mitleid mit mir haben.
Oder schlimmer.
Sie würde lachen.
Nein.
Nicht lachen.
Sie war nicht grausam.
Aber sie würde mich sanft und freundlich zurückweisen – mit demselben süßen Lächeln, das meine Brust schmerzen ließ.
Und selbst eine sanfte Zurückweisung schnitt dir das Herz heraus.
Sie tat es nur mit einem stumpferen Messer.
Ich war gerade bei der dritten Box, als ich Stimmen hörte.
(Mehrere weibliche Stimmen.)
Ich erstarrte.
Meine Instinkte schrien mich an, unsichtbar zu werden.
Dann öffneten sich plötzlich die Stalltüren.
Drei Wölfinnen traten ein und lachten noch über irgendetwas.
Sie trugen Trainingskleidung – enge Hosen, Sporttops, Haare zurückgebunden wie Kriegerinnen.
Und vor ihnen ging Elara.
Mein Herz blieb stehen.
Im Tageslicht sah sie anders aus.
Irgendwie realer.
Schweiß hatte ihren Haaransatz von ihrem Morgenlauf feucht gemacht und ihre Wangen waren gerötet.
Sie lachte über etwas, das eine ihrer Freundinnen gesagt hatte.
Das Geräusch traf mich wie ein Schlag.
„Hör auf! Hör auf zu starren!“
Ich senkte sofort den Blick.
Ich krümmte die Schultern und versuchte, mich in die Schatten der Box zu mischen.
„Ich kann nicht glauben, dass du uns immer noch nicht sagst, wer die Blumen hinterlässt“, sagte Mara.
„Weil es privat ist“, antwortete Elara und lächelte immer noch.
„Privat? Oder peinlich?“
„Privat. Das ist ein Unterschied.“
„Ist er wenigstens süß?“
Mein ganzer Körper spannte sich an.
Elara zögerte.
Nur eine Sekunde.
„Er ist süß.“
Da war es wieder.
(Dieses Wort.)
„Süß ist keine Antwort“, lachte das dritte Mädchen, Sienna.
„Komm schon, El. Gib uns etwas.“
„Er ist aufmerksam“, sagte Elara.
„Das ist seltener als süß.“
Aufmerksam.
(Immer noch nicht attraktiv.
Immer noch nicht begehrenswert.
Nur aufmerksam.
Wie ein guter Diener.)
Sie gingen an meiner Box vorbei, auf dem Weg zum Sattelraum.
Ich blieb vollkommen still.
Atmete kaum.
„Weißt du, was ich gehört habe?“ sagte Mara und senkte ihre Stimme verschwörerisch.
„Ich habe gehört, Kael Stormborn kommt zurück.“
Alles blieb stehen.
Kael Stormborn?
Der Name fiel wie ein Stein in stilles Wasser.
Ich kannte diesen Namen.
Natürlich kannte ihn jeder.
Er war der Neffe des Alphas, der vor fünf Jahren weggeschickt worden war, um beim Königlichen Rudel in der Hauptstadt zu trainieren.
Die Legenden sagten, er hätte mit sechzehn einen Rogue-Alpha getötet.
Dass er sich wie Blitz bewegte und wie Donner zuschlug.
Dass er so gutaussehend, tödlich und zu Größe bestimmt war.
Er war alles, was ich nicht war.
„Wann?“ fragte Elara.
Und etwas in ihrer Stimme veränderte sich.
Geschärft.
Interessiert.
„Nächste Woche, angeblich. Der Alpha hat es heute Morgen angekündigt.“
„Hm.“
Eine Pause.
„Ich frage mich, ob er sich verändert hat.“
„Verändert? Mädchen, er war mit fünfzehn schon verdammt süß. Fünf Jahre beim Königlichen Rudel? Jetzt ist er wahrscheinlich ein Gott.“
Sie lachten alle.
Elaras Lachen war leiser als das der anderen.
Aber sie lachte trotzdem.
Mein Wolf rollte sich zu einer Kugel in meiner Brust zusammen.
Sie gingen zehn Minuten später.
Immer noch redeten sie über Kael Stormborn, sein Training, seinen Ruf und darüber, ob er sich überhaupt noch an Elara aus der Kindheit erinnern würde.
„Er hat mir früher während des Unterrichts immer an den Haaren gezogen“, hatte Elara mit einer liebevollen Stimme gesagt.
„Das ist im Wolfskultur praktisch ein Heiratsantrag“, neckte Sienna.
(Mehr Gelächter.)
Ich stand in der Box, eine Mistgabel in der Hand.
Und erstarrt.